Nummer 8, Dezember 2005                                    


                                                                                                                                                            
 

Politische Mythen

Gegenwärtige Vergangenheiten

Die mythenpolitisch eher „unauffällige“ Bundesrepublik Deutschland hat, anders als die DDR, nie eine forcierte Symbolpolitik betrieben. Und doch schafft auch sie sich ihren Gründungsmythos und identitätsstiftende gemeinsame Erinnerungen, ein kollekives Gedächtnis. Und der Bezugspunkt „Drittes Reich“ wird künftig zwar kein Monopol mehr beanspruchen können, als „formativer Bestandteil“ aber, wenn auch schwieriger vermittelbar, dieser Republik erhalten bleiben.

Von Jens Hacke

Dem Mythosbegriff haftet etwas Rückwärtsgewandtes an: Mit Mythen assoziiert man die alteuropäische, voraufgeklärte Welt, die sich überwiegend durch das gesprochene Wort verständigte. Vom Mythos zum Logos, so lautet die Formel, die für die abendländische Philosophie gilt. Damit ist oft eine Fortschrittslinie bezeichnet, die von einer Ablösung des Mythos ausgeht – dies impliziert die Hinwendung zur Historik und Geschichtlichkeit, den Anspruch von Wahrheit und Authentizität sowie den Maßstab der Rationalität.
In der Moderne ist der Mythos oftmals als kraftvolle Gegenmacht zur Abstraktheit der technischen Zivilisation beschworen worden. Gegen die Herrschaft des Intellekts, der Vernunft und Gewaltenteilung beschwört der soziale Mythos Ganzheitlichkeit, Willen und Heroismus. Nach dem von Nietzsche ausgerufenen „Tod Gottes“ und der von Max Weber diagnostizierten „Entzauberung der Welt“ suchten Intellektuelle nach erneuter Verzauberung und Ästhetisierung des Sachlichen.
Im Gefolge Nietzsches wurde an die ursprüngliche Lebensmacht des Mythos angeknüpft, denn in primitiven Gesellschaften war der Mythos nicht bloß Erzählung, sondern lebendige Wirklichkeit. Mythen stellten die Behauptung einer vorrationalen höheren und privilegierten Wahrheit dar; sie enthielten kein geschichtliches Bewußtsein. Arnold Gehlen hat das fehlende geschichtliche Bewußtsein zum wichtigsten Wesensmerkmal des Mythos erklärt, während er ihm durchaus eine eigene Rationalität zuerkannte, da überwiegend explanatorische Mythen eine Legitimierungs- und Stützfunktion besäßen, um den sich entleerenden – auf Narration verzichtenden – Ritus zu erklären. „Der Mythos ist selber Logos, und was ihn tötet, ist nicht die steigende Rationalität, sondern das entstehende historische Bewußtsein." (Urmensch und Spätkultur: 250)

Mythen als Analysekategorie

Befasst man sich mit politischen Mythen, so steht man vor der Schwierigkeit, in einem ausdifferenzierten kulturwissenschaftlichen Feld das eigene Profil zu markieren. Insbesondere in den historischen Kulturwissenschaften, aber auch in den Sozialwissenschaften hat man die Mobilisierungs- und Integrationskraft von kollektiven Vorstellungen, Denk- und Weltbildern jenseits der sozialen und schichtenspezifisch geprägten Interessenlagen entdeckt. Kollektives Gedächtnis, Geschichtspolitik und Identitätsstiftung sind modisch gewordene Begriffe, die man mit Mythen ebenso in Verbindung bringt wie das aus Frankreich importierte Konzept der Erinnerungsorte. Mythen sind in diesem Zusammenhang vor allem Geschichtsmythen, und untersucht wird zumeist die möglicherweise identitätsstiftende Konstruktion dieser mythischen Vergegenwärtigung des Historischen. Dabei legt der Historiker häufig den nicht näher explizierten Maßstab des historisch tatsächlich Geschehenen an – Mythos ist also erstens das, was sich vom Ereignis entfernt hat und einseitig ausgedeutet worden ist. Der historisch orientierte Mythosbegriff kann also erstens traditionell das Genre der Ursprungserzählung bezeichnen: Revolution und Nation werden somit seit 1789 zu „posttraditionalen Neomythen“ (Nipperdey). Der Begriff des Mythos kann zweitens auf die ganze Bandbreite von dogmatisch erstarrten Interpretationen historischer Sachverhalte angewendet werden: Von der materialistischen Geschichtsauffassung bis zu deutschen Sonderwegen ist dann alle teleologisch zugespitzte Historiographie mythosverdächtig. Drittens hat die Geschichtsschreibung in ihrer Entwicklung zu rezeptionsgeschichtlichen Themen Mythen selbst zum Thema gemacht: Sie tut dies vor allem beschreibend, mit dem Augenmerk auf den „Mythopoeten“, indem sie nachweist, welche Interessengruppen auf welche Weise einen geschichtlichen Stoff mythisch instrumentalisieren; über den Mythos selbst und über seine Leistungsfähigkeit bzw. seine gesellschaftliche Relevanz kann auf diese Weise kaum etwas gesagt werden.

Diese Herangehensweisen verkehren eine wesentliche Eigenschaft des Mythos ins Gegenteil: Betont wird nämlich die dogmatische Fixierungsleistung des Mythos, währenddessen sich der Mythos ursprünglich gerade durch seine Unbestimmtheit, Wandlungsfähigkeit und Interpretierbarkeit auszeichnet. Von dieser Seite her gewinnt er seine Fähigkeit zur Integration. So hat Gadamer (Wahrheit und Methode II: 126f.) betont, daß es zu allen Zeiten „eine falsch gestellte Frage" sei, ob und in welchem Sinne ein Mythos geglaubt oder für plausibel gehalten wird.

Politische Mythen

Unter politischen Mythen versteht man bislang vorzugsweise Gründungsmythen – jeder Mythos ist Gründung, jede Gründung ist Mythos, so hat es Claus Leggewie formuliert. Herfried Münkler hat dieses existenzielle Mythosverständnis in seinen Analysen dahingehend verfeinert, als dass er Modifikationsformen und Ergänzungen als variantenreiche „Ansippungen“ begreift. Auf diese Weise bekommt er Metaphern, Symbole und mythenträchtige Bilder in den Blick. Tradierte, einfache Bilder und Ikonografien, stilisierte Geschichten und sakralisierte Historie können über einfache Codes komplexe Botschaften transportieren, die viel wirkungsmächtiger sind als deren rationalisierte Formen. Mythen – also Narrationen – sorgen für Identität, indem sie, wie Münkler ausgearbeitet hat, Loyalitäten konzentrieren, Komplexität reduzieren und Kontingenz eliminieren. Es ist deswegen nur natürlich, dass auch in liberalen westlichen Gesellschaften auf Mythen als Formen der sozialen Kommunikation zurückgegriffen wird. Sie bieten den Vorteil, vage zu bleiben und auf bildreiche Weise zu integrieren, indem man den Rezipienten Raum für Allusionen und Assoziationsmöglichkeiten lässt. Auf kulturellem und politischem Feld konkurrieren in der nach-aufgeklärten Gesellschaft alternative Mythen miteinander. Dies macht sie zum Thema für die Sozialwissenschaften.
Es soll hier von einem pragmatischen, breit angelegten Mythosbegriff ausgegangen werden. Nicht lediglich die klassischen Gründungs- und Ursprungsmythen (Nationalepen, Revolutionen, Ursprungserzählungen) werden durch den Mythosbegriff erfaßt, sondern prinzipiell kann zunächst alles Historische, das sich als erzählbar und visualisierbar erweist, mythische Qualität entfalten. Ereignisse, Gegenstände, Bilder, Personen etc. eignen sich zur Mythisierung, sobald sie – ihrem ursprünglichen Kontext enthoben – eine eigene symbolische, interpretierbare Bedeutung entfalten. Sie werden Repräsentationen, deren Bedeutung nur durch die Vermittlungsleistung eines Interpretierenden erklärt werden kann. Für den Politikwissenschaftler sind alle Ebenen dieses Mythisierungsprozesses von Interesse: 1. der Prozeß der Anverwandlung des Materials zum Mythos, d.h. die interpretierende Transformationsleistung, 2. der Ursprung des Bezeichneten, 3. die tatsächliche Wirkung des Mythos bzw. seine von den Intentionen des Mythopoeten möglicherweise abweichende Rezeption.

Mythen im gesellschaftlichen Feld

Wie lässt sich nun die modellhafte Vorstellung von politischen Mythen auf bundesrepublikanische gesellschaftliche Wirklichkeit anwenden? Zunächst ist als Einschränkung vorauszuschicken: Debatten um die Konstruktionen und Wirkungen von Mythen sind im hohen Grade Elitendiskurse. Eliten in Politik, Kultur und Medien besetzen die Rolle der Mythopoeten. Sie tun dies allerdings nicht im luftleeren Raum, sondern sind auf die Bedingungen der politischen Kultur und der politischen Mentalität angewiesen. Jede Mythopoiesis muss sich sofort in der Öffentlichkeit bewähren und etwas artikulieren, was bereits als Stimmung existiert. Diskutieren wir die Leistungsfähigkeit von Mythen im sozialen Raum, so haben wir es mit einem Diskursstrang unter vielen anderen zu tun, die zu einer kollektiven Identitätsbildung beitragen. In Verschränkung mit anderen politischen, sozialen und kulturellen Konfliktfeldern lassen sich an Mythendiskursen gewisse Trends erkennen; isoliert hingegen läuft die Untersuchung von politischen Mythen Gefahr, Intentionalität zu suggerieren, wo tatsächlich nur von Repräsentation die Rede sein kann.
Erinnert sei hier an Herfried Münklers innerdeutschen mythischen Leistungsabgleich. Der unglaubwürdige Antifaschismus-Mythos der DDR samt der verspätet erfolgten mythischen Traditionsüberhöhung deutscher Geschichte (Bauernkrieg, Preußenerbe, Novemberrevolution etc.) sei weniger attraktiv gewesen als das präsentistische Mythenarsenal der Bundesrepublik, die sich mit dem Wirtschaftswunder und der D-Mark ihre eigenen Gründungsmythen schuf. Man kann auch sagen: Gesteuerte Politik mit dem Mythos in ihrem Dogmatismus muss auf lange Sicht dem freien Spiel der Polymythie in pluralistischen Gesellschaften unterlegen bleiben, denn im letzteren Fall gewinnt der Mythos zwar nie eine wirklich gesellschaftsprägende Kraft, dort herrscht aber Erfolgsgarantie: Die attraktivsten Modelle finden hier auf lange Sicht die meiste Resonanz. Die Plausibilität, Attraktivität und Überlebensfähigkeit von Mythen wird gleichsam am Markt geprüft, so dass eine liberale Gesellschaft nicht Gefahr läuft, überlebte Mythen als totes Gepäck mit sich zu schleppen, wie dies in totalitären Staaten der Fall sein kann.


Nähert man sich nun der bundesrepublikanischen Mythengeschichte, so ließe sich Münklers These präzisieren: Die Bundesrepublik als mythenunauffälliger Staat setzte sich gegenüber der DDR auch deshalb durch, weil sie auf eine forcierte Mythenpolitik verzichtete. Die Ernüchterung nach der Absolutsetzung des politischen Mythos im Nationalsozialismus war so groß, dass man abwarten musste, bis Sachlichkeit und Rationalität selbst zum Mythos werden konnten. Mit der Zeit schlug der rationalisierte altbundesrepublikanische Logos zum Mythos um, könnte man einen berühmten Satz aus Horkheimers und Adornos „Dialektik der Aufklärung“ variieren. „Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg“, so kann man den Verzicht auf gesteuerte Mythenpolitik im bundesrepublikanischen Fall auch deuten. Gerade deswegen konnte sie als mythosträchtiges Objekt den DDR-Bürgern zum gelobten Land werden. Nach der Wiedervereinigung und nach der verschärften wirtschaftlichen Krise und Depression wird dieses Modell gleichsam umgekehrt: Die alten Bundesrepublikaner mythisieren seitdem die Bonner Erfolgsgeschichte, insbesondere den kommoden, rheinischen Kapitalismus (den zumutungsfreien Blüm’schen Herz-Jesu-Sozialismus), während in den neuen Bundesländern der einstmals leuchtende Mythos Bundesrepublik rapide an Strahlkraft verlor. Die Zäsur der Jahre 1989/90 lässt sich in ihrer ganzen Tiefe auch an den Erschütterungen bewährter mythischer Erzählstrukturen ablesen.

Der Nationalsozialismus als geschichtspolitisches Zentrum

Die Geschichte des Nationalsozialismus war – und dies ist übergreifend festgestellt worden – der zentrale Bezugspunkt für die Geschichtspolitik der beiden deutschen Staaten während des Kalten Krieges. Sie war „Mythenschatz“ und moralischer Orientierungsrahmen gleichermaßen: In der DDR wählte man die zunächst bequemer erscheinende Option, sich auf die Seite des Widerstands, auf die Seite des Antifaschismus zu stellen. Dies hatte den Vorteil eines klaren Frontverlaufs, aber den Nachteil der Unglaubwürdigkeit von 16 Millionen Antifaschisten und den Nachteil der voreiligen Identifikation mit dem Stalinismus. In der Bundesrepublik akzeptierte man die Verantwortung für die NS-Verbrechen und setzte sich mit der Schuld daran auseinander. Dies hatte zunächst den Nachteil, auf wenig Widerhall bei den verstrickten und mitschuldigen Zeitgenossen zu stoßen, stellte sich aber nach einer gewissen Zeit als glaubwürdiges moralisches Kapital heraus, dass über Generationenkonflikte zur gesellschaftlichen Selbstverständigung führte. Trotz anfänglichem „kommunikativen Beschweigen“ (Lübbe) und diagnostizierten Verdrängungsmechanismen („Unfähigkeit zu trauern“ [Mitscherlich]) gilt die Aufarbeitung in der Bundesrepublik mittlerweile als gelungen. „Weltmeister“ der Vergangenheitsbewältigung nannte der Friedenspreisträger Péter Esterházy unlängst die Deutschen. Die Literatur über die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ist fast unüberschaubar geworden, und es ist gefährlich, wenn man sie zu früh in den Bereich der politischen Mythenforschung delegiert, denn zu sehr gehört die Verurteilung der NS-Verbrechen und die Kontrastfolie des Unrechtstaates zum Selbstverständnis der alten Bundesrepublik: sie ist Bestandteil der politischen Bildung und wird Bezugspunkt des öffentlichen Lebens bleiben. Mehr noch: Es gibt guten Grund für die Prognose, dass mit wachsendem zeitlichem Abstand, mit dem Aussterben der Zeitzeugengeneration die ritualisierte öffentliche und damit zwangsläufig mythische Inszenierung des Nationalsozialismus zunehmen wird. Die Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus bleibt als formativer Bestandteil der Bundesrepublik unerlässlich, auch wenn sie kein Monopol mehr beanspruchen kann, weil neue Bezugspunkte die Staatsraison der Bundesrepublik bestimmen. Diese Vermittlung wird aber gleichzeitig immer schwieriger, weil sie im Übergang vom kommunikativen zum kollektiven Gedächtnis nicht mehr auf das Vorverständnis jüngerer Generationen in dem bisherigen Maße bauen kann.

Wandel im Umgang mit dem Nationalsozialismus

Mit anderen Worten: Je unwesentlicher die NS-Vergangenheit für das Selbstverständnis des einzelnen Bürgers als Staatsbürger der Bundesrepublik wird, umso monumentaler könnte der Erinnerungsaufwand werden. Das Holocaust-Mahnmal ist ein Beispiel für diesen Trend der gleichzeitigen Monumentalisierung und Ausdifferenzierung. Es steht nicht zur Disposition, dass an Völkermord als NS-Verbrechen erinnert werden muss, sondern die Debatte verlagert sich zunehmend auf die Frage, wie diese Erinnerung in aussagestarke Symbole umgesetzt werden kann. Das Problem, auf welche Weise diese symbolische Repräsentation des Vergangenen wirkt, hängt mit der Funktionsweise von Mythen zusammen, die einen komplexen historischen Sachverhalt extrem verdichten und in ein eingängiges Narrativ zwingen. Die extreme ästhetische Tendenz zur Abstraktion bringt es im Falle des Holocaust-Mahnmals mit sich, dass die Botschaft des Denkmals ohne eine Explikationsleistung des unterirdischen Dokumentationszentrums nicht mehr zu erschließen ist. Dabei klaffen zwei Dinge auseinander: Die immer differenziertere historische Forschung und das umfassende Wissen der Deutungseliten stehen großen Teilen der Bevölkerung gegenüber, für die die Jahre 1933-1945 so fern wie andere Geschichtsepochen gerückt sind. Die Intensität von Intellektuellendebatten wie um das Holocaust-Mahnmal oder die Walser-Rede hat ihren Grund vermutlich auch im gesteigerten Bewusstsein der Selbstbezüglichkeit: Unterstellungen, Missverständnisse und Vorwürfe gewinnen an Vehemenz, je größer die Anstrengung um öffentliche Resonanz ist.

Auch medial ist zu beobachten, dass quantitativ die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus keineswegs nachlässt, sondern sogar zunimmt. Allerdings hat sie ihre einheitsstiftende und integrative Kraft eingebüßt – der Bezug auf die NS-Vergangenheit hat seine politische Orientierungsfunktion verloren, er wird willkürlicher und unterstreicht damit den neuen Hang zur Polymythie: Guido Knopps Panoptikum des Grauens, Vertreibungs- und Bombenkriegsthematisierungen, Eichingers Hitler-Film, der den „Untergang“ des Dritten Reiches als abgründiges Bunker-Spiel inszeniert, aber auch die jüngste Inszenierung der Rolle Albert Speers und seiner Familie – all diese Zugänge zum Nationalsozialismus zeichnen sich durch Reduktionen aus. Sie wären in der alten Bundesrepublik so noch nicht möglich gewesen, als ein direkter Umgang mit der NS-Vergangenheit unter moralischen Gesichtspunkten vorherrschte. In dieses Bild passt auch der offiziöse Umgang mit dem Ende des „Dritten Reiches“: Während der Flakhelfer Helmut Kohl es ablehnte, zu alliierten Feiern des Kriegsendes oder des D-Days zu erscheinen, kann der im vorletzten Kriegsjahr geborene Gerhard Schröder Seite an Seite mit den ehemaligen Siegermächten, gewissermaßen final eine Historisierung vornehmend, das Ende der Nachkriegszeit verkünden.

Welche Folgen der Generationswechsel für die Erinnerungskultur zeitigt, lässt sich natürlich noch nicht genau vorhersagen, aber Tendenzen zeichnen sich ab. Als Medium der populären Erinnerungskultur etabliert sich der „Familienroman“. Die frühere Stern-Journalistin Wibke Bruhns und der Kinderliterat Uwe Timm haben über die Verstrickungen ihrer Eltern und Geschwister in Krieg, Diktatur und Widerstand historische Bestseller geschrieben. Und auch der Kanzler zelebriert öffentlich seinen „Familienroman“, stellt im Kanzleramt auf seinem Arbeitsschreibtisch ein Foto des lang vermissten Vaters mit Reichswehrhelm auf. Der Kulturwissenschaftler Harald Welzer hat diesen eigentümlichen Umgang der Nachgeborenen mit der NS-Vergangenheit und die Funktion des Familiengedächtnisses um einem erstaunlichen Befund ergänzt: „Opa war kein Nazi“ – insbesondere die Enkelgeneration scheint zu Extremen zu neigen: Entweder kommt es zu schonungsloser Aufrechnung und entschiedener moralischer Verurteilung, oder aber – im Privaten – es macht sich ein Bedürfnis nach Entschuldung und Entlastung breit. Öffentliches und privates Gedächtnis bleiben hier unverbunden.

Dies alles zeugt von einem veränderten Umgang mit dem NS, der sich aus den zwanghaften Loyalitäten des Kalten Krieges gelöst hat. Zwar kann man dies im einzelnen als Gewinn an Vielfalt und als Befreiung aus Denkverboten der political correctness begrüßen. Es liegen aber auch neue Schwierigkeiten in diesem freien und in gewissem Sinne undisziplinierten Umgang mit der Geschichte, und es ist überhaupt noch nicht klar, welches Ordnungsschema hinter neuen Instrumentalisierungen der Historie liegt, die neue Mythologien bergen. Erstaunt nimmt man dann zur Kenntnis, wie Kanzler Schröder die Männer des 20. Juli zu Vordenkern eines geeinten Europas macht, wie die Ex-Justizministerin Herta Däubler-Gmelin Präsident Bush mit Hitler vergleicht oder wie Außenminister Fischer den Kosovo-Einsatz zur Bedingung dafür macht, daß sich Auschwitz nie wieder ereigne. Jeder einzelne dieser Punkte wäre in den 1980er Jahren von links noch als eine unerträgliche Verharmlosung gebrandmarkt worden.

Der Nationalsozialismus als Ganzes oder aber die stellvertretende Chiffre „Auschwitz“ löst sich aus ihrer alles überschattenden Bedeutung, indem man erkennt, dass dieser „negative Mythos“ in eine Sackgasse geführt hat. Insbesondere die bundesrepublikanische Neue Linke versuchte die Zukunft der Bundesrepublik konsequent mit Blick auf den Nationalsozialismus zu beurteilen und verfehlte damit die politische Realität. Die Interpretation der deutschen Teilung als Sühneleistung für Auschwitz – „die Mauer als Mahnmal“ –, wie Günter Grass lange Zeit stellvertretend für viele die Staatsraison der Bundesrepublik aus einem negativen Nationalismus begründete, ist der bekannteste Beleg für diese problematische Geschichtsreduktion.
Die These, die sich nun für den Umgang mit der NS-Vergangenheit bzw. für die Mythisierung der Epoche 1933-1945 aufstellen lässt, lautet: Das klar strukturierte Bezugssystem mit den Leitbegriffen Schuld, Verantwortung, Sühne, Reue verliert seinen unmittelbaren Bezug. Die Erblast des Nationalsozialismus wird mit dem Verschwinden der Erlebnisgeneration zunehmend universalisiert. Der Nationalsozialismus bleibt allerdings – um Philipp Jenningers eigentlich treffendes Wort aufzugreifen – ein Faszinosum; deswegen sind ihm seine mythosbildenden Qualitäten gewiss. Auch wenn die historische Forschung scheinbar lückenlose Aufklärung bieten sollte, so zwingt die Erinnerungskultur der Bundesrepublik dazu, das Wissen um die NS-Vergangenheit immer wieder auf verständliche Formeln herunterzubrechen. Dieser Prozess wird in Zukunft interessanter werden, weil sich aus der Erinnerung keinerlei positive Gehalte von Politik mehr begründen lassen.

Historisierung und Mythisierung der Bonner Republik

Was sind nun die neuen mythischen Bezugsfelder der Bundesrepublik, die neben den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit getreten sind? Zunächst einmal ist festzustellen, dass die Republik dabei ist, sich ihre eigene Geschichte mythisch aufzubereiten. Das muss nicht zwangsläufig auf eine Neuverzauberung der alten Bundesrepublik herauslaufen, aber fraglos gewinnen etwa die Ära Adenauer, die Ära Brandt mit historischem Abstand zunehmend ihren eigenen Glanz. Ob das von Ludwig Erhard samt qualmender Zigarre verkörperte Wirtschaftswunder („Wohlstand für Alle“), ob Brandts verkündetes Wagnis der Demokratie („Wir fangen erst richtig an“) oder der Beitrag der Studentenbewegung zur Identitätsfindung und späteren Selbstversöhnung mit der Bundesrepublik – all dies wird mittlerweile zu einer harmonisierten Geschichte von einer „Ankunft im Westen“ (Axel Schildt) verwoben. Hinzu kommt eine mythische Stilisierung der lange verschmähten Alltäglichkeit, Normalität und Provinzialität des westdeutschen Staates, die in Terrorzeiten das Bedürfnis nach Identität und Verwurzeltsein in der Bundesrepublik zu stillen scheint. Ein Blick auf die Fernseh- und Filmerfolge der letzten Jahre unterstreicht diesen Trend. (...)
Sicherlich besteht die Erwartung, dass Politiker das Bedürfnis nach dem Mythos bedienen, aber die offiziöse Staatsrepräsentation ist in diesem Bereich unerfahrener und unsicherer als in anderen Nationen, überdies werden Tendenzen zur Sakralisierung und Mythisierung weit kritischer beäugt als anderswo. Nicht umsonst hat Helmut Kohl nach der Wiedervereinigung auf die von seinem Amtsvorgänger Helmut Schmidt geforderte Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede – und damit auf einen politischen Opferkult – verzichtet. Sein „Aufbruch ins gelobte Land“ („blühende Landschaften“) hat seine mythische Kraft nie entfalten können: Was in anderen Nationen (USA, Israel) zum mythischen Standardrepertoire gehört, hat hierzulande nie zu einer Transzendierung der tristen Realität gereicht; es wurde phantasielos an der sozialen Realität gemessen, anstatt Aufbruch und Patriotismus zu entfachen.
Mauerfall und Wiedervereinigung weckten da sowohl Begehrlichkeiten als auch Chancen für einen neuen Gründungsmythos. Je nach politischer Stimmungslage wird dessen Mangel beklagt, verspräche man sich doch von gründungsmythischer Integrationskraft die Freisetzung neuer Kraftquellen für den Reformprozeß und die Bewältigung ökonomischer Krisen. Es ist jedoch fraglich, ob eine solche Sicht des politischen Mythos schon an ihrem bloßen Funktionalismus scheitert. Man kann dies analog zu einer funktionalen Religionstheorie betrachten: Glaubt man nur an die guten Nebenwirkungen der religiösen Kontingenzbewältigungspraxis, hat man den Glauben schon soweit rationalisiert, daß man unmöglich an die Offenbarung um ihrer selbst willen glauben kann. Ähnlich scheint es sich auch mit einem essentialistischen/emphatischen Mythosbegriff zu verhalten.

Eine überraschende Wende, die man hinsichtlich der mythischen Aneignung der bundesrepublikanischen Geschichte feststellen kann, ist die retrospektive Charismatisierung ihres Führungspersonals. Die früher geschichtslose Phase wird nun selbst historisch: Während Ernst Jünger anlässlich des Regierungswechsels 1982 noch gelangweilt kommentierte, „der eine Helmut geht, der andere Helmut kommt“, haben gerade die beiden Kanzler Schmidt und Kohl fleißig an ihrer eigenen Mythengeschichte mitgebastelt. Als bundesrepublikanische Dinosaurier, die noch die ganze politische Elite Bonns gekannt und die gesamte bundesrepublikanische Geschichte in politischen Ämtern erlebt haben, ist es ihnen gelungen, mit den charismatischen Kanzlern Adenauer und Brandt gleichzuziehen. Nicht mehr lediglich als erste Angestellte des Staates bzw. als Oggersheimer Biedermann, sondern als Weltökonom (Schmidt), Europäer (beide) und Einheitskanzler (Kohl) beherrschen die beiden auch durch ihre publizistische Steuerung das bundesrepublikanische Gedächtnis.
Der Mythos ist in der Bundesrepublik immer auf die Vergangenheit bezogen worden. Damit hat sich die ursprüngliche Bedeutung des Mythos – wie sie von Gehlen noch definiert worden ist – umgekehrt. Seiner Auffassung nach ist nicht die steigende Rationalität, sondern das historische Bewusstsein dem Mythos entgegengesetzt. Nach unserem heutigen Verständnis hat sich die ursprüngliche Bedeutung des Mythos verschoben: Mythen sind Varianten des historischen Bewusstseins. Folgt man einer Überlegung Helmut Königs, so hat die Vergangenheitsbewältigung oder die Bemühung ihrer Aufarbeitung und Deutung die Revolution bzw. den Krieg als Medium der Umgestaltung und Transformation von Gesellschaften abgelöst. König sieht darin eine rationale und reflexive Praxis, die zwar mühevoll und vergleichsweise unspektakulär, aber erfolgreich sei.