Gazette 59 Editorial

Wissen Sie, was ein „Video-Assistent“ ist? Fußball-Fans sind davon genervt – und für Nicht-Fußballer unter den GAZETTE-Lesern (möglicherweise die Mehrheit) eine kurze Erklärung: In einem hochtechnisierten Keller in Köln sitzen Beobachter, die alle Spiele der deutschen Bundesliga am Bildschirm beobachten und per Mikrofon und Kopfhörer mit sämtlichen Schiedsrichtern in den Stadien verbunden sind. Eigentlich sollen sie nur intervenieren, wenn der Referee einen spielentscheidenden Fehler gemacht hat – zum Beispiel ein Handspiel übersehen, das zum Tor geführt hat. Oder einen klaren Elfmeter nicht gegeben hat. Die Philosophie dabei ist: Wir wollen den Fußball gerechter machen. Dieser lobenswerte „Gerechtigkeitssinn“ hat den Fußball in Deutschland ins Chaos geführt. Warum? Weil sich die Beobachter im Video-Keller von Köln zu Diktatoren aufspielten, die jedem Schiedsrichter die Meinung geigten und zu Marionetten machten. Der Manager des deutschen Champions-League-Teilnehmers TSG Hoffenheim, Alexander Rosen, hat diese Rechthaberei so kommentiert: „Wir haben es bei der Fußball-WM in Russland gesehen. Da hatten wir einen leitenden Schiedsrichter aus Simbabwe auf dem Platz, dazu einen Assistenten aus Saudi-Arabien und im Video-Raum saß einer aus Uruguay – und alles hat wunderbar und gerecht funktioniert. Und dann kommen wir Deutschen und richten das Chaos an, was wir heute erleben.“

Ich habe dieses Beispiel aus dem Fußball gewählt, weil es fast 1:1 auf die Politik und unseren Alltag übertragbar ist. Der Glaube, überall etwas besser wissen zu müssen, ist ein Irrglaube. Wenn darüber auch noch eine Soße gegossen wird, die sich Moralismus nennt und gerne mit Verboten arbeitet, wird’s ungenießbar. Die Autorin Alexandra Reinwarth hat dazu ein lesenswertes Buch geschrieben: Am Arsch vorbei geht auch ein Weg. In diesem Sinn: Bleiben Sie kritisch – aber ohne Rechthaberei.

 

Rudolf Schröck
Chefredakteur

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