Im Reich des stabilen Genies

Die großartigste Metropole des 20. Jahrhunderts spiegelt zu Zeiten von Trump nicht nur die innere Zerrissenheit der USA wider. New York leidet (wie das ganze Land) an einer miserablen Infrastruktur. Unser Autor, seit über 40 Jahren als Auslandskorrespondent weltweit unterwegs, war ziemlich überrascht.

   Von Carlos Widmann

 

Ob sie einen Sitzplatz erkämpft haben oder mit dem Handgelenk in einer Schlaufe hängen – die geduldigen Passagiere in der proppenvollen Subway unterm Union Square blicken an diesem Morgen genau so stumpf vor sich hin wie an jedem Morgen, während sie auf die Abfahrt warten Es gibt Ausnahmen, allerdings ganz seltene: da und dort sieht man einen Menschen, der im steifen Gedränge eine Zeitung oder gar ein Buch liest.

Die elegante Blondine mir gegenüber hält ein Bändchen geöffnet, dessen Titel leicht zu erspähen ist: The Subtile Art of Not Giving a Fuck. (In dem F-Wort ist das „u“ freilich durch ein Sternchen ersetzt.) Sieben Sitze weiter hockt ein abgerissener junger Mann, der einen Paperback-Wälzer vor die Brille hält. Staunend erkenne ich: The Man With­out Qualities. Er liest Robert Musil. Welcome to New York, Stadt der Kontraste.

Bei der Subtilen Kunst, einen Scheiß darauf zu geben handelt es sich um Selbsthilfe-Literatur in der späten Nachfolge von Sorge dich nicht, lebe! des Auflagen-Millionärs Dale Carnegie vor gut siebzig Jahren. Im Gegensatz zu ihm lehnt allerdings Fuck-Autor Mark Manson das „positive Denken“ ab. Viel zu stressig! Sein Glücksrezept ist eine grundsätzliche Wurstigkeit, die sich durch häufigen Gebrauch von four-letter-words manifestiert. Diese Abwehrhaltung, die in der New Yorker U-Bahn ihre Vorzüge haben mag, ist im politischen Alltag für Landesfremde unentbehrlich geworden. Wann immer Donald Trump sein Gesicht zeigt und seine Stimme erhebt, klickt der seelische Schutzmechanismus ein und befiehlt: Abschalten.

Die Vorrichtung sei auch jedem Neuankömmling empfohlen, der in Idlewild landet. Unter dem poetischen Namen war der internationale Flughafen auf Long Island von 1948 bis Ende 1963 bekannt, als das ehemalige Weidegebiet der Canarsy-Indianer nach dem ermordeten Präsidenten umbenannt wurde. Seither ist „JFK“ ins Unendliche erweitert worden, aber Terminal One liegt immer noch in Idlewild. Die Kapazität des Flughafens musste von anfangs 140 000 auf über 70 Millionen Passagiere im Jahr erweitert werden, und das merkt man. Aber erst die berechtigte Furcht vor Terroristen und Präsident Trumps persönliche Abneigung gegen einige Fremdvölker sorgen für dieses Chaos.

Über der Ankunftshalle von Terminal One blickt der Neuankömmling auf ein Menschenmeer von Tausenden – verrührt zu einem Labyrinth aus einem halben Dutzend Warteschlangen, die sich, ineinander verkeilt, im Schneckentempo voranbewegen. Die Nachdrängenden werden hilflos herumkommandiert von uniformierten Latino-Frauen, die selber noch kaum Englisch können. Dafür sind die ersten Kontrolleure keine Personen – nur graue Kästen. Den Reisepass einem Automaten zustecken und zur Lektüre überlassen; Daumen und Zeigefinger mühselig auf einer Fläche herumschieben, bis sie endlich abgelichtet sind; einer spiegelnden Kamera die Visage hinhalten und sich per Knopfdruck selber fotografieren …

Nicht jedem gelingt es, diese ersten Schleusen zu passieren. Zwischen dem Verlassen des Airbus aus Paris und der letzten Passkontrolle durch muffig blätternde Beamte vergehen gute zwei Stunden. Dann erst geht es zur Gepäckausgabe. Ein korpulenter, schnurrbärtiger Italiener verliert im Gedränge die Nerven. Mit hallender Stimme brüllt er seine Empörung über die Köpfe der Menge zu den Beamten hinüber: Terzo mondo, terzo mondo! In Wahrheit dürfte es in der weiten Dritten Welt kaum eine Ankunftshalle geben, die einen vergleichbaren Menschenstau erzeugt.

Seitdem das Land von Donald Trump regiert wird, lehnen viele sensible Westeuropäer einen Besuch der USA ab. Das ist subjektiv begreiflich, aber aus der Perspektive des Eilands Manhattan kaum zu rechtfertigen. Wer Anfang Januar in SoHo (South of Houston Street) im tiefen Schneematsch seine neue Nachbarschaft erkundet, stellt nach einer Viertelstunde erfreut fest: Trump-Land ist dies mit Sicherheit nicht. Viele der Menschen, die mit schepperndem Pappbecher auf einen zukommen, sind keine Bettler: sie sammeln nur für eine große Neighborhood Hip-Hop Party, auf der am Abend eher fröhlich als verbissen gegen „The Donald“ agitiert wird.

New Yorker U-Bahn (1914). Quelle: Francis Luis Mora

 

Anfang Januar war das angesagt, weil das erratische Verhalten des Präsidenten zu einer Debatte über seine psychische Stabilität geführt hatte. Die ehrwürdige New York Times sah sich veranlasst, einen unsignierten Leitartikel – der nicht die Meinung irgendeines Kolumnisten, sondern die der Times-Herausgeber verkörperte – mit der frechen Überschrift zu versehen: Is Mr. Trump Nuts? (Ist Herr Trump verrückt?)

Zweifel an der geistigen Zurechnungsfähigkeit des Mannes im Weißen Haus hat es in der Geschichte von 44 US-Präsidenten – von George Washington bis Barack Obama – schon ein paar Mal gegeben, in dieser Unverblümtheit aber noch nie. Das veranlasste den 45. Amtsinhaber, sich seine geistige Gesundheit von den eigenen Ärzten attestieren zu lassen. Und er selbst stellte per Tweet klar, dass er ein „äußerst erfolgreicher Geschäftsmann und Fernsehstar“ gewesen sei, bevor er „im ersten Anlauf“ die Präsidentschaft errungen habe – was ja nachweislich stimmt. Trump: „Ich würde meinen, das qualifiziert mich nicht nur als intelligent, sondern auch als Genie – und zwar als ein äußert stabiles Genie.“

Die Wortwahl ist gewiss saukomisch. Aber mochte in der euphorischen Selbstdarstellung des Präsidenten nicht ein spielerisches Element stecken, gar ein Anflug von Selbstironie? Sollte Amerikas „stabiles Genie“ fähig sein, sich über sich selbst lustig zu machen? Das gilt als unwahrscheinlich – nicht nur wegen Trumps chronischer Humorlosigkeit, sondern auch, weil bei den Amerikanern die Freude am unbeschwerten, überparteilichen Lachen schon vor der Ära Trump erodiert gewesen sei. Man lache heute mit Vorliebe hämisch – über den jeweiligen Gegner, den Feind.

Sozialpsychologen und Meinungsforscher behaupten, die einstmals so verträglichen US-Bürger würden „zentrifugale Kräfte“ entwickeln, sich immer seltener in einer Mitte zusammenfinden. Der konservative Kolumnist David Brooks – ein erklärter Trump-Gegner – spricht sogar von einem „Rückzug in die Stammesgesellschaft“. Zuerst sei das den Professoren an den Universitäten aufgefallen, weil so viele Studenten einen Hang zu ungesunder Identitätspolitik entwickelt hätten: Sie definierten sich selbst, ihre Freunde oder Gesinnungsgenossen als „wir“ – vereint in gemeinsamer Abneigung gegen „die“, die Andersdenkenden, den Feind.

Dass sich darin eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung spiegelt, gilt als sicher. Der Sozialpsychologe Jonathan Haidt von der New York University findet für die grassierenden Feindbilder drei Hauptursachen. Erstens hätten die Amerikaner im vergangenen Jahrhundert stets einen klar erkennbaren Gegner und Weltschurken vor sich gehabt: zunächst das Deutschland der Nazis, das mit dem Partner Japan die Weltherrschaft anstrebte; dann vierzig Jahre lang den Sowjetkommunismus, der bis Vietnam und Kuba expandierte. Mit dem Ende des Kalten Krieges aber sei der äußere Feind, auf den zwei oder drei Generationen fixiert waren, plötzlich verschwunden.In dem entstandenen Vakuum sorgte alsbald, so Professor Haidt, eine genuin amerikanische Kraft für die Proliferation von Feindbildern: radikal rechts orientierte Medien. Tatsächlich ist der Ton bei Fox News und vielen geistig anspruchslosen (lowbrow) Fernseh- und Rundfunksendern primitiv polemisch. Hinzu kommt die Hetze von rechten Internet- und Video-Portalen wie Breitbart News – sowie von unzähligen Kampfbloggern, die sich zu Opfern der Gesellschaft stilisieren und Rache fordern. Sie alle nähren politisches Sektierertum und erhitzen wohl auch verwirrte Einzelgänger, die dank der Waffenlobby zu Amokläufern werden können. Selbst konservative Kritiker nennen als weiteren Quell der Radikalisierung die republikanische Partei in ihrem heutigen Zustand. Deren sichtbarste Vertreter würden nicht einmal mehr um einen Anschein von Wahrhaftigkeit und Objektivität bemüht sein. Und da alte Gegner dazu neigen, einander ähnlich zu werden, steckt diese Haltung auch die Demokraten an – und die Anhänger beider Parteien in der Bevölkerung.

1994 gaben nur 16 Prozent der demokratischen Wähler zu, einen „äußerst ungünstigen Eindruck“ von den Republikanern zu haben; heute sind das schon 38 Prozent. Bei den Republikanern wiederum hat sich im gleichen Zeitraum die „tiefe Abneigung“ gegen die Demokraten sogar mehr als verdoppelt: von 17 auf 43 Prozent. Von den Demoskopen des Pew Research Center nach einer Charakterisierung der jeweiligen Gegenseite befragt, bevorzugten die Wähler beider Parteien lustigerweise identische Injurien: Sie etikettierten einander als „engstirnig“, „verlogen“, „unmoralisch“, „faul“ und „dumm“.

Darüber darf man nicht die noch viel älteren Quellen amerikanischer Zwietracht vergessen: archaischen Rassismus und Misstrauen gegenüber allem Fremden, wie sie im Deep South und auch anderswo in Amerikas tiefster Provinz virulent geblieben sind. Der Erfolgsfilm Three Billboards Outside Ebbing, Missoury hat der Nation dieses gerne verdrängte Milieu gerade mit umwerfender Drastik in Erinnerung gebracht. Sehenswert.

Dem Faktum, dass den US-Bürgern mit dem Ende des Kalten Krieges das verlässliche Feindbild des Sowjetkommunismus abhanden gekommen sei, möchte man spontan hinzufügen: Und Donald Trump ist es trotz hartnäckigster Bemühung nicht gelungen, einen stabilen Ersatz dafür zu schaffen! Er wittert Feinde in aller Welt und schafft durch unflätige Rhetorik neue dazu. Nur widerspricht er sich zu häufig, als dass es ihm je gelingen könnte, damit Einigkeit unter den Amerikanern herzustellen.

New Yorker U-Bahn (aktuell). Quelle: Erik Calonius

 

Die aufmüpfigen New Yorker, die ihren Widerstand gegen Trump auf Straßenpartys feiern, haben nun einen starken Verbündeten: Kalifornien. Erstaunlich, denn der wirtschaftlich mächtigste und menschenreichste US-Bundesstaat mit heute 40 Millionen Einwohnern wurde acht Jahre lang vom Austro-Konservativen Arnold Schwarzenegger regiert, und Erz-Republikaner wie Richard Nixon und Ronald Reagan haben von dort aus den Sprung ins Weiße Haus geschafft. Heute jedoch fühlt sich der „Golden State“ von den Republikanern und ihrem Präsidenten regelrecht bedroht.

Als an Silvester in Kalifornien die Legalisierung des Marihuana-Konsums in Kraft trat und 

Millionen mit gutem Gewissen einen tiefen Zug machten, hat Trump den Kiffern den Kampf angesagt. Dabei hatte der Bundesstaat vor zwei Jahren mit überwältigender Mehrheit für die Freigabe von Cannabis als Genussmittel (recreational drug) gestimmt. Und während Trump dies nun per Bundesgewalt rückgängig machen will, berufen sich die regierenden Demokraten in der Hauptstadt Sacramento auf die autonomen Rechte der Bundesstaaten – ein traditionell republikanischer Standpunkt. Trump hat ihn diskussionslos weggewischt.

Die Konfrontation zwischen Weißem Haus und größtem Bundestaat führt zu innenpolitischen Verwerfungen. Es geht um wichtigere Dinge als das Kiffen: Trump will die kalifornischen Behörden zwingen, der Bundesregierung bei der Deportation illegaler Einwanderer zu helfen. Das strikte Nein der Mehrheit kalifornischer Politiker hat einen hohen Beamten in Washington zu der Drohung hingerissen, dann müsse man eben in Sacramento ein paar Abgeordnete in Handschellen abführen.

Beim heiklen Thema Immigration stehen sich Trump und Kalifornien unversöhnlich gegenüber. Der Anteil von Hispanics an der dortigen Bevölkerung hat die 37 Prozent übertroffen. Die Nachkommen der Spanier und der mexikanischen Ureinwohner sind nun – zusammen mit legal eingewanderten Latinos – die größte Bevölkerungsgruppe. Und die Hispanics in der kalifornischen Volksvertretung haben eine Zufluchts-Gesetzgebung durchgesetzt, die es der örtlichen Polizei untersagt, Washington bei der Abschiebung von „undokumentierten Personen“ behilflich zu sein. Darüber hinaus wird den US-Beamten der Zugang zu kalifornischen Schulen, Kirchen, Hospitälern und Gerichtsgebäude erschwert, wo sie nach illegal eingewanderten Ausländern oder deren Kindern fahnden könnten. Dass das auf den Republikaner im Weißen Haus wie ein rotes Tuch wirkt, ist den Kaliforniern ebenso klar wie egal.

Zweimal Trump: 1964 und 2018.Quelle: Jahrbuch Military Academy

 

Dabei vergessen die Hispanics, welche Sympathien Trump bundesweit gewinnen könnte, wenn er das Thema besser informiert und rhetorisch geschickter anpacken würde. Nicht viele Amerikaner wissen, dass einmal ihr ganzer Südwesten – vom südkalifornischen San Diego bis hinauf nach Colorado, und vom texanischen Corpus Christi bis nach San Francisco – dem Vizekönigtum Neuspanien gehörte. Und wurde nicht Mexiko, legitimer Erbe dieser Kolonien, durch die Raubkriege der gierigen Gringos seiner größten und reichsten Gebiete entledigt?

Intellektuelle Latinos können den Amerikanern mit ihren revanchistisch klingenden Visionen manchen Schrecken einjagen. Der (verstorbene) Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García Márquez verkündete schon1992: „Wir sind dabei, die Vereinigten Staaten Stück für Stück zu übernehmen.“ Sein mexikanischer Kollege Carlos Fuentes prägte angesichts der Geburtenraten die sarkastische Formel: „Imperialismus der Chromosomen“. Geschehe den Gringos nicht recht, wenn sie nun von ihren einstigen Opfern überfremdet werden?

Das klingt, als wäre die kulturelle und politische Dominanz der Anglos mit den Waffen der Demographie zu besiegen. Schon um die jüngste Jahrhundertwende wurden die African Americans als größte Minderheit von den Latinos abgelöst. Deren Geburtenrate ist weitaus die höchste in Nordamerika. Und die Fertilität der Neuzugänge übertrifft noch die der Integrierten. Das ist Wasser auf die Mühlen amerikanischer Björn Höckes, die es natürlich längst gibt.

Wer mochte da bezweifeln, dass „El Muro“ – die bisherige, lückenhafte und durchlässige Stahlplanken-Mauer zwischen den USA und den Völkern South of the border – ihre große Zeit noch vor sich hat? Die „schöne, große, hohe“, tausende Kilometer lange Betonmauer gegenüber Mexiko und Lateinamerika, die Trump schon jetzt errichten will, dürfte eines fernen Tages tatsächlich gebaut werden und die Einwandererströme regulieren.

Aber jetzt? Keine Rede mehr davon, dass die Mexikaner für die Trump-Mauer selber bezahlen würden, wie der Wahlkämpfer Trump prahlerisch angekündigt hatte. Vorerst bietet das pharaonische Projekt den US-Bürgern nur die Aussicht auf radikal erhöhte, mittelfristig immer gefährlichere Staatsverschuldung. Über ein Jahr hat es gedauert, bis das an der Wall Street begriffen wurde. Seither spielen die Märkte und der Aktienindex dem Poker-Player Trump viel seltener Trümpfe zu.

Und das internationale Ansehen der USA, das schon vorher arg gelitten hatte, ist dank Trump nun vollends im Keller. Der Präsident hat die mexikanischen Nachbarn pauschal als „Vergewaltiger und Drogendealer“ verunglimpft, und seine unvergessliche Charakterisierung des Nachbarn Haiti und der Republiken Afrikas – shithole countries – stellt für die US-Außenpolitik in der UNO eine arge Hypothek dar. Und im Innern seiner gemischten Einwanderernation hat Trump damit nur neue Animositäten geschaffen sowie politische Zwietracht und ethnische Vorurteile vertieft.

Seit fünfzehn Minuten dümpelt die Subway unterm Union Square nun schon vor ihrer Plattform. Jetzt endlich setzt sie sich langsam, rumpelnd und quietschend in Richtung Lexington Avenue in Bewegung. Zwei angetrunkene African Americans feiern das Ereignis mit übermütigem Herumschubsen und Krakeelen, was von den weißen und asiatischen Fahrgästen im überfüllten Waggon durch Regungslosigkeit und eisiges Schweigen quittiert wird. Unter den Passagieren dunkler Hautfarbe aber sind geschmerzte Mienen zu erkennen – wie immer, wenn Menschen der eigenen Herkunft sich klischeegerecht, „wie Schwarze“, aufführen.

Aber was hat diese unfassbare Verspätung zu bedeuten? Sie „symptomatisch“ für die New Yorker U-Bahn zu nennen, wäre eine Untertreibung. Drei Viertel aller Zugverbindungen des riesigen Systems der Metropolitan Transport Authority wiesen bei der letzten Messung, im ersten Vierteljahr 2017, enorme, ständige, den ganzen Betrieb gefährdende Verspätungen auf. Und seither ist es noch etwas übler geworden. Technische Kollapse und menschliches Versagen zuhauf: Leuchtsignale streiken, Funkenflug löst Alarm aus, Brände müssen gelöscht werden, Wassermassen dringen in Tunnels ein, Müll blockiert Gleise, Stromzufuhr fällt aus, Randalierer oder Raubüberfälle verursachen Notbremsungen. Doch dieses marode System befördert an jedem Arbeitstag immer noch sechs Millionen Menschen zu den 472 Bahnhöfen von New York City und Umgebung. Und durchschnittlich jede Woche gibt es einen Toten.

„Dieses archaische, dreckige, verworfene Symbol für sämtliche Fehlentwicklungen unserer kaputten Großstädte“, heißt es in einer überlangen U-Bahn-Reportage der New York Times. Ihre wohlbegründete, alarmierende Zukunftsprognose für die Subway – und für New York überhaupt: Wenn 

keine radikale, Milliarden verschlingende Reform und Modernisierung stattfindet, wird das im Untergrund arbeitende Herz der wichtigsten Metropole Amerikas zu pochen aufhören.

US-Grenze zu Tijuana am Pazifik.Quelle: Tomas Castelazo

 

Natürlich nicht auf einmal. Aber viele in Manhattan arbeitende Menschen fürchten, wegen der Verspätungen schon bald viel mehr Zeit damit zu verplempern, in ihre gerade noch erschwinglichen, fernen Vorstadt-Wohnungen zu gelangen. Und wenn die Mobilität zwischen dem wirtschaftlichen Zentrum Manhattan, den Stadtteilen Brooklyn, Queens, Bronx und der weiteren Umgebung leidet, schleicht eine tiefe, langfristige Krise heran. New Yorks wirtschaftliche Energie werde ständig schwinden, meint die Times, „und Innovation findet dann eben anderswo statt“.

Der Begriff, der Amerikas dramatischstes Problem auf den Punkt bringt, heißt „vernachlässigte Infrastruktur“. Brücken brechen ein, Wasserrohre bersten, Schlaglöcher machen Straßen unbrauchbar – das sind nur die sichtbarsten Zeichen eines gefährlichen allgemeinen Verfalls. Der Immobilienhai und gebürtige New Yorker Donald Trump will sich im neuen Job energisch diesem Thema widmen – hat er versprochen. Aber sein Konzept ist verschwommen, der Kostenvoranschlag schwindelerregend: 1,5 Billionen Dollar. (Für Kopfrechner: Eine Billion besteht aus einer Million Millionen ...) Das sei kein Plan, heißt es in Washington hinter vorgehaltener Hand – allenfalls ein Wunschtraum.

Wow! Wie prächtig, dieser riesige Supermarkt gleich um die Ecke, auf der breiten Houston Street! „Whole Foods“ heißt er, und tatsächlich gibt es dort ausschließlich Nahrungsmittel, die als organic deklariert oder sonst wie bio sind. Das Einkaufen ist ein Vergnügen. Man fühlt sich auf lockere Weise tugendhaft. Ein gutes Dutzend junger Kassiererinnen – alles African Americans – sorgen flink und freundlich dafür, dass man nur ein paar Minuten in der Schlange steht. Es ist ein Riesenmarkt, untergebracht in einem altmodischen Ziegelbau. „Whole Foods“ passt gut nach SoHo, ist nur ein paar Blocks vom großen Buchladen in der Mercer Street entfernt, wo es von Gebildeten wimmelt.

Wer sich etwas länger in Manhattan umsieht, stellt befremdet fest, dass es diesen anheimelnden Ziegelbau ziemlich oft gibt. Ja, ein Dutzend Mal ist „Whole Foods“ hier vertreten, und in Nordamerika plus Großbritannien hat die Bio-Kette bereits 477 solcher Märkte eröffnet. Letztes Jahr wurde „Whole Foods“ vom Versandhändler Jeff Bezos für 118 Milliarden US-Dollar gekauft und mit seinem Online-Kraken Amazon verschmolzen. Die jungen Frauen, die so effizient Kunden und Kassen bedienen , dürften ihre Arbeitsplätze bereits verloren haben.

Unter dem 150 Jahre alten Begriff „Monopolkapitalismus“ habe ich mir mein Lebtag nie etwas Konkretes vorstellen können. Nach einem Besuch im New York des 21. Jahrhunderts aber müsste ich mich bemühen, diese Bildungslücke zu schließen.

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