Jung, smart und ambitioniert

Wir sollten Afrikas Jugend nicht als tickende Zeitbombe betrachten, sondern als eine Chance für Innovation und Erneuerung auf dem Kontinent. Afrikas Fortschritt liegt im Interesse des globalen Gemeinwohls.

          Von Horst Köhler

Die junge Generation ist die Hoffnung des schwarzen Kontinents. Foto: Action Press

Am Abend der Amtseinführung von Präsident Trump saß ich mit einer Gruppe von Freunden und Kollegen bei einem Abendessen. Viele von ihnen stammten aus Afrika. Ungläubigkeit, Trotz und auch Trauer erfüllten den Raum – Trauer, dass eine Nation, deren Stärken stets Offenheit und Optimismus waren, nun dem Rest der Welt in einer Geste des Kleinmuts und der Furcht die Tür vor der Nase zuschlägt. Und während ein derartiger Ausschluss von der globalen Bühne für viele afrikanische Intellektuelle und Politiker leider keine unbekannte Erfahrung ist, konnten meine Freunde keinerlei Trost in der Tatsache finden, dass dieses Mal nicht nur Afrika ins Abseits gedrängt wird, sondern das Konzept der internationaler Zusammenarbeit insgesamt.

Darin besteht das größte Paradoxon unserer Zeit: In der Geschichte der Menschheit war es nie deutlicher als jetzt, dass unsere Herausforderungen global und komplex sind. Trotzdem suchen immer mehr Menschen Zuflucht in Antworten, die national und simpel sind. Die derzeitige Neigung zum nationalistischen Rückzug und zur Delegitimisierung des Multilateralismus kann nichts daran ändern, dass wir in einem Zeitalter wechselseitiger Abhängigkeit leben. Kein Staat, ungeachtet seiner Macht oder seines Reichtums, kann seinen Wohlstand und seine Sicherheit langfristig sichern, ohne dabei die Perspektive anderer zu berücksichtigen.

Die derzeitige Flüchtlingskrise ist lediglich die sichtbarste Manifestation dieser Realität. Daher bestehen die zwei größten globalen Herausforde

rungen unserer Generation in der Bekämpfung der extremen Armut und des Klimawandels. Beides zu erreichen liegt im unmittelbaren Interesse aller Nationen.

Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen sowie das Pariser Klimaschutzabkommen, auf die sich 2015 alle Regierungen dieser Welt geeinigt haben, sind ein wertvoller Rahmen dafür. Ihre Bedeutung wird in diesen paradoxen Zeiten nicht geringer, sondern größer. Gerade in diesem Kontext ist die entschlossene und ehrliche Auseinandersetzung mit afrikanischen Stimmen und Wirklichkeiten wichtiger denn je.

Afrikas Entwicklung liegt im Interesse des globalen Gemeinwohls. In Afrika zu investieren bedeutet, in unser aller Zukunft zu investieren. Der internationale Währungsfond schätzt, dass bis 2035 jedes Jahr 18 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen werden müssen, um Afrikas stetig wachsender jungen Generation gerecht zu werden. Sind wir bereit, dieser gewaltigen, nie dagewesenen Herausforderung ins Auge zu schauen – durch den Nebel „alternativer Fakten“ hindurch?

Sind wir bereit anzuerkennen, dass dies nicht nur eine afrikanische, sondern eine globale Herausforderung ist? Im Jahr 2050 werden Afrikaner mehr als 20 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen – zwei Milliarden Menschen, die ihr Leben in Würde leben wollen. Europa wird lediglich fünf Prozent der Weltbevölkerung stellen. In Anbetracht dieser Größenverhältnisse wird deutlich, dass die Sicherheit Europas in direkter Abhängigkeit zur Entwicklung Afrikas steht.

In den vergangenen Monaten hatte ich die Möglichkeit, viele junge Afrikaner zu treffen: einen Rapper aus Senegal, der zu Ruhm gelangte, als er die friedlichen Jugendproteste anführte, die dabei halfen, den Präsidenten zu stürzen; eine Jurastudentin und Schweinezüchterin aus Ghana, die sich in der Politik ihres Landes engagiert, aber sich vor allem als Unternehmerin sieht; eine junge Journalistin aus Südafrika, die sowohl die Rolle ihrer Regierung als auch die ausländischer Bergbauunternehmen im Kontext der wirtschaftlichen Sorgen ihres Landes kritisch beobachtet. All diese jungen Menschen strotzen nur so vor Kreativität, Entschlossenheit und Optimismus. Keiner von ihnen wollte irgendetwas umsonst. Wir sollten Afrikas Jugend nicht als eine tickende Zeitbombe ansehen, sondern als eine Chance für Innovation und Erneuerung auf dem Kontinent. Aber die nackten Bevölkerungszahlen sind nur schwer zu ignorieren. 

Um Perspektiven für Afrikas rapide wachsende Jugendpopulation zu schaffen, brauchen wir in erster Linie afrikanische Führungspersönlichkeiten, die ihren Regierungsauftrag ernst nehmen. Es ist kein Geheimnis, dass diejenigen afrikanischen Länder, die nur über wenig Rohstoffvorkommen verfügen, den derzeitigen weltwirtschaftlichen Abwärtstrend besser verkraftet haben. Das liegt auch daran, dass sie sich bewusst sind, dass nachhaltige Arbeitsmarktpolitik und Wachstum vor allem durch grundlegende Faktoren wie Rechtsstaatlichkeit, ein gutes, korruptionsfreies Wirtschaftsklima sowie Investitionen in die Bildung bedingt werden, und nicht durch das blinde Vertrauen auf den Export von Rohstoffen und Öl.

Afrikanische Regierungschefs müssen lediglich auf ihre erfolgreichsten Kollegen schauen, um Inspirationen dafür zu finden, was ihre Länder wirklich voranbringen kann. Dabei müssen sie aufhören, mit dem Finger auf westliche Scheinheiligkeit zu zeigen, nur um die eigene zu verbergen. Ich glaube an eine afrikanische Renaissance, die nicht aggressiv ist, sondern partnerschaftlich, die sich nicht durch das definiert, was sie bekämpft, sondern durch das, wofür sie steht.

Sich auf Afrikas Eigenverantwortung für seine Zukunft zu berufen heißt nicht, die industrialisierte Welt aus der Verantwortung für den Kontinent zu entlassen. Afrika benötigt globale Rahmenbedingungen, die seinen Fortschritt ermöglichen und unterstützen. Dazu gehören: internationaler Handel, welcher der Industrialisierung Afrikas nicht weiter im Weg steht, internationale Steuergesetze und -zusammenarbeit, die dem rechtswidrigen (und unmoralischen!) Abfluss von Kapital und Profiten entgegensteuern, ein Klimaschutzregime, das sich explizit mit der Region befasst, die am wenigsten zur Erderwärmung beiträgt, aber am meisten darunter leidet.

Zudem trägt Europa, Afrikas nächster Nachbar, eine besondere Verantwortung, die gleichermaßen eine Chance ist. Europa sollte Investitionen seines Privatsektors in Afrika massiv fördern, die regionale Integration unterstützen und die afrikanische Friedens- und Sicherheitsarchitektur stärken. Das sollte nicht als Wohltätigkeit verstanden werden, sondern aus einer Abwägung der gemeinsamen Interessen geschehen.

Wenn sich Europa auf eine derartige Partnerschaft einlässt, sollte es sich davor hüten, zwei Fehler zu begehen, die in der Vergangenheit die Beziehungen zu Afrika getrübt haben:

Der erste, schlimmste Fehler besteht darin, Afrika lediglich als Erweiterung europäischer Interessen zu betrachten. Die Intervention in Libyen und das katastrophal matte Engagement in deren Nachgang ist eines der abschreckendsten Beispiele; zusammen mit dem zweiten Irakkrieg ist das die schlimmste Sünde westlicher Außenpolitik in den letzten fünfzehn Jahren. Die Entscheidung, Libyen zu bombardieren und Muammar al-Gaddafi zu beseitigen, fußte vor allem auf französischen und britischen Ambitionen, die recht wenig mit Afrika zu tun hatten.

Die Konsequenzen für Afrika und Europa wiegen schwer und sind bekannt. Die Flüchtlingskrise, zumindest teilweise ein Ergebnis der Kettenreaktion, die durch dieses fehlgeleitete westliche Abenteuer ausgelöst wurde, ist ein weiteres Beispiel von Europas Neigung, seine Zusammenarbeit mit Afrika nur mit Hinblick auf seine kurzfristigen Interessen zu konzipieren.

Migration zu kontrollieren ist ein legitimes und notwendiges Ansinnen. Jedoch reduziert die derzeitige Neuausrichtung der afrikanisch-europäischen Beziehungen mit dem Fokus auf Migrationskon­trolle Afrika wieder einmal auf eine potenzielle Bedrohung. Das bekräftigt Vorstellungen von Über- und Unterlegenheit. Und so werden politische Entscheidungen durch fragwürdige Maßstäbe in die falsche Richtung getrieben: Misst sich der Erfolg europäischer Afrikapolitik nun eigentlich am Fortschritt in Afrika oder bloß anhand der Zahl von Afrikanern, die Europas Küsten erreichen?

Wenn sich Europa für Letzteres entscheidet und Regierungen zweifelhaften Rufes besticht, damit sie ihre Leute von der Reise gen Norden abhalten, wird das wenig zu Wohlstand und Sicherheit in Afrika beitragen, gleichzeitig aber die Instabilität begünstigen. Stattdessen sollte Europa die produktive Zusammenarbeit mit jenen afrikanischen Regierungen vorantreiben, die bereits Reformbestrebungen aufweisen – eine Herangehensweise, die momentan die G20 und die deutsche Regierung in Betracht ziehen. Dabei sollten sie nicht davor zurückschrecken, legale Migrationswege für afrikanische Studenten, Wissenschaftler und Unternehmer zu öffnen. Den Austausch und Dialog zu fördern wäre das Gegengift für den zweiten Fehler, der vielen politischen Initiativen im Bezug auf Afrika zu Grunde liegt: afrikanische Stimmen und Realitäten zu ignorieren.

Um noch einmal auf das Beispiel Libyens zurückzukommen: Das dortige Desaster entstand zumindest teilweise aus der Weigerung, mit afrikanischen Partnern zu kooperieren und ihre Einschätzungen ernst zu nehmen. Unterhändler der Afrikanischen Union hatten ihre europäischen Verhandlungspartner vor dem drohenden Chaos gewarnt. Doch diese ignorierten den verzweifelten Versuch des früheren südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki, Gaddafi in letzter Minute vom Gang ins Exil zu überzeugen.

Sicherheits- und Entwicklungsstrategien auf die Grundlage afrikanischer Ideen und Expertise zu stellen, ist keine Sache politischer Korrektheit. Es ist eine Frage der Wirksamkeit. So zu tun, als wüssten wir es besser, ist nicht einfach kulturelle Arroganz, es führt auch zu fehlerhaften strategischen und politischen Entscheidungen und wirkungslosen Projekten.

Nirgends ist dies wichtiger als im Bereich der Sicherheit. Das Wesen der Konflikte in Afrika hat sich gewandelt. Die Vielfalt der Akteure, religiöser Extremismus, organisierte Kriminalität und transnationale Konfliktzonen stellen bewährte Strategien und Normen von Friedensmissionen in Frage. Die Auseinandersetzungen in Mali, Nigeria oder Somalia lediglich durch das Prisma des globalen Anti-Terrorkriegs zu betrachten und militärische Interventionen mit dieser Perspektive zu planen, wird an seine Grenzen stoßen – und könnte sogar zu neuen Sicherheitsrisiken führen.

Deshalb ist es von höchster Bedeutung, dass Afrika seine eigene Stimme findet und selbst tätig ist, um den Frieden auf dem Kontinent zu erhalten. Die gute Nachricht ist, dass in den vergangenen Jahren viel in dieser Hinsicht geschehen ist. Mit Unterstützung vieler Partner konnten Afrikanische Union und regionale Wirtschaftsgemeinschaften die afrikanische Sicherheitsarchitektur stärken, die Konfliktanalysen, Verhandlungsteams, Wahlbeobachter sowie Polizei- und Armeeeinsätze umfasst. Erst kürzlich intervenierte die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS erfolgreich in Gambia und sorgte dafür, dass die Wahlergebnisse umgesetzt wurden, ohne auch nur einen Tropfen Blut zu vergießen. Dies ist trotz aller Eigenheiten ein ermutigendes Beispiel.

Afrika wird vorwärts kommen – mit oder ohne Unterstützung seiner Partner in Europa, Asien und (ja) Amerika. Aber dieser Fortschritt wird schneller, sicherer und inklusiver vonstattengehen, wenn die Welt ihre Türen offenhält – und seinen Geist nicht vor afrikanischen Ideen und afrikanischer Innovation verschließt, sei es im Bereich der Sicherheit, der Entwicklungszusammenarbeit oder der Wirtschaft.

Ich glaube, dass dem Konzept der gegenseitigen Abhängigkeit etwas typisch Afrikanisches zu Grunde liegt. Die Idee, dass „ich das, was ich bin, nur durch andere bin“, ist in vielen philosophischen Traditionen Afrikas fest verankert. Meine Hoffnung ist, dass Afrikaner der Welt dabei helfen, dieses Bewusstsein wiederzuerlangen.

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