Nummer 5, März 2005



 

Fundraising in Deutschland: Der Dritte Sektor und seine Zukunft

Von Götz-Dietrich Opitz

„Private Quellen werden immer wichtiger", „Die hohe Kunst des Bettelns" oder „Ohne professionelle Spendensammler geht nichts mehr". Diese oder ähnliche Schlagzeilen konnte man in den letzten Jahren vermehrt lesen. Hat Fundraising in Deutschland wirklich Zukunft? Was ist „Fundraising" überhaupt? Welche Voraussetzungen muss ein Land mitbringen, um diese „Kulturtechnik", als solche Fundraising schon bezeichnet wurde, dauerhaft mit Erfolg zu etablieren?

Zur Beantwortung dieser Fragen ist es sinnvoll, sich am Managementprozess des Marketing zu orientieren, wird doch Fundraising als Managementaufgabe verstanden, die zwischen Marketing und Öffentlichkeitsarbeit anzusiedeln ist. Der Managementprozess des Marketing besteht aus einer Analyse und der daraus abgeleiteten Strategie, die dann in eine konkrete Marketing-Planung übersetzt wird. In einem ersten Analyseschritt, auf den wir uns hier konzentrieren wollen, untersucht man die „Makroumwelt", die auch „externer Datenkranz" genannt wird. Manche Marketing-Experten reden in Zusammenhang mit dieser Untersuchung von der „PEST-Analyse" („Political", „Economical", „Social" und „Technological"). Wir nehmen der Vollständigkeit halber das Kriterium „Cultural" hinzu, stammt doch die Bezeichnung „Kulturtechnik" von der in hiesigen Fachkreisen bekannten Fundraising-Expertin Marita Haibach. Wir wollen die Analyse mit den beiden Kriterein „Cultural" und „Social" in historischer Perspektive beginnen.

Die Bezeichnung „Kulturtechnik" hat durchaus ihre Berechtigung. So schreibt Haibach in ihrem Handbuch Fundraising, das zu einer Art Bibel auf dem Gebiet avanciert ist, folgendes: „In den USA ist die gesellschaftliche Akzeptanz von Fundraising weit höher als in Deutschland. Fundraising ist eine Art Kulturtechnik, die allgegenwärtig ist. Fast alle AmerikanerInnen lernen und praktizieren Fundraising von Kindheit an. Fundraising ist positiv besetzt". Woran liegt das? Was hat die US-amerikanische Kultur, was die deutsche nicht - oder zumindest weniger? Um dies in Erfahrung zu bringen, muss man wissen: Wer nach der professionalisierten Fähigkeit des Bittens (Fundraising) fragt, muss auch nach der institutionalisierten Bereitschaft des Gebens (Philanthropie) fragen. Gemeint ist damit der Entwicklungsstand einer tradierten Mentalität, die als das „freiwillige, nicht gewinnorientierte Geben von Zeit oder Wertgegenständen für öffentliche Zwecke" (Haibach) verstanden werden kann.


Fundraising: Was is´n das?

Was „Fundraising" bedeutet, ist der breiten deutschen Bevölkerung bisher kaum bekannt: Der Begriff kommt bezeichnenderweise aus dem Amerikanischen und bedeutet so viel wie „Mittelbeschaffung". Laut Henry A. Rosso, dem Gründer der Fund Raising School, der angesehensten US-Fortbildungseinrichtung in diesem Bereich, ist „Fundraising die sanfte Kunst, die Freude am Spenden zu lehren". Kim Klein, der erfolgreichen Fundraiserin und Buchautorin in den USA zufolge, ist „Fundraising das Prinzip zu bitten, wiederholt zu bitten und um mehr zu bitten".

Michael Urselmann hingegen definiert Fundraising weniger im Sinne einer Kommunikationsstrategie, sondern vielmehr als betriebswissenschaftliche Gleichung. Für den deutschen Wirtschaftswissenschaftler handelt es sich dabei um die „Beschaffung von benötigten Ressourcen, ohne dass die Organisation dafür eine marktadäquate materielle Gegenleistung erbringen muß".

Diese Definition verweist auf die Eigenart von gemeinnützigen „Non-Profit-Organisationen" (NPOs), bei denen die Geldgeber selten identisch mit den Nutznießern sind, wie das bei Wirtschaftsunternehmen („for profit") der Fall ist. Vielmehr fallen die Kunden (Geldgeber) und die Klienten (Nutznießer) auseinander. Diese Inkongruenz der beiden unterschiedlichen Zielmärkte bedingt, dass Fundraising als eine besondere Variante des Beschaffungsmarketings anzusehen ist, bei der das Konzept der Kundenorientierung auf die Förderer Anwendung findet.

NPOs und – im internationalen bzw. transnationalen Kontext – NROs (Nicht-Regierungs-Organisationen) sind die auf das Wohl der Allgemeinheit gerichteten Akteure im so genannten „Dritten Sektor" (oder: „gemeinnütziger Sektor", „Nonprofit-Sektor"). Er ist Teil dessen, was man Zivilgesellschaft nennt. Schematisch gesprochen, ist der Dritte Sektor derjenige, heterogen zusammengesetzte Bereich der Gesellschaft, der zwischen Staat, Wirtschaft und Privatleben zu verorten ist.

Der Dritte Sektor weltweit ist eine beeindruckende ökonomische Größe: Wäre er eine Volkswirtschaft für sich, so entspräche seine Leistungskraft einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 1,3 Billionen US-Dollar. Zum Vergleich: Deutschland hat ein BIP von 2,2 Billionen, die USA von 7,2. Dies ermittelten Wissenschaftler eines groß angelegten, international vergleichenden Forschungsprojekts zum Dritten Sektor an der Johns Hopkins University in Baltimore, USA. In der letzten Projektphase bis 2003 wurden insgesamt 35 Staaten in ihre Untersuchungen aufgenommen.

Die traditionell stark ausgeprägte Staatsorientierung der NPOs in Deutschland, die sich in ihrer Finanzierung (noch) sehr auf öffentliche Geldgeber (Kommunen, Länder, Bund, Europäische Union) verlassen, hat dazu geführt, so Haibach, dass der Dritte Sektor hierzulande als eigenständige gesellschaftliche Kraft bislang nicht wahrgenommen worden sei. In Ländern mit „Common Law"-Tradition im angloamerikanischen Kulturraum entwickelte sich hingegen ein Dritter Sektor, der nicht – wie in Deutschland, Österreich, Italien oder Frankreich mit ihrer „Civil Law"-Tradition – staatsnah ist, sondern viel eher marktorientiert.


Fundraising in Zahlen

Die Zahl der NPOs in Deutschland belief sich im Jahr 2000 auf schätzungsweise 681.000, wobei Vereine die häufigste Organisationsform sind. Berechnungen des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen und des MAECENATA Instituts zufolge gab es im gleichen Jahr etwa 10.000 Stiftungen. Drei Jahre später zählte man schon mehr als 12.000, in den USA sind es rund 50.000. Laut Haibach ist für den Dritten Sektor in Deutschland kennzeichnend, dass er von den sechs großen Organisationen der Freien Wohlfahrtspflege dominiert wird. Dabei nehmen die Wohlfahrtsverbände aus dem Umfeld der Kirchen eine vorrangige Stellung auf dem deutschen Spendenmarkt ein. Zwei Drittel der Organisationen mit dem höchsten Spendenaufkommen sind kirchlich organisiert. Die Caritas ist mit rund 500.000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber Deutschlands.

Den Forschern an der Johns Hopkins University zufolge bildet Deutschland hinsichtlich der Nonprofit-Einnahmequellen mit nur 3% bei den privaten Spenden - zusammen mit Japan und den Niederlanden - das Schlusslicht. Deutsche NPOs belegen bei der Finanzierung durch die öffentliche Hand mit 64% den Spitzenplatz, während in den USA der Wert mit 31% weit unter dem internationalen Durchschnitt von 42% liegt. NPOs in den USA verlassen sich mit 57% auch mehr auf die Leistungsentgelte seitens der Nutznießer, die in Deutschland nur 32% des Finanzierungsvolumens ausmachen.

Bei all dessen ist festzuhalten, dass selbst in den USA, wie eben gesehen, der Anteil an staatlichen Zuschüssen an der Nonprofit-Finanzierung höher ist als derjenige der privaten Spenden. Das bedeutet, auch traditionell philanthropisch geprägte Nationen sind darauf angewiesen, dass die soziale Grundversorgung der Gesellschaft vom Staat sichergestellt wird.

Dennoch können die Unterschiede als signifikant gelten. Dies trifft ebenso auf folgende Werte zu, die sich auf den Stellenwert des Ehrenamtes in Deutschland beziehen: Nur 3,9% der Deutschen gibt laut einer Umfrage an, dass sie bereit wären, unentgeltlich im sozialen Bereich zu arbeiten. Dagegen liegt europaweit die Quote bei durchschnittlich 4,3%, in einzelnen Ländern sogar bei über 5%. Während sich in den USA etwa die Hälfte der Bevölkerung, so referiert Haibach, ehrenamtlich betätige, sind es hierzulande laut unterschiedlicher Quellen zwischen 15 und 34%. Freiwillige, die ihre Arbeitskraft unbezahlt zur Verfügung stellen, bilden – trotz aller Professionalisierung – eine wichtige Ressource bei der Einwerbung von Spenden.

Das Volumen der Spenden von Einzelpersonen ist Haibach zufolge in den USA mindestens zehnmal höher als in Deutschland, obwohl die Bevölkerungszahl der USA nur dreimal so hoch ist wie hierzulande. Das Fundraising-Volumen lag in den USA im Jahr 2000 laut Giving USA bei 203,45 Mrd. Dollar, wobei 75% der Spenden von Einzelpersonen stammen. In Deutschland, wo die Datenlage weniger umfassend und aussagekräftig ist, schwanken die Zahlen über das Gesamtvolumen seit Jahren zwischen 2 und 8 Mrd. Euro. Nach Angaben des EMNID-Instituts und der Organisation Independent Sector ist in den USA der Anteil der spendenden Bevölkerung mit 70,1% fast doppelt so hoch wie in Deutschland (40%). Die durchschnittliche Jahresspendensumme der Deutschen lag 1998 pro Haushalt bei 110 Euro, in den USA aber bei 1.075 Dollar.

Diese Daten werden jedoch durch folgende Forschungsergebnisse der Johns Hopkins University relativiert: Sowohl in den USA (9,8%) als auch in Deutschland (5,9%) ist der Anteil aller bezahlten NPO-Mitarbeiter an der Zahl freiwilliger Arbeitskräfte höher als der internationale Durchschnitt von 4,4%. Der Anteil aller NPO-Mitarbeiter an der Gesamtzahl der „wirtschaftlich aktiven Bevölkerung" ist allerdings in den USA (36,9%) niedriger, in Deutschland (40,4%) jedoch höher als der internationale Durchschnitt von 38%.

Laut Haibach besitzt hierzulande das Fundraising noch immer den „Makel des Anrüchigen, den Touch des Bettelns". Während der Grundsatz gelte, dass die inhaltliche Arbeit die eigentliche sei, gelte die Beschaffung von Geld als lästig. Hingegen weiß die US-amerikanische Fundraiserin Joan Flanagan, dass „die Einwerbung des Geldes sehr viel schwieriger ist als die Durchführung des Programms". Für sie ist Christopher Kolumbus, der acht Jahre brauchte, um nach Absagen zweier anderer Könige von der spanischen Königin Isabella die Mittel für seine Reise nach „Indien" zu erhalten, der Vater des Fundraising. Robert Bremner, Autor des Klassikers American Philanthropy, bezeichnet sogar die Indianer als die ersten Philanthropen auf amerikanischem Boden, da sie ihren weißen Eroberern Unterkunft, Essen, materielle Unterstützung und „Know How" bei der Landnahme gewährten.


Kultur, Gesellschaft, Geschichte

Flanagan verschweigt freilich, dass Kolumbus seine Gelder offensichtlich nicht aus privaten Quellen, sondern von der Obrigkeit erhielt. Die korrupten, feudalen Mächte Europas und ihre etablierten Kirchen waren es, die nach der Entdeckung Amerikas viele protestantische Sektierer, antinomische Geister und Puristen aus Europa vertrieben. Dieser Export des religiösen Radikalismus Europas, der von utopischen Sehnsüchten angetrieben und von der Religionsfreiheit in Amerika angezogen wurde, prägte das Gesicht der Besiedlungsdynamik (1607-1760) maßgeblich.

Durch die freiwillige Auswanderung vieler Randgruppen der europäischen Reformation wurde Amerika zum Auffangbecken nichtpassender Gruppen. Europa blieb der Kontinent der Einheimischen, Amerika aber wurde zum Kontinent der Einwanderer. Insgesamt wanderten etwa 60 Mio. Europäer in die Neue Welt aus. Die unterschiedlichen Gottessucher, die nach Amerika strömten, verband ihr Mut, die angestammte Heimat und liebgewonnene Menschen hinter sich zu lassen. In ihrem Willen, auch Hab und Gut für eine bessere Zukunft aufzugeben, gleichen sie „Philobaten". Diese unterscheiden sich vom „oknophilen" Menschentypus (Michael Balint) durch die Intensität von Objektbeziehungen. Anstatt zu klammern, sind sie imstande, sich leichter von Menschen und Dingen zu trennen. Die Philobatie der Amerikaner zeigt sich noch heute in der hohen geographischen Mobilität und der stark ausgeprägten Konsumfreude in einer Wegwerfgesellschaft. Die Neigung, sich vom eigenen Geld für einen guten Zweck zu trennen, bildet einen wichtigen Impuls für die philanthropische Tradition in den USA.

Einem guten Zweck zu dienen, wird zur Selbstverständlichkeit, wenn sich das Individuum als Teil des Allgemeinwohls versteht. Die Religionsgruppen sind in Amerika in der Regel aus einem freien Zusammenschluss Gleichgesinnter entstanden. In Erinnerung an den Dissens mit den etablierten Kirchen Europas nehmen die Gläubigen die Verwaltung der Religion in die eigene Hand. Die Kongregation wird dadurch auf Kosten der hierarchisch strukturierten Institution Ecclesia gestärkt. Dies führte zu einer Tradition kirchlicher Basisdemokratie, deren organisatorischer Ausdruck die religiöse Selbstverwaltung im amerikanischen „Kongregationalismus" ist.

Alexis de Tocqueville, der die USA in den 1830er Jahren bereiste und die junge Nation als das Land der Demokratie und der Interaktion freier Bürger verstand, erkannte, welche Rolle die Religion in der Aufrechterhaltung zivilgesellschaftlicher Strukturen und republikanischer Institutionen spielt. Er meinte damit die mit dem Wort „zivilreligiös" benannte Tradition, die er auf den prägenden Einfluss der Puritaner zurückführte. Beispielsweise verdanken in Amerika die Institutionen der höheren Bildung ihre Entstehung fast ausnahmslos der Initiative der Kirchen, voran der Puritaner von Massachusetts. Das 1636 in Cambridge gegründete Harvard College, das den Namen seines Spenders John Harvard trägt und sich heute im Fundraising erfolgreich auf das Geberpotential seiner Alumni verlässt, erfreute sich schon früh hohen Ansehens.

Die Puritaner waren in den 1620er Jahren mit dem heiligen Auftrag in die amerikanische Wildnis gekommen, auf dem Kontinent das in der Bibel prophezeite tausendjährige Reich (Millennium) zu errichten. Dessen Erfüllung galt aber trotz Prädestination keineswegs als gewiss. Ihr heiliger Bund mit dem Allmächtigen verlieh ihrem kolonialen Unternehmen den Charakter einer göttlichen Prüfung. Die vom puritanischen Klerus verkündete „Doktrin der Präparation" (Sacvan Bercovitch) verfolgte daher das Ziel, die Gläubigen zur Verwirklichung des künftigen Reich Gottes, des biblischen Neuen Jerusalems zur Eigeninitiative zu bewegen (Doktrin des „Arminianismus"). Das so geschaffene Verantwortungsbewusstsein postmillennialistischer Prägung (Wiederkehr Jesu Christi nach Einbruch des Millenniums) bereitete im Zuge der Säkularisierung die Idee fortschrittsgläubiger Sozialreformen vor.

Der freiwillige Zusammenschluss Gleichgesinnter im Kongregationalismus wurde zum voluntaristischen Modell auch für nicht-religiöse Formen der Selbstorganisation, die Voraussetzung für die philanthropische Praxis sind. Tocqueville stellte in den 1830er fest: „In keinem anderen Land ist das Prinzip der Assoziation erfolgreicher genutzt oder auf eine größere Anzahl von Zwecken angewandt worden als in Amerika. ... Amerikaner jeden Alters, jeglicher Verhältnisse und jeden Hintergrunds bilden ständig Vereinigungen". Damit beschrieb Tocqueville die zivilgesellschaftliche Vitalität bürgerschaftlichen Engagements in den USA des frühen 19. Jahrhunderts, als sich große soziale Protest- und Reformbewegungen – unter ihnen der Abolitionismus gegen die Sklaverei – zu formieren begannen.

William Lloyd Garrison beispielsweise gründete 1831 in Boston die abolitionistische Zeitung The Liberator. Mit ihr agitierte er gemeinsam mit anderen „Radikalen" in der 1833 in Philadelphia als militante Organisation gegründeten Anti-Slavery Society für die sofortige Abschaffung der „peculiar institution". Garrison, der aus christlich-anarchistischen Erwägungen das staatliche Gewaltmonopol strikt ablehnte, erhielt finanzielle Unterstützung von einer Reihe abolitionistisch gesinnter Privatpersonen nicht nur in den USA, sondern auch in England. Diese Geldspenden trugen wesentlich zum Erhalt der einflussreichen Kampfschrift und der Anti-Slavery Society bei. Ende der 1830er Jahre entwickelten sich Weihnachtsmärkte zu einer wichtigen Einnahmequelle. Die Kolonialzeit und die frühe Republik bis zum Bürgerkrieg gelten als die erste von drei Phasen in der Geschichte der US-amerikanischen Philanthropie.


Staat, Recht, Politik

Das Prinzip freiwilliger Vereinigung bürgerschaftlicher Interessen kam zuletzt in den US-Wahlen von 2004 beeindruckend zum Vorschein. Eine formal partei-unabhängige Organisation namens Move-On machte Wahlwerbung für den Präsidentschaftskandidaten John Kerry. Die 1998 von Joan Blades aus Abscheu vor dem Amtsenthebungsverfahren gegen Bill Clinton gegründete Gruppierung mit Sitz in Berkley zählt mittlerweile etwa 2 Mio. Mitglieder. Sie entscheiden als virtuelle Gemeinschaft unter der ehrenamtlichen Führung ihrer Gründerin basisdemokratisch über die Themen, zu denen die Organisation sich äußern soll. Move-On ist in der politischen Szene der USA dafür bekannt geworden, schnell große Geldsummen über das Internet auftreiben zu können. Mit diesen Spenden finanzierte Move-On im diesjährigen Wahlkampf teuere TV-Spots und Zeitungsanzeigen gegen Präsident George W. Bush.

Die Verbindung zwischen Fundraising und Demokratie, die in diesem Beispiel zum Ausdruck kommt, verdeutlicht auch der von Haibach zitierte Satz von George Kirstein, ehemaliger Herausgeber von The Nation: „Abgesehen von der Wahlurne, bietet Philanthropie die einzige Möglichkeit, die das Individuum hat, zum Ausdruck zu bringen, in welcher Richtung sich die Gesellschaft entwickeln soll". Haibach weist darauf hin, dass es zwei Hauptarten von Fundraising gibt: „Fundraising von und für PolitikerInnen sowie Nonprofit-Fundraising". Die Aktivitäten von Move-On verquicken beide Hauptarten miteinander, sie sind Nonprofit-Fundraising in der Politik. Die Spendenfreude in den US-Wahlen von 2004 war generell sehr groß. Die von Kerry eingeworbenen Wahlspenden in Höhe von etwa $180 Mio. machen ihn zum best-finanzierten Herausforderer in der Geschichte US-amerikanischer Präsidentschaftswahlkämpfe.

Dem wachsenden Fundraising-Markt im US-Wahlkampf steht infolge der stetig sinkenden Wahlbeteiligung ein schrumpfender „Wählermarkt" gegenüber. Der Einfluss auf die Politik – gerade von Großspendern aus der Industrie – nimmt demnach relativ zu. Man kann mit Recht einwenden, dass diese Entwicklung aus demokratietheoretischen Gründen mit Skepsis zu betrachten ist, hat doch jeder Bürger ungeachtet seiner Vermögensverhältnisse nach dem Grundsatz „one man, one vote" bei der Wahl nur eine Stimme. Auf der anderen Seite steigt aber der Einfluss auf dem Spendenmarkt proportional mit den Summen, die ein einzelner Spender geben kann. Der Gang zur Wahlurne entspricht also viel eher dem Gleichheitsideal als die Abstimmung mittels Scheck. Interessanterweise votieren jedoch Amerikaner auf die Frage „Was ist ihnen wichtiger, Freiheit oder Gleichheit" nur mit 20% für Gleichheit, aber mit 72% für Freiheit. 39% der Deutschen hingegen stimmen für Gleichheit, und nur 37% für Freiheit.

Diese Einstellungen gehen zurück auf das herrschaftskritische Freiheitsideal der US-amerikanischen Revolution. Dem Unabhängigkeitskrieg ging eine religiöse Erweckungsbewegung voraus, die etwa von 1730 bis 1750 dauerte. Die camp meetings sprachgewaltiger Laienprediger stellten die Autorität des Klerus als Vermittler zwischen Gott und Gläubigen in Frage. Durch die erlebte Konversion empfand der Gläubige eine persönliche Direktverbindung zu Gott. Das Great Awakening konnte mit seiner destabilisierenden, dehierarchisierenden und deinstitutionalisierenden Wirkung nicht ohne Folgen für die Auseinandersetzung der amerikanischen Kolonien mit dem Mutterland bleiben. Das ursprünglich auf das Millennium gerichtete Verantwortungsbewusstsein gläubiger Puritaner bereitete den Revolutionsgedanken politisch bewusster Bürger vor.

Das Staatsverständnis der Gründerväter um Thomas Jefferson, Alexander Hamilton und John Jay beruhte auf einer krisenanfälligen Ideologie. Republikanische Regierung im Sinne von Nicht-Monarchie war als beschränkte Herrschaft konzipiert. Sie beruhte auf den politischen Ideen der in freien und fairen Wahlen sich ausdrückenden Volkssouveränität, des Prinzips der Gewaltenteilung, des Mehrheitsprinzips und des Föderalismus. Doch eben diese eingebaute Beschränkung der Zentralmacht machte Republiken außerordentlich verwundbar. In ihnen schlummerte stets die Tendenz inneren Zerfalls. Denn gerade weil ihre Zentralgewalt beschränkt war, waren Republiken auf ein hohes Maß an Tugendhaftigkeit seitens ihrer Bürger angewiesen. Aus Einsicht sollten sich diese zur Loyalität gegenüber ihrer Regierung bekennen. Die Republik war darauf angewiesen, dass ihre Bürger persönliche Privatinteressen dem Allgemeinwohl unterordneten. Seither ist „Wohltätigkeit in den USA", wie Haibach betont, „eine öffentliche Tugend".

Die religiöse Selbstverwaltung in der lokalen Gemeinde wurde nach der Revolution zur politischen Selbstregierung in einer multiethnischen Nation. In ihr organisierten sich die Einwanderergruppen in der Regel durch die Gründung von „mutual aid societies" innerhalb ihrer Enklaven. Diese sollten nicht zuletzt die sozialen Härten von Neuankömmlingen aus der Heimat mildern. Die Vereinigungsfreiheit entwickelte sich in den USA nicht zufällig unter dem verfassungsrechtlichen Schutz des ersten Verfassungszusatzes („First Amendment"), der auch die freie Religionsausübung („free exercise clause") und die Meinungsfreiheit verbürgt. So fällte beispielsweise der Oberste Gerichtshof 1976 eine Grundsatzentscheidung zur Wahlkampffinanzierung. Darin wertete er die Begrenzung von Ausgaben, die der Kommunikation mit dem Wähler dienen, als eine unzulässige Einschränkung der Redefreiheit. Gleichzeitig stellte er die Begrenzung einzelner Geldquellen einschließlich von Spenden in den gleichen verfassungsrechtlichen Kontext, hielt aber angemessene Grenzen für angebracht.

Der zeitgeschichtliche Kontext der Verabschiedung des Menschenrechtskatalogs war die in der Verfassungsdebatte geäußerte Befürchtung der „Anti-Föderalisten", dass die Bundesregierung die Macht der Einzelstaaten, der auf dem „freien Markt" miteinander konkurrierenden Glaubensgemeinschaften und der einzelnen Bürger zu sehr einschränken könnte. James Madison formulierte die klassischen Abwehrrechte gegenüber staatlicher Gewalt einschließlich der zivilgesellschaftlich relevanten Vereinigungsfreiheit in der „Bill of Rights" als verfassungspolitische Antwort auf diesen Vorbehalt.

Im Unabhängigkeitskrieg kämpften die amerikanischen Kolonien insbesondere gegen die als Tyrannei empfundene Steuerpolitik der britischen Krone. „No taxation without representation" wurde zum wichtigsten programmatischen Schlagwort der amerikanischen Revolutionäre. Seitdem werden hohe Steuern mit den Auswüchsen einer despotischen Zentralmacht assoziiert. Noch heute können in den USA Wahlen mit dem Versprechen gewonnen werden, die Steuern zu senken oder zumindest nicht zu erhöhen. So verbindet sich Lester Salamon zufolge mit der politischen Entstehungsgeschichte der USA auch die „Skepsis gegenüber dem steuer-finanzierten Wohlfahrtsstaat". Die Forscher an der Johns Hopkins University sehen darüber hinaus in relativ hohen Steuerquoten einen wesentlichen Grund für die relativ begrenzte Verfügbarkeit von privaten Spenden in vielen Ländern.

Für die USA gehört Philanthropie so sehr zum nationalen Selbstverständnis, dass die Encyclopedia Americana diese als „eine der überdauerndsten gesellschaftlichen Traditionen" des Landes bezeichnet. Wie selbstverständlich nahm der bekannte Historiker Daniel J. Boorstin 1960 das Werk von Bremner über die US-amerikanische Philanthropie in seine Reihe The Chicago History of American Civilization auf. Die für uns ungewohnte Sichtweise des Historikers Louis Hartz, Autor der bekannten Studie The Liberal Tradition in America, ist bezeichnend, wenn er schreibt, dass die US-amerikanische Regierung im Zuge des staatsinterventionistischen Reformprogramms New Deal der 1930er Jahre zum größten Philanthropen geworden sei.


Philanthropie und Fundraising in Deutschland

Und was ist mit Deutschland? Haibach schreibt hierzu: „In Deutschland und Europa ... ist Philanthropie eine private Tugend, die, auch historisch gesehen, nur die Lücken füllt, welche der Staat lässt". Insofern die Fundraising-Kultur mit dem jeweils vorherrschenden Staatsverständnis eng zusammenhängt, ist einstweilen folgendes festzustellen: Die Genese des modernen Nationalstaates verlief in Europa anders als in den USA. Zumindest waren die Voraussetzungen für die Entstehung philobatischer, voluntaristischer und philanthropischer Energien weniger gegeben als auf dem nordamerikanischen Kontinent.

Der Kern des modernen Staatsverständnisses in Europa einschließlich der Beziehungen der Nationalstaaten zur Religion ist auf den Westfälischen Frieden zurückzuführen. Er beendete bekanntlich den Dreißigjährigen Krieg, der als Religions- und Staatenkonflikt auf deutschem Boden von 1618-48 tobte. Die Friedensverträge ließen den Grundsatz „Cuius regio, eius religio", das Prinzip des Augsburger Religionsfriedens von 1555, bestehen. Es sprach den Landesherren und den geistlichen Fürsten das Recht zu, das religiöse Bekenntnis ihrer Untertanen zu bestimmen. Religion in Europa stand seither unter dem Oktroy staatlicher Gewalt, voluntaristische Freiräume wie in Amerika konnten sich unter diesen Bedingungen nur in geringerem Maße herausbilden.

Der deutsche Historiker Friedrich Meinicke (1862-1954) unterscheidet zwischen „Kulturnation" und „Staatsnation" – ein idealtypisches Begriffspaar, für das es im Englischen bezeichnenderweise keine genaue Entsprechung gibt. Die „Staatsnation", der ein liberaldemokratischer Begriff der Nation zugrunde liegt, hat seinen geschichtlichen Bezugspunkt in den USA, aber auch in Frankreich und England. In den drei Staaten entstand die Nation als politisch bewusste Gemeinschaft rechtsgleicher Bürger. Sie ist an der Idee der individuellen und kollektiven Selbstbestimmung orientiert. Das Bekenntnis zu den abstrakten universalistischen Ideen der Menschenrechte konstituiert die Nation als politische Willensgemeinschaft und als mündige Staatsbürgerschaft, die Staatsangehörigkeit mit Nation gleichsetzt.

Anders die „Kulturnation", die das Selbstverständnis Deutschlands bildet. Sie verfügt über kein eigenes politisches Medium zur Vermittlung eines Gemeinschaftsgefühls. Die vorpolitische Kulturnation überwölbt partikularistische Staatsbildungen wie in Deutschland oder Italien im frühen 19. Jahrhundert. Ihr liegt ein deterministischer, als undemokratisch und irrational zu bezeichnender Begriff der Nation zugrunde. Sie lässt dem Individuum nur wenig Spielraum, über seine nationale Zugehörigkeit zu entscheiden. Sie beruft sich auf angeblich objektiv vorgegebene Kriterien wie gemeinsame Herkunft (ius sanguinis), gemeinsame Sprache, geschlossenes Siedlungsgebiet, Religion, Gewohnheiten und Geschichte. Ziel ist die Zusammenfassung der Kulturnation als ethnischer Abstammungsgemeinschaft in einem Staat. In der angestrebten politischen und sprachlich-kulturellen Kongruenz sollen Staat und Nation im Nationalstaat zusammenfallen.

Die deutsche „Kulturnation" definiert die Nation als Schicksalsgemeinschaft. Sie geht zwar einerseits auf die Philosophie von Immanuel Kant zurück, der die republikanischen Lehren der Französischen Revolution mit seinem „kategorischen Imperativ" verstärkte. Andererseits prägten aber auch die Ideen von Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) – einer seiner Schüler – und von Johann Gottfried Herder (1744-1803) den Begriff der deutschen Kulturnation. Beide betonten den Gedanken des Völkischen. Herders Idee der Mannigfaltigkeit als Grundzug der Schöpfungsordnung hob die zentrale Stellung der Nation als deren natürliche Einheit hervor. Er wertete Sprache als äußeres und sichtbares Zeichen der Wesensmerkmale einer Nation. Sprachgrenzen wurden zu natürlichen Grenzen eines Staates stilisiert.

Fichte, der die Idee des Kampfes als vorwärtstreibendes Prinzip der Geschichte verherrlichte, sah die individuelle Freiheit nur in einem starken Staat gewährleistet. Der Wille des Individuums sollte mit dem des Staates verschmelzen. In seinem Werk „Der geschlossene Handelsstaat" und auch in seinen „Reden an die deutsche Nation" behauptet Fichte, dass es ein erfülltes, freies und befriedigendes Dasein nur in einem Staat geben könne, der das Leben seiner Bürger bis in die letzte Einzelheit regelt. Der „preußische Staatsphilosoph" Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770-1831) verklärte den modernen Staat, in dem sich das Absolute als objektiver Geist konkretisiere, als interesselose Verwirklichung der Freiheit. Er begriff das christliche Zeitalter seiner Gegenwart als höchste und letzte Stufe seiner dialektischen Geschichtsphilosophie.

Der europäische Wohlfahrtstaat, der in diesen Gedanken bereits anklingt, ist mithin Resultat der Auseinandersetzung der Staatsgewalt mit der sozialistischen Bewegung. In Gestalt der „verspäteten Nation" (Helmuth Plessner) des preußisch-deutschen Obrigkeitsstaates wurden im Laufe der 1880er Jahre unter Otto von Bismarck Gesetze zur Sozialversicherung verabschiedet, die großen Teilen der Arbeiterschaft den Zugang zur öffentlich-rechtlichen Vorsorge gegenüber einer Reihe von Risiken ermöglichte. Das System der staatlichen Zwangsversicherung verfolgte den Zweck, der deutschen Sozialdemokratie durch die Milderung der brisanten sozialen Frage die Basis zu entziehen.

Vor diesem geschichtlichen Hintergrund scheint die Beobachtung von Haibach Sinn zu ergeben, dass „in Europa ... die Verantwortung für das Gemeinwohl in starkem Maße an den Staat delegiert" wird. Der steuerfinanzierte Wohlfahrtsstaat europäischer Prägung verließ sich Ende der 1990er Jahre im Falle Deutschlands auf eine Steuerquote von 40% zur Sicherung der nationalen Wohlfahrt; in Frankreich betrug sie 42%, und in Großbritannien 35%. In den USA hingegen wurden lediglich 29% des Volkseinkommens als Steuern abgeführt. Zur Herausbildung des Fundraising als Kulturtechnik bestand also in den Staaten Europas relativ wenig Veranlassung.

Allerdings kommt Salamon, einer der Forscher an der Johns Hopkins University, zu einem verblüffenden Ergebnis: Er zählt Deutschland unter den weltweit 35 untersuchten Ländern zur Gruppe westeuropäischer Staaten mit „regierungs-dominantem Muster". Ihre sozialdemokratische Tradition habe sich jedoch weit anders ausgewirkt als gemeinhin angenommen. Anstatt zivilgesellschaftliche Organisationen zu verdrängen, hätten diese Länder in der Regel ein System arbeitsteiliger Partnerschaft geschaffen, in dem der Staat die Rolle der Finanzierung öffentlicher Wohlfahrtsaufgaben übernimmt, deren Ausführung aber NPOs überlässt. So habe das Wachstum staatlich finanzierter Sozialfürsorge viel eher zur Vermehrung gemeinnütziger Organisationen beigetragen. Der Staat, so Salamon, entpuppe sich als wesentlicher Stimulus zivilgesellschaftlicher Entwicklung. Welcher Qualität das Verhältnis zwischen europäischem Wohlfahrtsstaat und Zivilgesellschaft ist, darüber sagt diese Einschätzung freilich nicht viel aus.


Wirtschaft, Bürgertum, Stiftungswesen in Deutschland

Salamons Interpretation deckt sich zum Teil mit der Beobachtung von Meinolf Nitsch in seiner Studie über Wohltätigkeitsvereine im Berlin des wilhelminischen Kaiserreichs. Nitsch weist darin eine arbeitsteilige Kooperation zwischen lokalen Organisationen und staatlichen Instanzen in den Gründerjahren nach, als die Industrialisierung und Urbanisierung nach der Reichsgründung 1871 rasch zunahm. In der Regel waren die Vereine um eine partielle Zusammenarbeit mit den für ihr Arbeitsgebiet zuständigen staatlichen Stellen bemüht. Vielfach experimentierten dabei die freien Träger mit neuartigen Maßnahmen im Bereich der Säuglings-, Kinder- und Jugendfürsorge bzw. der Allgemeinen Armenfürsorge, die bei erfolgreicher Erprobung dann von den kommunalen Behörden übernommen wurden.

Auch das bürgerliche Mäzenatentum, das im Kaiserreich seinen Höhepunkt erlebte, blieb mit seinem Anspruch, gesellschaftliche Reformimpulse im Bereich von Wissenschaft, Kunst und Kultur zu entwickeln, auf die Kooperation mit staatlichen Instanzen angewiesen. Die Mäzene verstanden ihr Handeln als wichtigen Beitrag zum Kampf des Bürgertums um gesellschaftliche und politische Anerkennung in einer konstitutionellen Monarchie. Allerdings waren die gemeinwohlorientierten Aktivitäten bürgerlicher Funktionseliten keineswegs darauf beschränkt, staatliche Defizite zu kompensieren. Vielmehr traten sie ihrem Selbstverständnis nach mitunter sogar in Konkurrenz zum Staat, so Manuel Frey in seinem historischen Überblick über das philanthropische Engagement bürgerlicher Mäzene vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Frey beschreibt darin die vielfältigen Formen kollektiven Spendens im Aufschwung des kommunalen Stiftungswesens.

Rupert Graf Strachwitz vom MAECENATA Institut weist darauf hin, dass fast 50% der im Jahr 2000 in Deutschland bestehenden Stiftungen vor 1945 gegründet worden sind. Etwa 3% – das entspricht rund 250 Stiftungen – sind vor 1500 und 2 sogar vor dem Jahr 1000 entstanden. Bis ins 18. Jahrhundert stellte die Gründung einer Stiftung in hohem Maße einen Akt eigener Rechtsetzung dar, der stark variieren konnte. Diese Autonomie berechtige dazu, , so Strachwitz, historisch von einem „antistaatlichen Element in jeder Stiftung" zu sprechen. So sprach der frühere Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi von den Stiftungen als „einem Stück Anarchie".

Die territoriale Zersplitterung staatlicher Herrschaft in Deutschland ließ zwar die in Frankreich nach der Revolution erfolgreich unternommene Auslöschung unabhängiger Herrschaften in Form von „intermediären Korporationen" (Kuratorien oder Stiftungsräte) in dieser Schärfe nicht zu. So war noch das Allgemeine Preußische Landrecht von 1794 ausgesprochen liberal. Doch mit der Säkularisation und Mediatisierung im Reichsdeputationshauptschluss von 1803 und dem von Hegels Staatstheorie geprägten Stiftungsrecht des Rechtsgelehrten Friedrich Karl von Savigny (1779-1861) kam es, so Strachwitz, im 19. Jahrhundert zu einer zunehmenden Verengung des Begriffs von Stiftungen und deren Vereinheitlichung unter dem Einfluss staatlicher Aufsicht.

Das deutsche obrigkeitsstaatliche Stiftungsrecht ist eine Ausprägung von Savignys konservativ-ständischer Rechtslehre. Es beförderte zwar die Emanzipation von kirchlichen Einflüssen, doch setzte es der Entwicklung einer bürgerlichen Stiftungskultur den Vorbehalt staatlicher Prüfung jedes Einzelvorhabens entgegen. Savigny vertraute damit die Obhut über das Stiftungswesen dem Obrigkeitsstaat an. Sein Stiftungsmodell wird daher als Verwaltungsmodell bezeichnet. Das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900 übernahm Savignys Verwaltungsmodell in Gestalt der „Stiftung bürgerlichen Rechts", die laut Strachwitz ein „recht kümmerliches Substrat" ihrer historischen Vorläufer ist.

Die Blütezeit bürgerlicher Sozialreform und Mäzenatentums im Deutschen Reich wurde durch die gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen infolge des Ersten Weltkriegs, der Hyperinflation und der Weltwirtschaftskrise in der Weimarer Republik nachhaltig zerstört. Viele Aufgaben zur Förderung von Wissenschaft, Kunst und Kultur wurden verstaatlicht, und im sozialen Bereich wurden die im 19. Jahrhundert entstandenen Wohltätigkeits- und Hilfsvereine als Verbände der „Freien Wohlfahrtspflege" mit Anspruch auf staatliche Unterstützung zusammengefasst. Der deutsche Staat ist seit dem Reichskonkordat vom Juli 1933 den evangelischen und katholischen Religionsgesellschaften als Körperschaften öffentlichen Rechts nicht nur beim Eintreiben der Kirchenmitgliedsbeiträge mittels einer Kirchensteuer behilflich, sondern diese werden zusätzlich aus öffentlichen Steuergeldern mitfinanziert.


Wirtschaft, Bürgertum, Stiftungswesen in den USA

In den USA gibt es im Gegensatz zur zivilrechtlichen Rechtsform einer Stiftung das Treuhandmodell des „Common Law". Das anglo-amerikanische Modell der Trusts handhabt die Bedingungen, die sich aus § 501 Section 3 des Steuergesetzes ergeben, sehr liberal. Die Ursprünge des heutigen US-Stiftungswesens gehen zurück auf Andrew Carnegie (1835-1919), dem Inhaber des mächtigen Stahlkonzerns U.S. Steel. In seinem Essay „Gospel of Wealth" (1889) rechtfertigte er die Mehrung des Reichtums als Dienst am Allgemeinwohl. Zu dessen Nutzen, so seine patriarchalische Ideologie, solle der Stifter stellvertretend für die weniger Glücklichen in der Gesellschaft die Rolle eines Vermögensverwalters übernehmen. „Stiftungen sind Schweigegelder für das Gewissen", sagte einmal Upton Sinclair. Private Stiftungsgründungen durch Industriemagnaten wie Carnegie und John Rockefeller bilden die zweite Phase in der US-Philanthropiegeschichte. Sie beginnt nach dem Ende des Bürgerkriegs 1865 mit dem Gilded Age und reicht bis Anfang der 1930er Jahre.

Im Gilded Age, das ungefähr mit den deutschen Gründerjahren zusammenfällt, begünstigten mehrere Faktoren massive Kapitalakkumulationen in den Händen weniger Industriekapitäne, die erst den welfare capitalism ermöglichten. Unbeeinträchtigt von großen zwischenstaatlichen Konflikten durch zwei schützende Ozeane, profitierte im 19. Jahrhundert eine junge, stark motivierte und gut vorgebildete Bevölkerung mit protestantischer Arbeitsethik in einem an Bodenschätzen reichen Land von technischen Innovationen, die Produktion und Konsum in einem großen zollfreien Binnenmarkt ankurbelten. Hinzu kam die etwa 1880 einsetzende Zuwanderungswelle ost- und südeuropäischer Arbeitskräfte (new immigration), die sich auf die wirtschaftliche Gesamtleistung positiv auswirkte und die USA in ein reiches, urbanisiertes Industrieland verwandelte.

Bibliotheken, Bildungsstätten, Friedensinitiativen und die Künste bewarben sich zu Carnegies Lebzeiten erfolgreich um grants, die dieser großzügig in Höhe von insgesamt mehr als 350 Mio. Dollar gewährte. Zwischen 1877 und 1892 gründeten Philanthropen in 92 US-Städten Charity Organization Societies, in die kleinere Organisationen integriert wurden, um Maßnahmen der Sozialfürsorge besser zu koordinieren.

War die Philanthropie in den USA um 1900 noch weitgehend dezentralisiert, entwickelte sie sich bis in die 1930er Jahre zu einem nationalen Phänomen. In dieser Zeit, in der auch die Public Relations als Beruf entstand, wandelte sich das Fundraising dank der drei Pioniere Charles Sumner Ward, Frank L. Pierce und William Lawrence zu einer eigenständigen Profession. Während Lawrence, Bischof der Episkopalkirche, die „college endowment campaign" perfektionierte, wie der Historiker Scott Cutlip beschreibt, arbeiteten Ward und Pierce für die YMCA. Ihre Kampagne von 1905 verwandte erstmals Werbung, die durch eine Unternehmensspende finanziert wurde.

Auch heute noch, so Salamon, werde „von jedem erfolgreichen Unternehmer erwartet, dass er der Gesellschaft etwas zurückgibt". In der dritten gegenwärtigen Geschichtsphase, der „philanthropischen Moderne", in der nach dem Zweiten Weltkrieg die großen, hauptsächlich zu Steuerersparniszwecken gegründeten Stiftungen wie die Ford Foundation ihre professionelle Arbeit aufnahmen, zählt Microsoft-Gründer Bill Gates zu den Spenden-Spitzenreitern. Der reichste Mann der Welt gab der US-Fachzeitschrift Chronicle of Philanthropy zufolge in den vergangenen Jahren 25 Mrd. Dollar für wohltätige Zwecke.

Im US-Stiftungswesen ist ein noch nicht abgeschlossener Demokratisierungsprozess zu beobachten. Galten private Stiftungen herkömmlich als konservative Organisationen, die ihr Personal aus männlichen weißen Bildungsbürgern rekrutieren und jenseits demokratischer Kontrolle zur Stabilisierung der bestehenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse beitragen, setzte ausgehend von den Bürgerrechts- und Frauenbewegungen Ende der 1960er Jahre eine Institutionenkritik ein. Mit Hilfe des Tax Reform Act von 1969 und des Berichts der Filer Commission von 1975 kehrte öffentliche Rechenschaftspflicht und Transparenz im Stiftungswesen und generell in der US-Philanthropie ein. Die Reformen lösten einen enormen Forschungs- und Veröffentlichungsboom aus, von dem auch der deutsche Dritte Sektor profitiert (siehe Johns Hopkins University).

Diese Entwicklungen legen nahe, dass die US-amerikanische Zivilgesellschaft über Selbsterneuerungskräfte verfügt, die ausgehend von den „Graswurzeln" imstande sind, über den Gesetzgeber Reformen einzuleiten, die der Philanthropie als Institution zugute kommen. Hierzulande, so Haibach, gab es jedoch eine breite öffentliche Auseinandersetzung über die gesellschaftliche Rolle des Stiftungswesens bislang nicht. Strachwitz stimmt ihr zu: „Eine grundsätzliche öffentliche Debatte darüber, ob Stiftungen tatsächlich einen positiven Beitrag zur Entwicklung unserer Gesellschaft leisten, ist in Deutschland ... nie geführt worden". Dies mag einerseits am relativ geringen Einfluss des Stiftungswesen im Ganzen liegen, wie Haibach vermutet; der Dritte Sektor in Deutschland lebt höchstens zu 0,4% von Erträgen aus Stiftungsvermögen. Andererseits auch daran, dass Stiftungen in Deutschland traditionell im Verborgenen wirken; nur etwa 10% der deutschen Stiftungen veröffentlichen regelmäßig Tätigkeitsberichte.


Paradigmenwechsel in Deutschland

Doch seitdem die Bundesregierung unter Gerhard Schröder 1998 eine Reform des Stiftungsrechts angekündigt hat, ist in der Tat eine öffentliche Diskussion in Gang gekommen – wenn auch diese von oben initiiert wurde; und durchaus mit Erfolg: Im Jahr 2003 allein sind rund 800 Stiftungen entstanden. Die Befürworter stellten allerdings zunächst nur finanzielle Aspekte in den Vordergrund, auf Kosten demokratietheoretischer Argumente: „Stiftungen [sind] fast über Nacht zum vielbesungenen Königsweg der Entstaatlichung geworden". Die staatlich verordnete Stiftungsdiskussion ist Ausdruck eines Paradigmenwechsels, der unter der Regierung Schröder eingeleitet worden ist. Der deutsche Wohlfahrtsstaat wandelt sich von einem „sorgenden" zu einem „gewährenden", der sich vom transferorientierten Statussicherungsprinzip programmatisch verabschiedet und nunmehr eine „staatlich-institutionelle Grundausstattung" garantiert.

Der 31. Soziologiekongress 2002 in Leipzig behandelte diese Zusammenhänge unter dem Leitmotiv „Entstaatlichung und soziale Sicherheit". Dabei wurden „Rückzugsprozesse des Staates und eine neue Dominanz der Staatlichkeit – besonders in der Sicherheitspolitik – als gegenläufige Tendenzen" ausgemacht. Der 32. Soziologiekongress, der 2004 in München folgte, war bezeichnenderweise der erste in der Geschichte deutscher Soziologentage seit 1910, der zum Thema „Soziale Ungleichheit" stattfand. Der insbesondere seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 verschärften Etatisierung im Sicherheitsbereich steht die Entstaatlichung im sozialen Bereich gegenüber. Der „große Philanthrop" muss sparen, ohne die Kontrolle verlieren zu wollen.

Selbst der neue Sozialbericht der Bundesregierung 2005 stellt einen „Trend zunehmender Ungleichheit" fest. „Die Armutsrisikoquote hat bei den meisten Gruppen zwischen 1998 und 2003 zugenommen", so der Bericht, wobei Kinder und „Personen mit Migrationshintergrund" besonders betroffen sind. Die auseinandergehende soziale Schere drückt sich in Zahlen wie folgt aus: Das Gesamtvermögen der privaten Haushalte in Deutschland betrug Ende der 1990er Jahre rund 7,5 Bio. Euro, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung errechnete.

Im Jahr 2007 wird laut Prognosen der Beratungsfirma Datamonitor das Vermögen der Deutschen mit liquiden Mitteln von mindestens 50.000 Euro die Schwelle von insgesamt 1.600 Mrd. Euro überschreiten. In jenem Jahr werden 10% der Deutschen – das entspricht 8,6 Mio. Menschen –ein Barvermögen von 50.000 bis 300.000 Euro besitzen. 840.000 werden über ein Finanzvermögen von mindestens 300.000 Euro verfügen. In dieser Gruppe erwartet man ein durchschnittliches Wachstum von annähernd 9% pro Jahr. Sie stellt zwar nur etwa 1% der Bevölkerung, doch rund die Hälfte des gesamten Geldvermögens liegt in dieser Kategorie.

Die Gruppe der Deutschen mit mindestens 3 Mio. Euro liquider Mittel, deren Zahl auf 28.000 Personen prognostiziert wird, soll am schnellsten wachsen. Damit ist und bleibt Deutschland das Land mit der höchsten Zahl vermögender Privatpersonen in Europa. Nach Schätzungen des Manager Magazins stieg das Vermögen der Brüder Karl und Theo Albrecht, der Gründer von Aldi, gegenüber 2003 um 2,3 Mrd. Euro auf insgesamt 30,3 Mrd. Euro. Sie sind damit mit Abstand die reichsten Deutschen.

Überraschend wirkt die Nachricht, dass eine finanzkräftige Stiftung hinter den deutschen Gesundheits-, Hochschul-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktreformen (Hartz-Konzepte) der Bundesregierung als geistiger Urheber steht: die „Großmacht aus Gütersloh". Das Medienimperium Bertelsmann und seine gleichnamige Stiftung unter Reinhard Mohn drückte den Journalisten Frank Böckelmann und Hersch Fischler zufolge der Agenda 2010 von Kanzler Schröder den Stempel auf. Bertelsmann habe mit seinem Think Tank von mehr als 250 hoch qualifizierten Akademikern dessen Reformpolitik „entscheidend bestimmt", einschließlich der Umstrukturierung der Bundesanstalt für Arbeit; Schröder und Vize-Kanzler Joschka Fischer hätten „eng mit der Stiftung kooperiert".

Die Enthüllungen der beiden Journalisten deuten darauf hin, dass Teile des deutschen Stiftungswesens mehr verborgenen Einfluss ausüben als gemeinhin bekannt. Sie sind von der traditionellen Staatsnähe geprägt, bei der sich die Abhängigkeiten jedoch in ihr Gegenteil zu verkehrt haben scheinen. So fragen Böckelmann und Fischler besorgt: „Wer regiert die Republik? ... besitzt nicht die Stiftung die Mehrheit am Konzern und muss sie nicht allein schon deshalb dessen Geschäftsinteressen berücksichtigen?". Böckelmann nennt Bertelsmann „trotz seiner Publizität in allen Medien, eine unbekannte deutsche und europäische Großmacht", die „die systematische Beseitigung des Unterschiedes von Wirtschaft und Politik" unter Effektivitätsmaßstäben betreibe.

Das Themenpapier des Soziologiekongresses 2004 stellt fest: Die „derzeitige staatliche Steuerpolitik [ist] ein Mechanismus der Verschärfung von Ungleichheiten, wenn Großvermögen, Erbschaften und Unternehmensgewinne kaum oder gar nicht mehr versteuert werden müssen". Aus der Sicht des Münchner Soziologen Ulrich Beck erscheint die staatliche Steuerpolitik als Resultat der „neuen Macht der Konzerne". Das „Erpressungspotenzial dieser Herrschaft", das in der drohenden Unterlassung von Investitionen zum Erhalt von Arbeitsplätzen bestehe, zeichnet für ihn verantwortlich für die wachsende Politik- und Demokratieverdrossenheit: „Diejenigen, die wir gewählt haben, sitzen machtlos und ratlos auf der Zuschauertribüne, während diejenigen, die wir nicht gewählt haben, Schlüsselentscheidungen treffen, die unser Leben und Überleben bestimmen".

Beck empfiehlt als „Paradigma der Gegenmacht zum global agierenden Kapital" die „Gegenmacht der sozialen Bewegung" in Gestalt des „politischen Konsumenten". Dieser in transnationalen Verbraucher- und Boykottbewegungen organisierte Kunde wirft seine Kaufentscheidung als Stimmzettel in die Waagschale. Becks Vision könnte von der Figur eines „politischen Philanthropen" flankiert werden, der in ähnlicher Weise seine Spendenentscheidung als Abstimmung per Scheck versteht. Die monetären Ressourcen sind dazu vorhanden, wie die wachsenden Geldvermögen von Privatpersonen in Deutschland zeigen.


Die Zukunft des Dritten Sektors in Deutschland

Genau hier liegt die Chance für das professionelle Fundraising. Es ermuntert den „politischen Philanthropen" dazu, seinen finanziellen Beitrag zumindest als Korrektiv einer Globalisierung zu begreifen, die personelle (Kinder, Obdachlose etc.) wie auch thematische (Umwelt etc.) Modernisierungsverlierer hervorbringt. Sein gemeinwohlorientierter Bürgersinn könnte darüber hinaus genau diejenigen zivilgesellschaftlichen Institutionen mitfinanzieren, deren Einbindung in die diversen transnationalen Bewegungen einen Ausgleich im Beckschen Sinne zur Funktion hat.

Und die Chancen dazu stehen gar nicht schlecht. Exakte Zahlen gibt es zwar für den deutschen Fundraising-Markt nicht. Doch verweist Urselmann auf Untersuchungen in den USA, die zeigen, dass dortige NPOs etwa 90% ihrer Spenden von Privatpersonen erhalten; nur 10% des Volumens stammen von Unternehmen und Stiftungen. Urselmann wörtlich: „So banal dies klingt, viele Menschen wären durchaus bereit, mit einem Teil ihres Vermögens eine gemeinnützige Organisation auch über eine `normale´ Spende hinaus zu unterstützen, sie werden nur nie darum gebeten". Haibach gibt zu bedenken, dass staatliche Geldgeber zwar noch immer von den meisten NPOs bevorzugt werden – obwohl man sich in Abhängigkeit von politischen Mehrheitsverhältnissen begibt, staatliche Förderung grundsätzlich entpolitisierend wirkt, Organisationen mit der größten Vielfalt an Geldgebern auch die größte Manövrierfähigkeit besitzen, und die Philanthropie bestimmt nicht als Ursache für den Rückzug des Staates gelten kann.

Doch habe seit der ersten Hälfte der 1990er Jahre auf dem Gebiet des Fundraising ein Umdenken eingesetzt. Die Phase der Neugier sei einer Phase des „Machens" gewichen. Der damit einhergehende Professionalisierungsschub wird durch die Gründung der Bundesgemeinschaft für Sozialmarketing / Deutscher Fundraising-Verband 1993, die Eröffnung einer Fundraising-Akademie 1999 in Frankfurt mit dem Angebot einer berufsbegleitenden Ausbildung und die diesjährige Einrichtung des ersten deutschen Lehrstuhls für Fundraising an der Fachhochschule Darmstadt deutlich, dessen Inhaber am 1. September 2004 Professor Urselmann wurde.

Diese Entwicklungen sind geradezu revolutionär, wenn man bedenkt, dass das Jahr 1945 für die Philanthropie in Deutschland inklusive des Fundraising in vielerlei Hinsicht einen Neuanfang bedeutete. Kämpfte doch der gemeinnützige Sektor und die deutsche Zivilgesellschaft im Allgemeinen unter den totalitären Bedingungen der NS-Diktatur um seine nackte Existenzberechtigung. In Erinnerung an die Willkürherrschaft Hitlers gab sich die Bundesrepublik 1949 mit dem Grundgesetz (GG) eine freiheitlich-demokratische Grundordnung, deren vorbildlicher Grundrechtskatalog eine gemeinschaftsbezogene Sicht des Eigentums („Sozialbindung") einnimmt. Das GG und seine allgemeine Vereinigungsfreiheit stellt eine in der deutschen Geschichte beispiellose Grundlage zur Entfaltung bürgerschaftlicher Aktivitäten bereit.

Den Bundesdeutschen der „Stunde Null", als das Land in Schutt und Asche lag, ist noch gut in Erinnerung, wie sie zum ersten Mal mit US-amerikanischer Philanthropie in Berührung kamen: Die berühmten CARE-Pakete im Rahmen eines „atemberaubenden Experiments der sozialen Pazifizierung" durch die USA (Konrad Jarausch) halfen ihnen dabei, die gröbste wirtschaftliche Not nach dem Zweiten Weltkrieg zu mildern. CARE wurde 1946 als private Hilfsorganisation gegründet, die ihre Aktivitäten erst 1960 einstellte. Zu dieser Zeit, 1959, entstand eine deutsche Hilfsorganisation, die immer wieder als Beispiel für den Nachkriegserfolg der deutschen Philanthropie genannt wird: „Die Sternsinger". Aus bescheidenen Anfängen ist die heute weltweit größte Aktion von Kindern für Kinder geworden.

In der Hierarchie der Spendenpräferenzen liegt Schätzungen zufolge die Zielgruppe der Kinder, gefolgt von Tieren, Jugendlichen und Behinderten, an erster Stelle. Urselmann hat in einer Studie, für die er Fundraising-Führungskräfte von 106 großen, spendensammelnden NPOs in Deutschland befragte, ermittelt, dass sich in den 1990er Jahren diejenigen mit dem Förderzweck „Hilfe für Kinder oder Hilfe für kranke Menschen" einen stetig wachsenden Anteil am Fundraising-Markt sichern konnten. Das Deutsche Zentralinstitut für Soziale Fragen (DZI) in Berlin schätzt den gesamten Spendenmarkt allein im sozial-karitativen Bereich auf etwa 5 Mrd. Euro, 2,3 Mrd. Euro pro Jahr werden aber nur gesammelt. Nach Hochrechnungen des Deutschen Spendenrats und des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK für das Jahr 2004 spendeten die Bundesbürger insgesamt rund 1,6 Mrd. Euro.

Seit den 1970er Jahren ist der deutsche Dritte Sektor um viele neue, kleinere Vereine bereichert worden, die den Bürgersinn in Deutschland nachhaltig gestärkt haben. Sie sind aus den Ökologie-, Frauen- und Friedensbewegungen hervorgegangen, die letztendlich auf die Studentenproteste Ende der 1960er Jahre zurückgehen und die deutsche Gesellschaft spürbar liberalisiert haben. Vor diesem Hintergrund erscheint die Vermutung von Haibach als plausibel, dass zwei andere Inhalte den Spitzenplatz des Helfens von Menschen in Notlagen als Fundraising-Motiv in Zukunft streitig machen werden: „Change" im Sinne der Bewirkung gesellschaftlicher und politischer Veränderungen, aber auch „Eigeninteresse" im Kulturbereich und im Gesundheitssektor einer Gesellschaft, die immer älter wird.

Dabei werden diejenigen NPOs, die intensiv, detailliert und kontinuierlich planen, signifikant erfolgreicher sein als solche, die dies nicht tun, wie Urselmann für die 1990er Jahre statistisch bewiesen hat. Der konsequente Einsatz der Fundraising-Planung sei folglich einer der stärksten Erfolgsfaktoren überhaupt. Diese Bedingung vorausgesetzt, haben kleine NPOs, so Haibach, gute Chancen auf dem künftigen Fundraising-Markt.

Innovative NPOs setzen beim Einwerben von Spenden auf ein mehrstufiges Pyramiden-Modell, für das sie zielgruppenorientierte Kommunikationsstrategien entwickeln: Aus Erstspendern sollen Mehrfach- , dann Dauerspender, schließlich Großspender und am Ende Erblasser („Erbschafts-Marketing") werden. Im Rahmen dieser als „Relationship-Fundraising" bezeichneten Strategie geht es um Aufbau und Pflege einer dauerhaft und langfristig angelegten, möglichst individuellen Beziehung durch Dialog.

Urselmann unterstreicht dabei die Bedeutung eines zukunftsträchtigen Mix an Fundraising-Instrumenten. Die insgesamt 21 Methoden werden von den befragten Fundraising-Führungskräften wie folgt eingeschätzt: Die mit Abstand größte Zukunftsbedeutung hat der Bereich der Legate, Erbschaften und Grabspenden sowie das erlebnis- und unterhaltungsorientierte Fundraising auf dem Gebiet von Events und Humanitarian Broadcasting. Auch das Sponsoring wird positiv bewertet. Es hat sich jetzt schon zu einer festen Größe im Marketing-Mix von Unternehmen etabliert.

Da im Jahr 2010 Prognosen zufolge etwa 70% der Deutschen über einen Internet-Anschluss verfügen, wird neben dem Telefon auch dem Internet („Online-Marketing") deutlich zunehmende Bedeutung vorhergesagt. In dieser Hinsicht bedeutet laut Urselmann die Flutkatastrophe von 2002, von der vor allem der Osten betroffen war, einen „positiven Dammbruch". So seien mehr als eine Mio. Euro der Hilfsgelder über das Internet eingeworben worden. „Die neuen Medien werden das Spendeverhalten beflügeln und gleichzeitig Kosten einsparen", glaubt Urselmann. Auch wenn Fundraising in der DDR unbekannt war, so lässt sich in den neuen Bundesländern dennoch an den alten sozialistischen Solidaritätsgedanken anknüpfen.

Abnehmende Bedeutung messen die Fundraising-Führungskräfte eindeutig den öffentlichen Zuschüssen, der Haustür- und Straßensammlung und der kirchlichen Kollekte bei. Interessanterweise hat sich die evangelische Landeskirche Hannover wegen des in den letzten Jahren drastisch gesunkenen Kirchensteueraufkommens allein 40 Absolventen der Fundraising-Akademie gesichert. Sie haben mit für das kirchliche Milieu unkonventionellen Methoden, die in der katholischen Kirche (noch) unvorstellbar wären, bereits für Schlagzeilen gesorgt.

Mit Haibach ist festzuhalten, dass wir „am Anfang einer neuen Phase des Zusammenwirkens von Wirtschaft, Drittem Sektor und Staat" – und, so sollte man hinzufügen, Kirche – stehen. Die gesellschaftliche Neubewertung von privatem Engagement und Bürgersinn hat indes erst begonnen. In ihr steht das Prinzip der Freiwilligkeit den Prinzipien des Zwangs (Staat), der Gegenleistung (Wirtschaft) und der Loyalität (Kirche) gegenüber.

Die neuesten Entwicklungen stimmen optimistisch. Denn Anfang 2005 stellten die Deutschen einen neuen Spendenrekord zugunsten der Flutopfer in Südasien auf, der den bisherigen von 350 Mio. Euro bei der Elbeflut 2002 weit übertraf. Nach Angaben des DZI handelte es sich um die größte Spendenaktion der Nachkriegszeit. Rudolf Seiters, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, zeigte sich „überwältigt von der Spendenfreudigkeit der Deutschen".

Als Fazit kann man also festhalten: Fundraising in Deutschland hat in der Tat Zukunft, da die Bundesrepublik seit 1949 die Voraussetzungen dafür mitbringt. Sie machen Fundraising möglich, die knappen öffentlichen Kassen machen Fundraising nötig.

Literatur (Auswahl):
Bremner, Robert H. American Philanthropy. Chicago, IL: The University of Chicago Press, 1988.
Cutlip, Scott M., Fundraising in the United States: Its Role in America's Philanthropy. New Brunswick, NJ, Rutgers University Press, 1990.
Haibach, Marita, Handbuch Fundraising: Spenden, Sponsoring, Stiftungen in der Praxis. Frankfurt/New York: Campus, 2002.
Urselmann, Michael, Fundraising. Erfolgreiche Strategien führender Nonprofit-Organisationen. Bern/Stuttgart/Wien: Paul Haupt, 2002.

Dr. Götz-Dietrich Opitz, geb. 1964, lebt als freier Publizist und professioneller Fundraiser in München: http://www.goetz-opitz.de

Der Text ist die ungekürzte Fassung des Textes, der in DIE GAZETTE Nummer 5, März 2005, erschienen ist.