Volk, Nation, Selbstbestimmungsrecht: Die Stimmungsmacher im Schlachthaus

Wie eine Ideologie Karriere machen kann: Die längste Zeit galt den normalen Leuten ein homogenes Volk als etwas Aufgesetztes, Erzwungenes. Und aus den historischen melting pots konstruierten erst Geschichtsphilosophen und Politiker die „Nation“ – die deutsche, die französische und viele andere.

   Von Rudolf Walther

 

Die völkerrechtlichen Normen „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ und „nationales Selbstbestimmungsrecht“ teilen mit den Begriffen „Volk“, „Nation“ und „Heimat“ den Grad an Unbestimmtheit. An allen diesen Begriffen ist so ziemlich alles unklar. Es gab und gibt kein allgemein akzeptiertes und akzeptables Verfahren für die Bestimmung dessen, was ein Volk ist. Und es gab und gibt keine konsensfähige Theorie und Praxis darüber, wer sich wie zur „Selbstbestimmung“ qualifiziert. Das „Recht“ schließlich, auf dem das Ganze basieren soll, ist so fragwürdig wie dessen Grenzen. Der Grenzbegriff zu „Recht“ ist staats- und völkerrechtlich immer „Gewalt“. Und wenn man sich statt auf den Begriff „Volk“ auf jenen von „Nation“ bezieht, wird die Lage vollends unübersichtlich und diffus.

Die „deutsche Nation“ existiert im Geisterreich, in dem die Einbildung wirklich und die Wirklichkeit fiktiv wird. „Nation“ ist eine junge Konstruktion. Den Deutschen sans phrase erfanden erst die Nazis in einer Verordnung vom 5. 2. 1934. Vorher war man Bayer, Sachse oder Hesse, und erst seit 1871 bzw. 1913 zusätzlich auch Deutscher bzw. deutscher Staatsangehöriger. Als das politische Bewusstsein des Schriftstellers Martin Walser noch nicht deutschnational eingetrübt war, wusste er derlei noch: „Mein Großvater hat noch nicht gewusst, dass er Deutscher war. Anno 1870 eilte man bei uns noch zu den bayerischen Fahnen“, schrieb Walser 1962. Die Bundesfürsten bildeten in Bismarcks Reich den Souverän, nicht das Volk, und sie haben sich die Faustpfänder ihrer Macht – die bayerischen, sächsischen, hessischen Untertanen – von Bismarck auch nicht „verdeutschen“ bzw. „verpreußen“ lassen.

Selbst ein so nüchtern urteilender Politiker wie Helmut Schmidt, der Menschen mit Visionen eine ärztliche Behandlung empfahl, verirrte sich schwer im nationalen Geisterreich, als er 1992 – wohl nicht zufällig drei Jahre nach dem Beischluss der DDR – von „Deutschland“ als einem Land „mit immerhin einer tausendjährigen Geschichte seit Otto I.“ phantasierte. So hatten es ihm seine noch im Kaiserreich sozialisierten Geschichtslehrer eingetrichtert. Heutige Pegida- und andere Stolzteutonen blasen noch schriller ins „nationale“ Horn.

Als Otto I. im 10. Jahrhundert regierte, gab es weder „Deutsche“ noch „Deutschland“. Europa besteht aus ethnischen Schmelztiegeln, nicht erst seit Arbeitsemigranten und Flüchtlinge hierher kommen. „Deutsche“, „Franzosen“ und „Spanier“ sind ein buntes, in Jahrhunderten entstandenes Gemisch aus Verbänden, die ethnisch nie homogen waren und sich rechtlich erst sehr spät – zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert – als politische Willenseinheiten unter den Namen „deutsches“, „französisches“ oder „spanisches Volk“ zu begreifen begannen und diese diffuse Gemengelage von Gemeinschaftsgefühlen als Nation verstanden. Wollte man das „Recht der Völker“ oder das „Recht der Nationen“ im strikten Sinne verwirklichen, also staatlich territorialisieren und mit „Souveränität“ ausstatten, müsste man mit wenigstens 4000 politischen Gebilden rechnen, die ganz schnell nationale Souveränitäts- und Rechtsansprüche als „Nationalstaaten“ stellen könnten.

Verkürzt und vereinfacht: Am Anfang stand nirgendwo ein großes Volk und schon gar nicht 

eine ethnisch oder sprachlich homogene Nation, sondern eine Vielfalt von bunten Verbänden. Diese Verbände jetzt Stämme zu nennen, verbietet die Tatsache, dass mit dem Begriff „Stamm“ immer noch die legendäre gemeinsame Abstammung, Sprache und Kultur verbunden wird. Genau das war jedoch nicht der Fall. Die ethnische Entwicklung von Kleinverbänden zu Großverbänden ist überall gekennzeichnet durch eine Vielfalt von Siedlungsformen, inneren sozialen Beziehungen, Herrschaftsverhältnissen, Sprachen und ethnischen Mischungsverhältnissen. Erst relativ spät bilden sich ethnische Verbände zu Völkern und Großvölkern, wobei deren einzelne Bestandteile in Sprache, Kultur und Sitten sehr lange resistent blieben gegenüber den vereinheitlichenden („Nationalisierungs“-)Tendenzen.

Zum Beispiel ist es nicht mehr als ein Gerücht, die Franken seien das Urvolk und die Begründer Frankreichs. Der Anteil – wohl verstanden: eingewanderter – Franken am bunten Völkergemisch aus Römern, Galliern, Kelten, Bretonen, Normannen, Burgundern, Aquitaniern, Griechen und Okzitaniern etc., aus dem zwischen Antike und Neuzeit, von dem kleinen Gebiet der Île-de-France ausgehend, das neue Frankreich heranwächst, ist minimal. Einzig im Seine-Becken dürfte der Anteil der Franken im 6./7. Jahrhundert bei etwa zehn Prozent betragen haben, sonst war er überall bedeutend weniger.

Romantisch verträumt: „Germania gegen die Dämonen der Zwietracht.“ Quelle: Christian Kohler, 1848/49 (New York Historical Society)

 

Nicht die Franken ethnischer Herkunft bildeten Frankreich, es ist viemehr Herrschergeschlechtern und sozialen Eliten mit zum Teil fränkischen Vorfahren im Laufe der Jahrhunderte gelungen, die anderen in „Frankreich“ siedelnden, einwandernden und sich vermischenden ethnischen Verbände, Völkerschaften und „Stämme“ sowie deren herrschende Schichten zu einem Gemeinwesen zu formen. „Unterwerfung gegen Schutz vor inneren und äußeren Feinden“ lautete die Formel, nach der im Laufe der Jahrhunderte so etwas wie ein Staat im modernen Sinne und eine Art „nationaler Zusammenhalt“ geschaffen wurden. Dieser „nationale Zusammenhalt“ umfasste jedoch in Frankreich bis zur Revolution von 1789 explizit nur die oberen Stände. Von der nachrevolutionären Nation unterscheidet sich dieser Begriff grundsätzlich, obwohl ihm dasselbe Wort zugrunde liegt. Das einfache Volk blieb, was es immer war: normannische, acquitanische, gascognische, elsässisch-alemannische Magd, Bäuerin oder Handwerkersfrau; provenzalischer, bretonischer, burgundischer Bauer, Knecht oder Handwerker; und genauso redeten sie selbstverständlich vielerlei Sprachen – nur nicht französisch. „Frankreich“ erschien dem einfachen Volk, dem menu peuple, noch bis ins 18. Jahrhundert hinein als ein ebenso unverständliches und künstliches Produkt wie die dazugehörige Hochsprache Französisch: eine Sache der gebildeten weltlichen und kirchlichen Herren. In der ersten Parlamentssitzung nach der 1859/60 geglückten Einigung Italiens zum vereinigten Königreich Italien sagte der Abgeordnete Massimo d’Azeglio: „Wir haben Italien geschaffen, jetzt müssen wir Italiener machen.“

Der französische König Ludwig XIV. (1638–1715) meinte 1705: „Die Nation ist kein Staatsstand (corps d’état) in Frankreich“. Und: „Die Nation ist vollständig in der Person des Königs verkörpert.“ Keine hundert Jahre später wird Emmanuel Joseph Sieyès 1789 sein fulminantes Revolutions-Traktat mit dem Satz beginnen: „Der Dritte Stand ist eine vollständige Nation.“ Das war keine empirische Beschreibung, sondern ein bürgerlich-revolutionäres Programm – in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zwischen Emanzipation und erneuter Ausgrenzung derer, die man zur Nation nicht, nicht mehr oder noch nicht zählen mochte. Die Französische Revolution schuf den modernen, der Tendenz nach demokratischen Nationenbegriff. Die Beziehung zwischen moderner Nation und moderner Demokratie ist zwar genetisch unbestreitbar, aber praktisch lose und extrem provisorisch, theoretisch irrelevant und juristisch eine kriminelle Ab- und Ausgrenzung von Gleichen im Namen der National-Besonderen.

Es ist schon ein schwieriges Geschäft nachzuzeichnen, wie die französische Nation in Schule und Kaserne herangezüchtet, von national eingestellten Intellektuellen herbeigeschrieben wurde, und wie man die französische Hochsprache staatlich verordnete. Für die deutsche Nation ist das noch etwas dornenreicher, weil man es nicht nur mit nationalistisch eingefärbten Anachronismen zu tun hat, sondern seit Beginn der deutschen Geschichtswissenschaft mit einer militanten Ideologieproduktion, die – pragmatisch entschärft – in Teilen der deutschen Mediävistik und Rechtsgeschichte bis heute überwintert. Was aktuell fehlte – die Nation und ihr obligates Zubehör –, wurde von Historikern in die Vergangenheit zurückprojiziert und als in der Zukunft „wieder“herzustellendes Gebilde beschworen. Der bekannte Motor aller national gestimmten Historiographie bis zur sogenannten „Wiedervereinigung“ dessen, was als Nation noch nie zusammengehörte. Rückprojektion des gegenwärtig Fehlenden leitete die programmatisch deutschnationale Lesart der mittelalterlichen Quellen an: Die Probleme der Gegenwart bestimmten die Wahrnehmung und Aufbereitung der Vergangenheit – der Generalbass nationaler Geschichtsschreibung.

Der „deutschen Nation“, einer geschichtsphilosophischen und politischen Konstruktion par excellence, verliehen national gesinnte Historiker im 19. Jahrhundert den Charakter eines Natur-Tatbestandes, indem sie „Germanen“ und „Deutsche“ nicht nur gleichsetzten, sondern als von Anfang an vorhandenes, homogenes Großvolk voraussetzten, das im mittelalterlichen Kaiserreich eine „deutsche Einheit“ angeblich verwirklicht und dann fahrlässig („Italienpolitik“) verspielte habe. Die richtige Voraussetzung, dass ethnische Verbände, Völkerteile, Völkerschaften, „Stämme“ und Völker älter sind als „Staaten“, „Reiche“ und „Nationen“, verlängerten deutsche Historiographie und Rechtsgeschichte zur Vorstellung eines immer schon existierenden „deutschen Volkes“, das eben nur Pech gehabt habe mit seinen von Italien berauschten Herrschern und herrschsüchtigen Päpsten – und deshalb in puncto Staatlichkeit und Nationalität gegenüber „Frankreich“ (das es damals so wenig gab wie ein „deutsches“ Kaiserreich) ins Hintertreffen geraten sei.

Deutsche Einheit in der Zukunft – unter dem Preußen-Helm. Quelle: Satire-Magazin Kikeriki (August 1870)

 

Germania und Gallia waren von der römischen Antike bis ins Mittelalter und die Neuzeit hinein rein geographische Begriffe. Der Rhein bildete die Ost-West-Grenze. Das Wort Germania in mittelalterlichen Quellen zielte immer auf diese geographischen Grenzen und nicht auf die ethnische Abstammung der Bevölkerungen oder politische Substrate. Die nach Gallien gewanderten Franken waren ebenso Germanen wie die dies

seits des Rheins verbliebenen. Als „Deutsche“ bezeichneten sich freilich weder die einen noch die anderen.

Anders verhält es sich mit der Sprachbezeichnung; „deutsch“ bzw. „theodiscus“. Gebildet aus dem althochdeutschen Wort diot (Volk), meinte es alle nicht-romanischen Volkssprachen. Die nationes theodiscae umfassen z.B. nicht-romanisch sprechende Franken in den heutigen Ländern Flandern, Deutschland und Frankreich, Sachsen in England, Goten und Langobarden in Italien. Hier hießen Franken, die nicht-romanisch redeten, deshalb teutonici oder tedeschi, und umgekehrt nannten diese die romanische Sprachen verwendenden Leute in ihrer Umgebung bis heute „Welsche“. Nicht-romanisch sprechende Sachsen in England oder Franken in Flandern bzw. Italien tauchen in den Quellen als nationes theodiscae auf, können jedoch nicht „deutsche Stämme“ oder gar „Deutsche“ gewesen sein, da sie niemals dem politischen Gemeinwesen angehörten, das – 962 als ostfränkisches Reich gegründet – erst im 11. Jahrhundert gelegentlich als regnum Teutonicum (1073) auftaucht.

Mit regnum meinen die mittelalterlichen Quellen einen sekundären Herrschaftsverband. Man erklärt sich dessen Entstehung aus sesshaften ethnischen Verbänden, die sich eben durch diese Sesshaftigkeit kulturelle, rechtliche und politische Strukturen schufen und dabei die zu verschiedenen Zeiten eingewanderten wie die „eingeborenen“ Verbände assimilierten. Diese Teilreiche (regna oder auch patriae) umfassten also immer Verbände unterschiedlicher Herkunft und Abstammung: Gothia, Burgundia, Francia, Saxonia, Lotharingia, Baioaria, Alemannia, Italia, Provincia sind keine homogenen Gebilde und schon gar keine frühen „Nationen“, wie die anachronistischen Begriffe „Stamm“ oder „Stammesherzogtum“ suggerieren, sondern über lange Zeiträume entstandene melting pots. Die deutsche Übersetzung für „regnum“ lautet in der Regel „rich“ oder „lant“: „regnum Baioariae“/„Baiernlant“. Für eine Mehrzahl von „regna“ auf dem Territorium des ostfränkischen Reiches existiert vor dem 16.Jahrhundert für „Deutschland“ ganz selbstverständlich und logisch nur der Plural „deutsche Lande“, denn es gab mehrere solcher „regna“/„riche“.

Immerhin als Wandgemälde: Die deutsche Nation lauscht Fichtes Reden (Humboldt-Universität), gemalt von Arthur Kampf 1913/1914.

 

Wie unwichtig das „Deutschsein“ neben der faktischen Zugehörigkeit zu einem regionalen Teilreich und seiner Herrschaft (regnum, patria) blieb, beweist die Tatsache, dass der politische Begriff „deutsches Volk“ erst nach der Französischen Revolution und in Anlehnung an die revolutionäre Terminologie vom souveränen peuple français nachzuweisen ist.

Das „Deutsche Kaiserreich“, angeblich 962 von Otto dem Großen gegründet, gehört zu den Fiktionen der nationalstaatlich imprägnierten Historiographie des 19. Jahrhunderts, die bis heute in schlechten Schulbüchern und im common
sense
fortleben. Ottos Imperium Romanum (erst seit 1157 mit dem Zusatz Sacrum und erst seit 1442 mit der Präzisierung „nationis germanicae“, also: „Heiliges Römische Reich germanischer (d. h. rechtsrheinischer!) Nation“ und erst seit dem Kölner Reichsabschied von 26. 8. 1512 und bis zum Untergang des Reiches (12. 7. 1806) hieß es offiziell und adjektivisch „Heiliges Römisches Reich deutscher (!) Nation“ war nicht eines der „Deutschen“, womöglich gar der „deutschen Nation“ im modernen Sinne, sondern jenes der Franci et Saxones (Franken und Sachsen). Diese beanspruchten die Erbschaft des „Sacrum Imperium Romanum“ für sich. Franci et Saxones musste man allerdings geographisch näher bezeichnen, um sie z. B. von den französischen bzw. englischen Sachsen und Franken abzugrenzen – deshalb der spätere Hinweis auf die rechtsrheinisch gelegene Germania im Zusatz „nationis germanicae“, bzw. auf die Sprache „teutonicae“ oder „theodiscae“ ( = nicht romanischer Sprache).

Misstrauischer Dualismus (1856): Österreich (Elefant) und Preußen (Löwe). Quelle: Adolph von Menzel

 

Zu welchen Konfusionen es in Sachen „deutsch“ und „Nation“ trotz dieser relativ einfachen und eindeutigen Zusammenhänge nach wie vor kommt, belegt der ebenso verdienstvolle wie konservative Sozialhistoriker Werner Conze (1910–1986). Drei Jahre vor seinem Tod schrieb er einen Aufsatz mit dem Titel: „Deutschland und deutsche Nation als historische Begriffe“.

Hochideologisierter Ramsch wie der Begriff „Stammesnationen“ erscheint darin, aber kein einziger eindeutiger Beleg für das Titelwort „deutsche Nation“. Das ist handwerklich gesehen ein Defizit und faktisch das Eingeständnis, dass es frühe Belege für diesen Begriff in politischen Kontexten schlicht nicht gibt, weil man sich noch für sehr lange Zeit zwar als „Deutscher“ (d. h. deutschsprachiger Bayer, Sachse etc.) bezeichnen konnte, der Ausdruck „deutsche Nation“ aber immer die Verbindung zum „Heiligen Römischen Reich deutscher Nation“ herstellte, also gerade – modern gesprochen – zu einem supranationalen Gebilde, dem – für die Zeitgenossen selbstverständlich – Ungarn, Kroaten, Norweger, Böhmen, Luxemburger, Italiener, Spanier etc. mit angehörten.

Humanismus à la English Democracy: Hinrichtung indischer Rebellen (1857) mit geladenen Kanonen.

Das handwerkliche Defizit gerät Conze jedoch unter der Hand zum peinlichen Lapsus, wenn er als „Beleg“ für „deutsche Nation“ den Abschied des Augsburger Reichstags vom 25. 9. 1555 heranzieht. Conze suggeriert, hier stünde bereits „die Teutsch Nation, unser geliebt Vaterland“ in einem modernen Sinne, d. h. als ein explizit und exklusiv auf ein national-deutsches Substrat abzielendes politisches Subjekt zur Debatte. Das ist natürlich Unsinn, und Conze konnte das auch wissen, denn er zitiert nur die obenstehenden Worte, aber nicht den klaren Kontext, aus dem hervorgeht, dass auch 1555 „deutsche Nation“ nur auf die Titulatur des Reichsverbands abhebt, nicht auf ein nationales Gebilde, einen nationalen Staat im heutigen Sinne: „Darauf Wir uns Gott dem Allmächtigen zu Lob und zu Ehren und Jhr Liebd. und Kayserlicher Majestät zu freundlichem und brüderlichem Gefallen, auch des gnädigen, milden Willens und Vorhabens des Heil. Reiches Teutscher Nation, Unsers geliebten Vatterlands, Unser und des heiligen Reichs gemeiner Stände und Untertanen Nutz, Wolfahrt, Gedeyen und Aufnehmen zu befördern ...“.

Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs fungiert der Nationalstaat als Zauberformel für die Konfliktregelung und die Herstellung vermeintlich normaler Zustände: Jedem Kind einen Lampion und jeder Nation ihren eigenen Staat mit allem Zubehör! Das deckt sich mit der „Burlesken Träumerei“ des Avantgardisten und Komponisten Erik Satie: „Ich finde, dass alle Franzosen, die auf französischem Gebiet geboren sind, von französischen Eltern oder solchen, die diesen Anschein erwecken, ein Anrecht auf eine Anstellung bei der Pariser Post haben sollten.“ Mit der Post hat der moderne Begriff „Nation“ immerhin so viel zu tun, dass er von Paris aus seine Reise antrat, und dass Lenin außer für das „Selbstbestimmungsrecht der Nationen“ auch für die deutsche Post schwärmte.

Die Karriere des Begriffs „nationale Selbst­bestimmung“ begann mit der Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg. Diese folgte maßgeblich den Vorstellungen des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson und des Nationalrevolutionärs Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin. In Wilsons „14-Punkte-Plan“ für die Neuordnung Europas und die Friedensverhandlungen in den Pariser Vororten Versailles, Trianon, Sèvres, Saint-Germain-en-Laye und Neuilly-sur-Seine kommt der Begriff „nationales Selbstbestimmungsrecht“ nicht wörtlich vor. Hier ist nur von der Reorganisation der Konkursmasse aus dem Osmanischen und dem Habsburger Reich die Rede, und zwar „durch freundschaftliche Übereinkunft nach den bestehenden geschichtlichen Richtlinien der Zugehörigkeit und der Nationalität“. Für die vage Formulierung, die dem kommunalen self-government der angelsächsischen Tradition nachgebildet war, setzte sich bald der um kein Haar präzisere Begriff „nationale Selbstbestimmung“ durch.

Lenin sprach schon 1914 vom „Selbstbestimmungsrecht der Nationen“ und verstand es als Recht einer Gruppierung, die sich selbst als „Nation“ definiert, zur „staatlichen Lostrennung von fremden Nationalgemeinschaften“. Angesichts der Unbestimmtheit der Begriffe „Volk“ und „Nation“ und dem allenfalls hochspekulativ herzuleitenden Rechtsgrund, auf den sie sich beziehen, erscheint das „Selbstbestimmungsrecht der Nationen“ als das, womit Wilsons Außenminister Robert Lansing es 1921 bezeichnete: „Dynamit“, um die bekannte Staatenwelt in die Luft zu sprengen. Nimmt man es – mit Lenin – wörtlich, verschwänden alle Staaten ziemlich schnell, weil sich jede „Gruppierung“ mit eigener Sprache, Kultur, Religion oder Herkunft über Nacht zur Nation erklären könnte.

Die moderate, nicht-wörtliche Umsetzung des Konzepts „Selbstbestimmung“ in den Pariser Friedensverträgen bewirkte in Mittel- und Südeuropa große Bevölkerungsverschiebungen bzw. die Schaffung von multi-ethnischen „National“-Staaten, in denen eine Ethnie die politische und kulturelle Hegemonie über eine andere oder mehrere Ethnien beanspruchte, was „national“ kostümierte Konflikte bis in die Gegenwart verstetigte und verewigte.

Das vermeintliche Friedensrezept „nationale Selbstbestimmung“ löst keine Konflikte, sondern verschärft bestehende und schafft laufend neue, weil sozusagen nirgends auf der Welt ethnisch, kulturell, religiös, sprachlich homogene Gesellschaften existieren. Die Unterscheidungskriterien nach Herkunft, Sprache, Religion, Ethnie oder Kultur sind nicht objektiv zu definieren, was bei den Kriterien Sprache und Religion leicht, bei Kultur und Ethnie schwierig einzusehen ist. Aber was geschieht im national definierten Kontext mit den Mehrsprachigen? Wie soll eine Religionszugehörigkeit objektiv überprüft werden? Und wie ethnische Mischlinge? Wanderungsbewegungen und ethnische Vermischung durch Heirat machen die Trennschärfe dieser Kriterien restlos illusorisch.

Der Zürcher Historiker Jörg Fisch hat in seiner brillanten Studie Das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Die Domestizierung einer Illusion (2010) auf die widersprüchlichen und nicht-sozialverträglichen Fundamente eines solchen Selbstbestimmungsrechts hingewiesen. Es beruht auf einem doppelten Paradoxon: Worin besteht das Selbst, das sich selbst bestimmen soll, und wer bestimmt, wer das Recht auf Selbstbestimmung in Anspruch nehmen darf? Selbstbestimmung im strikten Sinn kann es nur geben, wenn es keine andere Herrschaft gibt. Das ist ein in der Geschichte unbekannter Zustand.

Seit der Festschreibung des Selbstbestimmungsrechts in der UN-Deklaration über „Bürgerliche und politische Rechte“ (1966) ist dieses zwar unbestritten, obwohl es – so Fisch – „ein Versprechen (ist), das nicht eingelöst werden kann“. Plebiszite helfen auch nicht weiter, denn deren Resultate werden meistens von einer Seite abgelehnt. Mangels einer stichhaltigen und akzeptablen Definition dessen, was ein Volk ausmacht, behalf man sich mit einer Hilfskonstruktion, mit der der Ist-Zustand im Handstreich zum Soll-Zustand erklärt wurde. Das heißt, man drechselte den Status quo zum rechtmäßigen Zustand: Was sich als Volk fühlt oder zum Volk ernennt, soll auch ein Volk sein und einen eigenen Staat gründen dürfen. Die lateinische Formel dafür heißt „uti possidetis, ita possideatis“ („wie ihr besitzt, so sollt ihr besitzen“). Wie aussichtslos die Besitzformel ist, kann an den Konfliktherden weltweit besichtigt werden. Die Formel schafft vor allem Gründe für Krieg und Bürgerkrieg.

Einzig bei der Entkolonisierung in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts spielte die Berufung auf das nationale Selbstbestimmungsrecht – gegenüber der Kolonialherrschaft – zumindest vorübergehend eine unbestreitbar wichtige und virtuell fortschrittliche Rolle. Aber kaum waren viele dieser Kolonien als Staaten unabhängig und souverän geworden, begannen sie mit der Durchsetzung des Selbstbestimmungsrechts nach innen, d. h. mit der Benachteiligung bis zu hin zur Vertreibung und physischen Vernichtung von Minderheiten.

Verfolgt man die Blutspur, die die Politik auf der Basis des nationalen Selbstbestimmungsrechts in der Geschichte hinterlassen hat, erkennt man, dass es sich dabei mitnichten um ein Recht, sondern um eine Totschlagparole oder einen Stimmungsmacher vor dem und im Schlachthaus der Geschichte handelt. Die konservative Presse betrachtet das „nationale Selbstbestimmungsrecht“ gern als Krone der „europäischen Rechtskultur“ (Johann Georg Reißmüller, FAZ 17. 7. 1991). Was als „europäisch“ gilt, bleibt dabei allerdings ebenso im Halbdunkel wie das, was man zur „Kultur“ zählt. Heinrich von Treitschke, der „Praeceptor Germaniae“ unter den deutschen Historikern des 19. Jahrhunderts, wusste das ganz genau: „Wenn die Engländer die Hindus vor die Mündungen der Kanonen banden und sie ,zerbliesen‘, dass ihre Körper in alle Winde zerstoben, so kann man das, da doch der Tod sofort eintrat, nicht tadeln. Dass in solcher Lage Mittel des Schreckens angewendet werden müssen, ist klar.“ Europäisch, nationalstaatlich, souverän-selbstbestimmt und volksnah gedacht –für Treitschke völlig klar …

 

Literatur zum Thema:

  • Karl Ferdinand Werner, Artikel Volk, Nation, in: Lexikon Geschichtliche Grundbegriffe, hg. v. Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck, Bd. 7, Stuttgart 1992
  • Bernard Guenée, L’occident aus XIVe et XVe siècles, Paris 1971
  • Karl Ferdinand Werner, Histoire de France, Bd. 1: Les origines, Paris 1984
  • Werner Conze, „Deutschland“ und die „deutsche Nation“ als historische Begriffe, in: Die Rolle der Nation in der deutschen Geschichte und Gegenwart, hg. v. O.Büsch und J.J. Sheehan, Berlin 1985
  • Karl von See, Deutsche Germanenideologie, Frankfurt 1970
  • Jörg Fisch, Das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Die Domestizierung einer Illusion, München 2010

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