Gazette 60 Editorial

„Journalismus in der Krise“ haben wir unser Titelthema benannt. Bewusst provokant. Aber stimmt’s auch? Was auffällt, ist nicht, dass „der Journalismus“ die Realitäten nicht so genau nimmt oder sie – aus vermeintlich „erzieherischen Gründen“ – schlichtweg verschweigt. Der Vertuschungsskandal von NRW-Medien zu den massiven sexuellen Übergriffen von Asylbewerbern in der Silvesternacht 2015 / 2016 in Köln ist zwar Fakt, aber nicht journalistischer Mainstream. Was bei der von den Rechtspopulisten ausgelösten Debatte über „Fake News & Lügenpresse“ völlig aus den Augen verloren wird, ist die von Karl Marx bereits vor 150 Jahren recherchierte Tatsache, dass der Kapitalismus alles – von der Lohnarbeit bis zum Sex – zur käuflichen Ware macht. Das hat ihn so erfolgreich gemacht. Sämtliche Alternativen – vom Stalinismus bis zum Karibik-Sozialismus Fidel Castros – sind grandios gescheitert. Auch der Aufstieg der Volksrepublik China zur Supermacht basiert auf der anti-maoistischen Doktrin von Deng Xiaoping: Freie Marktwirtschaft – aber unter der Kontrolle einer Staatspartei! Ein Modell, das alternativ zur westlichen Demokratie werden könnte, ganz nebenbei bemerkt. Was das mit dem GAZETTE-Titelthema zu tun hat? Ganz einfach: Auch Zeitungen, auch Reportagen, auch Nachrichten sind Waren – wie Jeans oder Autos. Sie kommen auf den Markt und müssen verkauft werden. Doch dieser Markt ist sensibel. Und die Sensibilität in Deutschland geht nach rechts. Nicht zur AfD – diese Partei, mit Millionen eines Münchner Steuer-Flüchtlings in der Schweiz hochgepäppelt, wird sich selbst zerlegen. Viel gefährlicher ist der Rechtsruck im Journalismus, besonders ausgeprägt bei der Chefredaktion der Bild-Zeitung. Sie manipuliert nicht, sie affirmiert Ressentiments und Vorurteile in breiten Teilen der Bevölkerung bis hin zum Rassismus. Nicht die „Lügenpresse“ ist die Gefahr, sondern das wohlfeile Verramschen von selektiven Nachrichten und hetzerischen Kommentaren auf dem Markt des Zeitgeistes.

 

Rudolf Schröck
Chefredakteur

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