Fluchtziel Italien - mit Numerus Clausus?

Die Stimmung im „Land, wo die Zitronen blühn“ (Goethe) ändert sich dramatisch. Der nicht abreißende Flüchtlingsstrom über das Mittelmeer hat die Politische Rechte nach vorn gebracht und auch die Linke hat sich von der einstigen Willkommenskultur verabschiedet.

     Von Carlos Widmann

 

Ein dunkelhäutiger Mann, eben aus dem Meer gerettet, steht barfuß und mit triefender Gummiweste vor einem skeptisch dreinblickenden Italiener. „Wir sind verzweifelt“, erklärt er diesem. „Ich verstehe“, lautet die Antwort. „Aber ist euch nicht klar, dass ihr damit unsere Wähler den Rechten zutreibt?“ In der Karikatur der römischen Repubblica spiegelte sich, zynisch und traurig zugleich, Anfang Juli 2017 eine gewandelte Wirklichkeit. Die Zeiten, in denen Millionen Italiener sich stolz als moralische Großmacht fühlen durften – als Menschenretter vom Mittelmeer und Vorbild für Europa –, gehörten plötzlich der Vergangenheit an.

Wie kann das Ergebnis einer läppischen Kommunalwahl, bei der Ende Juni kaum mehr als ein Zehntel aller Gemeinden des Landes zu den Urnen gerufen waren, den Grund für solch einen düsteren Ausblick bieten? Damals hatte ein breites Spektrum konservativer und nationalistischer Kräfte die im römischen Parlament tonangebende Linkspartei in vielen ihrer Hochburgen geschlagen. Sogar in der Industriestadt Sesto San Giovanni bei Mailand, die wegen ihrer unerschütterlichen Treue zu den Kommunisten „Stalingrado“ genannt wird, hatte erstmals ein rechtes Bündnis gesiegt und die Linken nach 72 Jahren auf die Oppositionsbänke verbannt. Der historische Umschwung wurde in Sesto San Giovanni bis lange nach Mitternacht gefeiert – auf der Piazza della Resistenza.

Die Gemeindewahlen stellten aber auch einen Rückschlag für Italiens politischen Aufsteiger Matteo Renzi dar, der vor ein paar Jahren seinen Griff nach der Macht mit dem Versprechen eingeleitet hatte, die alt-linke Führung des Partito Democratico (PD) zu „verschrotten“ und damit den Laden in Schwung zu bringen. Diese Sammelpartei – eher  eine Art Wahlbündnis in Permanenz – wird in der EU vage als „linke Mitte“ etikettiert. In Deutschland wurde den PD-Vertretern der Einfachheit halber der Stempel „Sozialdemokraten“ genehmigt. Ihr Kerntrupp bestand jahrzehntelang aus Postkommunisten wie Massimo d‘Alema, der immerhin zwei Mal Ministerpräsident Italiens war, wie der einstige römische Bürgermeister Walter Veltroni oder wie der langjährige PD-Vorsitzende Pierluigi Bersani, um die sich – unter wechselnden Aufklebern – allerlei Überlebende der Sozialisten, der Republikaner, der Liberalen und der libertären Radikalen des (inzwischen verstorbenen) Marco Panella scharten.

Der selbsternannte toskanische rotta­mattore (Verschrotter) Matteo Renzi, Jahrgang 1975, kommt aus einer anderen Ecke. Sein Vater war Christdemokrat und Eigentümer einer Marketing-Firma, die nebenher auch von seinem politisierenden Sohn geführt wurde. Der umtriebige, redegewandte, respektlose Matteo mit seiner lebhaften Miene und dem süffisanten Schlaumeierlächeln hatte es nicht schwer, politisch aufzusteigen. Mit 29 wurde er Verwaltungsvorsitzender (presidente) der Provinz Florenz, fünf Jahre später (im Juni 2009) Bürgermeister der toskanischen Hauptstadt.

In dieser Eigenschaft wagte er es im Jahr darauf, sich vom Medien- und Immobilien-Milliardär Silvio Berlusconi, der damals gerade zum vierten Mal italienischer Ministerpräsident geworden war, in dessen antiken Privatpalast Villa Arcore bei Mailand einladen zu lassen. Aus der Perspektive der Linken und des Partito Democratico war das politisch obszön. In die edle Villa Arcore hat Berlusconi nicht einmal seine eigenen Parteifreunde eingeladen – dafür aber Vladimir Putin. Dass 

Renzi sich dort fotografieren lassen konnte, dass er eine Umarmung durch den Cavaliere dell’ Lavoro (Ritter der Arbeit) nicht scheute, und dass Berlusconi, immerhin der Veranstalter berüchtigter Bunga-Bunga-Partys, die Gattin des Bürgermeisters von Florenz abbusselte – es war einfach zu viel. Renzi erntete bitterste Kritik und üble Verdächtigungen aus den eigenen Reihen. Wollte er gar mit diesem korrupten und korrumpierenden Erzkapitalisten, diesem ideologisch und auch sonst so zweifelhaften Cavaliere ein politisches Techtelmechtel beginnen, womöglich in Richtung auf eine ferne Große Koalition? Aber die Italiener sind so leicht nicht zu erschüttern: der Sturm legte sich bald, Matteo Renzi wurde 2011 in Meinungsumfragen zum populärsten Bürgermeister des Landes erklärt. Noch erstaunlicher: Zwei Jahre später, im Dezember 2013, ist Renzi aus dem Stand zum Vorsitzenden (segretario) des Partito Democratico gewählt worden. Als solcher schaffte er in zwei Monaten seinen Aufstieg zum Ministerpräsidenten der italienischen Republik.

In tausend Tagen und zwei Wochen als Regierungschef glänzte Renzi zunächst als frische Kraft in Europa, die zusammen mit der deutschen Bundeskanzlerin und dem französischen Staatspräsidenten den Verfall der EU aufhalten würde. Zwar hat Renzi von seiner Kollegin Angela Merkel manchen bewundernden Augenaufschlag empfangen – und von dem instinktlosen François Hollande wertlose Komplimente –, aber aus der Sicht der poli­tischen Klasse Italiens ist es ihm nicht gelungen, seinen Elan und seine Auftritte in einen Eindruck von Solidität umzusetzen. Das Schlaumeier­lächeln überzeugte nicht mehr so recht, und schon vor der fatalen Gemeindewahl von Anfang Juni galt keineswegs mehr als gesichert, dass Italiens nächstes Parlament – das spätestens bis Frühjahr 2018 gewählt sein muss – den schwungvollen Vielredner Matteo Renzi ein zweites Mal zum Ministerpräsidenten erheben werde.

Flüchtlinge im Hafen von Bari. Foto: Luca Turi

 

Beim ersten Mal war der dynamische Aufsteiger ja auf dem Hochplateau gestolpert: eine von ihm ersonnene Verfassungsreform, die den Senat entmachten sollte, ist 2016 in der anschließenden Volksabstimmung durchgefallen. Hierauf blieb Italiens 42-jährigem Regierungschef nichts anderes übrig, als zur Wahrung des Gesichts seinen Rücktritt einzureichen. Parteichef des Partito Democratico aber ist Renzi natürlich geblieben, und zu seinem Nachfolger im Palazzo Chigi avancierte sein Freund und Außenminister, der geschmeidige Aristokrat Paolo Gentiloni. Der erwies sich als ein attraktiver, gebildeter, gewinnender Mastroianni-Typ, der niemals persönliche Machtambitionen erkennen ließ. Es wäre indessen verwunderlich, wenn er keine hätte.

Aber die große Frage in Italien ist ja nicht mehr, wer wohl als nächster die Macht erringt. Es gibt Wichtigeres, Dringenderes zu entscheiden vor der nächsten Parlamentswahl. Mehr als 100 000 Flüchtlinge und Migranten (zwei schwer auseinander zu haltende Kategorien) sind während der ersten Hälfte dieses Jahres an Italiens Inseln und Küsten angekommen. Innenminister Marco Minniti befürchtet, dass diese Zahl sich bis zum Jahresende verdoppeln könnte. Das wäre, gemessen an den vielen Jahren überwiegend illegaler Einwanderung – vorwiegend aus Afrika – für Italien noch keine Sensation. Die meisten wurden früher ja einfach Richtung Nordeuropa durchgewunken, was heute viel schwieriger wäre. Was sich entschieden verändert hat, ist die Einstellung der Italiener zu den Verbliebenen und den Neuankömmlingen.

Es wäre sicherlich beruhigend für die EU, wenn die unerwartete parteipolitische Gewichtsverschiebung nach rechts, die bei den Kommunalwahlen vom Juni die Medien in Verlegenheit brachte, sich als bloße Episode erweisen würde. Aber der Stimmungswandel im Lande – eine weit verbreitete, sich in Trotz und Aufmüpfigkeit manifestierende Verärgerung, gepaart mit tiefem Pessimismus – ist für jeden erkennbar und hängt eng mit dem brennendsten Diskussionsthema Europas zusammen. Der Flüchtlings- und Migrantenstrom von jenseits des Mittelmeers konzentriert sich mehr denn je auf Italien und könnte seinen Höhepunkt noch vor sich haben.

Von der anfangs erwähnten Karikatur in der Repubblica abgesehen, hat die italienische Presse zunächst wenig Neigung gezeigt, zwischen der Landung Zehntausender Bootsflüchtlinge aus Afrika und dem Rechtsruck bei den Kommunalwahlen irgendeinen Zusammenhang zu erkennen. Es hatte jedoch wenig Sinn, Offenkundiges zu ignorieren, um die eigenen Sympathien oder Überzeugungen nicht in Frage stellen zu müssen – oder auch nur, um sich in den Augen der politisch Korrekten nicht dem Verdacht eines verdrucksten Rassismus auszusetzen.

Der linksliberale Schriftsteller, Zeitungskolumnist und Fernsehkommentator Corrado Augias in Rom bekennt ganz offen: „Es ist mir überaus peinlich, mich mit diesem Thema befassen zu müssen, aber man kann ihm nicht ausweichen. Einerseits geht es um Prinzipien, die eher humanitärer als politischer Natur sind, andererseits aber um die begründete Angst vor einer Tragödie von unkalkulierbarem Ausmaß und unabsehbarer Dauer – potentiell der schlimmsten seit dem Zweiten Weltkrieg.“ Als einstiger Europa-Abgeordneter der linken Demokraten-Partei kann Augias weder blind, taub noch unempfindlich gegenüber den Gefühlen seiner italienischen Nachbarn in Rom und im ländlichen Umbrien sein: „Alle Politiker sind ihren Wählern Rechenschaft schuldig, und die Mehrheit unserer Wähler wünscht nun einmal keine Migranten mehr. Auch bei uns in Italien würden viele das Flüchtlingsproblem am liebsten mit den derben, unmenschlichen, brutalen Methoden der Ungarn lösen.“

Wobei freilich nicht so leicht zu ermitteln ist, worin denn der Riesenunterschied zwischen den Maßnahmen der Regierung Viktor Órbans (Stacheldraht-Sperre, Schließung der Balkan-Route) und denen der zwei Dutzend Migrations-Behinderer unter den EU-Regierungschefs in West‑, Mittel- und Osteuropa bestehen soll. Mit Ausnahme von Italien – dazu später – scheint in der 

Wahrnehmung deutscher Medien kaum ein EU-Land imstande, sich an die mindesten humanitären Prinzipien im Umgang mit notleidenden Menschen zu halten. In einer angesehenen süddeutschen Zeitung plädierte der bekannte Kolumnist Heribert Prantl unlängst: „Diese Union (die Europäische) tötet durch unterlassene Hilfeleistung, und ihre Politiker waschen sich ihre Hände in Unschuld – in  dem Wasser, in dem die Flüchtlinge ertrinken. Einer EU, die dem Sterben zuschaut, sollte der Friedensnobelpreis wieder weggenommen werden.“ Wenn man solche Vorwürfe im Kontext der real existierenden Welt – mit ihren politischen, sozialen, wirtschaftlichen und vor allem demographischen Daten – ernst nehmen könnte, würde die vorgeschlagene Art der Bestrafung ärgerlich infantil anmuten.

Der italienische Wahlkampf wird zwar erst im Herbst anlaufen, aber Matteo Renzi trifft schon seit langem rhetorische Vorbereitungen, in denen er sich dem Thema Migration auf eine Weise nähert, die den Rechtsruck vom Juni berücksichtigt. Den Afrikanern müsse geholfen werden, ja, aber vor allem „in ihren eigenen Ländern“, sagt Renzi, und für die Flut der Flüchtlinge, so der potentielle Ministerpräsident, müsse es einen „numerus clausus“ geben. Ins Bayrische übersetzt, klingt das schon fast wie „Obergrenze“. Aber immer mehr Italienern ist schon dieser Ton zu sanft.

Das hat auch der ehemalige Volkskomiker Beppe Grillo mit seiner „Fünf Sterne“-Bewegung begriffen. Diese einst eher linkspopulistische Partei hat sich in letzter Zeit in fremdenfeindliche Richtung entwickelt, und sie hätte für Renzis Partito Democratico zur gefährlichen Konkurrenz werden können – wenn sie nicht schon in Rom an der Regierung wäre ... Beppe Grillos lautstarkem Anhang war letztes Jahr die Eroberung des Kapitols gelungen, doch dank ihrer jungen, hübschen, bislang extrem erfolglosen Bürgermeisterin Virginia Raggi sind die „Fünf Sterne“ vor den Augen der Nation verblasst: Italiens Hauptstadt bekam nichts als neue Schlaglöcher, Verkehrschaos, Ämterpatronage und sogar die Fortsetzung alter römischer Mafia-Verstrickungen.

Von dieser Seite droht Matteo Renzi und dem Partito Democratico aller Wahrscheinlichkeit nach keine Gefahr. Ihr größeres Problem ist der andere Matteo, mit Nachnamen Salvini, Anführer der rechtspopulistischen und fremdenfeindlichen Lega Nord. Im gleichen Alter wie Matteo Renzi und wie dieser ausgestattet mit Schwung und Rednergabe, saß der gebürtige Mailänder zehn Jahre lang im Stadtrat seiner Heimat, bevor er in die römische Abgeordnetenkammer gewählt wurde. Schon seit 2004 ist er ein hochaktiver EU-Abgeordneter mit besonderen Drähten zu postsowjetischen asiatischen Republiken. Und bei Putin war er auch schon zu Gast.

Salvini unterstützt die russische Besetzung der Krim, er reißt Witze über die Roma, behauptet, er würde in Italiens Eisenbahnen getrennte Abteile für Menschen schwarzer Hautfarbe einführen  - und selbstverständlich möchte er den Euro loswerden und die EU verlassen. Die Wortschöpfung ITALEXIT wurde von ihm allerdings noch nicht gebraucht, vielleicht, weil sie noch nicht existiert. Seit den jüngsten Kommunalwahlen, in denen die Lega Nord erhebliche Stimmengewinne machte, gilt Matteo Salvini als einer der populärsten Politiker Italiens.

„Eine EU, die beim Sterben zuschaut“ (Prantl) stellt nicht wirklich ein Novum dar. Wenn Grenzen nicht abgeschafft werden können, sind Mauern und Zäune kaum zu vermeiden. Schon seit vielen Jahren war das an mehreren Stellen rund um das Mittelmeer evident. Man brauchte nur eine Fähre zu besteigen. Wer hinter dem Felsen von Gibraltar in Richtung Afrika aufbrach und dort im spanischen Ceuta landete, mochte sich in den Arm kneifen. War die Berliner Mauer etwa nicht zertrümmert und verschrottet, sondern heimlich an das Königreich Spanien verscherbelt worden? Zusammen mit Melilla ist Ceuta eine der beiden Städte an Afrikas Küste, die der einstigen Kolonialmacht geblieben sind. Hier grenzt das Hoheitsgebiet der EU direkt an das Territorium eines afrikanischen Landes.

Und das merkt man auch sofort, besonders nachts. Beleuchtungstürme tauchen den neun Kilometer langen Doppelzaun zwischen der spanischen Exklave und dem Königreich Marokko in diffuses, gelbes Licht.  Diese Zäune, die mit EU-Zuschüssen von Hunderten Millionen Euro verbessert und inzwischen auf nahezu unüberwindliche Höhen gebracht wurden, sind von einem Dickicht aus schärfstem Stacheldraht überwachsen und gespickt mit gepanzerten Wachtürmen in freundlichem Weiß-Blau. Eine Grenzsperre von DDR-Format, um nicht zu sagen: Weltniveau. Nur einen Schießbefehl gibt es nicht. Zumindest nicht auf spanischer Seite, nicht unter europäischer Verantwortung. Gestorben aber wird hier trotzdem – allerdings umso seltener, je höher die Zäune wurden.

Jahre waren vergangen seit den letzten verzweifelten Versuchen, den Schutzwall durch schieren Masseneinsatz zu überwinden. Die alte Festung Europa sollte gestürmt werden mit Methoden des Mittelalters: auf langen selbstgefertigten Leitern kletterten über tausend Schwarzafrikaner auf den ersten Zaun; nur wenige kamen bis zum zweiten durch, und fünf starben im Stacheldraht. Darauf probierten es 650 Afrikaner in Melilla, auch diesmal mit Todesopfern. Es heißt, die Marokkaner setzten manchmal scharfe Munition ein, wogegen Spaniens Guardia Civil sich auf Gummi­geschosse beschränke. Abschreckender dürfte für die Zaunstürmer der allgegenwärtige, tückische, rasiermesserscharfe Draht sein, der in Venen und Adern schneidet und ganze Fleischfetzen aus dem Leibe reißt.

Dem Vorwurf, die Grausamkeit solcher Barrieren sei vergeblich und bewirke keine Eindämmung der illegalen Migration ins Schengen-Reich, widersprechen die amtlichen Zahlen und die Unverdächtigen unter den gewählten Politikern. Nach Aussage des Sozialisten José Luis Rodríguez Zapatero gelang dank des grausig blitzenden „NATO-Draht“ in einem Jahr die Halbierung des Menschenzustroms aus Afrika. Seitdem die Zäune verstärkt wurden, kehren viele afrikanische Migranten geschlagen heim oder brechen erst gar nicht auf. Doch im August 2017 gelang es  etwa siebzig von ihnen wieder, EU-Boden zu erreichen; Tausende verharren weiter unter unwürdigsten Bedingungen im Hinterland.

Oder sie steigen in die Boote und Gummischläuche der Menschenschmuggler. Ohne viel Aufhebens davon zu machen, haben die Italiener bereits vor 15 Jahren damit begonnen, sich um diesen anschwellenden Menschenstrom zu kümmern. In der Straße von Messina, die das östliche mit dem westlichen Mittelmeer verbindet, war nun ständig ein Rettungskreuzer der Kriegs­marine im Einsatz, der schon damals Schlepperbanden zu bekämpfen suchte und in Seenot geratene Fremd­linge aufnahm. Der Menschenschmuggel aus Marokko und Tunesien nahm trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) rapide zu. Wie ein Gewerkschaftler in Rabat uns versicherte: „Das Regime ist doch jedem Schleuser dankbar, der sein Boot mit Nordafrikanern füllt. Um sozialen Druck 

abzulassen, gibt es kein besseres Ventil als den Export der eigenen Landsleute.“

Bis es zu einem weltweit beachteten Desaster kam: bei einem einzigen Transport sind im Oktober 2013 vor Lampedusa nahezu 400 afrikanische Flüchtlinge ertrunken. Darauf hat Ministerpräsident Enrico Letta seinen Militärs eine massive Mission aufgetragen. Befehligt von einem Admiral, kamen ein Landungsschiff, zwei mit Bordhubschraubern bestückte Fregatten, zwei Korvetten, mehrere Aufklärungsflugzeuge und sogar U-­Boote über ein Jahr lang im Mittelmeer zum Einsatz. Umschwirrt von zahllosen Drohnen, schlossen Einheiten von Heer, Luftwaffe, Carabinieri und Küstenwache sich der Operation an. Schlepperbanden wurden festgenommen oder zumindest identifiziert, gefährlich überfüllte Schlauchboote an Land gezogen, ihre Insassen verköstigt, untergebracht und ärztlich versorgt.

Die Aktion war ein Riesenerfolg. Aus Genf meldete die Internationale Organisation für Migration (IOM), die Italiener hätten mit ihrer „Operazione Mare Nostrum“ innerhalb von 14 Monaten über 150 000 Menschenleben gerettet. Dadurch wurde auch ein historisch anrüchiges Markenzeichen ein wenig rehabilitiert. Denn nicht nur die alten Römer hatten das Mittelmeer zu ihrem Binnengewässer erklärt, auch der Duce Benito Mussolini verwendete in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts den einprägsamen Begriff  MARE NOSTRUM – allerdings, um Italiens „Lebensraum“ auf das Horn von Afrika auszudehnen, wozu ein gewisses Maß an grausamer Gewalt unvermeidbar war. In Äthiopien, dem ehemaligen Abessinien, ist der italienische Senfgas-Einsatz gegen Afrikaner bis heute nicht vergessen.

Wenn es in Italien einen Freund der Flüchtlinge und Migranten aus aller Welt gibt, der sich völlig rückhaltlos auf ihre Seite stellt, dann ist das der Bischof von Rom. Jorge Mario Bergoglio ist selbst der Sohn eines italienischen Migranten: sein Vater wurde in der Nähe von Asti im Piemont geboren und wanderte in den 1930er Jahren nach Argentinien aus, wo der künftige Papst 1936 auf die Welt kam; seine Mutter stammte von italienischen Auswanderern ab. Am Donnerstag, den 6. Juli 2017 klingelte bei dem römischen Journalisten Eugenio Scalfari das Telefon; es meldete sich Papst Franziskus.

Scalfari, Gründer der linksliberalen Repubblica, ist 93 Jahre alt und bekennender Nicht-Gläubiger, aber die beiden Männer sind seit Jahren befreundet. Der Papst rief an, weil er sich mit Scalfari über den G20-Gipfel unterhalten wollte, der am nächsten Tag in Hamburg beginnen würde. Also bestellte der Journalist sich ein Taxi und fuhr in den Vatikan.

Papst Franziskus äußerte zunächst seine Besorgnis über „gefährliche Beziehungen zwischen Mächten, die ein verdrehtes Weltbild haben: Amerika und Russland, China und Nordkorea, Putin und Assad im Syrienkrieg ...“ Auf die Frage nach dem Grund für seine Besorgnis erwiderte Franziskus: „Die Gefahr betrifft die Einwanderer. Wie Sie wissen, haben wir in der heutigen Welt das wachsende Problem der Armen, der Schwachen und der Ausgestoßenen, zu denen die Migranten gehören. Andererseits gibt es Länder, in denen die Mehrheit der Armen nicht der Einwanderung entstammt, sondern üblen sozialen Zuständen. Andere Länder wiederum haben nur wenige einheimische Arme, aber sie fürchten die Invasion der Migranten. Deshalb macht mir der G20-Gipfel Sorge: Er trifft vor allem die Einwanderer der halben Welt und wird sie noch härter treffen, wenn noch mehr Zeit vergeht.“

Welche Beschlüsse der G20-Länder es waren, die sich nach Meinung Bergoglios nachteilig auf die Flüchtlinge und Migranten auswirken würden, geht aus Scalfaris Protokoll nicht hervor. Die „Bekämpfung von Schleuserei und Menschenhandel sowie  der grundlegenden Ursachen von Vertreibung“, wie es in der Hamburger Abschlusserklärung heißt – die kann es eigentlich nicht sein. Auch soll die „wirtschaftliche Entwicklung in den Herkunfts- und Transitländern der Migranten“ gefördert werden. Die „Bedürfnisse von Flüchtlingen und Migranten“ seien zu berücksichtigen – wer kein Bleiberecht finde, müsse „Unterstützung im Heimatland“ bekommen. Und so ähnlich wie die G20 argumentiert längst auch Matteo Renzi. Dagegen ist schwer zu polemisieren.

Was das Migrantenkind Bergoglio im Vorfeld gegen die G20-Gruppe einnahm, könnte die Prägung durch seine argentinischen Lehrjahre gewesen sein. Er war neun Jahre alt, als General Juan Domingo Perón und dessen Frau Evita 1945 durch eine Mischung aus Putsch und Volksaufstand an die Macht kamen. Der lateinamerikanische Drittwelt-Populismus von heute geht zum Teil auf die Rhetorik von damals zurück, als der populäre Diktator für Argentinien und Lateinamerika eine „dritte Position“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus verkündete, die Arbeiter mit Geschenken überhäufte und eine attraktive peronistische Jugendorganisation gründete. Als Perón 1955 gestürzt wurde, war der künftige Papst gerade 19 – aber  es waren politisch prägende Jahre gewesen.

Auf das Thema Migration in Zeiten der Globalisierung angesprochen, erwiderte Franziskus seinem Freund Scalfari: „Machen Sie sich da keine Illusionen: Die armen Völker werden angezogen von Ländern mit altem Reichtum, vor allem von Europa. Der Kolonialismus kam aus Europa, und er hatte ebenso negative wie positive Aspekte. Jedenfalls wurde Europa immer reicher, die reichste aller Weltgegenden. Es wird also zum Hauptziel der wandernden Völker werden.“ Auf diese Herausforderung würden die Europäer nur angemessen reagieren können, wenn sie sich zu einem Bundesstaat zusammenschließen. „Sonst werden sie auf der Welt überhaupt nicht mehr zählen.“

Das Gespräch zwischen den beiden alten Herren, wie Scalfari es erinnert, gibt vor allem Aufschluss über die enorme Bedeutung, die Afrika für das Schicksal Italiens haben wird. „Die These des Papstes ist, dass die Rassenmischung (meticciato) unvermeidlich ist und von Europa begünstigt werden sollte. Sie verjüngt unsere Bevölkerung, fördert die Integration der Rassen, der Religionen und Kulturen. In fast allen Ländern Europas schwindet und vergreist die Bevölkerung; die Aufnahme der Migranten stellt für Franziskus deshalb eine positive Entwicklung dar.“

Bei einem Argentinier italienischer Herkunft ist das ein begreiflicher Standpunkt; für Italiener, die die Immigration in Italien erleben, ist er nicht so leicht nachvollziehbar. Im Corriere della Sera fordert ein Leitartikel dazu auf, die Landung aller fremden Schiffe zu unterbinden, die Flüchtlinge ins Land bringen wollen: „Es gibt Hunderttausende von Ausländern, die von uns aufgenommen werden ohne jede Aussicht auf politisches Asyl, und die sich ohne jede Zukunft in unserem Lande verlieren.“ In vielen Landstrichen Mittelitaliens kennen die Einheimischen nur drei Arten von afrikanischen Einwanderern: Die jungen Priester, die wegen Nachwuchsmangel des italienischen Klerus an Sonntagen in vielen Kirchen predigen – für Bauern nicht immer verständlich; die nicht mehr so jungen, freundlichen Nigerianer, die fließend Englisch sprechen und seit Jahren vor den großen Supermärkten die Touristen anbetteln; und die armen jungen Frauen aus mehreren Ländern West­afrikas, die von italienischen oder rumänischen Zuhälterbanden jeden Morgen auf den Landstraßen abgesetzt werden und den ganzen Tag weithin erkennbar ihrem Gewerbe nachgehen. Rollen­modelle für gelungene Immigration sind das nicht.

Italiens Innenminister Marco Minniti war vorher lange Zeit Außenminister, und er ist sich des enormen demographischen Drucks bewusst, dem Afrika in seinem Elend ausgesetzt ist. Minniti kennt aber auch sein eigenes Land gut genug, um zu wissen, dass die Italiener nach den heroischen Jahren der Flüchtlingsrettung nicht mehr bereit sind, darbende Massen aufzunehmen – und dass sich das im bevorstehenden Wahlkampf höchst negativ auswirken kann. Wie Renzi hofft auch er, dass den Afrikanern „in ihren eigenen Ländern“ geholfen werden könne – was zunächst auf einen Plan hinausläuft, menschenwürdige, von der UNO geführte Flüchtlingslager in Nordafrika einzurichten.

Die Kosten soll „Europa“ tragen, wobei sich die Blicke nahezu automatisch auf Berlin richten.

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