Diesmal putschten die Wähler

Der reaktionäre Populist Jair Bolsonaro verdankt seinen Aufstieg zum Staatspräsidenten Brasiliens nicht zuletzt einer weit verbreiteten Nostalgie in Bezug auf die Jahrzehnte der Diktatur. Seine Wähler drehten im November 2018 die Uhr um 54 Jahre zurück.

  Von Carlos Widmann

Mein Gott!

 

Vom brasilianischen Militär gab es in längst verflossenen Zeiten ein volkstümliches Klischeebild, das sich vielen Lateinamerikanern schon in der Kindheit einprägte. Ein salopp gekleideter Offizier mit schief sitzender Schirmmütze schlendert die Strandpromenade von Copacabana entlang, eine qualmende Zigarre im Mundwinkel. Im Hintergrund ist der Zuckerhut zu erkennen, und auf der rechten Schulter des Offiziers sitzt ein plappernder Papagei.

Diesem Harmlosigkeit ausstrahlenden Image der brasilianischen Streitkräfte wurde am 1. April 1964 in der Bundeshauptstadt Bonn durch eine Eilmeldung aus Übersee heftig widersprochen. Damals waren die Beamten des Außenministers Gerhard Schröder (mit dem späteren Bundeskanzler gleichen Namens weder verwandt noch verschwägert) gerade damit beschäftigt, den ersten deutschen Staatsbesuch in Brasilien vorzubereiten. Bald würden keine Geringeren als Bundespräsident Heinrich Lübke und dessen Gattin Wilhelmine, begleitet von mehreren Ministern und einem Tross von Reportern, mit einer Lufthansa-Maschine auf der Hochebene von Goiás landen – direkt vor den Toren der kürzlich errichteten, damals noch futuristisch anmutenden Hauptstadt Brasilia.

Fast alle deutschen Teilnehmer hatten ihre Hausaufgaben für den Staatsbesuch längst gemacht – und nun dieses Pech: Ausgerechnet an jenem 1. April 1964 fand in der drittgrößten Demokratie der Erde ein Militärputsch statt. Auf dem symbolträchtigen, 22 000 Quadratmeter großen „Platz der drei Gewalten“ von Brasilia, dessen kühne Architekten (wie Oscar Niemeyer) die drei Säulen der Demokratie im Sinn hatten – Exekutive, Legislative und Judikative –, herrschte auf einmal eine vierte, in der Verfassung so nicht vorgesehene Gewalt, die der Generäle. Was in Brasília soeben stattgefunden hatte, würde sich bald Revolution nennen – ein stolzer Titel, den damals in Südamerika auch ganz gewöhnliche Militärputsche für sich in Anspruch nahmen.

Wie Heinrich Lübke, Gerhard Schröder und auch der neue Bundeskanzler, Adenauers Nachfolger Ludwig Erhard, diese peinliche außenpolitische Situation damals verarbeitet haben, wäre vielleicht eine kleine Studie wert. Die würde aber nach aller Wahrscheinlichkeit ergeben, dass die in Bonn Regierenden sofort und vor allem bemüht waren, die Reaktion und Meinung ihres Hauptverbündeten in Washington zur Lage in Brasilien zu eruieren. Hierzu waren nicht einmal lange Fernschreiben oder Übersee-Telefonate nötig. Die führenden Herren des State Department machten aus ihrem Herzen keine Mördergrube; es genügte völlig, die Zeitungen zu lesen.

Dort fand sich eine den Ereignissen bereits vorgreifende Feststellung eines Washingtoner Spitzendiplomaten: Brasilien sei dabei, sich „gemeinsam mit Vietnam und Sansibar“ (!) zu einem jener „Schauplätze des Kalten Krieges“ zu entwickeln, denen die ganze militärische Aufmerksamkeit der Vereinigten Staaten und ihrer südlichen Verbündeten zuteil werden müsse. Über ein halbes Jahrhundert später gelesen, entbehrt die Prognose nicht einer gewissen Komik. Aber musste man sie in jener Zeit nicht ernst nehmen? Im Frühjahr 1964 waren es ja keine republikanischen Scharfmacher oder Kalten Krieger – wenn nicht gar potentielle „Trumpisten“ –, die am Potomac den Ton angaben. Washington war damals die Stadt der Kennedy-Elite. In Georgetown und Foggy Bottom und den anderen Vierteln der einflussreichen Beamten, Politiker, Professoren und Journalisten dominierten noch die liberalen Geister, die vom später ermordeten Präsidenten bevorzugt worden waren. Der Schriftsteller David Halberstam fertigte einige Jahre danach ein literarisches Gruppenporträt dieser Kennedy-Mannschaft, dessen Titel – besonders nach dem Debakel der US-Politik in Süd- und Südostasien – von beißendem Sarkasmus zeugte: The Best and the Brightest.

Aber wie lange würden sich die Politiker der jungen westdeutschen Demokratie mit der Frage abplagen, ob man den kurz bevorstehenden Besuch des Bundespräsidenten im drittgrößten Land der Welt etwa absagen sollte – weil Brasilien am 1. April 1964 plötzlich aufgehört hatte, eine Demokratie zu sein? Die Antwort fällt nicht allzu schwer: Bonn hat sich jedes öffentliche (und wohl auch stille) Händeringen über die Legitimität des neuen brasilianischen Regimes erspart. Und den langen Flug über mehrere Länder Südamerikas fanden alle Beteiligten ebenso entspannend wie den stetig fließenden Champagner in der ­Senator-Klasse.

Beim Empfang in Brasilias „Palast der Morgenröte“ sorgten dann die Gastgeber selbst dafür, dass die Deutschen nicht den Eindruck gewannen, in einer ordinären Latino-Diktatur gelandet zu sein. Es vollzog sich alles sehr zivil. Brasiliens neuer Präsident war ein kleinwüchsiger, ungemein intellektuell wirkender Offizier im Rang eines Marschalls, der in England und Frankreich studiert hatte. Während des Zweiten Weltkriegs gehörte Humberto de Alencar Castelo Branco zu den Kommandierenden des brasilianischen Expeditionskorps, das in Italien auf Seiten der Alliierten gegen die deutsche Besatzungsmacht gekämpft hatte. Castelo Branco, Jahrgang 1897, war mit seinen Truppen fast dreihundert Tage lang bei Montecassino im Einsatz – in einer der längsten und blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Danach führte er in Brasiliens Oberster Kriegsschule ein Elite-Team an, das die Modernisierung des total vernachlässigten Landesinneren anstrebte. Die Grundidee: Entwicklungspolitik in der Rückständigkeit und im alten Feudalismus, inmitten von Chaos, Schlendrian und Korruption, habe ohne die lenkende und disziplinierende Einmischung der Militärs kaum Aussicht auf Erfolg. Alle wirtschaftspolitischen und sozialen Vorhaben in dem Riesenland müssten einem strengen übergeordneten Kriterium unterworfen werden: der nationalen Sicherheit.

Ob Autobahnen, Kaffeeplantagen, Staudämme, Atomkraftwerke, Flugzeugfabriken, Rinderzuchtfarmen, Sojabohnenfelder, Waffenindustrie, alles, was stark machte und für Brasilien Reichtum erzeugte, war auch Sache der Generäle. Ordem e Progresso, „Ordnung und Fortschritt“ lautet heute noch das Motto auf der Landesflagge – wie einst im 19. Jahrhundert, im brasilianischen Kaiserreich, unter dem aufgeklärten, hochgebildeten Habsburger Dom Pedro II. Der neue US-Botschafter Lincoln Gordon wiederum, von Haus aus ein Kennedy-Intellektueller, stimmte mit den Militärs in einem Punkt völlig überein: der Erzfeind war die „Subversion“ – das Zersetzen westlicher Werte und die geistige Wegbereitung für den Kommunismus, der in Europa, Asien und nun sogar schon in der Karibik so viele Menschen in den Griff bekommen hatte.

Populärer Populist Balsonaro.

 

So gesehen, brachten die brasilianischen Generäle nach ihrer Machtübernahme eigentlich schon etliche ideologische Voraussetzungen für eine totalitäre Diktatur mit. Eine solche ist ihr Regime aber trotzdem nicht geworden – allenfalls immer nur für kurze Perioden. In Wirklichkeit bescherten die milicos den Brasilianern zwei Jahrzehnte lang eine komplexe, widerspruchsvolle, natürlich antikommunistische, aber auch vitale, überwiegend sogar offen liberale, ja „progressive“ Gesellschaft.

Während der Pausen des Lübke-Besuchs stellten sich die deutschen Delegationsmitglieder gelegentlich Fragen wie: Hatte hier neulich, bevor wir in Bonn starteten, tatsächlich ein richtiger Militärputsch stattgefunden? Oder auch: Konnte man die vorherige brasilianische Zivilistenregierung überhaupt als lupenreine Demokratie einstufen? Solche Zweifel in Bezug auf dieses weite Land (der Fläche nach dreimal so groß wie Indien) mit seinen damals 75 Millionen Einwohnern (inzwischen sind es 210 Millionen) gab es durchaus nicht zum ersten Mal. Die letzten freien Wahlen hatten 1960 Jânio Quadros aus São Paulo an die Macht befördert, einen schnurrbärtigen Exzentriker ohne parlamentarische Mehrheit, dessen Wahlkampfsymbol ein eiserner Besen war – das Instrument zur Bekämpfung der Korruption. Als aber auch Quadros’ Winke mit dem Besenstiel offenbar nichts mehr zu seiner Popularität beitragen konnten, setzte er 1961 auf eine neue Attraktion: Brasilien bekam eine „unabhängige Außenpolitik“. Quadros belebte nicht nur die längst eingefrorenen Beziehungen zur Sowjetunion wieder, sondern wagte eine spektakuläre Geste: Er lud Che Guevara nach Brasilia ein und setzte dem argentinisch-kubanischen Guerilla-Comandante persönlich das „Kreuz des Südens“ auf die Brust, den höchsten militärischen Verdienstorden Brasiliens. Ausgerechnet zu einer Zeit, da Fidel Castro von Havanna aus verkündete, die Anden-Kordillere werde sich in die Sierra Maestra Lateinamerikas verwandeln – also einen kontinentalen „Befreiungskrieg“ in Aussicht stellte –, fand in Brasilia die große Ehrung des grinsenden „Che“ statt, schmückte die Titelseiten der Weltpresse. Als staatsmännische Geste eignete sich das für Quadros wohl kaum.

Der Regierungspalast in Brasília …

 

Doch total exzentrisch, selbst für brasilianische Verhältnisse, wurde Jânio Quadros erst etwas später. Er kündigte an, in ganz Brasilien nicht nur Pferderennen und Hahnenkämpfe verbieten zu wollen, sondern auch das Tragen von Bikinis. Das allgemeine Befremden hierüber entlud sich in wütenden Kundgebungen, die wiederum den Staatspräsidenten zutiefst verstimmten. Entfremdung von seinen engsten Mitarbeitern veranlasste ihn schließlich zum Rücktritt. Damit war Jânio da Silva Quadros’ laut Verfassung vierjährige Amtszeit schon nach sieben Monaten zu Ende. Er gab „dunklen Mächten“ daran die Schuld, aber aus dem „Palast der Morgenröte“ wurde kolportiert, dass auch seine übermäßige Vorliebe für Scotch eine Rolle gespielt habe.

Mit dem designierten Nachfolger, Quadros’ Vizepräsidenten João Goulart, hatte Brasiliens Demokratie noch weniger Glück. Da er als Arbeitsminister mit kommunistischen Gewerkschaftlern angebandelt hatte (deren Partei verboten war), misstraute ihm nicht nur die Mehrheit des Parlaments, sondern auch das von den Amerikanern ausgebildete und beeinflusste Offizierskorps. Und ausgerechnet als Präsident Quadros nach der Bikini-Groteske abrupt seinen Rücktritt erklärte, hielt sich sein Vizepräsident und designierter Nachfolger João Goulart gerade in China auf, zu Besuch beim Vorsitzenden Mao.

Nach einer hastigen Rückkehr in die Heimat veranstaltete João Goulart am 13. März 1964 in Rio de Janeiro eine das ganze Land verblüffende Massenversammlung, auf der er die Verstaatlichung der Ölraffinerien und die Zerschlagung des Großgrundbesitzes in Aussicht stellte. Goularts Schwager Leonel Brizola, Gouverneur des Bundesstaates Rio Grande do Sul, hielt eine Rede an der Seite des Präsidenten, in der er noch einen Schritt weiter ging: das Parlament in Brasilia müsse aufgelöst und durch spontan ernannte Arbeiter- und Bauernräte ersetzt werden … Das hörte sich nicht nur nach europäischer Räterepublik an, sondern als wollten Goulart und Brizola politischen Doppelselbstmord begehen – wenn nicht gar einen Militärputsch gegen sich selbst provozieren.

Beabsichtigt war Letzteres gewiss nicht, es gelang aber trotzdem. Marschall Humberto de Alencar Castelo Branco setzte sich mit den gewählten Gouverneuren der bevölkerungsreichsten Bundesstaaten – Rio de Janeiro, Minas Gerais und São Paulo – in Verbindung, um sich nach deren Bereitschaft zur Amtsenthebung Goularts zu erkundigen. (Die Zustimmung der Kommandeure von Heer, Marine und Luftwaffe konnte er ohnehin voraussetzen.) Der Machtwechsel ging nicht nur in Brasilia, sondern im ganzen Land so reibungslos vor sich, dass Castelo Branco keinen Ausnahmezustand zu verhängen brauchte. Goulart indessen blieb erst einmal an den Stränden von Rio de Janeiro und unternahm vernünftigerweise keinen Versuch, nach Brasilia zurückzukehren – etwa in der Hoffnung, mit Unterstützung der Bevölkerung den aufständischen Militärs die Kontrolle zu entreißen. Lieber charterte der entmachtete Präsident ein Flugzeug und ließ sich in die südliche Nachbarrepublik Uruguay befördern, wo er über ausgedehnten Landbesitz verfügte. Als Erbschaft hinterließ João Goulart seinem Volk eine Inflationsrate von 82,5 Prozent. (Ein Comeback hat er klugerweise auch später nie versucht, sondern starb 1976 als Vergessener auf seinem Besitz in den Pampas.)

… und der Sitz des Militärs liegen gleich um die Ecke.

 

Wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, das Privileg hatte, von 1965 bis 1972 als ausländischer Zeitungskorrespondent in Rio de Janeiro stationiert zu sein (damals für die Süddeutsche Zeitung), müsste eigentlich schreckliche, alptraumhafte Erinnerungen an jene Jahre haben. „Land des Terrors“ lautet der Titel des Rückblicks einer brasilianischen Journalistin, die anklagend auf die beiden Jahrzehnte der damaligen Militärherrschaft hinweist (allerdings war sie selbst zur Zeit des Staatsstreichs von Castelo Branco noch nicht geboren). Von einem Terrorregime habe ich allerdings in meinen sieben Rio-Jahren, wie ich schuldbewusst gestehen muss, in meinen Wohnvierteln Leme, Flamengo, Lagoa, Ipanema und Leblon so gut wie nichts mitbekommen. Auch wer in der Innenstadt bei den unteren Mittelschichten lebte, konnte ohne den Anblick (oder den Sound) von politischer Verfolgung, Knüppelorgien oder Folterpraxis über die Runden kommen. Wenn Brasilianer im Alter zwischen 25 und 55 sich bei älteren Freunden oder Verwandten erkundigen, wie sie den Alltag in den Zeiten der Militärdiktatur in Erinnerung haben, dann bekommen sie zu hören: Man fühlte sich zu Hause und auf den Straßen viel sicherer als heute. Wer in den Hütten der elenden, von Kriminalität geplagten Favelas lebte, lernte eine andere Realität kennen. Wer am „bewaffneten Widerstand“ gegen das Regime teilnahm, etwa zur Freipressung von Gefangenen an der Entführung des US-Botschafters Charles Elbrick oder des deutschen Botschafters Ehrenfried von Holleben teilnahm, machte dagegen ganz andere Erfahrungen.

Und die Unterdrückung des geistigen Lebens und der Künste? Im Teatro Arena von Ipanema wurden in den 1960er Jahren Inszenierungen von einer freizügigen, provozierenden Schärfe geboten, die sich damals kein Münchner Avantgarde-Theater zugetraut hätte. Und die Bossanova- und Tropicana-Künstlerin Gal Costa hatte offenbar keine Probleme damit, die Guerilleros im vertrockneten, hungergeplagten Nordosten als Volkshelden zu feiern. Selbst in Geschmacksfragen herrschte unter dem Regime erstaunliche Toleranz: Chico Buarque de Hollanda konnte in seinem Musical RodaViva dem Publikum ungestraft rohe Rinderlebern ins Gesicht werfen lassen – mit welcher künstlerischen Begründung auch immer.

Aber die unterdrückte Pressefreiheit, die Medienkontrolle, der politische Maulkorb? Ja, das hat es tatsächlich auch gegeben, eher sporadisch, unberechenbar. Aber Brasiliens Journalisten schienen nicht sonderlich darunter zu leiden, sondern es als Katz-und-Maus-Spiel zu betrachten, bei dem man die begriffsstutzigen milicos überlisten oder blamieren musste. Hin und wieder wurde an einem bestimmten Tag der Ausnahmezustand verhängt, in dem bestimmte Politiker Redeverbot hatten und bestimmte Meldungen nicht gedruckt werden durften. Der Leser hat von den Beschränkungen immer gleich erfahren, denn das hochseriöse Jornal do Brasil in Rio de Janeiro druckte dann eine Sondernummer, die von jedem verstanden wurde: Auf dem Titelblatt wurde ein gigantischer japanischer Ringkämpfer abgebildet, der einen kleinen Jungen in den Würgegriff nahm. Das Thema des tiefsinnigen Leitartikels lautete: „Freitag, der 13.“ Nur, all die vielen Jahre mit mehr oder weniger Zensur und Diktatur, mehr oder weniger Knast und Knüppel – was waren das für harmlose Zeiten, gemessen an dem, was das Land jetzt unter seinem neuen Herrn zu erwarten hat: dem Fallschirmjäger, Hauptmann der Reserve und gewählten Staatspräsidenten Brasiliens, Jair Messias Bolsonaro, 63. Intellektuelle in ganz Europa wenden sich mit Grausen ab, und der Amerikaner Noam Chomsky verkündet: „Bolsonaro ist eine Bedrohung für die Welt.“

Am 1. April 1964, dem Tag, da Heinrich Lübke von Bonn aus nach Südamerika aufbrach, putschte in Brasilien das Militär. Über ein halbes Jahrhundert ist seitdem vergangen. Wir ­schreiben das Jahr 2018, und Brasilien dreht seine Uhr um 54 Jahre zurück. Wieder findet ein Machtwechsel statt, doch diesmal sind es nicht die Militärs, die ihn herbeiführen wollen. Diesmal putschten die Wähler. 55 Prozent der Brasilianer haben bei der Stichwahl am 18. November dem rechtsradikalen Abgeordneten Jair Bolsonaro ihre Stimme gegeben und den Kandidaten der Arbeiterpartei, Lula da Silva, gedemütigt. In der Neujahrsnacht dürfte der Mann mit dem italienischen Nachnamen Bolsonaro, dessen zweiter Vorname Messias lautet, in seinen Amtssitz in der Hauptstadt Brasília einziehen – in den „Palast der Morgenröte“.

Nach seinen bisherigen Äußerungen zu urteilen, ist Jair Bolsonaro gegen alles und jedes, was liberale Demokraten befürworten. Er wünscht keine umweltfreundliche Landwirtschaft, sondern die profitable Abholzung der Amazonas-Region. Er hasst Schwule, Lesben und Transen, verachtet Schwarze und Indigene, findet Frauen minderwertig und möchte am liebsten jeden Brasilianer bewaffnen. Wenn das Gegenteil vom Gutmenschen der Schlechtmensch ist, dann wäre Bolsonaro der Schlechtmensch schlechthin.

Lübke Brasil.