Nummer 6, Juni 2005



 

Leo Katz wiederentdeckt

Totenjäger


Dank einer Kooperation zwischen Rimbaud Verlag und Wiener Theodor Kramer Gesellschaft wurde nun – 60 Jahre nach Ersterscheinung – der Roman „Totenjäger" des 1892 geborenen Leo Katz neu aufgelegt, der erstmals 1944 im mexikanischen Emigrantenverlag „El Libro Libre" erschienen war. Eines der frühesten Werke über die Judenvernichtung.

„Eine der stärksten Erinnerungen an meinen Vater war seine Erzählkunst. Er konnte stundenlang erzählen", sagt der in Wien geborene Ethnologe, Mexikanist und Historiker Friedrich Katz: „Er war ein sehr guter Vater, zärtlich und einfühlsam. Ich kann mir keinen besseren Vater vorstellen!" Ich treffe Friedrich Katz anlässlich seines kurzen Besuchs in Wien. Für die Präsentation des „Totenjägers" ist der 78-jährige eigens aus Chicago angereist, wo er seit langem lebt und lehrt. Ein ruhiger, sympathischer, überaus gebildeter Herr, der in vier Sprachen zu Hause ist. „Daheim, mit meinen Eltern, wurde Jiddisch gesprochen. Vater schrieb auf Deutsch und Jiddisch."
Auf deutsch schrieb Leo Katz auch seinen Roman „Totenjäger", der 1944 in dem von ihm mitbegründeten mexikanischen Emigrantenverlag „El Libro Libre" erschien. Leo Katz befand sich zu diesem Zeitpunkt im mexikanischen Exil. In „Totenjäger" schildert er die Vernichtung der Juden in seinem Geburtsort Sereth in der Bukowina durch die Nationalsozialisten. Das Sereth, das Leo Katz kennt, ist jenes aus Zeiten der Monarchie, mit einem friedlichen Nebeneinander der Völker. Trotzdem ist „Totenjäger" eines der ganz frühen Bücher über die Judenvernichtung, lesbar als Utopie über einen erfolgreichen Widerstand einer den Kommunisten nahestehenden Organisation gegen den Nationalsozialismus.
Als sein Vater den Roman geschrieben habe, meint Sohn Friedrich, sei selbst den Emigranten in Mexiko klar gewesen, dass in Europa Massenmorde an Juden verübt wurden. Was man freilich nicht gewusst habe, war, dass in den Konzentrationslagern eine industrielle Vernichtung stattfand. Leo Katz konnte nicht wissen, was sich wirklich in Sereth abspielte, konnte er nur erahnen.
Wie meinte Konstantin Kaiser von der österreichischen Theodor Kramer Gesellschaft bei der Präsentation des „Totenjäger" in Wien: „Vor kurzem ist der letzte Jude von Sereth gestorben, der sich noch um den jüdischen Friedhof gekümmert hat. Damit ist die Katastrophe, von der Leo Katz bereits 1944 schrieb, endgültig eingetreten!"

Mexiko ist eine der letzten Stationen in einem von ständigen Ortswechseln, Emigration, politischer Untergrundarbeit, politisch- und rassisch-motivierter Verfolgung geprägten Leben, das den 1892 in Sereth in der Bukowina geborenen Leo Katz nach Wien, Berlin, Paris, New York, Mexiko, Israel und zuletzt wieder nach Wien führt.
Nach Mexiko emigrierte Familie Katz 1940 von New York aus. Denn der Aufenthalt in New York ab 1938 war begrenzt - weder Leo noch seine Frau Bronia, die er in den 20er Jahren in Wien kennengelernt und geheiratet hatte, durften arbeiten, ihre Visa waren abgelaufen. Zudem forderten die amerikanischen Behörden 1940 von allen Emigranten Auskünfte über ihre Tätigkeiten vor Ankunft in den USA.„Mein Vater befand sich in einem Dilemma", erinnert sich Friedrich Katz im Nachwort des Romans, „hätte er den amerikanischen Behörden über seine Aktivitäten als Waffenschmuggler für den spanischen Bürgerkrieg berichtet, hätte er riskiert, ins Gefängnis zu gehen, verschwieg er aber diese Tätigkeit, konnte er wegen Meineids angeklagt werden". Wie der überaus friedliebende Intellektuelle, Schriftsteller und Journalist Leo Katz, der nie etwas mit Waffen zu tun hatte, zum Waffenlieferanten wurde, ist eine der vielen unglaublichen Episoden in einem abenteuerlichen und bewegten Leben. Die Komintern hatte Leo Katz auserkoren, eine derartige Schmugglertätigkeit auszuüben. Zu diesem Zeitpunkt war er Chefredakteur der „Neie Presse", der jiddischsprachigen Zeitung der kommunistischen Partei Frankreichs, in Paris. Er wurde Mitarbeiter des für Waffenbeschaffung zuständigen, stellvertretenden Heeresministers Spaniens, Alejandro Oteros. Für seine Tätigkeit war Katz quer durch Europa und die USA unterwegs. Kriegsminister aus den baltischen Staaten und der Türkei wurden bestochen, Waffen für ihre Länder zu bestellen, die dann auf hoher See umgeladen und nach Spanien umdirigiert wurden, um das internationale Embargo zu umgehen. Auch Verbindungen nach Österreich, wo zu dieser Zeit der austro-faschistische Ständestaat regierte, gab es bei diesen Geschäften, erzählt Friedrich Katz, der entsprechende Dokumente über den Deal gefunden hat: „1937/38 bestellte die mexikanische Regierung bei der Hirtenberger Waffenfabrik Waffen, die in Wirklichkeit für Spanien bestimmt waren. Als die Nazis einmarschierten, wurden die Aufträge storniert."

In New York jedenfalls, wohin Katz nach seiner Ausweisung aus Paris geflohen war, konnte er nicht mehr bleiben. Die linke Regierung des mexikanischen Präsidenten Làzaro Cárdenas stellte ihm ein Visum aus. Mexiko, ein Zentrum der deutschsprachigen Emigration von Intellektuellen und Künstlern wie Egon Erwin Kisch, Anna Seghers, Bruno Frei, Ludwig Renn, Bodo Uhse und vielen anderen, anerkannte auch ihn als Flüchtling.

Prägend für die politische Einstellung Leo Katz' war zunächst ein Bauernaufstand, den er als junger Mann 1907 in Sereth, an der Grenze zwischen der Habsburger Monarchie und Rumänien, miterlebte. In Rumänien musste er mitansehen, wie aufständische Bauern niedergemetzelt wurden. Diese Erfahrung, erzählt sein Sohn, der diese Geschichte oft vom Vater gehört hat, habe ihn zum Sozialisten gemacht. Das nächste Ereignis war der Erste Weltkrieg, zu dessen Ausbruch Leo Katz in Wien war. Enttäuscht von der Haltung der Sozialdemokraten, die nicht gegen den Krieg opponierten, schloss er sich der Freien Vereinigung Sozialistischer Studenten an, die 1919 geschlossen in die neugegründete Kommunistische Partei Österreichs eintrat.
Und auch die Bibel trug – so paradox es klingen mag - zu Leo Katz' sozialistischer Einstellung bei. Nach dem Willen seines orthodoxen Vaters hätte Leo Katz Rabbiner werden sollen. Er blieb zeitlebens ein überzeugter Jude, ohne religiös zu sein. Die Bibel aber kannte er auswendig und konnte mit Zitaten jeder Art argumentieren. „Wenn die Kommunistische Partei jemanden brauchte, um mit einem Pfarrer zu diskutieren, holte sie meinen Vater", erzählt Friedrich Katz schmunzelnd.

Eine höchst ungewöhnliche Mischung, die sich auch im Roman Totenjäger zeigt – kaum ein anderer Schriftsteller mit einem ähnlichen politischen Hintergrund hätte etwa eine Figur wie den Synagogendiener Jossel Schames erfinden können, der nach der Ermordung aller Juden von Sereth als einziger am Leben gelassen wird, weil selbst die Nationalsozialisten Angst und Respekt vor seinen übernatürlichen Kräften haben. Vergleiche mit Isaak Bashevi Singer oder Sholem Alejchem drängen sich auf. Nicht zuletzt wegen der feinen Ironie, mit der Leo Katz seine Protagonisten zeichnet. Während seiner Berliner Zeit zwischen 1930 und 1933 hatte er unter Pseudonym für die „Rote Fahne" satirische Artikel über Hitler geschrieben. Im Roman „Totenjäger" werden die Nazis gehörig auf die Schaufel genommen, ohne dass deren Brutalität zu verharmlost oder verniedlicht würde. Sie gleichzeitig zu verarschen, sei gewissermaßen seine Spezialität gewesen, sagt Friedrich Katz.
Protagonist Justfan, ein Volksdeutscher, der als ehemaliger Briefträger fürs Habsburgerreich immer noch wehmütig der k&k Monarchie anhängt, ist eine Art Schwejk, der die Nazis durch seine Naivität zur Weißglut treibt. Ein liebevoll gezeichneter Narr, der die Wahrheit spricht, und nach dem Verbleib der Juden fragt. Am Ende siegt die gute Sache, ist der Widerstand erfolgreich. Ein optimistisches, aus heutiger Sicht vielleicht zu optimistisches Ende.

Unter den Emigranten in Mexiko, die politisch keineswegs eine einheitliche Gruppe sind, kommt es unterdessen bald zum Bruch zwischen den deutschen und den österreichischen Kommunisten. Vor allem die Haltung von Paul Merker, dem Leiter der deutschen KPD-Gruppe, der konsequent der Meinung war, die Mehrheit des deutschen Volkes bestehe aus Nazigegnern, empört Leo Katz. 1943 scheiden er und sein Freund Bruno Frei aus der KPD Gruppe aus und gründen eine eigene österreichische Gruppe.

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges verlässt Leo Katz mit seiner Familie Mexiko, nicht zuletzt um wieder in einer Umgebung zu sein, in der die Sprachen gesprochen werden, in denen er schreibt. Ein Versuch, in Israel Fuß zu fassen, schlägt fehl. Der herzkranke Leo Katz verträgt das Klima nicht. Doch auch aus politischen Gründen sei ein Leben in Israel für ihn unmöglich gewesen, erzählt Friedrich Katz, der alle Ortswechsel seiner Eltern mitgemacht hat: „Für die Zionisten war er nach wie vor Kommunist, den Kommunisten war er verdächtig."
1950 lässt sich die Familie in Wien nieder. Es ist die Zeit des Kalten Krieges. Für die Bücher von Leo Katz findet sich hier kein Verlag, obwohl 1947 sein Roman „Seedtime" beim renommierten A. Knopf Verlag erschienen und begeisterte Rezensionen in der New York Times und im New Yorker erhalten hatte. „Nicht einmal der kommunistische Globusverlag wollte seine Bücher", erinnert sich Friedrich Katz, „Vielleicht schreckten sogar die vor jüdischen Themen zurück?"
Trotz des dumpfen gesellschaftspolitischen Klimas im Österreich der Nachkriegszeit, in dem von Aufarbeitung der NS-Zeit keine Rede war und rasch wieder antisemitische Rülpser hochkamen, sei diese Zeit die glücklichste und produktivste seines Lebens gewesen, sagt sein Sohn: in diesen vier Jahren entdeckt Leo Katz das Schreiben von Kinderbüchern und schreibt 6 Romane, von denen 4 in der DDR herauskommen. Drei Manuskripte fallen der DDR-Zensur zum Opfer. 1993 bringt der Wiener Verlag für Gesellschaftskritik seinen autobiografischen Roman „Brennende Dörfer" aus den 30er Jahren heraus. Das erlebt Leo Katz ebenso wenig wie das jetzige Erscheinen des „Totenjägers". Er stirbt 1954 in Wien an einer Krebserkrankung.
„Bis zuletzt war er voll mit Geschichten, Ideen, Erzählungen", sagt sein Sohn.
Leo Katz während des ersten Weltkrieges geschriebene Dissertation über die Auswirkungen der Pest, des „schwarzen Todes" auf die Lage der Juden in Deutschland im Mittelalter ist an der Universität Wien übrigens nicht mehr auffindbar.

Judith Brandner