Fake News und Lügenpresse: Journalismus unter Beschuss

Allgegenwärtig sind die Abgesänge auf das Modell der Tageszeitung, ob in Europa oder Nordamerika. Dabei geht es nicht allein um die Zeitung auf Papier, die morgens vor der Haustür oder am Kiosk liegt. Das Prinzip politisch unabhängiger Redaktionen steckt in einer ziemlich aktuellen Krise.

  Von Lutz Lichtenberger

 

Im Mai dieses Jahres berichtete Lesley Stahl, die amerikanische Fernsehjournalistin, Moderatorin der wohl bedeutendsten US-Nachrichtensendung 60 Minutes auf CBS, sie habe Donald Trump gefragt, warum er immer wieder die Presse angreife. Trump sagte, er tue es, um die Medien zu diskreditieren, „ich tue es um euch herabzuwürdigen, damit, wenn ihr negative Geschichten über mich schreibt, niemand euch glaubt“.

Die Motivlage des US-Präsidenten gegenüber den großen Zeitungen und Fernsehsendern, mit Ausnahme von Fox News, ist leicht zu entschlüsseln: Es ist die prägende Auseinandersetzung der Gegenwart, ja ein Kulturkrieg, der sich nicht nur in den USA, sondern in jeweils spezifischen Varianten, aber mit entscheidenden Gemeinsamkeiten auf ähnliche Art in Europa abspielt. Aber zwischen wem eigentlich: zwischen den Teilen der Bevölkerung, die davon ausgehen, dass die sogenannten Mainstream-Medien im Großen und Ganzen ein treffendes Bild der (politischen und sozialen) Wirklichkeit vermitteln – und jenen, die glauben, die Parteien der Mitte, die „Lügenpresse“ und wer sonst zur „Elite“ gehören mag, habe sich gegen das „wahre Volk“ und dessen Interessen verschworen?

Ende Oktober verzeichnete die Liste der ­Washington Post 6420 falsche oder irreführende Äußerungen Trumps in 649 Tagen im Amt. Zugleich kann sich der US-Präsident einer Zustimmungsrate in der Bevölkerung von mehr als 40 Prozent erfreuen. Vermeintlich noch wichtiger: Über 80 Prozent der Anhänger der Republikaner stehen weiterhin treu zu ihm. Bei den Midterm-Wahlen im November hielten sich die Einbußen der Präsidentenpartei im historischen Mittelmaß, Barack Obamas Demokraten verloren 2010 deutlich mehr Sitze.

Michiko Kakutani, die legendäre Kritikerin der New York Times, schreibt in ihrem neuen Buch The Death of Truth. Notes on Falsehood in the Age of Trump, es sei unwahrscheinlich, dass ein Kandidat, dessen Lügen und betrügerisches Geschäftsgebaren sich bereits während des Wahlkampfs offenbart hatten, so viel Zustimmung bei Teilen der Öffentlichkeit hätte gewinnen können, wenn diesen die Idee von Wahrheit nicht schon vorher irgendwie gleichgültig gewesen wäre. Das ist dann auch die bedeutendere Frage als die nach der Persönlichkeitsstruktur des einstigen Reality TV-Stars: Wie konnte es dazu kommen, dass den Lügengeschichten so willfährig geglaubt und zugleich den traditionellen Medien, Zeitungen, Fernsehanstalten und öffentlichen Radiosendern so viel Misstrauen und Unglauben, bis hin zu aggressiver Verachtung, entgegengebracht wird?

Die politische Geschichte, von den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts bis zu den autoritären Phänomenen der Gegenwart, den Trumps, Putins und Orbáns, hat Denkerinnen und Denker zu klugen Überlegungen angeregt, wie staatliche Mächte an einer Aufweichung des Wahrheitsbegriffs gearbeitet haben. In ihrem 1951 erschienenen Buch Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft schrieb Hannah Arendt, das ideale Subjekt totalitärer Herrschaft sei nicht der überzeugte Nazi oder der überzeugte Kommunist, „sondern die Menschen, für die die Unterscheidung zwischen Realität und Wirklichkeit und die Unterscheidung zwischen wahr und falsch nicht länger existiert“. Arendt untersuchte die Rolle, die Propaganda in Nazi-Deutschland und Sowjet-Russland gespielt haben, und kam zu einer Diagnose, die auch im Jahr 2018 treffend erscheint: „In einer sich stetig wandelnden, unverständlichen Welt hatten die Massen einen Punkt erreicht, an dem sie zugleich alles und nichts glaubten, dass alles möglich sei und nichts wahr.“ Die totalitären Anführer hätten ihr Propagandawerk auf der richtigen psychologischen Annahme aufgebaut, dass man unter den gegebenen Umständen die Menschen von den unwahrscheinlichsten Aussagen überzeugen könne – und darauf vertrauen, sollten letztere sich am nächsten Tag als unwiderlegbar falsch herausstellen, sie sich in Zynismus flüchteten. Anstatt sich von den Personen, die sie belogen hätten, zu distanzieren, würden sie protestieren, dass sie schon immer gewusst hätten, dass es sich bei den Aussagen um Lügen gehandelt habe, und sie würden „die Anführer bewundern für deren überlegene taktische Cleverness“.

Citizen Kane real.

 

Der italienische Autor und Essayist Umberto Eco versammelte 1995 in einem Aufsatz über Benito Mussolini die wichtigsten geistigen Versatzstücke, die er dem Faschismus innewohnend bezeichnet: die Berufung auf einen Nationalismus und die Angst der Menschen vor jedweder „Andersartigkeit“, die Ablehnung von Wissenschaft und einer sich auf rationale Prinzipien berufende Form der öffentlichen Debatte, die Beschwörung von Tradition und Vergangenheit sowie die Neigung, Meinungsdifferenzen mit Verrat gleichzusetzen. Die Ähnlichkeiten zu Trump und der Rhetorik von AfD, FPÖ oder Front National liegen auf der Hand.

Citizen Kane fiktional.

 

Eine Studie der Rand Corporation aus dem Jahr 2016 mit dem sagenhaften Titel The Firehose of Falsehood (Der Feuerwehrschlauch der Unwahrheit) untersucht die spezifisch russische Variante der Verdrehung der Wirklichkeit: Nachrichtenbeiträge würden in kürzester Zeit erstellt und dann in endloser Folge immer wieder in den Nachrichtenstrom eingeschleust. Verschiedene Kanäle erzeugten den Eindruck verschiedener Quellen. Mit so einer unmittelbaren Reaktion auf ein Ereignis, ohne Rücksicht auf redaktionelle Verfahren, welche den Wahrheitsgehalt einer Aussage prüften, nutzten die russischen Trolls die psychologische Neigung der Menschen, die erste Information, die sie zu einem Thema erhielten, für die wahre zu halten und späteren, anderslautenden Schilderungen vorzuziehen. Entscheidend sei, schreibt Kakutani, dass die Menschen zugleich überfrachtet und betäubt würden, während Abartigkeiten hingenommen und Inakzeptables normalisiert würde: „Empörung wird zu Empörungsmüdigkeit, wird zu jener Art Zynismus und Überdruss, welcher jenen zur Macht verhilft, die die Lügen verbreiten.“ Garri Kasparow sagte, der Sinn moderner Propaganda bestehe nicht nur in Falschinformationen oder stehe im Dienste einer bestimmten politischen Absicht, es gehe darum, „das kritische Denken zu ermüden, darum, die Wahrheit auszulöschen“.

Zu den Methoden und Machenschaften der Wirklichkeitszersetzung von oben kommt also die Willfährigkeit von unten, daran mitzuwirken. Dies könnte eine sozio-psychologische Erklärung sein für den Vertrauensverlust, genauer dafür, dass ein Teils der Gesellschaft auf eine neutrale Wirklichkeitsvermittlung pfeift. Der Weg in die selbst verschuldete Unmündigkeit wäre demnach kein Werk von dunklen Mächten.

1979 erschien in den USA ein Text, dessen zeitdiagnostische Prägnanz in der Zwischenzeit – mit Facebook und Instagram, Aufmerksamkeits­ökonomie und Selbstbelohnungskultur – nicht ab-, sondern nur noch zugenommen hat. Der Soziologe Christopher Lasch schrieb in The Culture of Narcissism, eine zynische „Ethik der Selbsterhaltung und des psychischen Weiterlebens“ habe die (amerikanische) Gesellschaft befallen. Der narzisstische Patient erlebe häufig Anfälle von Wut, leide unter einem Gefühl der inneren Leere, ergehe sich in Allmachtsphantasien und besitze einen ausgeprägten Glauben an sein Recht, andere auszunutzen. Die Gründe für diese Entwicklung sah Lasch in einem kollektiven Gefühl des Pessimismus, einer Kultur der Massenmedien, die sich um Stars und Ruhm drehe, und in den Fliehkräften, welche die Rolle der Familie in der Lebenswelt schwächten.

Die Schuhe von Rudi Dutschke nach dem Mordanschlag in Berlin (1968) – BILD hatte wie immer damit nichts zu tun. Foto: Keystone

 

Neil Postman schrieb 1985 in seinem modernen Klassiker Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, dass die technologischen Ablenkungen den kulturellen Diskurs unwiederbringlich veränderten, sie machten trivialer, folgenloser und sorgten dafür, dass die Informationen, die vermittelt werden, „simplistisch, nicht gehaltvoll, unhistorisch und zusammenhangsfrei“ blieben. „Unsere Priester und Präsidenten, unsere Chirurgen und Anwälte, unsere Lehrer und Moderatoren müssen sich weniger darum sorgen, die Anforderungen ihres Fachs zu beherrschen“, so Postman, „als vielmehr die Anforderungen einer guten Show zu erfüllen.“

Im Jahr 2018 setzt Jaron Lanier in seinem bissigen Traktat Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst die Linie von Lasch und Postman für das Internet-Zeitalter fort: In ihren Filterblasen kommunizierten die Menschen nur noch unter Gleichgesinnten, gegenseitig bestärke man sich in abseitigen Ideen und Verschwörungstheorien. Social bots speisten per Algorithmus erstellte Posts in die sozialen Medien ein, die alles andere als ein getreues Bild der Wirklichkeit und der Größe von Gruppen mit bestimmten Ansichten verbreiteten. Im Kampf um Aufmerksamkeit gewinne die lauteste Stimme, die extremste Meinung, die heftigste Provokation. Der Suchmaschinen-Solipsismus führe mitten ­hinein in die selbstverschuldete ­informationelle Unmündigkeit.

Nun gibt die Internet-Revolution der Medien Anlass zu pessimistischen wie optimistischen Zukunftsbetrachtungen. Ein einfacherer Zugang zu Informationen, ein nie da gewesener Meinungspluralismus, mehr Transparenz stehen auf der einen Seite – das Verschwinden von Kontroll­instanzen, die Verbreitung auch von radikalen und menschenverachtenden Ansichten und mannigfaltige Manipulationsmöglichkeiten auf der anderen. Auf jeden Fall wird deutlich, dass die öffentliche Meinung der gesellschaftliche Kampfplatz schlechthin ist. Man kann darin insofern einen Fortschritt erkennen, als es der Politik und Wirtschaft zumindest nicht mehr im gleichen Maße wie vor 100, 50 oder 25 Jahren möglich ist, weitreichende Entscheidungen über die Köpfe aller Bürger – oder auch nur spezieller Gruppen – hinweg zu treffen; auf jeden Fall müssen sie mit öffentlichem Widerspruch rechnen, mit Gegenwehr.

Warum aber sind in dieser historischen Situation die neutralsten Vermittlungsstellen, eben jene politisch unabhängigen Redaktionen, einem solchen Glaubwürdigkeitsdruck ausgesetzt? Nach allem, was über autoritäre Politiker und deren Verachtung einer kritischen Presse gesagt wurde, noch einmal gefragt: Wie treffen die Beeinflussungs- bis Manipulationsversuche auf ein so empfängliches Publikum?

Den jüngsten großen Gesellschaftsdeutungsentwurf hat im vergangenen Jahr der Soziologe Andreas Reckwitz vorgelegt. In seiner Gesellschaft der Singularitäten zeichnet er detailliert nach, wie aus der „organisierten Moderne“ der Nachkriegszeit – man könnte es auch die sozialdemokratische Epoche nennen, zu der die Politik Adenauers und de Gaulles gerechnet werden darf – im Laufe der 1970er-Jahre der „apertistisch-differenzierte Liberalismus“ entsteht. Dessen zentrales Merkmal ist die „Öffnung, Entgrenzung und Deregulierung des Sozialen“. Das Besondere kommt vor dem Allgemeinen. Gesellschaftspolitisch bedeutet dies, dass „subjektive Rechte auf Persönlichkeitsentfaltung eingefordert und festgeschrieben werden und dass die Vielfalt der Persönlichkeiten, der kulturellen Herkunftsgemeinschaften und der Lebensstile wertgeschätzt wird“. Zieht man den soziologischen Jargon ab, erklärt Reckwitz, dass die Lebensstile der Menschen in Berlin-Prenzlauer Berg sich immer stärker von denen in Flensburg, Duisburg oder Berchtesgaden unterscheiden, handele es sich nun um philosophisch-gesellschaftliche Ansichten oder die Art und Weise, wie Menschen wohnen, kochen und ihre Freizeit verbringen, warum die einen eine LGBTQ(Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer)-gerechte Sprache verwenden und die anderen Andreas Gabalier-Konzerte („Halli-Hallo“) besuchen.

Ganz gleich, wie man sich in diesen Fragen selbst verortet, die Entwicklungen ökonomisch oder gesellschaftlich befürwortet oder ablehnt, ist es doch nur eine kurze gedankliche Schlussfolgerung, dass die klassischen Zeitungen ein Relikt der „organisierten Moderne“ sein könnten, zuständig oder gut im Allgemeinen, weniger gut im Singulären. Kulturkritisch gewendet lässt sich aus der Gesellschaftstransformation auch die Ursache für die wachsende Eliten- und Expertenverachtung von rechts und links herauslesen. Diese richtet sich gegen etablierte Politiker und Parteien, gegen Wissenschaft und Kulturbetrieb, mit besonderer Verve aber gegen Zeitungen und Journalisten.

Drei oben beschriebene Entwicklungen verdichten sich: Lasch diagnostiziert eine narzisstische Kränkung, das Gefühl der Ohnmacht angesichts der gesteigerten Komplexität gesellschaftlicher Ereignisse (Globalisierung, Digitalisierung, Geschlechterbeziehungen, Klimawandel). Postman analysiert, wie der öffentliche Diskurs an Trennschärfe eingebüßt hat. Und Lanier führt vor, wie kompliziertere Erklärungsversuche bei verkürzten Aufmerksamkeitsspannen, ungezählten Ablenkungsmöglichkeiten und tausenden Alternativtheorien in den Untiefen des Internets die negativen Wirkungen verschärfen.

Politiker mit kruden machtpolitischen Interessen oder nackter Gier und ein geneigtes Publikum kommen in der Ablehnung der Zeitungswelt, ihren aus der Aufklärung geronnenen Traditionen und ihrem der Wirklichkeit verpflichteten Ethos in einem Punkt in besonderem Maße überein: im Wunschdenken. Die Berichte und Nachrichten, die jene politische Aussagen in Frage stellen, die nicht der partikularen oder persönlichen Sicht entsprechen, sollen nicht wahr sein, dürfen nicht wahr sein, können nicht wahr sein. So schiebt sich – als Kampfmittel, als Wunsch und Wahrnehmung – die Lüge vor die Presse.

Was wäre dagegen zu tun, außer mit ruhiger, beständiger und diese Diskrepanzen beschreibender journalistischer Arbeit weiterzumachen – und darauf zu setzen, dass das Fieber dereinst bricht und das gesellschaftliche Thermometer wieder Normaltemperatur anzeigt?

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