Der böse Antiamerikanismus

Kriegführung in der Kritik

Das Wort „Antiamerikanismus“ ist eine wirkmächtige Waffe; mittlerweile auch ein Kampfbegriff, um TTIP-Gegnern das Maul zu stopfen. Es könnte aber auch sein, dass der Vorwurf des „Antiamerika- nismus“ die Keule ist, die Debatten um die hegemoniale Rolle und Politik der USA erschlagen soll.

Von Peter Köpf

 

Victoria Nuland arbeitet üblicherweise im Stillen, ihr Posten, obgleich wichtig, liegt bei den meisten Deutschen unter der Wahrnehmungsschwelle. Zu Beginn dieses Jahres jedoch eroberte sie unbeabsichtigt die Titelseiten. Deshalb hörte ihr Publikum im Oktober aufmerksam zu, als die Abteilungsleiterin für europäische und eurasische Angelegenheiten im US-Außenministerium auf einer Tagung des Aspen Institute in Berlin darüber reflektierte, ob Europa und die USA sich „noch immer gegenseitig brauchen“. Sie selbst gab die Antwort auf die Konferenzfrage: „Heute mehr als je zuvor.“ Das stand in diametralem Widerspruch zu ihrem denkwürdigen Satz, der ihr im Februar während eines abgehörten Telefonats über die Ukraine-Politik entschlüpft war: „Fuck the EU!“

Niemand wagte es, Nuland zu bitten, den Widerspruch aufzuklären. Aus Höflichkeit gegenüber einem Gast? Oder weil sich niemand in dieser transatlantischen Gesellschaft zu sagen traute, Nuland habe denen Nahrung gegeben, die das mächtigste Land der Welt mit der größten Armee immer wieder anklagen, weil es seinen Willen rücksichtslos durchsetze, selbst gegen Wünsche, Bedenken oder Interessen seiner Partner?

Nein, niemand konfrontierte Frau Nuland mit ihrem Wort zur EU, weil das zu sagen sich verbietet. Denn der Vorwurf, der dem Fragenden entgegengeschlagen wäre, hätte gelautet: Antiamerikanismus!

Was Antiamerikanismus ist, wissen wir spätestens seit 2004, dem Erscheinungsjahr von Andrei S. Markovits bemerkenswertem Buch „Amerika, dich haßt sich’s besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Deutschland“. Der Tatbestand ist laut Markovits dann erfüllt, wenn „Antipathie gegenüber dem, was Amerika tut, und dem, was Amerika ist“ ausgedrückt wird. Und sympathisch war ja nicht, was die US-Repräsentantin von sich gegeben hatte, eher unsympathisch, worauf viele Menschen antipathisch reagieren.

Aber er ist nun mal da, dieser Begriff. Der Tatbestand offenbar auch. „Antiamerikanismus existiert“, urteilte Andrei S. Markovits. „Er ist augenfällig, hörbar, lesbar, fühlbar.“ Wenn gilt, was im Wörterbuch „Wahrig“ steht, dann trifft das definitiv zu: Antiamerikanismus ist dort „eine ablehnende Haltung gegenüber der Politik und Kultur der USA“.

„eine lange Tradition in Europa“

Markovits nannte 2004 die Empörung über Bushs Irak-Politik „verständlich“. Aber es habe einen „overdrive“ gegeben, der „auf einem beträchtlichen Bodensatz von Hass, Verachtung und Ressentiment aufsitzt, der eine lange Tradition in Europa hat“. Das drücke sich im kulturellen Bereich in der Angst vor einer angenommenen oder gefühlten „Amerikanisierung“ aus, die sich, so ist Markovits überzeugt, „nur graduell von der nationalsozialistischen Wahnidee der ‚Verjudung‘ unterscheidet.“ Im politischen Bereich: „Hass auf Amerika!“, der die Funktion habe, so Markovits, wiederum sehr ernst gemeint, die Verbrechen der europäischen Geschichte hinter einem monströsen Amerikabild verschwinden zu lassen. Markovits sprach damals von einer „kompletten Gleichschaltung der öffentlichen Meinung“. Außerdem könnten Millionen Deutsche es „nicht verkraften, von den Amerikanern, die sie immer schon 

verachteten und als minderwertig betrachteten, gleich zweimal in einem Jahrhundert besiegt worden zu sein. In der zur Volksideologie hochstilisierten Friedensliebe lebt eine Art revanchistisches Wunschdenken gegen die Amerikaner im heutigen Deutschland unterschwellig fort.

Darf ein Deutscher − erstens − festhalten: Nazi-Vergleiche gehen meistens in die Hose. Zweitens: Das letzte Mal hat Goebbels die Deutschen gleichgeschaltet. Und so wenig Amerika eine Diktatur ist, so wenig ist es Deutschland. Drittens: Zu unterstellen, die Deutschen wollten mit der Kritik an den USA die Nazi-Geschichte ihrer Großväter relativieren, ist nicht intelligenter, seit die Behauptung sich auf die Vorgänge im Irak bezieht statt um jene in Vietnam. Da halten wir es noch eher mit Herfried Münkler, der etwas  lakonisch meinte, Imperien zögen immer schon beides auf sich: Bewunderung und Feindschaft – übrigens weltweit.

Für Deutschland gilt: Es gibt auch diesseits des Atlantiks Menschen, die mit Wörtern so schnell und wild um sich schießen wie andere mit einem Colt. Der Radio-Journalist Tobias Jaecker feuerte jüngst seine AA-Projektile ab, indem er schrieb, „antiamerikanische Deutungsweisen“ seien „im medialen Diskurs in Deutschland weit verbreitet“. Die USA gelten in deutschen Medien „als Quelle aller nur möglichen Übel“.1)  Heiko Beyer ballerte heraus, der Antiamerikanismus sei hierzulande ein „bevölkerungsweites Problem“. Wie auch ihr bewunderter Vordenker behaupteten sie schließlich: „Antiamerikanismus ist der Zwillingsbruder des Antisemitismus!“2)

… dann lieber Schweigen

In diese Ecke will sich natürlich niemand stellen lassen. Dann lieber Schweigen. Und das wird genutzt. Man muss im politischen Berlin nicht weit gehen, um auf den Kampfbegriff „Antiameri­ka­nismus“ zu stoßen. Derzeit soll er offenbar die Gegner des Transatlantischen Freihandelsabkommens (TTIP) disziplinieren.

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Peter Bleser (CDU), sagte als erster Politiker, er halte die „Debatte über die drohende Einfuhr von Chlorhühnchen“ (als ginge es nur darum, löst der Kalauer doch regelmäßig spöttisches Gelächter aus) für einen „Platzhalter für einen subtilen Antiamerikanismus“. Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, Matthias Wissmann, erfühlte bei den TTIP-Kritikern „unterschwellig spürbaren Antiamerikanismus“. Dorothea Siems urteilte in der Zeitung „Die Welt“: „Die Gegner des TTIP schwimmen auf einer Welle des Antiamerikanismus.“ Und schließlich machte Klaus-Dieter Frankenberger, Leitartikler der „FAZ“, große Skepsis gegenüber der „amerikanischen Weltpolitik“ und deren „doktrinäre Form als Antiamerikanismus“ verantwortlich dafür, „dass dem Abkommen mit den Vereinigten Staaten ausgerechnet in Deutschland ein kalter Wind entgegenbläst“.3)

Die „FAZ“ detektierte bereits Mitte September eine „schleichende Tendenz zum Antiamerikanismus“. Mit welchen Befunden? Das Institut für Demoskopie Allensbach hatte festgestellt, dass 2009 noch 87 Prozent der Deutschen die Beziehungen zwischen den USA und Deutschland für mindestens gut hielten, 2013 nur noch 34, weniger als 2004. Und von Barack Obama hätten nur noch 47 Prozent der Deutschen eine gute Meinung – nach rund 80 Prozent in den Vorjahren.

Darf die Interpretation dieser Zahlen als Beleg für Antiamerikanismus seriös genannt werden?

Natürlich sind die Beziehungen zwischen den beiden Alliierten belastet, und zwar wegen sachlicher Differenzen. Aber Obama fiel aus großer Höhe, das Bild der Deutschen vom US-Präsidenten hat sich allenfalls auf Clinton’sches Maß normalisiert. Und die Zustimmung ist hierzulande immer noch höher als in den USA!

Die Welt ist nicht friedlicher geworden

Mit der NSA-Abhöraffäre fällt es nicht mehr so leicht, dem Hoffnungsträger nachzusehen, dass er nicht erfüllen konnte, was er (auch 2008 in Berlin vor mehr als 200 000 Menschen) versprochen hatte: Die Welt ist nicht friedlicher geworden, Klimakonferenzen sind ohne Ergebnis geblieben, Guantánamo existiert noch immer, und „die Mauern zwischen alten Verbündeten auf beiden Seiten des Atlantiks“, die Obama niederzureißen in Berlin versprach, sind zuletzt wieder ein wenig höher gewachsen. Momentan baut die Ukraine eine Mauer an der Grenze zu Russland – mit begeisterter publizistischer Unterstützung der Springer-Presse – für die noch vor ein paar Jahrzehnten der Mauerbau in Berlin „das Symbol totalitärer Unfreiheit“ war.

The Times They Are a-Changin‘ (sang Bob Dylan). Es handelt sich also eher um enttäuschte Liebe denn Teil eines geschlossenen antiamerikanischen Weltbilds.

Wenn der Befund der Allensbacher überhaupt etwas belegen kann, dann dies: Viele Deutsche scheinen offenbar zu glauben, in den USA könnte ein neuer Präsident allein sein Land von rechts nach links wälzen. Wenn Amerika aber eines sicher nicht ist, dann eine Diktatur.

Darf ein Deutscher fragen: Ist Misstrauen gegenüber TTIP nicht geradezu Pflicht, wenn eine Gruppe von Politikern und Wirtschaftsvertretern in geschlossenen Runden Vereinbarungen treffen will, nach denen das Volk später zu leben hat? Und sind die Gegner des Abkommens in den USA auch Antiamerikanisten? Teilen nicht die gleichen Schichten in Europa und den USA ihre Sorgen über undurchschaubare Entscheidungen, fürchten sie nicht gemeinsam um Lohn- und Sozialniveaus, Verbraucherschutz- und Arbeitnehmerrechte, Produktions- und Umweltstandards, wenngleich im Einzelnen nicht um dieselben? Die Sorgen von Millionen Menschen mit einem Schmähwort abzubügeln ist schäbig.

Womöglich hat der (kürzlich verstorbene) Publizist Peter Scholl-Latour etwas überzogen, als er nach „9/11“ die Twin Towers als „Symbol der Globalisierung“ bezeichnete, „die in Wirklichkeit eine globale Amerikanisierung ist“. Aber die Auseinandersetzung mit und die Kritik an den Folgen der Globalisierung ist staatenübergreifend und eine Antwort auf das Versagen von Politik weltweit. Und es ist sehr verständlich, dass die Mehrheit der Menschen sich wohler fühlte, müssten international agierende Unternehmen mehr Regeln befolgen als die Mont Pelerin Society empfiehlt.

Ist der Vorsitzende des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten des Europäischen Parlaments, Elmar Brok, Antiamerikanist, wenn er darauf hinweist, dass vor dem Irak-Krieg „gelogen und betrogen“ wurde und nun das Ergebnis vorliege – in Form des terroristischen „IS“?

Muss man ertragen, dass Tobias Jaecker behauptet, beim deutschen Antiamerikanismus schwinge „der Wunsch nach einem einflussreichen, mächtigeren Deutschland“ mit? Sehen sich die Deutschen nicht gerade dem Vorwurf ausgesetzt, sich nicht genügend (mit militärischen Mitteln) für Demokratie und Frieden einzusetzen? Den Franzosen mag man den Wunsch nach Weltgeltung nachsagen, und Frankreich hat seine Außenpolitik kürzlich auch militärisch untermauert (Libyen, Mali). Aber die Deutschen lassen diesbezüglich gern anderen den Vortritt. Mehr noch: Sollten die USA den schmutzigen „IS“-Job erfolgreich bewältigen, wären sie wieder (fast) alle Amerikaner.

Darf man sagen, dass das amerikanische Tun in vielen Ländern der Welt „ausgesprochen negativ, oft ausbeutend, und teilweise brutal und mörderisch“ war? Ja, Markovits darf. Michael Moore darf, Susan Sontag, Noam Chomsky, Gore Vidal, Norman Mailer dürfen Ähnliches von sich geben. Aber wenn Europäer sich auf sie berufen, dann werden diese Amerikaner angeblich „instrumentalisiert” und dienen als „eine Rechtfertigung dafür, dem Antiamerikanismus freien Lauf zu lassen“ (Markovits). Mit anderen Worten: Schweigt, Europäer, wenn es um Amerika geht!

Innerhalb Deutschlands haben TTIP-Befürworter die Kraft entdeckt, die der Vorwurf „Antiamerikanismus“ birgt. Indem Kritiker und Kritik an dem Projekt nicht mehr ernst genommen und außerdem mittels des Chlorhühnchen-Kalauers lächerlich gemacht werden, muss über grundlegende Fragen nicht mehr gesprochen werden, zum Beispiel jene, ob TTIP allen Menschen zugute kommt oder nur einigen.

Die Bundeskanzlerin ist Pragmatikerin. Sie weiß, dass Amerikaner und Deutsche einander brauchen. Deshalb hat sie ihren Ärger über die NSA mit sieben harmlosen Wörtern heruntergespült („Ausspähen unter Freunden − das geht gar nicht!“), auf Frau Nulands unfreundlichen Ausrutscher hat sie nicht einmal selbst geantwortet, sondern ausrichten lassen, das sei „völlig inakzeptabel“. Frau Nuland soll um Entschuldigung gebeten haben.

Etwas weniger Rage stünde auch den Antiamerikanismus-Alarmisten gut an. Und denjenigen, die diesen Kampfbegriff benutzen, um ihre Gegner ruhigzustellen, sei gesagt: Geheimniskrämerei ist mit Demokratie und Liberalismus nicht kompatibel und zutiefst unamerikanisch. Wenn eines zur Freiheit des Einzelnen, zum Streben nach Glück und dem richtigen Leben, zur Demokratie gehört, dann die Freiheit der Rede. Wer glaubt, der Fortschritt bewege sich in die falsche Richtung, für den ist Widerspruch demokratische Pflicht. Das gilt für die USA genauso wie für Europa und für Deutschland.

1) Tobias Jaecker: „Hass, Neid, Wahn. Antiamerikanismus in deutschen Medien“, 2014

2) Heiko Beyer: „Soziologie des Antiamerikanismus. Zur Theorie und Wirkmächtigkeit spätmodernen Unbehagens“, 2013

3) Matthias Wissmann: „Ein ziemlich deutsches Misstrauen“, in: SZ, 29.9.2014. Klaus-Dieter Frankenberger: „Angstkampagne“, in: FAZ, 9.10.2014. Dorothea Siems: „Freihandelsabkommen? Dagegen kämpfen nur Heuchler“, in: Die Welt, 30.9.2014