Nummer 5, März 2005



 

Bernard-Henri Lévy will die Politik retten

Seilschaften an der Seine


Die nouveaux philosophes, Frankreichs neue und etwas andere Philosophen, waren einst angetreten, Macht und Politik und ihre Verflechtungen mit Konzern- und Finanzinteressen kritisch zu durchleuchten. Heute sitzen sie mit Industriekapitänen und Pressebaronen in einem Boot. „Sich den Fahrstuhl zurückschicken“, sagt man auf Französisch, wo auf Deutsch eine Hand die andere wäscht. Bernard-Henri Lévy und Luc Ferry sind in Frankreich die Prototypen des „Rechtsintellektuellen“, der mit politischer und wirtschaftlicher Macht klüngelt. Ähnlichkeiten mit deutschen Vertretern dieser Spezies sind gewiss nicht zufällig.


Von Thomas Hahn

Er fühlt sich als Zielscheibe und erklärt sich zum Helden. „Sobald man mir am Zeug flicken kann auf einem Terrain, das nicht literarisch ist, greift man zu. Ich bin aber auch selbst schuld, habe mich auf Felder begeben, auf denen Hochspannung herrscht, und habe mich auf keinem Terrain angebiedert.“ Bernard-Henri Lévy liebt Posen und die Selbstinszenierung. Er ist der Prototyp des nouveau-riche im champ culturel, der Neureiche im Überbau. In Frankreich kennt ihn jeder in der Medienwelt, wie eine Handelsmarke aus Frankreichs Luxusgüterindustrie, als BHL. Einer, der mit auf dem Medienklavier spielt, ein intellectuel-spectacle, der Erfinder der romanquête (Investigationsroman). Lévy ist ein rotes Tuch für all jene Zeitgenossen, die gerne weiterhin zwischen Kommerz und Kultur eine Trennlinie ziehen würden. Gerade erscheint die erste Biografie über ihn, nur Wochen nach einem Buch, das beschreibt, wie sich das Phänomen BHL zu einem Mulitmedia-Trust entwickelte und ein Netzwerk von Persönlichkeiten schuf, die ihm zu Freundschaftsdiensten verpflichtet sind. Medienbarone, Industrielle, Politiker.
Die Anti-BHL-Front der Intellektuellen befindet dagegen geschlossen, dass BHL einer philosophischen Kritik längst nicht mehr würdig ist, und greift ihn deshalb auf politischem Terrain und in seiner Glaubwürdigkeit als Journalist an. Doch hinter der Fassade BHL stehen grundsätzliche Fragen nach dem Funktionieren der Gewaltenteilung im Staat und dem Abdanken des Journalismus und der Intellektuellen als kritischem Korrektiv.
BHL ist ein Leitartikel schreibender Moralist, der sich in der Schublade nouveau philosophe räkelt, seit er in den 1970er Jahren ein Buch über Sartre und eines über L’idéologie française veröffentlichte. Seither versorgt er uns mit Abenteuerromanen, in denen er selbst die Hauptrolle spielt und als Verteidiger des Guten durch böse Welten wie den Kosovo, Pakistan oder Kolumbien zieht und dabei den Mördern des amerikanischen Journalisten Daniel Pearl, der kolumbianischen FARC-Guerilla und einer Art Metaphysik seiner selbst auf der Spur ist. Den Rest der Zeit kommentiert er die Weltlage und gibt mitunter seine Leitartikel oder andere Gedankenspiele gesammelt in Buchform heraus. Mal bezeichnet er sich vor allem als Schriftsteller, mal beteuert er, „Philosophie“ sei „nur dann schlüssig, wenn sie sich an die aktuellen Umstände bindet“, und verficht die Idee, der tagesaktuelle Kommentar zum Weltgeschehen sei die nobelste Form der Philosophie überhaupt. „Foucault ist der große Denker des Politischen, das unser Verhältnis zur Welt bestimmt. Man denkt politisch in Westeuropa, aber man praktiziert die Politik nicht, d.h. den Streit, die Gegensätze der Weltanschauungen. All das ist im Verschwinden begriffen. Politik ist auf ihre einfachste Ausdrucksweise reduziert. Was vorgibt, die politische Klasse zu sein, ist oft nicht mehr als Interessensgemeinschaften, wo Politik nur noch Erinnerung ist. Wir müssen den Soldaten Politik retten. Das politische Denken haben wir. Was fehlt, ist die Praxis.“

Dass ausgerechnet Herr BHL Interessensverflechtungen anprangert, klingt wie Selbstironie. Sein einflussreicher Freundeskreis macht ihn immun gegen jede sachliche Kritik an seinen romanquêtes über Pakistan, Kolumbien oder Algerien. Doch vermischen sich hier Objektives und persönliche Fantasien etwa so effektiv wie bei Dan Brown in seinem Roman Sakrileg (im Original: The Da Vinci Code). Auf die Kritik von Spezialisten der betroffenen Länder antwortet BHL nicht, wenn ihm etwa haarsträubende Fehleinschätzungen und Unkenntnis der fremden Kulturen nachgewiesen werden. Auch seine angeblich langjährige Freundschaft zum Kommandanten Massud, deren er sich in Wer hat Daniel Pearl ermordet? rühmt, war offensichtlich ins Gigantische aufgeblasen, ebenso wie sein scoop, die pakistanischen Geheimdienste hätten al-Quaida zur Atombombe verholfen. Aber egal, die Medien liegen ihm zu Füßen, und wer ein Star ist, darüber entscheiden nun mal die Journalisten.
Längst ist „das Buch über BHL“ so etwas wie ein eigenes publizistisches Genre geworden. Zum Jahreswechsel war der entrüstete Artikel gegen BHL oder das Feiern einer Neuerscheinung von oder um BHL ein täglich Brot der Zeitungsleser. Zum Erscheinen der ersten Biografie ließ er verlauten, er „erschaudere im Voraus“, dass man „in den Winkeln meines Lebens wühlt“. Das Erscheinen der Biografie versuchte er angeblich zu verhindern, da diese ihm u.a. seine häufigen Positionswechsel in Bezug auf Personen und seinen von tagesaktueller Politik bestimmten Opportunismus vorhält. Es war vergeblich. All die publizistische Erregung, die sich in den letzten sechs Monaten um ihn herum aufgebaut hatte, entlud sich mit Vehemenz.

Bei all dem Marketing braucht das zu vermarktende Buch eigentlich gar nicht zu existieren, höhnt Gilles Deleuze. Das Buch ist nicht Zweck, sondern Mittel. Aber Geld lässt sich eben doch damit verdienen. „Von Philosophen wie BHL liegt in der Fnac (der großen Pariser Buchhandlung) immer nur das neueste Werk aus. Dagegen finden Sie von wahren Philosophen wie Bourdieu auch alle früheren Werke“, beobachtete Serge Halimi, Redakteur von Le Monde diplomatique und einer der schärfsten Kritiker Lévys. Nach Stichprobe lässt sich hinzufügen, dass selbst das neueste Werk von BHL meist nicht viel länger ausliegt, als das ihm gewidmete Mediengetöse andauert.
Der Journalismus, so spottete Gilles Deleuze schon 1977, sei sich seiner Möglichkeiten bewusst geworden, selbst das Ereignis zu schaffen. Er brauche daher auch keine Experten von außerhalb mehr, sondern genüge sich selbst als Denkschule. Letztendlich sei der Artikel über ein Buch wichtiger als das Buch selbst, und so würden demnächst wohl Bücher über Zeitungsartikel geschrieben. Das war damals ironisch überzogen, aber als Prophezeiung ein Volltreffer: „Intellektuelle, Schriftsteller und sogar Künstler sind nun gezwungen, selbst Journalisten zu werden, um die Norm zu erfüllem.“ Deleuze setzte damals noch einen drauf: „Die nouveaux philosophes leben von Kadavern.“ Dachte Deleuze noch an Werke über den Gulag, geht es heute um Daniel Pearl, die Opfer der FARC, um Algerien, um den Kosovo. Wer Zeitzeuge ist, ist Autor, ist Denker. „Meine Obsession ist die Frage des Bösen, und dass eine Gesellschaft sich an ihren Schattenseiten misst.“ Wer sich wie BHL selbst als Ritter gegen das Böse inszeniert, als Widerständler gegen Islamisten und Kommunisten und als Gewissen der westlichen Welt, braucht Leichen, um seinen Moralismus zu vermarkten.
Mögen doch die Philosophen sich zusammenschließen und den Medien gegenüber ihre Ethik verteidigen. Sich nicht instrumentalisieren lassen, sondern selbst Produzenten werden. Ein schöne Utopie, die Deleuze da vor drei Jahrzehnten aussprach. Inzwischen wurde sie auf banalste, ironischste Weise Wirklichkeit. Jeder Hobbykünstler agiert nach Belieben als sein eigener Produzent, der darauf hofft, sich den Ritualen der Medien unterwerfen zu dürfen. Und die nouveaux philosophes sind, durch ihre Cliquenbildung mit Journalisten und Politikern, längst Produzenten ihres eigenen Image, das sie auf dem Markt der Ideen platzieren. Wer dagegen weiter kritisch die Machtstrukturen in Medien, Industrie und Politik verfolgt, wird von den Medien ignoriert.
Einer der wortgewaltigsten und gleichzeitig der am wenigsten hysterische Gegenspieler von Bernard-Henri Lévy ist Serge Halimi. Der Redakteur von Le Monde diplomatique brachte 1997 seine viel beachtete Kritik des Mediensystems heraus: Les nouveaux chiens de garde (Die neuen Wachhunde, 1997). Womit natürlich die Journalisten gemeint sind, aber auch die Philosophen, die ihre Rolle als Gegengewicht zur Macht weitgehend aufgegeben haben. In der Präambel zitiert Halimi den Schriftsteller Paul Nizan, der 1932 in Les chiens de garde schwor: „Wir werden nicht ewig akzeptieren, dass der Respekt, welcher der Maske des Philosophen angedient wird, letztendlich nur der Macht der Bankiers zu Gute kommt.“


Netzwerke wie das von BHL, aber auch anderer nouveaux philosophes bilden Marketingstrukturen, über die man getrost hinweggehen könnte, eröffneten sich nicht im Hintergrund allerlei Möglichkeiten zur Manipulation. Das ist zunächst keineswegs originell. Halimi: „Durch persönliche Freundschaften in den Chefetagen der Medien sichern sie sich das von ihnen gewünschte Maß an Präsenz. Das Netzwerk besteht nicht aus großen, sondern aus mediatisierten Intellektuellen, die in der Öffentlichkeit hoch präsent sind. Aus allen, die mit ihrer Macht dazu beitragen können, seinen Bekanntheitsgrad und seine mediale Macht zu steigern. Wenn ein Autor aus dem Netzwerk von BHL ein Werk herausbringt, können Sie seine Bloc-notes in Le Point wie ein Bulletin der Belohnungen jener lesen, die ihm gegenüber nett waren. Und hier sanktioniert er auch seine Feinde, die er immer als sauertöpfisch oder gar antisemitisch oder stalinistisch darstellen wird. Das ist eigentlich lächerlich, aber dennoch von Bedeutung, denn es reicht aus, dass BHL sich zu einem Thema engagiert, und sofort ist dieses in den Medien präsent, und die Öffentlichkeit reagiert. So dass sich 1994/95 das Interesse auf Bosnien konzentrierte und Ruanda fast vergessen wurde. Keine geringe Macht also, denn über die auf ihn reagierenden Journalisten beeinflusst er auch die Handlungen der regierenden Politiker. Absicht ist das wohl nicht. Aber er begleitete einen bedeutenden Anteil der großen Strömungen der öffentlichen Meinung der letzten fünfundzwanzig Jahre. Nehmen Sie die Kritik des Totalitarismus – eine Geschichtsschreibung, die von BHLs Definition der ‚Menschenrechte‘ bestimmt wird. Er hat entscheidend dazu beigetragen, dass die zentrale Dialektik in der öffentlichen Diskussion vom Gegensatz rechts-links zum Gegensatz Demokraten – Totalitaristen umgeschwenkt ist.“
In L’éloge de l’intellectuel (1988), einer Art Loblied auf ihn selbst, zeichnet BHL das Bild einer Gesellschaft des Konsenses, in der die Intellektuellen keine wahren Debatten mehr anzetteln können und den Rückzug antreten vor der Macht von den Medien hofierter Pseudo-Intellektueller. Ein Grund mehr, ihn heute als Alarmzeichen seiner, unserer Zeit zu betrachten: „Er engagiert sich zu Fragen, über die in der Öffentlichkeit ein Konsens herrscht. Mal ging es gegen den Kommunismus, heute gegen den Terrorismus. So verleiht er dem Zeitgeist ein intellektuelles Alibi. Und am Rande beeinflusst er selbst den Zeitgeist. Die öffentliche Debatte, die Agora spielt sich heute auf den dafür vorgesehenen Seiten von Libération, Le Monde und Le Figaro ab. Um sich dort zu äußern, bedarf es eines gewissen Namens. Und BHL kann dort schreiben, wann er will. Übrigens in allen drei, und da ist er einer der ganz wenigen. Und gleichzeitig kann er Reportagen für die Regenbogenpresse schreiben und Themen bei Arte durchsetzen, wo er Aufsichtsratsvorsitzender ist und dessen Präsident Jérôme Clément zu seinem Netzwerk gehört, und er kann erreichen, dass La Cinq einen Dokumentarfilm über die Instandsetzung seines Hauses finanziert, usw. usw.“
Wie sehr die Verstrickung der philosophierenden Leitartikler mit den Machtzentren auch deren Thesen beeinflusst, davon erzählt allein der Titel in Halimis Les nouveaux chiens de garde. BHL: „ Wachsam zu sein, das ist für mich die Rolle des Intellektuellen.“ Die Wachhunde beschützen nicht etwa den Bürger, sondern die bestehenden Machtverhältnisse. „BHL gehört der Elite an und verteidigt die Elite. Da hat er die Position entwickelt, dass alle Kritik der politischen und ökonomischen Elite den Extremismus und den Populismus fördert und dass die Verteidigung der Eliten die Verteidigung der Demokratie sei. Und die Journalisten nehmen das dankbar auf: ‚Wer uns angreift, spielt den Rechtsradikalen in die Hände. Ändern wir also nichts.‘“ Hier stößt Halimi in dasselbe Horn wie Xavier de La Porte und Jade Lindgaard in Le B.A.BA du BHL (Das ABC des BHL). Der Star selbst drückte es, beim Internet-Chat des Nouvel Observateur anlässlich der Öffentlichkeitsarbeit für seine Neuerscheinungen, ganz unschuldig aus. Gefragt, warum er und die anderen Philosophen denn nicht oder so wenig den galoppierenden Ultraliberalismus kritisieren, zuckte BHL trocken mit den Schultern: „Man kann nicht über alles reden.“
Vor allem dann nicht, wenn man sein Vermögen über Präsenz in den Medien scheffelt, die wiederum immer mehr in den Händen der Industrie liegen, genauer: der Rüstungsindustrie. So kontrolliert der Rüstungsmagnat Serge Dassault 70 Pressetitel, darunter L’Express und Le Figaro, wo er sich persönlich in redaktioneller Runde einschaltete und dem Ansehen seines Prachtstückes einigen Schaden zufügte. Alle großen Pressetitel de Landes sind sanierungsbedürftig. Warum? Die Werbeeinnahmen fehlen. In die Lücke der Abhängigkeit stoßen Konzerne wie Lagardère, der seine Beteiligung an Le Monde erhöhte. Der weltweit größte Pressekonzern ist zwar heute noch weit davon entfernt, Mehrheitsaktionär zu werden, doch kontrolliert er ebenso den Medienkonzern Hachette, den Radiosender Europe 1 und verkauft, nebenbei, Kampfhubschrauber und Raketen im Wert von sechs Milliarden Euro pro Jahr. Die Redaktion bleibt unabhängig – auch wenn einhundert Stellen gestrichen werden und die kritische Kulturbeilage Aden aufgegeben wird. Ein Zufall? Dass des Landes mächtigster TV-Sender TF1 in der Hand des weltgrößten Baukonzerns Bouyges liegt, dessen Führung eine Schwäche für Le Pen hat, ist von allen Verflechtungen die bekannteste.
Es kommt aber noch besser. Denn nichts könnte deutlicher das Ende des Klassenkampfes (und damit den Triumph der Thesen von BHL) unterstreichen als die Übernahme von 37 Prozent des Kapitals von Libération durch Edouard de Rothschild. Die Zeitung der Linken, von Jean-Paul Sartre gegründet, erhält von Rothschild 20 Millionen Euro und Chefredakteur Serge July eine recht ungewöhnliche Jobgarantie bis 2012. Welch eine Versöhnung zwischen Rothschild und July, der für Mitterand schwärmte, der 1982 das Bankenimperium von Rothschilds Vater verstaatlichte. Schon 1993, so weiß Halimi zu berichten, erkannte der Chefredakteur von Libération, Laurent Joffrin: „Wir waren das Instrument zum Sieg des Kapitalismus in der Linken.“ Während in Frankreich der Arbeitgeberverband Medef die Regierung bei jeder Gelegenheit unter Druck setzt, um soziale Sicherung abzubauen und die 35-Stunden-Woche jeglicher Substanz zu berauben, während die Globalisierung weltweit Wirtschaft und Politik miteinander verschmilzt, wiegt die Kontrolle von Großkonzernen über die Presse doppelt schwer. Der militärisch-industrielle Komplex ist auch noch zum militärisch-industriellen Medienkomplex geworden.
Ein leuchtendes Beispiel für Unabhängigkeit war die französische Presse weder in der Vierten noch in der Fünften Republik. Der von der Hierarchie der Eliten entfachte Sog und die zentralistisch-feudalistische Tradition verhindern bis heute jede Selbstreinigung des Systems. Zwar kann Jacques Chirac es sich nicht mehr leisten, mal eben in der Chefredaktion anzurufen und an der Tonlage der Nachrichten zu drehen, wie es bei seinen Vorgängern bis hin zu Mitterand üblich war. Er braucht es auch nicht mehr. In L’idéologie française behauptet BHL, Frankreich sei unheilbar latent faschistisch und müsse sich daher so weit es irgend geht nach außen öffnen, also für die Konstruktion Europas und gegenüber den USA und der kapitalistischen Globalisierung, also rein zufällig den Kreisen, in denen er sich selbst bewegt.

Der letzte philosophische Wachhund im positiven Sinne der Unabhängigkeit war Pierre Bourdieu, der es zu ähnlicher Popularität brachte, auch über die Medien, dabei aber tatsächlich neue Erkenntnisse veröffentlichte und heute auch an der Universität im Fach Philosophie gelehrt wird. Laut Halimi, der TV-Auftritte aus Prinzip ablehnt, hätte Bourdieu auf seine Medienpräsenz genauso verzichten können. „Seine Wirkung liegt darin, dass seine Bücher weiter gelesen werden.“
Eine französische Eigenheit sind auch die engen Verbindungen zwischen der philosophischen und der politischen Sphäre. Ein politischer Karrieresprung wird in Frankreich üblicherweise mit der Veröffentlichung eines Buches eingeleitet. Nicolas Sarkozys jüngster politisch-literarischer Vorstoß gegen die Trennung von Staat und Kirche zum Beispiel positioniert seine Marke am Markt der Staatsmännlichkeit. An die Präsidentschaftswahlen von 2007 denke er nicht nur, während er sich morgens rasiere, teilte er schon im vergangenen Jahr in einer TV-Talkshow mit. Kann es verwundern, dass die nouveaux philosophes selbst vorwiegend in Machtstrukturen denken, wenn sie so intime Beziehungen zu den Zentren der Macht unterhalten?
Ein anderes Mitglied der Riege der „neuen“ und wertkonservativen Philosophen ist Luc Ferry, der nach dem konservativen Sieg bei den Parlamentswahlen 2001 zum Bildungsminister ernannt wurde. Und das nicht von ungefähr. Seit 1994 ist Ferry Vorsitzender der staatlichen Lehrplankommission. Sein schnelles, lärmendes Scheitern nach einem Jahr als Politiker zeigte auf, welche Unterschiede in der Praxis beider Welten bestehen. Ferry ist der „politische Philosoph“, welcher der Rechten „helfen will, die Wurzeln ihres Denkens wieder zu finden“. Sein Kampf gilt jeder Art von intellektuellem Radikalismus. Gleichzeitig betreibt er in der Wahl seiner Themen bereits sein eigenes Marketing. Ferry ist ein Service-Philosoph, der uns mit Titeln wie „Was ist ein gelungenes Leben?“ und „Der Gott-Mensch oder der Sinn des Lebens“ erbaut. Gebrauchsfertige Moral für den Alltag mag ja in einer Zeit der Konfusion und des Materialismus gefragt sein, doch alles gründet sich auf plakative Einteilungen in Gut und Böse. Seine Grundthese von der Notwendigkeit, in Gesellschaften, die Glauben zur Privatsache gemacht haben, zu einer „laizistischen Spiritualität und Weisheit“ zu finden, ist – vor allem in Frankreich, das in diesem Punkt eine Ausnahmestellung verbucht – so wenig bestreitbar wie originell.
Ferry schreibt weiterhin Bücher, keine Leitartikel in Wochenmagazinen. Doch auch er glaubt, dass nur das Engagement im politischen Meinungsstreit zu einer seriösen Philosophie führt. Lebenshilfe statt Grundlagenforschung, Reduktion des Philosophischen auf Reaktivität und Kommentar anstatt Konzeptentwicklung. Wenn schon die Gedankengebilde der Philosophen nicht länger als eine Generation „verwendbar“ bleiben, wenn das Politische dem Philosophischen als Ausgangspunkt dient und nicht als Ankunft, wie soll man dann, moralisch gesprochen, von Politikern Weitsicht verlangen? In diesem Punkt kommt er BHL doch recht nahe: Die Politik findet nicht mehr statt. Der gescheiterte Minister ist flugs mit einem neuen Werk am Markt, in dem er sich über die effektive Machtlosigkeit des Politischen auslässt. In dieser selbstzufriedenen Bilanz seines Kurzmandats unter dem Titel Comment peut-on être ministre? (Wie kann man Minister sein?, Januar 2005) beklagt er, dass unsere Demokratien kaum noch politisch steuerbar seien, „das politische Wort unhörbar“.
In vielem sind BHL und Ferry nicht gerade Freunde. Der Erste mag die Umweltschützer, der Zweite sieht in ihnen potenzielle Faschisten. BHL: „Einige meiner Texte in Récidives wären nicht das, was sie sind, ohne das Fundament einiger Denker, denen ich meine Bildung verdanke, vor allem Lacan, Althusser, der vergessene Marxist, dessen Jünger ich bis heute bin, und Michel Foucault.“ Für Ferry dagegen ist Foucault „potenziell faschistisch“, die Frankfurter Schule existiert für ihn nur als Wiege der Marxismuskritik.

Genau wie BHL haarsträubende Irrtümer in seinen romanquêtes über Pakistan, Afghanistan und Kolumbien nachgewiesen werden, erlaubte sich Ferry Fehltritte in Bezug auf deutsche Geschichte. Ferry gehört der Strömung der spécistes (Spezisten) an, deren Menschenbild nicht zulässt, Homo sapiens als Teil der Natur zu begreifen. Nicht dass man religiös wäre oder Darwin vom Tisch wischen wolle, aber man predigt die moralische Überlegenheit des Menschen. Schnell setzt er radikale Tierschützer und Umweltschützer mit Faschisten gleich, und zwar indem er sich auf Hitlers Gesetze zu Tierschutz, Umweltschutz und Jagdbeschränkungen beruft und den Mythos aufleben lässt, Hitler sei Vegetarier gewesen.
Soll man womöglich als Zeichen des Einflusses der „neuen Philosophen“ auch werten, dass in der intellektuellen Regression des Medienzeitalters der politische Gegner – aber auch wessen Nase einem auf der Straße nicht passt – fast schon reflexartig als „Faschist“ beschimpft wird (so auch, wer ihm seinen materiellen Reichtum vorhält oder vorzählt) und damit der Begriff selbst seine Bedeutung einbüßt?
So polarisiert Ferry wie BHL zwischen Gut und Böse, und zwar auf einem Niveau, das zur Besorgnis Anlass gibt. Ausgerechnet Ferry reduzierte die von Kulturminister Jack Lang, mit dem er seinerzeit zusammenarbeitete, eingeführten Mittel für die Arbeit von Künstlern mit Schulklassen radikal. Stattdessen ruft er nach Autorität, Leistungsprinzip und dem Ende von allem, was ihm nach 1968 riecht. Arbeit und Disziplin allein erlauben laut Ferry, die Freiheit des Kindes zu respektieren. Kein Wort über Spaß am Lernen, über das Erwecken der Neugier und positive Anreize fand sich in seinem „Brief an alle, die die Schule lieben“, den er bei seinem Amtsantritt im Ministerium an alle Lehrer des Landes schicken ließ. Ein Aufschrei in den Medien war die Folge.

Politisches Engagement, wie es Foucault und Sartre begriffen, setzt eine Distanz zum politischen Alltagsgeschäft voraus. BHL und Ferry streiten das ab, um ihre Einbindung in Machtstrukturen intellektuell zu rechtfertigen. Ferrys enge Bindung zu Jacques Chirac brachte ihm gar den Beinamen „der Philosoph des Präsidenten“ ein. „Der Intellektuelle steht in der französischen Tradition in Opposition zur Macht, er sagt den Mächtigen die Wahrheit“, erinnert Halimi. „BHL ist dagegen auf der Seite der Mächtigen, ein Freund der Minister, der reichsten Industriellen wie François Pinault, Herrscher über den französischen Handelsriesen Pinault-Printemps-Redoute, und Großunternehmer Jean-Luc Lagardère. Lévy war immerhin im Regierungsauftrag während der Cohabitation von Chirac und Jospin in Afghanistan. Dass ein intellektueller Humanist die Grabrede für Lagardère hält, der ja auch Waffen verkauft, ist ein wenig merkwürdig.“
Einige Glückspilze unter Frankreichs Theatergängern können zurzeit den weithin unbekannten Schauspieler Nicolas Lambert in einer großartigen Mission erleben. In meist kleinen Off-Theatern rollt er in seinem Stück Elf, la pompe Afrique die Korruptionsskandale um den Mineralölkonzern Elf neu auf. Jede Sitzung des Prozesses hat Lambert verfolgt, an die 16.000 Seiten Prozessakten studiert. Die Fäden laufen direkt aus der Konzernzentrale zu Gabuns Staatspräsident Omar Bongo, zu Boris Jelzin, Jacques Chirac und François Mitterand. Und an den Fäden hängen Offshore-Gesellschaften, Geldkoffer, Immobilien und andere private Belohnungen aus der Firmenkasse. „Elf wurde gegründet, um Algerien und die Negerkönige unter Frankreichs Fittichen zu halten. Algerien war ein Schlag ins Wasser, mit den Negerkönigen geht das Spiel weiter“, sagte im Prozess der ehemalige Elf-Vorstandsvorsitzende Loïk Le Floch-Prigent.
Jahrhundertelang müsste Nicolas Lambert das aufklärerische Ein-Mann-Stück vor seinem Publikum von zwanzig bis zweihundert Zuschauern pro Abend spielen, um ebenso viele Personen zu erreichen wie BHL in einer einzigen TV-Show. Noch berichten Libération und Le Monde über Lamberts Elf, la pompe Afrique. Und zwar begeistert.