Gazette 54 Editorial

Zu Beginn des vergangenen Jahres, in dem Brexit, Trump und Erdoğan für ungeahnte Überraschungen sorgten, lieferte uns der amerikanische Informationsdienst „Strategic Forecasting“ (Stratfor) eine düstere Prognose für das kommende Jahrzehnt. Europa wird demnach in vier Bereiche zerfallen: in Westeuropa, Osteuropa, Skandinavien und die Britischen Inseln. Und Deutschland würde wegen seiner exportlastigen Wirtschaft besonders stark zu leiden haben. In Russland würden sinkende Ölpreise, Wertverlust des Rubels und steigende Militärausgaben dazu führen, dass die Regierung an Kraft und Zustimmung verliert und sie die Russische Föderation nicht mehr führen kann.
Fazit: „Russland wird in Fragmente zerfallen.“

Chinas Gebiets- und Machtansprüche auf den Meeren werden – laut Prognose – zu Spannungen und in den benachbarten Staaten zu Aufrüstung führen, vor allem in Japan. Die Vereinigten Staaten von Amerika werden sich militärisch weniger engagieren und sich von den internationalen Konflikten abschotten.

Und die Türkei, als „vergleichsweise stabiles Land“ bezeichnet, wird wegen des Verfalls der politischen Strukturen in der arabischen Welt an Einfluss gewinnen.

Manches ist schon wahr geworden, einige der Prognosen der Politologen, Ökonomen und Sicherheitsexperten von Stratfor sind dagegen obsolet. Die Welt wird offenbar häufiger als alle zehn Jahre neu vermessen. Heute kochen Autokraten und Nationalisten in aller Welt ihr Süppchen – und Europa atmet schon durch, wenn eine rechtsextreme Kandidatin bei Präsidentschaftswahlen „nur“ auf 35 Prozent kommt.

Den Schwarzsehern & Wutbürgern sei gesagt: Um Krisen zu meistern, bedarf es mehr als populistischer Phrasen. In Europa haben viele der oft zu Unrecht ungeliebten Politiker seit 70 Jahren ein recht erfolgreiches Rezept angewendet: Einigen statt Spalten!

Leider wird dies was eigentlich selbstverständlich ist, oft nicht wertgeschätzt und selten verteidigt. Doch jenseits von ängstlichen Apokalyptikern und pessimistischen Nein-Sagern erheben inzwischen in ganz Europa Sonntag für Sonntag Tausende von Menschen in weit mehr als hundert Städten ihre Stimme für ein vereinigtes Europa. In der Bewegung „Pulse of Europe“ zeigen sie Gesicht, wo bisher auf Demos nur Anti-Europäer und Nationalisten zu sehen waren. Sie scharen sich hinter der blauen Flagge mit den zwölf goldenen Sternen und treten ein für Frieden und Freiheit, für Toleranz, Respekt und Rechtsstaatlichkeit. Das gemeinsame Europa soll bleiben, sagen sie, aber es darf gerne noch transparenter und demokratischer werden.

„Pulse of Europe“ erwirbt sich große Verdienste um Europa und die europäische Einigung, wofür jährlich in Aachen ein großer Preis verliehen wird. Es wäre ein zukunftsweisendes Zeichen, wenn er einmal nicht an einen Politiker ginge, sondern an eine engagierte, den Weg weisende Gruppe dieser Demos.

Peter Köpf
Stellv. Chefredakteur

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