Glasnost am Nordpol

Es gibt Zeiten, die die Welt verändern. 1990 war so ein Jahr. In der Sowjetunion regierte ein KP-Chef, der die Parole „Glasnost“ („Offenheit“) propagierte: Michail Gorbatschow (Foto rechts). Ihm ist es zu verdanken, dass im August 1990 eine denkwürdige Expedition zustande kam. Der größte Eisbrecher der Welt, die „Rossija“, nahm im bis dahin strengstens abgeriegelten militärischen Sperrgebiet rund 50 ausländische Forscher, Wissenschaftler und zahlungskräftige Touristen (für 35 000 Mark) an Bord, um zum Nordpol aufzubrechen. An Bord des atombetriebenen Superschiffes war auch der deutsche Fotograf Andreas Blumenthal, der die Reise durchs Eis dokumentierte. Doch erschienen ist diese Reportage nie, da sich danach die Ereignisse überstürzten: deutsche Wiedervereinigung, Auflösung des Warschauer Paktes, Zerfall der Sowjetunion, Sturz Gorbatschows. Und Chefredakteure in Deutschland waren der Auffassung, es gäbe jetzt wichtigere Themen als diese

 

 

Expedition zum Nordpol. Dabei dokumentiert Andreas Blumenthal zwei grandiose Schwergewichte: Die „Rossija“ bricht sehr konkret mit der Zusammensetzung seiner Menschen an Bord das politische Eis zwischen Ost und West – und er zeigt Bilder vom August 1990 am Nordpol, die es heute nicht mehr gibt. Das angeblich „ewige Eis“ ist durch Erderwärmung und Klimawandel (wie Fotos vom August 2018 beweisen) einfach weggeschmolzen. Ein paar schöne Details hat der Fotograf (im Reaktor-Schutzanzug, Foto rechts) außer seinen Bildern auch noch mitgebracht: „Bei der Abfahrt in Murmansk kamen zwei KGB-Agenten an Bord, mit finsterem Blick und in langen Ledermänteln wie in alten Filmen. Aber sie tauten schnell auf. Und während sie an der Bord-Bar ihren Wodka tranken, habe ich mit zwei Kisten Bier die Ingenieure des geheimen Atomreaktors an Bord bestochen, damit ich dort fotografieren konnte.“ Blumenthal hat diese Spionage unbeschadet überstanden und uns seine exklusiven Dias nach 28 Jahren zur Verfügung gestellt. Danke – und Nastrovje!

Alle Fotos: Andreas Blumenthal

 

Bilder aus der nördlichen Polarregion im August 1990, die es heute nicht mehr gibt, da das Eis weggeschmolzen ist. Im Foto unten wandert ein Eisbär über die Schollen, ganz hinten das Forschungsschiff „Rossija“ (aufgenommen aus dem Helikopter).

 

Zur Expeditionsgruppe gehörte auch ein saudischer Prinz, der an der Universität Riad als Klimaforscher
arbeitet. Als die „Rossija“ am Nordpol ankam, faltete er seinen Gebetsteppich aus und dankte Allah.

 

Blick in die geheime Herzkammer der „Rossija“: das Mini-Kernkraftwerk, das die Energie für den Eisbrecher liefert. Das Foto wäre vor „Glasnost“ niemals zustande gekommen oder als „Spionage“ bestraft worden.

 

Der damals größte Eisbrecher der Welt: die sowjetische „Rossija“ („Russland), 150 Meter lang, 30 Meter breit, 11 Meter Tiefgang, 40 Stundenkilometer schnell, 75 000 PS.

 

 

Glasnost konkret: Während eine internationale Forschergruppe arbeitet, wehen im Hintergrund am Nordpol die kanadische, die amerikanische und die deutsche Fahne.

 

Wissenschaft konkret: Der Nordpol ist erreicht – und wird angebohrt.

 

Nach der erfolgreichen Rückkehr der „Rossija“ nach Murmansk spielt eine Blaskapelle auf. Das nördlich des Polarkreises gelegene Murmansk (300 000 Einwohner) ist wegen des Golfstroms eine eisfreie Hafenstadt und war bis zum Ende der Sowjetunion (1991) militärisches Sperrgebiet.

 

Das Expeditions-Duett: die „Rossija“ und ihr Hubschrauber mit eigenem Landeplatz an Bord.

 

Andreas Blumenthal war als „erster Fotograf aus dem Westen“ an Bord des sowjetischen Atom-Eisbrechers „Rossija“ im August 1990 bei der Expedition zum Nordpol. Der 1964 geborene Oberbayer entstammt einer der ältesten deutschen Fotografen-Familien, die bereits 1840 in Garmisch das revolutionäre Lichtbild-Verfahren der „Daguerreotypie“ (benannt nach ihrem Erfinder, dem französischen Maler Louis Daguerre) professionell übernahm und ausbaute. So entstand damals die Fotografie, zunächst für Porträt- und Landschaftsbilder. Andreas Blumenthal, der die fotografische Familientradition in vierter Generation fortführt, arbeitet seit 35 Jahren als journalistischer Foto-Reporter, obwohl er (als Spieler beim ehemaligen deutschen Meister SC Riessersee) eigentlich Eishockey-Profi werden wollte. Für alle deutschen Großverlage und deren Publikationen hat er fotografiert – Gruner+Jahr, Burda, Springer, FUNKE-Mediengruppe. Seine Fotos und Reportagen erschienen u. a. in Stern, Bunte, New York Times. Und jetzt exklusiv in der GAZETTE.

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