Rauchen fördert Ihre Karriere

Unser Autor, leidenschaftlicher Jäger verlorener Alltags-Schätze, entdeckt eine faszinierende Dame, abgebildet auf einer alten Zigarettenschachtel. Er macht sich auf Spurensuche – und begegnet gleich zwei vergessenen Glamour-Stars der 1920er Jahre.

     Von Andreas C. Englert

Unsere Beziehung begann in Neuötting. Die Dame lag unbeachtet auf dem Marktplatz in einer Bananenkiste, zwischen einer verblichenen Betriebsanleitung für Fahr-Ackerschlepper und dem Handbuch „Opel Ascona – jetzt helfe ich mir selbst“. Danach ging es schnell. Sie kam für vier Euro mit. Der frühere Besitzer war sichtbar froh, sie los zu sein. Er bot sogar als Zugabe noch einen Kugelschreiber der Raiffeisenbank Töging an. Nein danke, zu viel des Guten. Immerhin ist die Dame nicht von Pappe – nur ihr Werbefoto ist auf Pappe gezogen.

Der Kopfschmuck, die dunkel geschminkten Augen und der durchdringende Blick weisen sie eindeutig als Ikone der 1920er Jahre aus. Ihr Name: Lucy Doraine. Ihre Mission: „Die beliebteste 5 Pfennig-Zigarette“. Ihr Auftraggeber: Die Zigarettenfabrik Zuban in München, ehemals G. Zuban, Königlich Bayerische Hof-Cigaretten Fabrik. Blieb die Frage: Wer war die geheimnisvolle Dame, die den Glimmstängeln ihren Namen lieh? Oder vielleicht, auch ohne genaue Kenntnis der Werbeverträge zu Zeiten der Weimarer Republik, gegen Bares zur Verfügung stellte?

Dieser Name war ein Pseudonym. Denn eigentlich hieß Lucy mit bürgerlichem Name Ilonka Kovács, geboren am 22. Mai 1898 in Budapest, damals zweitgrößte Stadt der K.u.K. Monarchie. Bereits in ihrer Kindheit erhielt Lucy-Ilonka eine Ballettausbildung, in der Frühphase des Ersten Weltkrieges wechselte sie, noch als als Teenager, an die renommierte Budapester Theaterschule Bötys. Es folgten Theaterengagements und ein Angebot vom noch jungen Film: Bereits für 1916, da war sie knapp 18, verzeichnet ihre Filmographie einen Film mit dem Titel A Farkas, zwei weitere in ihrer Heimat folgten. 1919 geriet sie in Ungarn in die Wirren einer Räterepublik – gemeinsam mit ihrem Ehemann Mihály Kertész Kaminer, den sie 1918 geheiratet hatte.

Zumindest der Gatte ist bis heute weltbekannt – unter dem Namen Michael Curtiz (1886-1962) schuf er als Regisseur Filmklassiker wie Casablanca (1944) mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman oder White Christmas mit Bing Crosby und Danny Kaye, den erfolgreichsten Kinofilm des Jahres 1954. Insgesamt brachte er es auf rund 160 Filme, drei Ehefrauen – und den Ruf, ein autoritärer, despotischer Regisseur zu sein, der trotz seiner beachtlichen Karriere in Hollywood immer mit der englischen Sprache auf Kriegsfuß stand. Sein Ausspruch „Bring on the empty horses“ (er meinte Pferde ohne Reiter) schaffte es als Zitat sogar zum Titel von David Nivens Autobiografie.

Im Jahr 1919 flüchtete das Ehepaar Curtiz-Doraine nach Wien – zuvor hatte Lucy dem Wunsch ihres Gatten entsprochen, vor und nach der Geburt der gemeinsamen ehelichen Tochter Kitty Curtiz-Eberson (1915-2006) rund drei Jahre zu pausieren. Danach bauten der Regisseur und sein Arbeitgeber, die Sascha-Film, Lucy zum Filmstar auf. Sie fungierte in den meisten Filmen ihres Gatten als Hauptdarstellerin – unter Cineasten bekannt ist vor allem der von 1920 bis 1922 (!) hergestellte österreichische Monumentalfilm Sodom und Gomorrha, in dem Doraine die Hauptrolle spielte. „Mit großem Augenaufschlag und ausladenden Gesten galt sie als Musterbeispiel einer Leinwand-Tragödin in herzergreifenden Dramen und Melodramen“, charakterisiert Wikipedia ihre künstlerischen Qualitäten.

Im Jahr 1923 erfolgte die Scheidung von Michael Curtiz – kurz zuvor war Lucy Doraine nach München übergesiedelt. Mit großen Plänen: Sie gründete hier die Lucy Doraine-Film und spielte in einigen Eigenproduktionen. Stummfilme füllten die Kassen, exotische Schönheiten beflügelten die Phantasien und Sehnsüchte des Publikums in den (für viele gar nicht so oder nur zeitweilig) goldenen 1920er Jahren. In diese Zeit fiel vermutlich auch der Zigaretten-Deal mit Zuban. Bemerkenswert ist übrigens, dass die Namensgeberin weder auf der Werbepappe noch auf den zugehörigen Zigarettenschachteln raucht oder eine Zigarette in der Hand hält. Die Frage, ob sie selbst gar Nichtraucherin war, ist heute leider nicht mehr zu beantworten.

Eine „5 Pfennig-Zigarette“ gehörte zu den luxuriöseren Rauchartikeln dieser Jahre, der Preis galt pro einzelne Zigarette. Tatsächlich konnten die Kippen auch stückweise (dafür gab es eigene Tütchen) in Tabakläden und in gastronomischen Betrieben erworben werden. Trotz der noblen Note, die sich Zuban mit der Lucy Doraine-Zigarette gab, wurde sie nicht in Blechdosen verkauft (die sich besser hielten und bei Sammlern schon früher beliebt waren), lediglich in diesen recht fragilen Pappschachteln. Hätte nicht ein mittlerweile verstorbener Briefmarkensammler in Burglengenfeld in der schönen Oberpfalz seine Hamsterbestände an (ziemlich wertlosen) 6 Pfennig-­Hindenburg-Marken jahrzehntelang darin verwahrt, wäre die blaue Schachtel nicht in meinen Besitz gelangt. Und die noch seltenere rote fand sich, wenn auch fleckig, im Nachlass eines Lehrers in Bad Windsheim.

Die Karriere von Lucy Doraine hielt zunächst noch an. In meist selbst produzierten Stummfilmen spielte sie in Deutschland bis 1928 Hauptrollen. Die Streifen trugen so schöne Titel wie Gehetzte Menschen (1924), Finale der Liebe (1925) oder Eheskandal im Hause Fromont jr. und Risler sen. (1927). Was danach kam, hätte der Beginn einer Weltkarriere sein können: ein Angebot aus Hollywood, dem Lucy Doraine 1928 folgte. Und was danach kam, war kein Einzelfall: Drei Tonfilme – in englischer Sprache. Und während die Karriere von Ex-Ehemann Michael Curtiz durch Sprachbarrieren nicht zu stoppen war, ereilte Lucy das Schicksal vieler Stummfilmstars, deren Muttersprache nicht die Sprache des Landes war, in dem sie drehten: Für Lucy Doraine endete die Karriere in der Traumfabrik Hollywood 1930, da war sie 32 und geriet rasch in Vergessenheit. Ihrer Wahlheimat in den USA blieb sie trotzdem treu; sie starb am 14. Oktober 1989 in Los Angeles.

Die Münchner Firma Zuban bestand weiter, wurde allerdings vom Mitbewerber Haus Neuerburg aufgekauft, später vom Hamburger Branchengiganten Reemtsma – und seit 1975 gehörte das Werksgelände samt Fabrikation in München-Sendling dem US-Tabakkonzern Philip Morris. Noch 

bis 2008 wurden auf dem Gelände nahe dem Harras täglich rund 20 Millionen Zigaretten produziert, 2009 ging das Gelände an eine Immobiliengruppe und wurde zur heutigen „WerkStadt Sendling“.

Zigaretten können also eine Karriere fördern. Ein Einzelfall? Dachte ich, bis auf einmal eine im Format fast identische Schachtel der „Elsa Krüger Zigarette“ auf der Bühne des Trödels erschien. Zu haben im Konvolut, bei eBay, im schönen Heidelberg. Also bieten, drei-zwei-eins … meins! Während der Name Lucy Doraine zur Filmstar-Optik passte, klingt Elsa Krüger in Verbindung mit den 1920er Jahren eher nach Hausmeisterin im Wedding, in dem damals Erich Mielke, später Deutschlands dienstältester Terrorist, auf die Staatsgewalt ballerte. Nicht nach Revue-Film, sondern eher nach Mutter Krausens Fahrt ins Glück oder Kuhle Wampe – wem gehört die Welt, die eher bedrückende proletarische Realitäten darstellten. Im extremen Gegensatz zu diesem eher banalen Namen stand die Abbildung der offensichtlichen Namensträgerin: Im Kostüm der teuersten Berliner Revuen dieser Zeit, und mit einem Kopfschmuck, der dem elektrischen Diadem der Heldin aus Metropolis (1927) ähnelte.

Zunächst war der blaue Dunst einer Elsa Krüger günstiger, denn sie startete als „3 Pfennig-Zigarette“. Das war 1925, nach der Einführung der Rentenmark. Die Krügersche Kippe machte jedoch einen rasanten Preissprung, denn Ende 1926 kostete sie, aufgemotzt zur „Elsa Krüger extra“, schon 5 Pfennige. Scheinbar tat das der Nachfrage keinen Abbruch. Denn der Hersteller – die Firma Georg A. Jasmatzi aus der damaligen deutschen Zigaretten-Hochburg Dresden – schaltete in der zeitgenössischen Presse Anzeigen unter dem Titel „Zur Aufklärung“ (und in einer optischen Gestaltung, die eher den Aufruf zu einer Wahlversammlung oder ein Fahndungsplakat vermuten ließ) samt folgender hochinteressanter Erklärung: „Die ganz außergewöhnliche Qualität unserer 3 Pfg.-Zigarette Elsa Krüger brachte eine solch unerwartet große Nachfrage, daß wir unmöglich alle Bestellungen bewältigen konnten. Unter großen Anstrengungen ist es gelungen, daß wir nunmehr in der Lage sind, allen Anforderungen gerecht zu werden und jetzt ist die Zigarette Elsa Krüger in allen maßgebenden Geschäften zu haben.“ Zigarettenknappheit – und das in jenen Jahren, die später als „Friedenszeiten“ verklärt wurden!

Lag es an der vom Hersteller in den üblichen Werbetest-Hyperbeln der damaligen Zeit gerühmten Tabakqualität? Oder daran, dass in Zeiten des Starkults alle so sein wollten – oder zumindest so leben – wie Elsa Krüger? Ihren Spuren zu folgen, gestaltet sich fast noch schwieriger als die Recherchen zu Lucy Doraine. Dabei war ihr tatsächlicher Name exotischer als der, mit dem sie später in die Tabakwerbung ging: Yelizaveta Krüger wurde wohl 1893 im zaristischen Russland geboren, ihr Vater stammte aus den Niederlanden, ihre Mutter war Russin. Wie Doraine besuchte sie früh die Ballettschule, trat ab 1913 an Moskauer Theatern im Rollenfach „Moderner Tanz“ auf – mit viel Erfolg, sie galt schnell als „Königin des Tango“. Am Vorabend der Revolution kam auch die russische Filmindustrie: Bereits 1914 wirkte die Krüger in einem Film mit, der heute als einer der besten aus dem Russland der frühen Kinojahre gilt: Der stumme Zeuge (Regie: Yevgeny Bauer). Da gab sie die Rolle einer jungen Aristokratin, die den Mann, den sie liebt, nicht heiraten darf. Und gespart wurde nicht – zumindest nicht an ihrer Garderobe: Ihre prachtvollen Kostüme werden Lamanova, einem der besten russischen Modeateliers der Zeit, zugeschrieben.

Elsa Krüger war in ihrer Heimat ein Star – doch auch sie zwang die Geschichte zum Ortswechsel: 1917 von Moskau nach Odessa auf der Krim, im Jahr 1920 nach Berlin. Bereits zu dieser Zeit verkehrte sie mit Spitzen der damaligen Kunstszene: Der Maler Paul Mak (1891-1967), ebenfalls Tangotänzer und einst Bühnenpartner in Moskau, zählte zu Elsas Freundeskreis. 1917 entstand ein Porträt der Künstlerin von I. Meksin, von 1920 ist eine Zeichnung von Alexandra Exter als Kostümentwurf für Krügers Auftritte erhalten. Die enge Freundin Exter schuf auch Kunst für Elsa Krügers Wohnung in Berlin – das Kostüm-Modell für einen Mars-Krieger aus dem Film Aelita, das Elsa gehörte, ist heute Ausstellungsobjekt in der Sammlung der Nationalgalerie von Australien.

Im Gegensatz zu vielen anderen emigrierten Künstlern wartete auf Elsa Krüger in Berlin ein angenehmes Leben. Ein schwerreicher Gönner ermöglichte ihr in der deutschen Hauptstadt die Eröffnung des „Russischen romantischen Balletts“, bald eine Attraktion für alle, die Tanzkunst und prachtvolle Kostüme schätzten. Es gab unzählige Autogrammkarten Krügers (noch immer häufig zu finden – und meist auch bezahlbar, da selbst Filmfreunde nur in seltenen Fällen noch etwas mit Krügers Namen anfangen können), eigene Zigarettenbilder-Serien von Jasmatzi, passende Spielkarten zur Zigarette, und – für Werbeobjekte außergewöhnlich noble – ovale Porzellan-Aschenbecher mit der Hersteller-Kennung „Meissen“ (allerdings ohne Schwerter). Die Geschäfte liefen prächtig im Berlin der 1920er Jahre, das nach Amüsement hungerte, und in dem die Revue-Theater zu Hochburgen moderner künstlerischer Freizügigkeit wurden; Namen wie Josephine Baker und Anita Berber kennen viele noch heute.

Wer es sich damals nicht leisten konnte, Elsa Krüger live tanzen zu sehen, durfte sich immerhin für drei bis fünf Pfennige den Rauch der nach ihr benannten Zigarette durch die Lungen jagen. Im scharfen Gegensatz zum ersehnten Glamour stehen dieser Auszug aus den Teilnahmebedingungen der „Jasmatzi Aktiengesellschaft“ zu einem Preisausschreiben, der sich eher amtsdeutsch-kompliziert liest: „Jeder Schachtel der beliebten 

Elsa Krüger-Zigaretten liegt ein Bildchen der Künstlerin bei, die der Zigarette ihren Namen gegeben hat. Zusammen sind es 100 verschiedene Bildchen, die wegen ihrer Schönheit Aufsehen erregen (sic!) und in ganz Deutschland viele Tausende eifrige Sammler gefunden haben. Aus diesen Bildchen sollen Sie nun zwei auswählen, die Sie für die schönsten halten. Legen Sie diese beiden Bildchen in einen Briefumschlag, auf dessen Rückseite Sie deutlich ihren genauen Namen und Adresse vermerken müssen, und senden Sie diesen Umschlag als Drucksache, unverschlossen und mit 3 Pfg. frankiert, bis 30. April 1926 an uns ein. Wir verteilen die zwanzigtausend Mark zu gleichen Teilen an die Einsender desjenigen Bilderpaares, das am Schluß des Wettbewerbes die meisten Stimmen auf sich vereinigt …“. Später wurden in der Presse Anzeigen geschaltet, die berichten, dass das Bilderpaar 91-92 gewonnen hat – und die 20.000 Mark unter 481 Einsendern gesplittet wurden.

Elsa Krüger dürfte da auf dem Zenit ihres Erfolges gestanden sein. 1927 bekam sie überdies die Hauptrolle des als Kriminalfilm angekündigten Die Villa im Tiergarten – an der Seite von Hans Albers, Joe Stöckel, Aud Egede-Nissen, Top-Stars dieser Jahre. Noch einmal war sie 1934 auf der Kino-Leinwand zu sehen. Der Film hieß Grenzfeuer, auf der Besetzungsliste neben Krüger: Hanns Beck-Gaden, Fritz Rasp, Rudolf Klein-Rogge, damals bekannte Akteure, die es allerdings maximal zu Einzelbildchen in den damals so populären Zigarettenbilder-Alben mit Filmstar-Porträts brachten – und keine eigene 100er-Serie samt Album wie Elsa einst im Frühjahr 1926.

Obwohl Elsa Krüger – auch dank der omnipräsenten Zigaretten-Reklamen – vor allem in Berlin so bekannt gewesen sein muss wie heute ein Fußball-Nationalspieler, reißen nach dieser letzten Rolle die Informationen über sie recht abrupt ab. Sie sei im Jahr 1941 in Deutschland gestorben, darüber sind sich die wenigen Chronisten einig.

Über ihr Privatleben ist kaum etwas bekannt; auf jeden Fall gab es keine Eheschließung und keine Kinder. Da auch die Künstlerfreundin Alexandra Exter, die 1949 in einem Pariser Vorort verstarb, nie verheiratet war, könnte das auf ein sehr enges persönliches Verhältnis schließen lassen. Exter übrigens füllt heute noch Museen – sie gilt als bedeutende Vertreterin der russischen Moderne und Mitbegründerin des Art Déco. Bereits 1989 brachte ein Bild von ihr beim Auktionshaus Sotheby‘s sagenhafte 1,37 Millionen Dollar. Exter-Werke sind heute unter anderem im Thyssen-Bornemisza-Museum und in der Sammlung Ludwig zu bewundern. Zuletzt arbeitete sie als Illustratorin des Flammarion-Verlages; in manchen Biografien steht, sie sei „fast verarmt“ gestorben.

Die letzten, nicht mehr dokumentierten Jahre von Elsa Krüger dürften nicht allzu lustig gewesen sein – zumindest verschwand die bühnen- und filmerprobte Künstlerin völlig aus der Öffentlichkeit. Ob ihr früher Tod auf den Genuss der nach ihr benannten Zigaretten zurückzuführen ist? Reine Spekulation. Doch im Gegensatz zu Lucy Doraine, die sie fast um ein halbes Jahrhundert überlebte, zeigte sich Krüger rauchend auf ihren Schachteln und Werbeobjekten – die mich zur Spurensuche nach vergessenen glamourösen Stars der 1920er Jahre verführten. Dank einer Bananenkiste in Neuötting.

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