Ein Nilpferd steckt im Leuchtturm fest

Tiergedichte für Kinder von 4 bis 99 Jahren

Das Buch Ein Nilpferd steckt im Leuchtturm fest (für Kinder von 4 bis 99 Jahren) entstand aus einem gemeinsamen Projekt der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Internationalen Jugendbibliothek und der Stiftung Lyrik Kabinett. Sechs Lyrikerinnen und Lyriker – Michael Augustin, Tanja Dückers, Heinz Janisch, Mathias Jeschke, Arne Rautenberg, Ulrike Almut Sandig – schrieben zunächst drei Tage lang Gedichte für Kinder, ein Bestiarium von heiterer und nachdenklicher, grotesker und unsinniger, philosophischer und lebensweltlicher Drastik.  Diese Gedichte wurden dann von Nadja Budde, Julia Friese, Regina Kehn und Michael Roher illustriert. Die phantasievollen Ergebnisse liegen ganz aktuell als Lesevergnügen vor: Ein Nilpferd steckt im Leuchtturm fest, Mixtvision Verlag München 2018, EUR 19,90, http://mixtvision.de

können tiere nicht einfach nur süß und niedlich sein?

warum muss das eichhörnchen die jungvögel in den zypressen
aus dem nest räubern und fressen?

warum hat die gänseschar draußen im park ohne ein schlechtes gewissen
die liegewiese vollgeschissen?

warum zerkratzt die katz so überhaupt nicht nett
die ledercouch und legt mir halbe mäuse vors bett?

und warum furzt der hund mit leisem gezisch
während wir essen unterm abendbrottisch?

das find ich fies das ist gemein
warum können tiere nicht einfach nur süß und niedlich sein?

Arne Rautenberg

Illustrationen von Regina Kehn.

Kätzchen & Hund

Mein Hund
der heißt Kätzchen,
mein Kätzchen
heißt Hund.

Warum
weiß ich auch nicht,
es gibt keinen Grund.

Wenn sie sich mal streiten,
dann geht’s ganz schön rund:

Wau-wau!!!
sagt mein Kätzchen.
Miau!!!
sagt mein Hund.

Hört auf
euch zu streiten,
es wird mir zu bunt!
Geht auf eure Plätzchen
und haltet den Mund!

Den woll’n wir nicht halten!
kreischen die Zwei.
Da seh ich es selbst schon:
der Streit ist vorbei.

Mein Hund
der heißt Kätzchen,
mein Kätzchen
heißt Hund.

Warum
weiß ich auch nicht,
es gibt keinen Grund.

Michael Augustin

Illustration von Regina Kehn.

Stadthund

Wenn du herunter auf die Straße gehst
wer bleibt vor dir stehen
kläfft und zeigt mit allen Körperteilen, wie er sich freut?
Das ist der Wackel von der Nachbarin Frau Hackel
Und wer bleibt ewig sitzen vor dem Baum?
Das ist bestimmt – naja – ein Kackel

Tanja Dückers

Heute

Heute sah ich ein fliegendes Pferd.
Es ist – wirklich wahr, nicht gelogen! –
an meinem Küchenfenster vorbeigeflogen.
Ich blieb ganz still am Fenster stehen
und habe ihm lange nachgesehen.

Heinz Janisch

Kätroppchen und der wöse Bolf

Kätroppchen gung dirch
den wanklen Duld.

Schla dich der wöse Bolf herbei
er zirschte dit men Knähnen.

Der Honuld daß fras Kätroppchen
mit Haat und Haur.

Wund eil die sa westorben gar,
lum drebt nie sicht sehr hehr meute.

Mathias Jeschke

Illustration von Michael Roher.

Applaus

Hoch in der Luft
flattert ein Schmetterling
von Duft zu Duft
Ich kleine Maus
liege am Rücken
und lass mich entzücken
vom Duft und von der Schönheit
des Schmetterlings
Rundherum leuchtet ein Blumenstrauß
Meine Augen sagen: Applaus!

Heinz Janisch

Mammut

manchmal, wenn ich traurig bin, steht ein
Mammut in mir drin, mit verheultem Fell und
schlappen Riesenohren, die alle Worte missver-
stehn und auch in meinem Mund verdrehn. mein
Mammut steht wie ausgestorben, aber fein auf
einem Bein – viel zu traurig, um ein Tier zu sein.
lieber wär’s ein Zauberlehrling, Kokospalme im
Spagat oder sogar Eiskunstläuferin! manchmal,
wenn ich traurig bin, fällt das Mammut in mir
drin laut schluchzend um. Bumm! wenn du uns
dann aufhebst, uns die Stoßzähne wieder anklebst
und mit deiner ausgewachsnen Riesenaffenhand
einmal durchs triefende Fell gehst, stehn wir
zweimal wieder auf, schniefen dreimal, schütteln
uns viermal nach Dickhäutermanier und dann
galoppieren wir davon.

Ulrike Almut Sandig

Illustration von Regina Kehn.

Schniebt

ein Schniebt, das weiß doch jedes Kind
das ist ein Tier, das es nicht gibt
was nichts dran ändert, dass ein Schniebt
störrisch, wie Schniebte nun mal sind
das Schniebtischsein – wow – tierisch liebt.

warum auch nicht? son ein Schniebt
ist nicht dumm, brummt nicht „Summ“
macht nicht „Muh“, ruft nicht „Buh!“
spricht nicht viel und kann nicht fliegen
frisst nicht und tut nichts als Liegen.

es ist nichts weiter als ein Schniebt
und Schniebte gibt es nun mal nicht.
mag sein, ein Schniebt ist etwas schlicht
doch schau, wie niedlich es sich schiebt
durch dieses kleine Schniebt-Gedicht!

und plötzlich macht es Bumm!
und das Gedicht ist um.

Ulrike Almut Sandig

ein nilpferd steckt im leuchtturm fest

ein nilpferd steckt im leuchtturm fest
hat sich die treppen hoch geschoben
sich in den leuchtturm reingepresst
steckt nun auf ewig fest dort oben

und wenn das fahle leuchtturmlicht
hoch oben runden zieht und macht
dass sich das licht am nilpferd bricht
dann scheint ein schatten durch die nacht

Arne Rautenberg

Illustration von Julia Friese.

 

DIE GAZETTE bedankt sich bei der „Stiftung Lyrik Kabinett“ (die in München die zweitgrößte Lyrik-Präsenzbibliothek Europas mit 55 000 Bänden unterhält) sowie beim Mixtvision Verlag München für die sehr gute Zusammenarbeit.