Nummer 6, Juni 2005



 

Thomas Manns Münchner Villa: Eine deutsche Immobilien-Geschichte

Mann, Haus, Banker, Bär
 

Fast zwanzig Jahre lebte der Schriftsteller Thomas Mann mit seiner großen Familie in der Poschingerstraße in München. Das Haus, von den Kindern zärtlich „Poschi“ genannt, wurde im Zweiten Weltkrieg von Bomben getroffen und später abgerissen. Jetzt, im Sommer 2005, steht es beinahe fertiggebaut wieder an der alten Stelle. Die Idee, daraus ein Museum und eine Erinnerungsstätte zu machen, scheiterte an fehlenden Geldern und wohl auch am mangelnden Willen der Stadtoberen von München. Nach einem der größten Schriftsteller Deutschlands wird in Zukunft einer der einflussreichsten Banker im Mann-Haus an der Isar wohnen. (Foto: Hans Pfitzinger)

Von Hans Pfitzinger

 



Wer liest denn noch den Spiegel?“

Merkwürdige Zufälle im Zaubergarten

Mein alter Freund und Spiegel-Leser Ulli J. war entzückt, als er mich an einem Dienstag im März dieses Jahres gegen Mittag anrief: „Waaas – das hast du nicht gewusst? In der Ausgabe von gestern, ein langer Artikel, mit Fotos! Soll ich ihn dir faxen?“ Wenig später wusste ich, dass im Spiegel vom 21. März 2005 tatsächlich ein Artikel über den Wiederaufbau des früheren Wohnhauses von Thomas Mann in München stand. Dass mich das nicht sonderlich erfreuen würde, war dem Ulli schon klar. Denn an eben diesem Montag, als der Artikel im Spiegel erschien, hatte ich morgens um neun einen Artikel mit eben diesem Thema an den Herausgeber der GAZETTE geschickt. Das Fax von Freund Ulli klärte auch ein weiteres Rätsel, das ich vorher verblüfft für merkwürdigen Zufall gehalten hatte: Sämtliche Münchner Tageszeitungen hatten Montag (Abendzeitung, Bild) oder Dienstag (tz, SZ) in kurzen Beiträgen, jeweils mit Fotos, über den Wiederaufbau des Thomas-Mann-Hauses berichtet. Und eines war allen gemeinsam: nirgends ein Hinweis, dass sie ihre Informationen aus dem Spiegel abgeschrieben hatten.
Eine alte Schreiberregel lautet: Wenn schon abschreiben, dann vom Besten. Eine neue scheint zu lauten: Ein Thema ist ein Thema, und wenn mir Der Spiegel eines auf dem Tablett serviert, tu ich einfach so, als sei das von mir entdeckt worden. „Wer liest denn noch den Spiegel?“
Damit tröstete mich auch eine Berliner Kollegin. Und fügte hinzu: „Hey, passiert einem doch dauernd. Man bietet dem Chefredakteur ein Thema an, will er nicht. Drei Wochen später steht’s im Stern oder im Spiegel, und der Chef fragt bei der Morgenkonferenz: ‚Warum haben wir da eigentlich nichts drüber gemacht?’ Kümmer dich nicht drum, ein GAZETTE-Artikel ist doch was anderes.“
Der Artikel im Hamburger Nachrichtenmagazin war sorgfältig recherchiert und reich an Informationen. Das konnte ich beurteilen, denn die Autorin Susanne Beyer zog zum Teil dieselben Quellen zu Rate wie ich. So beginnt sie beispielsweise im Jahr 1945 mit der Fahrt von Klaus Mann die Föhringer Allee hinunter zu seinem zerstörten Elternhaus. Ich nehme an, sie hat das an den Anfang gestellt, weil Klaus Mann es in der Bildbiographie so schön beschreibt. Ich hatte ebenfalls überlegt, damit anzufangen, entschied mich dann aber, die Passage erst später zu bringen. So fährt Klaus Mann im dritten Abschnitt zu seinem zerstörten Elternhaus, bei mir allerdings die Poschingerstraße hinunter.
Auch eine andere Entscheidung fand ich im Spiegel im Nachhinein bestätigt: für die GAZETTE nicht den Titel Im Zaubergarten zu wählen. Ich erfuhr nämlich, dass Dirk Heißerer, der Vorsitzende des Thomas-Mann-Fördervereins, gerade im März ein Buch mit diesem Titel herausgebracht hat (Untertitel: Thomas Mann in Bayern, C. H. Beck Verlag).
-hp

 


„Es ist eine alberne und gefährliche Stadt.
Die Mischung aus bürgerlichem Stumpfsinn,
alias Gemütlichkeit, Leichtsinn
und Schwabinger Literatur-Radikalismus ist ekelhaft...“.
Thomas Mann über München

Vom Anspruch, zu den Besten gehören zu wollen

Was ein Schriftsteller macht, kann man sich auch als Nichtfachmann in etwa vorstellen. Er liest, sitzt am Schreibtisch, schreibt, denkt, spaziert, setzt Kinder in die Welt, spaziert, denkt, schreibt, hält Vorträge zum Geldverdienen, liest und geht in die Oper.
Was aber macht ein Investmentbanker? Er zieht Hemd und Anzug an, bindet einen Schlips um und begibt sich, beispielsweise, in die 58. Etage des Frankfurter Messeturms mit Blick auf die nahen Bankentürme und die fernen Berge des Taunus. Folgen wir dem Reporter der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in die Welt der Global Player einer Investmentbank: „Um 9.55 Uhr läutet Peter Hollmann die Glocke. In der Aktienabteilung von Goldman Sachs beginnt der so genannte ‚Morning Huddle’, eine tägliche Stehkonferenz, auf der die aktuelle Lage auf den Finanz- und Rohstoffmärkten besprochen wird. Etwa 20 Teilnehmer hören den Ausführungen junger Krawattenträger zu, die über den Handelsverlauf an der Wall Street am Vorabend, die Tendenz an der Tokioter Börse oder die neuesten Kapriolen des Rohölpreises berichten. Währenddessen klingeln unaufhörlich Telefone.“
Ganz sicher nicht meine Welt, die der Stehkonferenzen mit ständig klingelnden Telefonen. Dafür bin ich dem Schicksal sehr dankbar. Dem Reporter, der hier mit-huddlen durfte, fällt die Sprache der Männer auf (es sind ausschließlich Männer): „Reines Deutsch spricht hier niemand, vielmehr eine Mischung aus Deutsch und Englisch. ‚War das above expectations?’, fragt jemand, als die Rede auf das gerade veröffentlichte Quartalsergebnis eines Konkurrenten zu sprechen kommt.“
Nun könnte es ja sein, dass Sie bis heute nicht gewusst haben, was ein „Morning Huddle“ ist. Oder was es mit Goldman Sachs auf sich hat. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn die ziehen lieber im Hintergrund die Fäden. Zum Beispiel, wenn ein Großkonzern wie Daimler (Deutschland) und ein anderer wie Chrysler (USA) sich zu einem noch größeren Großkonzern vereinen. Daran waren Goldman Sachs und ihr deutscher Chef Alexander Dibelius „federführend“, wie es so schön heißt, beteiligt. Das Managermagazin gerät richtig ins Schwärmen, wenn es um die allmähliche Verfertigung von DaimlerChrysler durch Alexander Dibelius aus dem Geist der Volkswirtschaftslehre geht: „Die transatlantische Fusion (der so genannte ‚Merger of Equals’) war sein Meisterwerk.“ Drunter tun die nichts. Die „Unternehmenskultur“ von Goldman Sachs formuliert Theodor Weimer, Partner von Dibelius im Investmentbanking: „Unsere Kultur ist getrieben vom Anspruch, zu den Besten gehören zu wollen.“ Auch ohne reines Deutsch.
Zu den Mächtigsten gehört er, der 45 Jahre alte Mergermeister Dibelius, nicht nur nach Ansicht von Wirtschaftsjournalisten. Aber auf das Wort „Macht“ reagiert er allergisch: Laut FAS will er „dieses Wort partout nicht hören. Er verfüge über gute Kontakte zu einflussreichen Leuten in der Wirtschaft, relativiert er, mit dem Begriff Macht habe dies nichts zu tun, sondern eher mit den professionellen Dienstleistungen, die sein Haus und er für Kunden leisteten. (...) Er sei ein Analytiker, der sich bemühe, die Dinge auf den Punkt zu bringen und anderen Konzernchefs dabei helfe, einen Mehrwert zu schaffen.“
Keine Macht also, nur Hilfestellung beim Mehrwertschaffen. Professionelle Dienstleistung. Da sind die Konzernchefs ganz scharf drauf. Die Kundenliste von Alexander Dibelius liest sich wie das Who’s Who der deutschen Wirtschaft: Adtranz, Bayer, Beck & Co., Conti, Dasa, Henkel, KPMG, TUI, Rheinmetall, DaimlerChrysler. Mit dem Chef des letzteren Konzerns, Jürgen Schrempp, ist er eng befreundet. Durchaus möglich, dass Dibelius ihn bald in sein neues Haus im Herzogpark einlädt. In die Villa von Thomas Mann.
Zur Elite dieses Landes gehört Dibelius auch, zumindest nach herkömmlichen Kriterien von Erfolg und Karriere. Aus dem Blickwinkel des Managermagazins sah das im Jahr 2002 so aus: „Der ausgebuffte Investmentbanker liebt schnelle Autos, und ebenso rasant lebt er. Im jugendlichen Alter von 24 Jahren war Dibelius bereits promovierter Chirurg, dann wechselte er – frustriert von der Krankenhaus-Bürokratie – zur Unternehmensberatung McKinsey, wo er, natürlich in Rekordzeit, zum Partner aufstieg. 1993 kam Dibelius schließlich zur Elitebank Goldman Sachs, deren Co-Chairman Deutschland er kürzlich wurde. Ein Überflieger.“ So etwas „natürlich“ zu nennen, fällt wohl nur einem Wirtschaftsjournalisten ein. Aber offenbar meint er ja „selbstverständlich“.
2Zu den Besserverdienenden gehört Alexander Dibelius ohne Zweifel auch. Da es sich aber bei Goldmann Sachs nicht um eine Aktiengesellschaft handelt, wird sein Einkommen nirgends veröffentlicht (auch sonst geht von Goldman Sachs nicht viel an die Presse). Aber es ist anzunehmen, dass dem Co-Chairman Deutschland ein baureifes Grundstück in bester Lage im Münchener Herzogpark für fünf Millionen Mark wie ein Schnäppchen vorgekommen sein muss.
Erworben hat er es von einem in der Öffentlichkeit etwas bekannteren Herrn, der auch einmal als „Überflieger“ bezeichnet wurde: Florian Haffa, ein früherer Medienunternehmer und gerichtlich verurteilter Aktienbetrüger, der auf der Welle der New Economy angesurft kam und auf sehr alte Art mit seiner Firma EM-TV pleite gegangen war. So it goes.
Florian Haffa hatte das Grundstück Ende der neunziger Jahre von der Erbin des Apothekers Otto Roeder erworben. Der Erblasser war 1953 extra nach Zürich gefahren, um Thomas Mann die 20000 Mark Kaufpreis persönlich in die Hand zu drücken. Roeder, ein bekennender Verehrer des Dichters, errichtete einen bescheidenen Bungalow auf den Grundmauern des alten Hauses und setzte sich dafür ein, dass die Föhringer Allee vor seiner Haustür 1956 in Thomas-Mann-Allee umbenannt wurde. Als Florian Haffa das Grundstück kaufte, war der Bungalow nur noch eine Ruine. Für die Pläne des Thomas-Mann-Fördervereins e. V., das ursprüngliche Haus originalgetreu wieder aufzubauen und als Museum der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hatte Haffa durchaus Sympathie. Aber dann brauchte er wohl dringend Geld. Als Mäzen einer Thomas-Mann-Gedächtnisstätte in die Geschichte einzugehen hätte ihm nur Ruhm eingebracht. Für fünf Millionen Mark bot er das Grundstück mit Baurecht zum Verkauf an. (Wir erinnern uns: Thomas Mann bekam 20000 Mark dafür. Das spiegelt in etwa die Entwicklung der Immobilienpreise im Herzogpark.) Der Förderverein konnte, Oberbürgermeister Christian Ude wollte die von Haffa geforderte Summe nicht aufbringen, auch wenn der frühere Münchner Kulturreferent Jürgen Kolbe in der Welt am Sonntag in gewohnt geschraubter Manier für einen Wiederaufbau als Gedächtnisstätte plädierte: „Vom Habitus war auch der zugereiste Münchner Thomas Mann ein ‚Repräsentant’, quasi ein ‚Klassiker’. Die Distanz von einem Jahrhundert seit Erscheinen der Buddenbrooks bekräftigt die zweifelsfreie Einzigartigkeit der Bedeutung.“
Bekräftigt wurde dann aber die zweifelsfreie Einzigartigkeit der Macht des Geldes, und so ging die Adresse Poschingerstr. 1 an den „Elitebanker“ Alexander Dibelius. Der hatte nichts gegen die Vorgaben des Münchner Planungsreferats, Garten, Mauer und Gebäude nach den ursprünglichen Plänen zu restaurieren und am Zaun eine Gedächtnisplakette anzubringen. Wie’s da drinnen aussieht, geht niemand was an. Dibelius will das Thomas-Mann-Haus privat nutzen, als Wohnhaus. Der ursprüngliche Architekt wird nirgends erwähnt, auf der Bautafel prangt der Name von Thomas Dibelius, Cousin des Bauherrn und Architekturprofessors an der Universität Siegen. Bei der Gestaltung des Inneren war er an keine Auflagen gebunden. So konnte das Haus mit modernster Haustechnik und Solarmodulen auf dem Dach ausgerüstet werden.
Unter der Überschrift „Technik ergänzt Geschichte“ teilt die Firma Korn-Fenster weitere Einzelheiten mit: „Die äußere Fassade und ihre Fenster werden nach dem Orginal von 1914 gestaltet, die innere Fensterebene entspricht der modernen Neugestaltung des Gebäudekerns. Die Fenster- und Türenelemente erhalten unterschiedliche Zusatzkomponenten: Sicherheitsgläser, Alarmspinnen, elektrische Mückenrollos und elektrischen Sonnenschutz. Für die vielen Kabelaustritte an den einzelnen Elementen (bis zu 16) erstellen wir einen exakten Kabelverlegungsplan.“
Auch das Schwimmbad geht nicht auf Thomas Mann zurück.

Zwischenspiel: Der Bär

Selbst wenn das neue Haus innen nach den alten Plänen eingerichtet wird, der ausgestopfte sibirische Bär wird bestimmt fehlen. Der stand seit 1914 aufrecht auf dem zweiten Treppenabsatz, einen Teller für Visitenkarten in den Tatzen, ein Erbstück der Familie Mann aus Lübeck. Schon in den Buddenbrooks hat Thomas Mann den Bären verewigt. Er wurde 1937 mit dem Rest des Hausrats versteigert und stand dann, bis ins Jahr 2000, im Schaufenster der Lederwarenhandlung Matt. In den Tatzen hielt er einen kleinen Korb mit Fensterleder. Dort entdeckte ihn Elisabeth Mann Borgese, als sie wegen der Fernsehserie Die Manns den Regisseur Heinrich Breloer in München traf. Jetzt steht der Bär im Münchener Literaturhaus am Salvatorplatz. In einem Glaskasten, dritter Stock, mit Aufzug. Das Literaturhaus ist eine städtische Einrichtung. Oberbürgermeister Ude müsste zurücktreten, wenn er den Mann-Bären wieder verkaufen würde.

Der Krieg ist vorbei

Am 10. Mai 1945 fährt am späten Nachmittag ein offener US-Jeep die Poschingerstraße in München Richtung Isar hinunter. Fahrer und Beifahrer tragen amerikanische Militärkleidung, Ausgehuniform, Hemden mit Schulterklappen und Schlips, das Schiffchen auf dem Kopf. Die Jacken haben sie ausgezogen an diesem sonnigen Maitag und auf den Rücksitz gelegt. Der Krieg ist vorbei. Zum ersten Mal seit 1933 nähert sich Klaus Mann wieder dem Haus, das für ihn, seine Eltern und fünf Geschwister fast 20 Jahre Lebensmittelpunkt war. „Mein erster Eindruck: Da ist es noch! Es hat den Sturm überstanden! Aber das stimmte nicht. Wie so viele Gebäude in der Stadt hatte das Haus nur als leere Hülse überlebt; die einigermaßen wohlerhaltene Fassade hatte mich für einen Augenblick getäuscht. Innen war alles kaputt.“ Auf einem Foto, aufgenommen von John Tewksbury, Klaus Manns Begleiter an diesem Tag, sieht man die leeren Fensterhöhlen. Klaus Mann steht auf der Gartentreppe an der Südseite des Hauses, die Stufen sind zerstört. Er blickt zum Balkon im zweiten Stock hinauf, der den halbkreisförmigen Vorbau mit Steinsäulen krönt. Auch die sind größtenteils abgebrochen, das Dach ist durchlöchert, die meisten Ziegel sind herabgefallen. Dort oben, im zweiten Stock, war früher sein Zimmer.
„Es gelang mir, ins Haus zu kommen, und ich stellte sofort Veränderungen fest, die nichts mit dem Bombardement zu tun hatten. Es gab Wände und Türen, die ich noch nie gesehen hatte.“ Im zweiten Stock trifft er auf eine Frau, die sich dort notdürftig eingerichtet hat. Sie arbeitet als Stenotypistin bei einer Münchner Firma. Ihre Wohnung in der Innenstadt ist von amerikanischen Bomben zerstört worden. Klaus Mann, als US-Soldat mit den Siegern in München eingezogen, schreibt an seinen Vater Thomas in Kalifornien: „Es ist alles ziemlich bedrückend. Das Haus steht völlig leer – es wurde nach einem schweren Bombenangriff geräumt.“
Bei Gesprächen mit Nachbarn erfährt er, wie es mit dem Haus nach 1933 weiterging. Zunächst wurde es drei Jahre nicht angerührt, 1936 dann mitsamt Hab und Gut von den Nationalsozialisten beschlagnahmt, Möbel und Hausrat inklusive Bär versteigert. Die Villa übernahm im nächsten Jahr der geheimnisumwobene Verein „Lebensborn e. V.“. Heinrich Himmler, Reichsführer der SS, zu dessen besonderen Hobbys die Rassenlehre gehörte, hielt das Haus des Dichters für das ideale Ambiente, um einen Eliteverein für Arier zu beherbergen: Hier sollte die Jugend „im Sinne des Rasseideals gefördert“ werden. Man könnte das auch als Verneigung vor der Magie des Gegners Thomas Mann sehen. Ob das Haus wegen der Arierzucht von der US Air Force ins Visier genommen wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Vier Mal wurde es von Bomben getroffen.
1949 übergeben die Münchner Behörden Haus und Grundstück wieder an den früheren Besitzer Thomas Mann. Er erhält 2400 Mark Entschädigung für „entgangene Mieteinnahmen“.
Die fetten Jahre

Wenn es um die nähere Umgebung seines Hauses in München ging, duldete Thomas Mann keinen Widerspruch: „Das ist kein Wald und kein Park, das ist ein Zaubergarten, nicht mehr und nicht weniger.“ 1919, als er die Gegend, die noch heute Herzogpark heißt, in der Novelle Herr und Hund ausführlich beschrieb, stand seine Villa mit einigen anderen Großbürgerhäusern am Rand einer unbebauten Wildnis, direkt an der Isar. Und auch die lief noch nicht im schnurgeraden Stein- und Betonplattenkorsett an seinem Haus vorbei, sondern suchte sich ihren Lauf in einem breiten, ständig veränderten Flussbett.
Ich konnte Manns Enthusiasmus siebzig Jahre später gut nachvollziehen. 1984 fand ich durch eine Anzeige in der Süddeutschen Zeitung eine Wohnung mit zwei Zimmern, Kochecke, Bad und Tiefgarage an der Ecke Mauerkircher-/Poschingerstraße. Die Zeitschrift, für die ich sehr gern halbtags arbeitete, hatte ihre Redaktionsräume in einer alten Villa im oberen Teil von Bogenhausen. Ich stapfte immer den Zickzack-Weg zum Herkomerplatz hinauf und war zu Fuß in zehn Minuten an meinem Schreibtisch. Fenster und Loggia der neuen Wohnung gingen nach hinten raus, ich wohnte im Baumhaus. Eichhörnchen schauten mir beim Schreiben zu. An der Ecke gab es noch die „Herzogparkquelle“, deren Pächterin zwar bei der CSU war, aber eine gute Wirtschaft führen konnte. Mir ging’s richtig prima. Die Nierensteine kamen erst später.
Von Thomas Manns Anwesenheit in früheren Jahren wusste ich nichts. Es gab keine Hinweise, keine Gedenktafel am Haus Mauerkircherstraße 13 oder Poschingerstraße 1. Von der Adresse erfuhr ich erst, als ich mir nach langem Zögern doch die rororo-Monografie besorgt hatte. Mir war Thomas Mann oft ziemlich auf den Wecker gegangen mit seiner unverschämt ausgebreiteten Bildung. Und was zum Teufel gingen mich die Probleme der Großbourgeoisie an? Aber je älter ich wurde, umso mehr lernte ich den Großbourgeois Mann als Schriftsteller schätzen. Sogar den Zauberberg hatte ich, nach vielen Startversuchen, endlich mit großem Vergnügen und einem Gefühl der Bereicherung zu Ende gelesen. Dann war ich reif für Josef und seine Brüder, und da fiel mir auf, dass Thomas Mann nicht nur ein sehr klassisch schönes Deutsch schrieb, sondern auch sorgfältig und offenbar unermüdlich recherchiert hat. Wer über Kriegsursachen auf diesem Planeten Aufklärung sucht, wird die drei Bände bestimmt schätzen. (Would you please shut up, Mr. Nabokov!)
Ah, sieh an, dachte ich, als ich das Foto seines Hauses in der Monografie sah, mit der Adresse als Bildunterschrift: Da hat er also gewohnt, der Zauberer! Gleich bei mir um die Ecke.
Der Herzogpark ist so fern der Wirklichkeit auf diesem Planeten, wie es eine reiche Wohngegend in einer Großstadt der so genannten ersten Welt nur sein kann. Wobei reich hier nicht ausschließlich im Sinne von „viel Geld haben“ gemeint ist: reich an Bäumen, Sträuchern und Wiesen, würziger Luft, Flussauen mit echter Wildnis, ein Paradies für Vögel, mit schönen alten Villen und halb verwilderten Gärten. Aber auch geldig reich, wenn man die Bewohner meint. Hohe Zäune. Videokameras.
Zum alten Geld kam im Lauf der Jahre neues hinzu, Eigentumswohnanlagen der obersten Preiskategorie locken die Bestverdienenden. Die Dichte an Autos der Luxusklasse (überwiegend Daimler, BMW, Volvo, Porsche, Range Rover und Ferrari) liegt auf der Mauerkircherstraße deutlich höher als sonst wo in der Stadt, von der äußeren Grünwalder Straße vielleicht mal abgesehen. Sehr beliebt sind große Geländewagen der Marke „Mein-Auto-fährt-auch-ohne-Wald“, ganz so, als würde der Herzogpark den Bewohnern noch heute das Gefühl vermitteln, dass sie in der Wildnis leben. (Obwohl die Straßen längst asphaltiert sind.) Auf eine frühere Entwicklungsstufe des Menschen deutet auch hin, dass die Frauen sich hier zur Winterszeit auffallend zahlreich in Tierfelle einhüllen, wenn sie aus ihrer Tiefgarage dieseln und zehn Minuten später in die von Feinkost Käfer an der Prinzregentenstraße einchecken.
Apropos Frauen im bodenlangen Pelzmantel: Der Multimilliardär Friedrich Karl Flick, Erbe der deutschen Rüstungsindustrie aus dem Dritten Reich, hat sich hier schon vor mehr als zwei Jahrzehnten eine Villa errichten lassen, Pienzenauerstr. 111, eine Hochsicherheitsburg im Stil einer chinesischen Betonpagode. Die wird aber mehr bewacht als bewohnt, denn aus steuerlichen Gründen muss sich der Besitzer der Immobilie hauptsächlich im österreichischen Kitzbühel aufhalten.

Thomas Mann im traumhaft Wohlbekannten

Der Name des Viertels geht auf den Wittelsbacher Herzog Max in Bayern zurück, der den ausgedehnten Park am rechten Isarufer zu Beginn des 19. Jahrhunderts erworben hatte. Die Landschaft war von Gartenarchitekt Friedrich von Sckell im englischen Stil umgestaltet worden, ganz nach den fortschrittlichsten Vorstellungen seiner Zeit. (Von Sckell, 1789 nach München gekommen, legte im Auftrag von Kurfürst Karl Theodor den Englischen Garten an. Die Jahreszahl weist auf den Grund hin: Der Park sollte dem Stadtvolk freien Auslauf in der Natur bieten, damit sie in München nicht auf so dumme Gedanken kamen wie die Revolutionäre in Paris.) Des Herzogs Nachfahren verkauften den inzwischen wieder schön verwilderten Park im Jahr 1906 an eine Bauträgergesellschaft, die ihn fürs Münchener Großbürgertum als noble Wohngegend erschließen wollte. Doch die Gesellschaft ging bald danach pleite. So it goes.
Im Herzogpark waren zwar schon Straßen vermessen und mit Schildern versehen worden, doch weiter als bis in die unmittelbare Nachbarschaft von Thomas Manns Haus drang die Bebauung nicht vor. Der Rest des Parks, mit den drei Zonen Fluss, „Steppe“ und Hang, die in Herr und Hund so schön beschrieben werden, blieb zu des Zauberers Zeiten von Häusern verschont: „Es ist kein Zweifel, die Parkstraßen mit den poetischen Namen wuchern zu, das Dickicht verschlingt sie wieder, und ob man es nun beklagen oder begrüßen soll, in weiteren zehn Jahren werden die Opitz- und die Flemingstraße nicht mehr gangbar und wahrscheinlich so gut wie verschwunden sein.“
Hier irrte der Dichter. 14 Jahre später waren nicht die Straßen, sondern er selbst verschwunden. Heute sind die Opitz- und die Flemingstraße dicht bebaut, und auch sonst gibt es im Herzogpark kaum noch Grundstücke ohne Häuser. In den letzten Jahren wurden viele Lücken geschlossen. Aber Kultur ist, wenn die Häuser nicht höher sind als die Bäume, und das trifft hier immer noch zu.

Thomas Mann war von der einmaligen Lage hingerissen. Was scherte ihn „bürgerlicher Stumpfsinn, alias Gemütlichkeit, Leichtsinn und Schwabinger Literatur-Radikalismus“ und das, was er den „Niedergang Münchens als Kunststadt“ nannte. Seine Welt war die des aufgeklärten Großbürgertums, in das er, der erfolgreiche Schriftsteller, eingeheiratet hatte. Die Familie von Mathematikprofessor Alfred Pringsheim, der seine Frau Katia entstammte, gehörte in München gesellschaftlich zur öffentlich präsenten Oberschicht. Katia Mann, die als eine der ersten Frauen in Bayern Abitur gemacht und an der Ludwig-Maximilians-Universität acht Semester Mathematik und Physik studiert hatte, war die Enkelin der Berliner Pazifistin und Frauenrechtlerin Hedwig Dohm. Höchst kultivierte Kreise, in denen der norddeutsche Schriftsteller verkehrte.
Schon im Frühjahr 1911 waren die Manns von Schwabing in den Herzogpark umgezogen, seit Monikas Geburt im vorigen Sommer galt es, vier Kinder unterzubringen. Sie mieteten zwei Wohnungen auf derselben Etage in der Mauerkircherstraße 13 und verbanden sie miteinander. Das dreistöckige Haus, noch heute ein schnörkelloser Bau mit nackten Reliefstatuen auf der Straßenseite, lag fünf Minuten von der Trambahnhaltestelle Richtung Innenstadt entfernt. Und hundert Meter in der anderen Richtung, flussabwärts, begann die Wildnis. Thomas Mann, zeitlebens leidenschaftlicher Spaziergänger, erkundete in den folgenden Jahren auf langen Wanderungen mit seinem Hund Bauschan beinahe täglich die unbebaute Landschaft zwischen seinem Haus und Unterföhring. Besonders fasziniert war er von dem Fährmann, der etwa an der Stelle, wo 1924 das Isarwehr errichtet werden sollte, Ausflügler vom Englischen Garten nach Bogenhausen und wieder zurück brachte. Wenn er nicht draußen in der Natur unterwegs war, zog sich der Dichter in sein Arbeitszimmer zurück, zunächst im Haus Mauerkircherstraße 13, neben den Baumkronen, und schrieb Der Tod in Venedig. Vielleicht haben ihm manchmal Eichhörnchen beim Schreiben zugesehen.
Frau Katia, überanstrengt von Mann, Haushalt, Kinderkriegen und Kinderhüten, verbrachte immer wieder lange Wochen fern von München in einem Sanatorium in Davos. Aus den Eindrücken, die Thomas Mann bei Besuchen dort aufnahm, und aus den Briefen, die ihm seine Frau schrieb, verdichtete sich bald eine neue Romanidee.

Wer an der Poschingerstraße links abbiegt und zur Isar hinuntergeht, kommt im Jahr 2005 vorbei an einer der großen Villen, die da schon standen, als Thomas Mann hier wohnte. Poschingerstraße 5: Das Haus hat Walter Heymel im Jahr 1910 für sich bauen lassen, ein Dichter und Verleger, Gründer der Zeitschrift Die Insel und Inhaber des gleichnamigen Verlages. Seit 1952 residiert hier das ifo-Institut. Bei ifo erstellen und verbreiten sie hauptberuflich Prognosen über den „Geschäftsklimaindex“. Im wissenschaftlichen Ansehen steht das weit unter der Meteorologie. Es geht dabei um Wirtschaftsreligion, ihr Gott heißt Wachstum. Ihr Glaubensbekenntnis: Wenn „die Wirtschaft“ wächst, sinkt die Arbeitslosigkeit. Mit monatlicher Verkündigung der Promillewerte. Am ifo-Gebäude wird deutlich, dass man mit Arbeitslosigkeit mehr Geld verdienen kann als ohne. Dem gab man vor ein paar Jahren mit einem neu eingefügten Mitteleingang zur Straße hin Ausdruck. An der schmucken Fassade haben sicher viele Steuergelder mitrenoviert. Hier wird Wachstum Wirklichkeit. Doch von dieser Welt, der Herzogpark? Um das zu belegen, sind offenbar Säulen unverzichtbar.
Noch 80 Schritte, und wir stehen am Abhang über der Isar. Dichte Baumreihen säumen das Hochufer. Ein Stück von der Straße entfernt verläuft der Zaun um das Grundstück Poschingerstraße 1. Am 7. März 1913 wurde der „Plan zur Erbauung eines Einfamilienhauses im Anwesen des Herrn Thomas Mann, Schriftsteller, Ecke Föhringer-Allee und Poschingerstr., Maßstab 1 : 100“ bei der Stadtverwaltung eingereicht und alsbald genehmigt. Die älteren Kinder, Klaus und Erika Mann, sieben und acht Jahre alt, erkundeten den ganzen Sommer über die Fortschritte beim Bau des Hauses.
Die Lage war einmalig, die Nachbarn ebenfalls. Zu den Spielgefährten von Klaus und Erika gehörten die Kinder des Privatgelehrten Robert Hallgarten, des Historikers Erich Marcks und des Dirigenten Bruno Walter (mit dem Erika in den vierziger Jahren eine Liebesbeziehung einging, die von Mutter Katia sehr missbilligt wurde: „Mein Gott, wie kann man nur auf den verlogenen Greis versessen sein“, schrieb sie 1943 an Sohn Klaus). Die Nachbarn pflegten ein reges Sozialleben mit gegenseitigen Einladungen, bei denen man sich beriet, wie die wilde Kinderclique zumindest gelegentlich zur Räson gebracht werden könnte.
1914 hatte der Schriftsteller keinen Grund zur Klage. Der Krieg war fern und der Aufregung nicht wert. Thomas Mann sympathisierte mit den deutschen Kriegszielen. Er lebte standesgemäß, war kerngesund, genoss die Wanderungen mit seinem Hund im „Zaubergarten“ Herzogpark und schrieb, gegen Störungen abgeschirmt von Frau Katia, an den ersten Kapiteln seines neuen Romans Der Zauberberg. Auch die beiden ersten Bände von Josef und seine Brüder sind in den folgenden Jahren im Haus über der Isar entstanden. Im April 1918 wurde Elisabeth Mann-Borghese geboren, der mittlere Sohn, Golo, war da neun Jahre alt. Genau ein Jahr später kam der jüngste Mann-Bruder Michael zur Welt. Wieder sind kleine Kinder im Haus. Die älteren proben den Abgang. Erika macht 1924 Abitur, Klaus verlässt die Odenwald-Schule ohne Abschluss und geht nach Berlin. Er hat beschlossen, Schriftsteller zu werden. Thomas Mann reist viel, hält Vorträge, engagiert sich gegen die Nationalsozialisten, wird bedroht. 1933, nach einem Vortrag in Amsterdam zum Thema Leiden und Größe Richard Wagners, kehren Thomas Mann und seine Frau Katia nicht mehr nach Deutschland zurück. 1936 wird ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen.

Einmal kehrte er dann doch noch zurück in die Poschingerstraße 1. Seit dem Ende des Krieges waren sieben Jahre vergangen. Er lebte jetzt in Erlenbach bei Zürich und war zu Besuch in der Stadt. Zum letzten Mal stand er, drei Jahre vor seinem Tod, an dem Ort, der ihm in der schönsten Zeit seines Lebens fast 20 Jahre Heimat gewesen war. Im Tagebuch hielt er fest: „Auf meinen Wunsch Fahrt zum Herzogpark, Besuch bei den Fundamenten des niedergelegten Hauses. War bewegt und gedankenvoll. Dann Weiterfahrt durchs traumhaft Wohlbekannte.“