Der Spartakusaufstand, der keiner war – und der Mord, der wirklich einer war

„Es ist auf Anhieb nicht leicht zu erkennen, was da unter dem Bogen der Stadtbahnbrücke im trüben Wasser des Landwehrkanals dümpelt an jenem Morgen des 31. Mai 1919. ,Aus der Entfernung sah es aus wie ein aufgeblasener Taucheranzug‘, wird Pranes Penkaitis, ein Legationsrat der litauischen Botschaft, später zu Protokoll geben. Er hat das seltsame Treibgut als Erster entdeckt. Als er näher herangeht und zwei mit Handschuhen bedeckte Hände erblickt, weiß er, dass er eine Leiche vor sich hat. Die stark verwesten Überreste einer sehr kleinen Frau, die mehrere Monate im Wasser gelegen haben muss. Von der Kleidung sind lediglich Fetzen übrig – und schwarze Strümpfe, die bis über die Knie reichen. Zwei Männer, der Schleusenarbeiter Gottfried Knepel und der Tischler Otto Fritsch, holen die Leiche aus dem Wasser. Fritsch, einem überzeugten Sozialdemokraten, ist sofort klar, welchen Fund sie gemacht haben: Vor ihnen liegen die sterblichen Überreste von Rosa Luxemburg.“

So recherchierte der Journalist Andreas Molitor die Auffindung eines politischen Verbrechens – geschehen vor 100 Jahren.

Rückblick: Nach dem Matrosenaufstand in Kiel im Spätherbst 1918 und der sich ausbreitenden Streiks und Arbeiteraufstände am Ende des Ersten Weltkriegs mussten Kaiser Wilhelm II. (1859 – 1941) und mit ihm alle regierenden Fürstenhäuser abdanken. Die vor allem von der SPD und den Linkssozialisten getragene „Novemberrevolution“ hatte gesiegt und eine demokratische Republik errichtet. Doch wohin sollte der Weg dieser neuen Republik gehen? Die konservativen Sozialdemokraten unter Führung des späteren Reichspräsidenten Friedrich Ebert wollten keine Revolution und gingen ein Bündnis mit der Obersten Heeresleitung (OHL) unter den Generälen Hindenburg und Ludendorff ein, die SPD-dominierten Gewerkschaften einigten sich mit den Unternehmern, geführt von Hugo Stinnes und Carl Friedrich von Siemens, auf die Einführung des 8-Stunden-Tags sowie Lohnverzicht und Streikverbot als Gegenleistung. Demgegenüber stand die Linke unter Führung der Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD), der „Revolutionären Obleute“ aus den Industriebetrieben und des Spartakusbundes unter Führung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Im Januar 1919 eskalierte dieser Konflikt durch die Besetzung des Berliner „Zeitungsviertels“ durch aufständische Arbeiter. Die SPD-Regierung ordnete ein bewaffnetes Eingreifen durch Freikorps-Verbände an, die den sogenannten „Spartakusaufstand“ zusammenschoss. Dabei war der Spartakusbund die bedeutungsloseste Gruppe der Linken. Deren Führer, Liebknecht und Luxemburg, wurden am 15. Januar 1919 verhaftet, schwer misshandelt und dann erschossen. Die Leiche von Rosa Luxemburg wurde in den Landwehrkanal geworfen. Das übliche Ende einer deutschen ­Revolution …

 

Die folgenden Cartoon-Seiten sind dem Buch entnommen: Rosa, Graphical Novel von Kate Evans, Karl Dietz Verlag Berlin 2018, 228 Seiten, ca. 20,– Euro. Die englischen Zeitungen „Independent“ und „Observer“ zeichneten Rosa als „Grafikbuch des Jahres“ aus.