Gazette 57 Editorial

Der Begriff der Nation erlebt in jüngster Zeit ein großes Revival. Der Glaube an die rasche Auflösung von begrenzten Ländern in einem EU-Konstrukt der „Vereinigten Staaten von Europa“, das der (mittlerweile gescheiterte) SPD-Chef Martin Schulz bis spätestens 2025 für absolut realistisch hielt, muss in das Reich der Visionen übergeben werden. Mag sein, dass die Angst vieler Bürgerinnen und Bürger vor zu viel Reglementierung und Bürokratie der EU damit zusammenhängt. Doch entscheidend ist dies nicht. Es lohnt sich, die Geschichte der Neuzeit – weltweit – zu reflektieren. Es gab, beginnend mit den bürgerlichen Revolutionen in Frankreich und den USA keine Veränderung der Verhältnisse, bei denen die „nationale Frage“ nicht Pate gestanden hätte. Und die sozialistischen Umstürze der Weltgeschichte? Ob Russland, China, Vietnam oder Kuba – der alte Lenin war sich sicher: „Wenn wir es nicht schaffen, die soziale mit der nationalen Befreiung zu verbinden, wird jede Revolution scheitern.“

Sicherlich: Lenin ist tot, und seine Mumie schläft für immer in Moskau. Auch das Comeback der Nationalstaaten (aus dem einen Jugoslawien wurden nach 1991 bis heute sieben neue Republiken – wie immer mit Kriegen als Geburtshelfer!) mag ein historischer Rückschritt sein. Aber der Wunsch nach Sezession, selbst im hoch entwickelten Europa, ist groß. Katalonien und das Baskenland lassen grüßen. Wo sich Nationen feiern lassen, ist der Schritt zum Nationalismus nicht sehr weit. Die Genese der nationalen Ideologie hat unser Autor Rudolf Walther einer scharfen, historisch abgeleiteten Kritik unterzogen. Ein anderer Autor, Michael Bröning, ist anderer Auffassung: „Lob der Nation“.

Die GAZETTE ist sich auch mit dieser Ausgabe ihrer Leitlinie treu geblieben - meinungsbildendes Organ eines demokratischen Diskurses zu sein.
In diesem Sinn: Bleiben Sie kritisch – auch uns gegenüber!

 

Rudolf Schröck
Chefredakteur

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