Klassen-Impressionen vom Comer See - eine kleine Villen-Geschichte

Wie lebt man schön, wenn man Geld hat? Welches Haus baut man sich, wenn man der Aristokratie oder der Bourgeoisie angehört? Dazu muss man an den Comer See fahren, um zu sehen, warum Italiens vermögende Klassen mehr Stil hatten als die Parvenüs aus Germanien. Unser Autor, von Beruf Geschichtsprofessor, hat Europas schönste Villen-Landschaft mit seinem Rennrad abgefahren – Reminiszenzen zum Faschismus gibt’s dazu.

  Von Norbert Schindler

Villa Carlia in Tremezzo am Comer See.

 

Der Comer See ist nach dem Gardasee und dem Lago Maggiore der drittgrößte See Italiens. Er ist 60 km lang, nur wenige Kilometer breit und besitzt die charakteristische Form eines auf den Kopf gestellten „Y“, da er sich bei Bellagio in den östlichen, von der Adda durchflossenen Arm von Lecco und den westlichen toten Arm von Como verzweigt. Wenn man auf der Stichautobahn von Süden zu diesem tief eingeschnittenen Gebirgssee hinauffährt, ist der erste Eindruck der einer Fjordlandschaft, einer grandiosen Naturszenerie, die aber zugleich etwas Beengtes hat. Auf diesem Weg passiert man auch gleich die tiefste, zwischen Argegno und Nesso gelegene Seestelle, die 414 Meter erreicht und ihn zum tiefsten europäischen Binnengewässer macht. Die gewaltigen Höhenunterschiede von bis zu dreitausend Metern machen die Naturdramatik des Lario aus, wie ihn die Einheimischen noch immer nach seinem römischen Namen nennen. Die Umklammerung des Sees durch das Gebirge bringt freilich auch einen unschätzbaren klimatischen Vorteil mit sich. Die Berge schützen vor den kühlen Nord- und Westwinden und erzeugen ein mildes Binnenklima, das kaum winterliche Fröste kennt und selbst eine importierte subtropische Pflanzenwelt prächtig gedeihen lässt. Das gilt vor allem für die sonnenbegünstigten Terrassen des Westufers, die in den Lago vorspringen. Hier finden sich nicht nur die nördlichsten Oliven-Regionen Italiens, sondern sie sind auch der ideale Ort für die künstliche Anlegung jener exotischen Parkgärten, mit denen die Reichen und Schönen ihre Sommerresidenzen so gerne schmücken. Diese pseudosüdliche Seite des Comer Sees, gleichsam die Mailänder Goldküste, ist eine der dichtesten historischen Villenlandschaften Europas, ein Eldorado der Vermögenden, in der sich die Grandhotels aneinanderreihen, aber auch ein Ensemble von Natur, Kunst und Kultur, das man wenigstens einmal gesehen haben sollte.

Beginnen wir in Tremezzo im Westen des Comer Sees am Fuße des Monte di Tremezzo (1700 Meter). Sein Schaustück ist neben der für ihren botanischen Garten berühmten Villa Carlotta im Norden, die im 19. Jahrhundert vorübergehend auch mal den Herzögen von Sachsen-Coburg-Meiningen gehörte, das Duo der Serbelloni-Villa La Quiete und der Pirelli-Villa Carlia, deren weitläufige Parkanlagen den Ort vom Nachbarweiler Bolvedro trennen. Die Ruhe-Villa im Vordergrund, auch Villa Sola Cabiati genannt nach ihren späteren Besitzern, war die Sommerresidenz der Serbelloni, einer der bedeutendsten Mailänder Stadtadelsfamilien, die sich auf einen condottiere zurückführte und zahlreiche Militärs, Juristen und Politiker hervorbrachte. Der Haupttrakt entstand bereits Anfang des 16. Jahrhunderts, ein schlichter rechteckiger Renaissance-Kasten mit circa 25 Räumen. Unter Herzog Gabrio Serbelloni (1693 – 1774), der auch das große neoklassizistische Mailänder Stadtpalais errichten ließ, wurde das Schloss dann zeitgemäß restauriert. Die beiden Seitenflügel wurden – wohl für das Dienstpersonal – hinzugefügt, die Fassade erhielt ihren krönenden Tympanon, über dem heute die italienische Trikolore weht, die Seezimmer der Besucher erhielten ihre Balkone. Das Naturerleben begann, zunächst noch recht zaghaft, den Käfig der höfischen Repräsentation aufzusprengen. Dafür trat dann das Geld umso vehementer an seine Stelle. Heute steht das Schloss unter der Verwaltung der Fondazione Serbelloni, einer Stiftung, die betuchten Touristen, vornehmlich aus den USA und Japan, ospitalità esclusiva in ihren historischen Gemäuern verspricht und dementsprechend abkassiert. Der Zimmerpreis beginnt bei etwa 4000 Euro. Pro Tag, versteht sich, und die Suite kostet mehr als das Dreifache.

 

Von außen wirkt das Sommerschloss verwaist und in die Jahre gekommen. Die Fassade erscheint auf den ersten Blick seltsam grau und von der Seefeuchte abgewettert, doch womöglich täuscht das. Es könnte auch gut sein, dass das Perlgrau des Natursteins immer wieder durch den Anstrich dringt. Auch der geometrische Barockgarten ist nicht gerade in bestem Zustand. Es wirkt alles ein wenig trist. Eindrucksvoll sind eigentlich nur die mythologischen Figuren auf den Portalmauern und die große doppelte Freitreppe, deren Stufen bis ans Wasser hinunterführen. Hier legten die Schiffe an, die die Mitglieder der Adelsgesellschaft zu jenen Zeiten von Como über den See brachten, als es noch keine ausgebauten Straßen gab. Einblicke in sein Inneres, vor allem in den Prunksaal der Beletage, erhascht man nur selten, wenn einmal gelüftet wird und dabei abends das Licht an ist. Das ist durchaus charakteristisch: Die meisten dieser Seeschlösser sind nach wie vor in privater Hand, lassen allenfalls den öffentlichen Parkzugang zu bestimmten limitierten Zeiten zu und verweisen damit das Publikum in seine marginale Rolle als Zaungast.

Villa Carlia von vorne.

Das Schloss wird in unregelmäßigen Abständen an private Nutzer vermietet, insbesondere an Hochzeitsgesellschaften der lombardischen Städte. Sie protzen aber gar nicht so wie die Ausländer, sondern wahren ihren familialen Stil. Kerzengirlanden auf den Treppen, ein paar Tische im Park, dazu barfußlaufende Kinder wie kleine Engel im Garten und vielleicht noch eine Musikkapelle – das ist auch schon alles. Ihr schlichter Familiarismus beschämt geradezu. Der conspicuous consumption (Thorstein Veblen) sind auch sie gewiss nicht abgeneigt, man zeigt gerne, wer man ist und was man hat, aber der angemietete Rahmen muss zum eigenen Erscheinungsbild passen, er muss Stil haben.

Der Alte schiebt...

In unmittelbarer Nachbarschaft, lediglich etwas zurückversetzt und erhöht, liegt die Pirelli-Villa, auch Villa Carlia genannt nach ihrem Erbauer Antonio de Carli, der sie 1676 errichten ließ. Architektonisch relativ schlicht gehalten, aber neu restauriert, ist sie wesentlich besser in Schuss als ihr größeres Pendant. Der mehr als hundert Meter lange Treppenaufgang zum Haus signalisiert jedoch auch hier, in welcher Liga gespielt wird. Die Mailänder Großindustriellenfamilie Pirelli braucht man eigentlich kaum vorzustellen. Der Pirelli-Turm, die Verwaltungszentrale des Unternehmens, gilt bis heute als das Industrie-Wahrzeichen Mailands. Die 1872 gegründete Gummiwarenfabrik spezialisierte sich seit 1900 auf die Herstellung von Motorrad- und Autoreifen, erwarb vor allem im Automobil-Rennsport ihr exklusives Markenimage und mauserte sich durch den internationalen Ruf ihrer Qualitätsprodukte schließlich zum Weltkonzern mit einem Jahresumsatz von etwa zwei Milliarden Dollar. Nach diversen Übernahmekämpfen (darunter auch der von der Deutschen Bank verhinderte Aufkauf der Continental AG), mit denen man sich im globalisierten Wettbewerb zu behaupten suchte, beugte man sich zähneknirschend den turbokapitalistischen Gegebenheiten und verkaufte den Reifenkonzern 2015 für 7,1 Milliarden Euro an das chinesische Staats- und Bankenkonsortium ChemChina. Das sind die harten wirtschaftlichen Fakten, die hinter der Villen-Idylle am Comer See stehen. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, ja, aber der Mahlstrom der ökonomischen Konkurrenz duldet keine Proust’schen Konjunktive. Der Niedergang der großbürgerlichen Welt war viel platter. Die Villa gehörte einer Pirelli-Erbin, die sich – das im 19. Jahrhundert geläufige Konnubium von Geld- und Landadel – mit einem Grafen Albertoni verehelichte. 1988 wurde das Anwesen veräußert, von findigen Immobilienmaklern zerschlagen und in Luxusappartements umgewandelt. Deshalb steht die Villa heute so proper da, obwohl sie eigentlich gescheiterte Ambitionen repräsentiert.

Villa La Gaeta.

Tremezzo bzw. Tremezzina, wie die vier Dörfer umfassende Großgemeinde heute heißt, liegt auf einem terrassenartigen Vorsprung. Die Berge im Rücken treten hier etwas zurück, der See weitet sich plötzlich, und die abendliche Sonneneinstrahlung währt entsprechend länger. 2016 wurde die Gemeinde in die Premier League der schönsten Orte Italiens aufgenommen, aber ihre Bewohner tragen diese Auszeichnung mit Gelassenheit, weil sie genau wissen, dass sie ein solches Werbe-Logo gar nicht nötig haben. Tremezzo ist schön – die Uferpromenade mit ihren wie Perlen an der Schnur aufgereihten Restaurants, die Schräglichtszenarien, die die umliegenden Bergflanken konturieren, der Mondschein, der die niemals völlig ruhige Wasseroberfläche in ein glitzerndes Parkett verwandelt, das die Fischerboote mit ihren Positionslichtern regelrecht zu verschlingen scheint. Um die Touristen musste man sich hier noch nie Sorgen machen. Sie kommen seit dem späten 19. Jahrhundert gleichsam von selbst und in Scharen in diesen von der Natur wie der Kultur so reich beschenkten Seewinkel. Keine amerikanische, japanische und neuerdings auch chinesische Tour d’Europe in fünf bis sieben Tagen, die nicht auch am südlichen Comer See Station macht. Der Grund dafür ist einfach: Ein Hauch von Hollywood liegt sehr lange schon über dem See und verbindet sich mit der alteuropäischen Villenkultur. Hier hauchte einst Ingrid Bergman ihr berühmtes ti amo, hier gaben sich in den Grandhotels Leinwand-Größen wie Hitchcock, Grace Kelly und Clark Gable ihr europäisches Stelldichein. In der im überbordenden späten Jugendstil der 1920er Jahre erbauten Villa Gaeta nördlich von Menaggio oder in der Show-Villa Balbaniello südlich von Lenno, in der ein aristokratischer Großwildjäger seine Herrschaftsphantasien verewigte, wurden „Star Wars“-Szenen und Außenaufnahmen des James Bond-Films „Casino Royale“ (2006) gedreht, und drunten in Laglio hat auch George Clooney seine repräsentative Villa L’Oleandra, ebenso wie die Guinness-Dynastie, die etwas zurückgezogener residierende Donatella Versace und der unvermeidliche Berlusconi. An großen Namen und Blockbuster-Szenarien fehlt es hier wahrlich nicht, und die Natur spielt dabei bereitwillig mit. Sie setzt ihre Regenbogenakzente, schiebt in dieser gewittrigen Zeit massive Wolkenbänke aus dem Lecco-Arm tief in den See hinein, spielt Herbst im Frühsommer und stattet die Berge mit bizarren Mützen aus, die ihre Form von Minute zu Minute verändern. So wurde eine aristokratisch-großbürgerliche Villenlandschaft langsam, aber sicher in eine massenwirksame moderne Traumkulisse verwandelt. Es ist nicht die Realität, sondern der Film im Kopf, der fortwährend vor einem abläuft.

Der Alte steht.

Hinzu kommen noch die deutschen Touristen, die hier in ihrem Alt-Bundeskanzler Adenauer ihren besonderen Erinnerungsmagneten haben. Auch ich sehe natürlich die sich aufdrängende Imagination, die Adenauer-Statue unten am Fährhafen von Cadenabbia, in Boccia-Spielerhaltung und mit dem berühmten Pepita-Ferienhut. In Wirklichkeit war er selbst dort niemals außer Dienst, sondern hielt seinen engeren Stab stets um sich versammelt und empfing Staatsgäste aus aller Welt. Der Weg hinauf ist nicht weit, nur zwei oder drei Kehren, dann stehe ich vor dem Tor der Villa Collina. Sie stammt von 1899, also eher aus der Spätphase der Villengründungen, und gehört heute der Adenauer-Stiftung, die sie für Tagungszwecke nutzt. Sie ist umgeben von einem 27 Hektar großen Park, aus dem man den vielleicht schönsten Blick auf die gegenüberliegende Halbinsel von Bellagio hat, und man kann sie auch als Ensemble mieten, wenn man über das nötige Kleingeld verfügt. Adenauer kam von 1955 bis 1963 nach Cadenabbia. Übrigens durch einen Tipp seines Außenministers Heinrich von Brentano, der einer Großkaufmannsfamilie aus Tremezzo entstammte, die rege Handelsbeziehungen mit dem alten Reich pflegte und daher im späten 18. Jahrhundert ihren Hauptsitz nach Frankfurt am Main verlegte. Im Haus von Peter Anton Brentano gingen Freigeister und Künstler ein und aus, darunter auch der junge Goethe. Der bedeutendste Spross der Familie war zweifellos der Dichter Clemens Brentano (1778 – 1842), der zusammen mit seinem Freund und späteren Schwager Achim von Arnim in der volkspoetischen Sammlung Des Knaben Wunderhorn (1806 – 1808) einen Eckstein der deutschen Romantik setzte und ähnlich wie Tieck oder E.T.A. Hoffmann einen Hang zum abgründig-makabren Erzählen besaß. Das breitere Publikum kannte ihn allenfalls durch seine Balladen, etwa seine Lore Lay von 1800 („Zu Bacharach am Rheine / Wohnt eine Zauberin …“), die den deutschen Rhein-Mythos ins Werk setzte und in Heinrich Heine ihren poetischen Vollender fand. Literarische Extravaganz und privilegierte Herkunft gehörten in der großbürgerlichen Ära zusammen, bildeten nur die beiden Seiten derselben Medaille, und wo dieser organische Zusammenhang nicht bestand, wurde ihm durch privates Mäzenatentum, nicht zuletzt der arrivierten Damenwelt, nachgeholfen.

Villa d'Este

Cadenabbia und Tremezzo sind heute, zumindest drunten am Ufer, fast schon zusammengewachsen. Die 1853 vom Mailänder Musikverleger Giulio Ricordi erbaute Villa Margherita, in der Verdi La Traviata komponierte, liegt fast auf der Ortsgrenze. Die direkt gegenüber am anderen Seeufer liegende neoklassizistische Villa Melzi wurde 1808 – 1815 von Francesco Melzi d’Eril errichtet, dem Vizepräsidenten der Cisalpinischen Republik und früheren Kammerherrn Maria Theresias. Ihrem berühmten Seegarten musste trotz heftiger Proteste sogar der alte Uferverbindungsweg zwischen den Gemeinden Bellagio und Loppia weichen. Dennoch blieb der Park eine späthöfische Illusion, von Landschaftsarchitekten bewusst so angelegt, dass er weit größer schien, als er wirklich war. Zu seinen Gästen zählten auch das österreichische Kaiserpaar in Begleitung von Fürst Metternich (1838), der Dichter Stendhal, der der Traumvilla am See zwei ausführliche Beschreibungen widmete, und Franz Liszt. Und in diesem Stil geht es hier in einem fort. Die pompöseste dieser Villen sowohl vom äußeren Erscheinungsbild als auch von der Innenausstattung ist wohl die ­Villa d’Este im Norden von Cernobbio, ein wuchtiger Renaissance-Palast, den 1565 – 1570 der Comer Kardinal Tolomeo Gallio für sich errichten ließ. Ihr Name hat nichts mit den bekannten oberitalienischen Stadtherrn von Ferrara zu tun, sondern wurde ihr erst um 1815 in Anspielung auf die berühmte Villa in Tivoli (bei Rom) verliehen. Man spiegelte sich halt gern in der alten Größe, der längst verblichenen Vergangenheit des Imperium Romanum. Diese antike Kostümierung konstituierte die großbürgerliche Hegemonialkultur geradezu. Im späten 18. Jahrhundert mehrfach erweitert und restauriert, wechselte die Este-Villa danach häufig die Besitzer, zu denen etwa Caroline von Braunschweig-Wolfenbüttel, die mit dem späteren englischen König Georg IV. verheiratete Princess of Wales, die römischen Fürsten Orsini oder auch die dänische Prinzessin und spätere Zarin Maria Fedorowna gehörten. Die Bezeichnung „Villa“ für dieses hocharistokratische Seeschloss war von Anfang ein Understatement. 1873 wurde es in ein Grandhotel umgewandelt, das bis auf den heutigen Tag als eines der luxuriösesten Häuser Italiens gilt und dessen Gästeliste sich wie ein Who‘s who der internationalen Politprominenz liest, gleichsam von Churchill bis Kissinger. Heute wird es auch als hochkarätiges Konferenzzentrum genutzt, und seit dem Jahr 2000 veranstaltet dort die Münchner BMW Group Classic im Frühjahr ihr alljährliches Oldtimer-Treffen, zuletzt unter dem bezeichnenden Motto „Hollywood on the lake“.

Blick auf Lecco am Comer See

Im Grunde ist das gesamte südliche Westufer des Comer Sees zwischen Menaggio im Norden, das seinen Wohlstand dem transalpinen Südfrüchte-Export in die Städte des alten Reichs verdankte, und Cernobbio im Süden eine einzige Villenlandschaft – mit einer charakteristischen Verdichtung im Raum um Cadenabbia, Tremezzo und Lenno. Man bekommt hier praktisch die komplette Geschichte der Sommervilla vom frühen 16. Jahrhundert bis heute auf engstem Raum vor Augen geführt. Es ist wohl eine der dichtesten Villenlandschaften Europas (Mailand ist ja nur eine knappe Autostunde entfernt), gegen die die klassischen Münchner Prominenten-Vororte wie Grünwald, Starnberg oder Tegernsee reichlich provinziell wirken. Wenn man den einstündigen Spazierweg von Tremezzo durch den Parco Teresio Olivelli (früher „Parco Mayer“ nach einem Züricher Bankier, der seine Geschäfte nach Mailand verlagerte und hier seine Residenz nahm) hinüber nach Lenno und hinaus zu der 1787 für einen Kardinal erbauten und an der Spitze eines Seekegels gelegenen ­Villa Balbaniello macht, begegnet man nicht nur einigen kunst- und kulturhistorischen Perlen unter diesen Sommersitzen, sondern man erkennt auch, welch ein leuchtendes Vorbild sie für den mittleren und unteren Teil des städtischen Großbürgertums darstellten und welche kulturelle Sogwirkung von diesen Tempeln auf jene ausging, die sich das gerade noch oder eigentlich schon nicht mehr leisten konnten. Und da die Grundstücke hier schon um 1900 teuer waren, sieht man nicht zuletzt, wie viel Kapital die Mailänder Oberschicht akkumuliert hatte. Sie alle suchten sich hier, freilich in bescheideneren architektonischen Formen und mit entsprechend reduzierten Gartenanlagen, ihr eigenes kleines Sanssouci zu schaffen – die Idee der „Freizeitgesellschaft“, die aus bürgerlichen Neidgefühlen gegenüber der aristokratischen leisure class entstand und nunmehr auch die Spitzen der Bourgeoisie ergriff. Gnadenlose Konkurrenz in Stein, ein sich immer schneller drehendes Repräsentationskarussell, das bis in die hintersten Gartenbeete reichte. Die Villa Carlotta etwa verdankt ihr heutiges Gesicht weitgehend Gian Battista Sommariva, einem neureichen Mailänder Rechtsanwalt, der sie 1801 erwarb, eine Politkarriere unter Napoleon anstrebte und schließlich einsehen musste, dass sein Erzrivale drüben in der Villa Melzi am längeren Hebel saß. Er kompensierte seinen Frust durch einen kulturellen Überlegenheitsgestus, durch Kunstsammlungen, Mäzenatentum und den Ausbau von Park und Villa. Eine klare bürgerliche Repräsentationslinie konnte nicht entstehen, weil das protzig-trotzige Selbstbild des Selfmademan sich mit den kulturellen Imitationspraktiken der Architektur nicht recht vertrug. Der historistische Stil war zwar ein imperial-universeller Vereinnahmungsversuch der Tradition (ähnlich wie später die Postmoderne), aber die Idee der Mischung alleine macht es nicht, es fehlten ihm die eigenständigen Konturen. Wie tief die innere Verunsicherung reichte, zeigte sich etwa daran, dass selbst die Nachbesitzer der stilrein neoklassizistischen Villa Melzi diese im frühen 20. Jahrhundert in ein anheimelndes Knusperhäuschen im d’Annunzio-Stil umzuwandeln suchten. Der quantitative Höhepunkt des Villenbau-Booms liegt klar in dieser „Nachahmungsphase“, im Zeitraum zwischen dem späten 19. Jahrhundert und 1920/30. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten zwar einige der Moderne verpflichtete Architekten, der Villen-Idee ein zeitgemäßes Gesicht zu verleihen, aber es kamen nur ein paar klobige Betonbauten dabei heraus, die nichts mehr von der alten Herrlichkeit, dem utopischen Miteinander von Natur und Kultur transportierten. Ihre avantgardistischen Pläne scheiterten an der Übermacht der Tradition, und sie mussten scheitern, weil die Pointe der Villengeschichte eine andere war. Die eigene Seevilla war ein Traum, der eng mit dem Herkommen liiert war und den nur wenige für sich realisieren konnten. Er existierte in den Köpfen hartnäckig fort, aber verwirklichen ließ er sich zunehmend nur mehr um den Preis seiner Zerstörung. Die süffisante alte Einrede vom „Grandhotel Abgrund“ wider die Frankfurter Schule, deren Protagonisten drüben in Montagnola ihre Villen besaßen, legt sich nahe.

Villa Serbelloni Bellagio
Lenno am Comer See

Nur einmal, nämlich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, geriet diese vermeintlich in sich selbst ruhende Villenlandschaft vorübergehend in Bedrängnis. Der Sturz Mussolinis im Sommer 1943 und der Übertritt Italiens auf die Seite der Alliierten konnten den Krieg nicht abwenden, im Gegenteil. Deutsche Besatzungstruppen rückten ein, und nach der Landung der Alliierten auf Sizilien rollte die Kriegswalze von Süden nach Norden durch das ganze Land. Italien erlebte nun die Absurdität der modernen Kriegsführung und stürzte durch die sogenannte „Republik von Salo“ (am südwestlichen Gardasee, später in Mailand), ein faschistisches Marionettenregime von Gnaden der deutschen Wehrmacht, das der Wiederherstellung der Mussolini-Herrschaft dienen sollte, zunehmend in bürgerkriegsähnliche Zustände, in denen Freund und Feind oft kaum noch zu unterscheiden waren. Als die alliierten Streitkräfte schließlich im letzten Kriegsjahr die Po-Ebene erreichten, ergoss sich eine gewaltige Flüchtlingswelle in den Südalpenbereich. Ehemals faschistisches Personal floh vor den anrückenden Alliierten in die Berge, Widerstandskämpfer flüchteten vor der Wehrmacht, die besseren Familien der lombardischen Städte zogen sich vor den Bombardierungen in ihre Seevillen zurück. Die Einwohnerzahl der Provinz Como verdoppelte sich, die dadurch entstehenden Versorgungsengpässe brachten einen blühenden Schwarzmarkt hervor, der die sozialen Spannungen zwischen den armen Bergdörfern und den „Reichen da drunten“ weiter verschärfte. Es nahte der Tag, an dem die Partisanen von den Bergen herabsteigen würden, um Revanche zu nehmen.

Am Abend des 3. Oktober 1944 war es schließlich soweit: Ein Trupp bäuerlicher Partisanen überfiel das noble San Giorgio-Hotel am Strand von Lenno und die benachbarte Villa, in der der Innenminister der „Republik von Salo“ residierte. Es kam zu einem erbitterten Feuergefecht mit den Wachposten, das auf jeder Seite vier Todesopfer forderte. Der Angriff, der die „Alpenfestung“ ins Mark treffen sollte, scheiterte kläglich an seiner dilettantischen Planung. Man hatte nicht damit gerechnet, wie rasch sich Truppennachschub in den Krisenort werfen ließ – und wurde von ihnen überrumpelt. Bei den nachfolgenden Razzien in Lenno und Umgebung wurden mehrere Partisanenführer sofort standrechtlich erschossen, andere nach Deutschland oder auch nach Bozen und Österreich in Arbeitslager der „Organisation Todt“ deportiert. Was als Stich ins Herz der faschistischen Marionettenrepublik konzipiert war, entwickelte sich zum Desaster der Resistenza. Man hatte auf den Handstreich gesetzt und die militärische Organisationskraft des Feindes komplett unterschätzt.

Die sozialrevolutionäre Luft war nach Kriegsende raus. Man besetzte das alte Fanal des San Giorgio-Hotels und auch das Grandhotel von Tremezzo nur teilweise, um deren touristischen Betrieb nicht zum Erliegen zu bringen. Man ließ sie noch einmal davonkommen. Das erinnert an Antonio Gramscis „Hegemonie-Theorie“, die beschreibt, wie unendlich schwer es den jahrhundertelang Unterdrückten fällt, denen die Macht zu entreißen, die von jeher mit größter Selbstverständlichkeit über sie verfügen. In der Nacht vom 28./29. April 1945 fiel die letzte Fliegerbombe dieses Kriegs auf Tremezzo, und sie traf ausgerechnet das benachbarte Hotel Bazzoni, in dem zahlreiche Flüchtlinge einquartiert waren. Vierzehn Tote waren zu beklagen und wurden notdürftig unter den Platanen verscharrt.

Am Tag zuvor war Benito Mussolini, der in deutscher Offiziersuniform auf der Flucht in die Schweiz war, an einer Straßensperre bei Musso von Partisanen verhaftet worden. Am 28. April 1945 wurden er und seine Geliebte Clara Petacci in dem kleinen Bergdorf Giulino di Mezzegra, nur ein paar Steinwürfe von Tremezzo entfernt, von Widerstandskämpfern erschossen. Zwei Tage später war auch sein großer Zauberlehrling in Berlin tot. Wenn Marx im „18. Brumaire“ sagte, in der Geschichte wiederhole sich alles, nämlich einmal als Tragödie und dann als Farce, so trifft das wohl auf keinen europäischen Politiker mehr zu als auf Mussolini. Er träumte von der Wiederherstellung des römischen Weltreichs, wurde zur Marionette seines größten Bewunderers und endete, vom wütenden Lynchmob grässlich zugerichtet, an einer Tankstelle auf der Mailänder Piazzale Loreto. Diese Rache noch an seinem Leichnam, in einem erzkatholischen Land eine ungeheuerliche Tat, zeigte vor allem eines, nämlich wie sehr die verunglückten Großmachtträume, die in die Katastrophe von Krieg und Bürgerkrieg führten, die noch junge Nation aus dem inneren Gleichgewicht gebracht hatten.

Erst heute, wo nach einer langen und insgesamt nicht gerade ruhmreichen Phase der Parteiendemokratie die Dinge erneut aus dem Ruder zu laufen drohen, versteht man dieses Trauma besser. Italien ist eine zutiefst in sich gespaltene Kulturnation, und der Riss trennt nicht nur den Norden vom Süden. Er geht nach wie vor mitten durch die Gesellschaft.