Nummer 5, März 2005



 

Story

Schwarzer Kombi


Von Harri Engelmann


Drei Wochen lang spielte das Wetter verrückt. Es stürmte und regnete, und der für April übliche Wechsel ins Gemäßigte fiel gänzlich aus. Dafür starb ein Kunde in unserem Autohaus. Er saß morgens vor dem Meister, der sich den Wagen zuvor angeschaut hatte, und sagte keinen Mucks, schaute stur vor sich hin. Der Meister kam schnell zur Sache: „Außerdem ist der Nachschalldämpfer hin. Die Ummantelung löst sich. Sollen wir den gleich mitwechseln?“
Keine Antwort.
„Was meinen Sie? Wo der Wagen doch jetzt schon mal hier ist. Und vom Preis her geht es doch auch. Was kostet so ein Ding, warten Sie mal ... mit Einbau macht das ...“
Da griff sich der Mann an die Brust und sank vornüber auf den Schreibtisch: Herzinfarkt. Er war bereits tot, als sie ihn in den Krankenwagen bugsierten. Der Meister lief hin und her, rauchte und erzählte jedem, dass er lediglich den Vorschlag gemacht habe, den Nachschalldämpfer zu wechseln und dass die Dinger ja eigentlich gar nicht so teuer seien. Nach dem Frühstück mussten sie ihn nach Hause schicken, so aufgedreht war er.
Eine Woche später kam es ähnlich verrückt. Ein junger Kerl stürmte ins Autohaus und vermeldete aufgeregt, sein Wagen mache beim Fahren kratzende Geräusche. Es käme vermutlich vom Heck. Ein Meister raffte sich auf und trottete dem Hektiker hinterher. Gott sei dank nicht jener, dem der Tote noch zu schaffen machte. Der hätte diesmal wohl länger gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen. Dieser hier war ein Bär, was seine Statur betraf, und bar jeglichen Mienenspiels. Wäre ja noch schöner, bei jedem Narren, der hier Wellen schlägt, sich selber zum Narren zu machen – so seine nervliche Basisausstattung. Draußen bückte er sich, leuchte mit einer dieser winzigen Stablampen den Wagenboden ab. Während er stutzte, quietschten um ihn herum eine Vielzahl Bremsen, Wagentüren klappten, und ein heftiger Kommandoruf gellte über den Parkplatz: „Sofort hinlegen! Hände auf den Rücken und Beine auseinander!“
„Hinlegen?“, fragte sich der Meister. Schnappten die Kunden jetzt über? Wieso sollte er sich hier hinlegen? Er hatte sich erst am Morgen einen neuen Kittel angezogen. Also kam er aus der Hocke hoch und sah sich plötzlich von einem knappen Dutzend Männern umgeben. Einige verstauten ihre Pistolen, andere hielten ihre noch mit den Mündungen nach oben. Der junge Kerl lag auf dem Bauch, und einer von den Bewaffneten zog ihm Plastikhandschellen um die Gelenke. Großfahndung. Die Beamten hatten gewartet, bis der vermeintliche Drogendealer auf dieses Gelände fuhr, damit sie nötigenfalls freies Schussfeld hätten, falls es zu Turbulenzen käme. Erst jetzt erschloss sich unserem Meister, was er unter dem Wagen gesehen hatte. Ein dort angebrachter Minisender war verrutscht, und die Antenne berührte den Boden, hatte das Kratzgeräusch verursacht.
Und als sei das alles noch nicht irre genug, kam zwei Tage später dieser Wilde in unser Autohaus. Ich saß gerade in meinem Büro und unterhielt mich mit einem Kunden, als plötzlich ein Mann in der Tür stand, heftig rauchte und demonstrativ auf seine Armbanduhr schaute.
„Fertig?“, fragte er.
Ich erhob mich, ging um den Schreibtisch herum, sagte ihm brav meinen vollständigen Namen und bat ihn, er möge sich doch einen Augenblick gedulden. Er sehe ja, dass ich gerade im Gespräch sei und so weiter.
Doch der Herr, mit dem ich mich zuvor unterhalten hatte, war längst aufgestanden und meinte, es sei alles besprochen und er würde mich in den nächsten Tagen anrufen. Er wies dem Ungeduldigen seinen freien Platz an, verabschiedete sich und ging.
Der Fremde warf sich in den Stuhl, streckte seine Beine aus und paffte, was das Zeug hielt.
„Na bitte“, sagte er, „geht doch. Diese alten Kerle stehlen dir nur die Zeit. Oder wollte er ein Auto kaufen? Na?“ Er hielt mir sein Ohr hin, so als sei er schwerhörig.
„Nein“, antwortete ich. „Er hat bereits gekauft, vor einem Jahr ungefähr ...“
„Na dann soll er fahren oder sich in den Garten setzen, ein Bier trinken und die Blumen zählen. Also hör zu, Herri – du heißt doch Herri, wenn ich das vorhin richtig verstanden habe?“ Wieder hielt er mir sein Ohr hin. Es war ein Tick von ihm. Vermutlich kamen ihm die Antworten nicht schnell genug.
Er sprach meinen Vornamen englisch aus, was ich für den Tod nicht ausstehen kann. Aber was sollte es, er war Kunde, und solange er nicht über den Tisch langte und mir an den Kragen ging, konnte es mir recht sein. Ich übte mich darin, ein möglichst neutrales Gesicht zu machen. Er mochte Mitte dreißig sein, war von hagerer, kräftiger Gestalt und trug eine Jacke, wie sie Wildhüter oder Holzfäller in Nordamerika tragen: großkariert und voluminös. Sein Gesicht wies südländische Züge auf: hohe Wangenknochen, eine scharfgeschnittene, etwas schief stehende Nase und dichtes dunkles Haar. Hätte ich später eine Aussage machen müssen, hätte ein Wort wohl treffend meine ersten Empfindungen wiedergegeben: Galgenvogel.
„Ich brauche einen Kombi“, fuhr er, nervös mit den Fingern auf der Tischplatte trommelnd, fort, „er muss lang, stark und schwarz sein.“
„Einen Leichenwagen?“, fragte ich und sah ihn ausdruckslos an.
Er stutzte kurz, fing laut an zu lachen – meine Kollegen in den Nachbarbüros hoben ihre Köpfe - dann wischte er sich mit seiner Hand im Gesicht herum und sah mich erheitert an. „Darauf muss man erst mal kommen: einen Leichenwagen.“ Er schüttelte seinen Kopf.
„Das ist gar nicht so schwer, darauf zu kommen“, entgegnete ich und erzählte ihm, was vor Tagen passiert war. Es reizte mich, ihn ein wenig zu demontieren. Er war mir einfach zu laut und zu struppig.
„Gestorben? Hier im Autohaus?“, fragte er und zog seine Augenbrauen zusammen.
„So wahr ich hier sitze“, antwortete ich. „Der Mann war bereits tot, als sie ihn in den Wagen schoben.“
„Donnerwetter! Ist nicht gerade eine gute Werbung für euch, Herri, oder?“
„Keine Ahnung“, erwiderte ich. „Du kannst ja niemandem verbieten, hier zu sterben.“
„Na, ich bitte dich! Bei einem Inspektionstermin zu sterben. Möchtest du so sterben?“
„Ich möchte gar nicht sterben“, antwortete ich.
„Das kann ich mir gut vorstellen. Du möchtest bestimmt auf ewig deine Kunden bescheißen, oder?“
„Dazu komme ich gar nicht. Die Kunden verwickeln mich in Gespräche, rauchen, trinken Kaffee, lachen, dass die Bude wackelt und gehen, fertig. Und am Monatsende muss ich mir Geld borgen, um die Familie durchzubringen.“
Er grinste. Fast schon nachdenklich. Offensichtlich hatte ich instinktiv den richtigen Ton getroffen. „Hol uns beiden mal einen Kaffee“, sagte er, „und dann lass uns mal den Leichenwagen zusammenstellen!“
Gesagt, getan, der Kaffee kam, er rauchte, ich tippte den Kombi am Computer zusammen, errechnete ihm eine Leasingrate, druckte das Angebot und reichte ihm die Seiten über den Tisch. Er hieß Peter Hickmann, und als Wohnort hatte er eine Kieler Adresse angegeben.
„Wo muss ich unterschreiben?“, fragte Hickmann, drückte die Zigarette aus und trommelte nun mit den Fingern beider Hände.
„Du willst ...“ Ich zögerte einen Augenblick, das Du war mir entrutscht. „Du willst bestellen?“ Ich tat überrascht, um ihn nicht zu enttäuschen. Er gehörte offensichtlich zu denen, die es treibt, mit großmütiger Entschlossenheit zu glänzen.
„Da guckst du, was? Ich sagte dir ja, dass ich einen Kombi brauche. Und so wie du aussiehst, wirst du mich wohl nicht gerade über den Tisch gezogen haben, oder?“ Wieder hielt er mir sein Ohr hin.
„Bist du dir sicher?“, fragte ich.
Er unterschrieb wie ein Generalkonsul, füllte ebenso nonchalant eine Selbstauskunft aus, fragte zwischendurch, wie lange es bis zur Lieferung dauern würde, und nickte zustimmend. „Sechs Wochen sind in Ordnung“, sagte er, stand ruckartig auf, zündete sich eine Zigarette an und verabschiedete sich, indem er mir die Hand dermaßen schüttelte, als wollte er mir den Arm abreißen.
„Was war denn das für ein Waldschrat?“, fragte mein Kollege.
„Keine Ahnung“, erwiderte ich und betrachtete nachdenklich meine Hand. „Irgendein Cowboy aus Kiel.“
Üblich ist, dass man die Autobestellung der Disposition übergibt, den Kunden nach einigen Tagen anruft, ihm bestätigt, dass alles zu seiner Zufriedenheit geregelt wurde, und ihn erst wieder zu Gesicht bekommt, wenn das Auto nach Wochen auf dem Hof steht.
Hickmann tauchte bereits zwei Tage später wieder auf. Er stand in der Tür, rauchte und winkte mir zu: „Hallo, Herri, ich bin’s!“
Ich trat auf ihn zu, schob ihn leicht nach draußen und raunte ihm zu, er möge doch bitte warten, weil ich gerade im Gespräch sei.
„Jag den Kerl weg!“, flüsterte er. „Der sieht krank aus, und Kohle hat der sowieso nicht.“
„Bitte!“, sagte ich und schob ihn noch weiter fort. „Zehn Minuten – ich sag dir Bescheid.“
„Wehe, es dauert länger. Ich guck mir mal eure Weiber vorne an. Was ist mit der Blonden, hast mit der schon mal?“
„Bis gleich!“, sagte ich und ging ins Büro zurück.
Während ich dem Kunden, der bei mir saß, irgendein Formular hinschob, das er ausfüllte, hörte ich von der Reparaturannahme Frauengelächter und dazwischen Hickmanns heisere Stimme. Schließlich verabschiedete ich mich von dem Mann, rief Hickmann herbei, und als er auf dem Stuhl saß, las ich ihm die Leviten.
„Ich denke, du bist aus Kiel, einer Gegend mit bürgerlichen Manieren. Hier sitzt ein Kunde, und du fährst einfach dazwischen! Nächstens gibst du mir ein Zeichen und wartest einen Augenblick! Du verprellst mir ja die Leute!“
„Wer sagt, dass ich Kieler bin, Herri? Aus Blankenhagen bin ich, gleich um die Ecke! Vor zehn Jahren habe ich die Kurve gekratzt, als ihr alle noch wie die Blöden hinter Honeckers Schalmeienkapelle hergelaufen seid.“
„Du bist richtig geflüchtet?“
„Die Schwachköpfe wollten mich einziehen. Da habe ich mich einer Gruppe angeschlossen und bin in Ungarn mit den Jungs durch die Donau geschwommen. Hinter uns Dauerfeuer und vor mir konnte ich zusehen, wie es meine Leute erwischte. Von sieben Mann haben drei das andere Ufer erreicht, jetzt kommst du.“
„Und dann?“
„Dann habe ich in allen möglichen Berufen gearbeitet, eine Alte geheiratet, ein Haus gebaut und Rasen gemäht.“
„Du bist verheiratet?“
„Gott ja, ich war verheiratet“, sagte er und winkte ab. „Ist das hier ein Quiz?“ Sein leicht unsicheres Grinsen verlosch, und er hüstelte in die Faust. „Ich hatte damals mit diesem Vertreterjob angefangen, war laufend unterwegs. Eines Tages bin ich losgefahren, als meine Frau noch im Bett lag. Kaum war ich aus Kiel raus, fing der Motor meines alten Wagens an zu stottern. Du, wenn irgendwas nicht rund läuft, werde ich nervös. Ich riss das Lenkrad herum, fuhr die Kiste zurück. Dann zog ich mir die Schuhe aus, schlich die Treppe zum Schlafzimmer rauf und wollte meine Alte überraschen, mich zu ihr ins Bett schmeißen und einen Tag blaumachen.“
„Und?“
„Was und? Kannst es dir nicht denken, Herri?“
„Deine Frau war ... War sie tot?“
„Mann, Herri! Kaum stirbt hier mal einer, schon siehst du Gespenster! Die Alte war quicklebendig und hatte einen Kerl im Bett ...“
Ich stieß die Luft aus und musste lachen. „Entschuldige, aber die war ja mehr als schnell“, bemerkte ich.
„Aber ich war noch schneller, Herri. Der Bursche konnte nicht mal mit den Augen zwinkern, schon lag er im Vorgarten.“
„Du hast ihn rausgeschmissen?“
„Durch das geschlossene Fenster! Er lag nackend auf dem Rasen und zappelte wie ein Frosch.“
„Er hätte sich was brechen können“, bemerkte ich.
„Er hat Glück gehabt, dass ich ihm nicht den Schädel eingeschlagen habe. Ich war nicht ganz bei der Sache, die Geschichte mit dem stotternden Motor ging mir noch im Kopf herum.“ Er saß da, zog an seiner Zigarette, und sein Blick wanderte durch mein Büro. „Du hast ja hier Urkunden hängen! Kriegst du die für vieles Fragen?“
„Die kriege ich fürs Zuhören.“
„Was soll ich erzählen? Von meiner Alten bin ich längst geschieden, doch wenn irgendwas mit meinen Autos nicht in Ordnung ist, gerate ich noch heute völlig aus dem Häuschen. Dann spüre ich meine Haut, sie juckt so komisch.“
„Und was machst du zur Zeit?“
„Jetzt mische ich den Osten auf. Ich habe ein neues Verkaufsgebiet und wohne ab und zu in Blankenhagen bei meiner Mutter. Und ich bin alle drei Tage frisch verlobt.“ Er zwinkerte mir zu. Dann hielt er mir rasch sein Ohr hin. „Was macht mein Leichenwagen, Herri?“
„Er stirbt vor sich hin“, antwortete ich. „Nein, im Ernst, er wurde ordnungsgemäß bestellt, und wenn es was Neues gibt, rufe ich dich an. Sag mal ...“ Ich musterte ihn und fragte: „Was verkaufst du eigentlich?“
„Ich habe einen Vertrag mit Sony. Das ist ein hartes Spiel, Herri. Du verteilst hier Autos, während ich die Leute von morgens bis abends bequatschen muss.“
„Das kommt mir bekannt vor.“
„Ach, erzähle mir doch nichts! Hier fliegen die Kunden wie die Motten ums Licht, während ich mir in den Dorfläden mit verkaterten Geschäftsinhabern regelrechte Gefechte liefere. Bei denen stapelt sich der Elektronikkram bis unter die Decke. Wenn die mich sehen, kriegen sie Magenkrämpfe.“
„Und was machst du dann?“
„Ich gehe denen so lange auf den Geist, bis sie aufgeben. Manchmal fahre ich mehrmals am Tag in das gleiche Geschäft. Brille vergessen, sage ich dann. Ich hätte doch vorhin gar keine Brille aufgehabt, sagt der Inhaber. Wann vorhin, frage ich. Na, vor zwei Stunden. Vor zwei Stunden war ich noch in Norderstedt, sage ich. In Norderstedt, fragt er, Sie waren doch vorhin in meinem Büro. Sie haben hier ein Büro, frage ich, komisch. Aber Sie haben doch die Brille vergessen. Welche Brille, frage ich. Na die, die Sie vergessen haben. Ich habe keine Brille vergessen. Aber Sie fragten doch eben nach der Brille? Ich trage gar keine Brille, sage ich, ich kann gucken wie ein Luchs. Vielleicht hat ein anderer nach der Brille gefragt, und Sie verwechseln das nur.“
„Und das funktioniert?“
„Klar! Die Leute stehen unter Strom. Die sind wie Tanzbären. Du packst die Burschen sozusagen am Nasenring und drehst sie so lange, bis sie nicht mehr wissen, wie sie heißen und wo sie wohnen. Und am Ende zweifeln sie selber, ob das mit der Brille nicht doch ein anderer war. Ich mache Tempo, verstehst du, Herri, die Kerle dürfen gar nicht erst zum Nachdenken kommen: rein mit den Kartons und ab. So läuft das!“
Hickmann rauchte noch drei Zigaretten, drehte sich nach einer Frau um, die an meinem Büro vorbeilief, und fragte: „Wie findest du die?“ Offensichtlich wollte er das Thema wechseln. Dann fiepte sein Handy, und er verabschiedete sich, indem er telefonierend seinen Arm hob und zwischen den Autos verschwand.
Am Montag, ich kam gerade von einer Arbeitsbesprechung, stand er mit einem Mädchen vor meinem Büro und winkte mir heftig. „Dein Cowboy aus Kiel!“, raunte mir mein Kollege ins Ohr. Ich verdrehte die Augen.
„Das ist Gitta“, sagte Hickmann und schob sie an mich heran. „Sag ihm mal guten Tag!“
„Tach, Herri“, sagte Gitta und gab mir lasch die Hand. Sie war unverschämt jung und hatte das Gebaren einer Schülerin, die ein Gedicht aufsagen sollte.
„Hol ihr mal einen Kaffee, Herri, mit Zucker und ohne Sahne! Ich muss schnell telefonieren.“
Es war zum Auswachsen. Mir stand die Arbeit bis sonst wo, ich hatte Termine, für die ein ganzer Tag nicht reichte, und nun saß ein Mädchen vor mir, von der ich lediglich wusste, dass sie Gitta hieß und dass sie beim Kaffeetrinken schlürfte.
„Kennst du ihn schon lange?“, fragte ich und sah verstohlen auf die Armbanduhr.
„Hickie? Den kenne ich zwei Wochen. Und ich weiß nicht, ob ich es zwei weitere Wochen mit ihm durchhalte.“
Ich zog fragend die Augenbrauen nach oben.
„Na ja“, fuhr sie schleppend fort, „er ist anstrengend, weißt du. Ach, anstrengend ist gar kein Ausdruck. Der brabbelt den ganzen Tag, Gitta hier und Gitta dort, und nachts wird er erst richtig munter. Um den zum Einschlafen zu bringen, musst du ihm eine mit dem Holzhammer verpassen. Ich bin gute zwanzig Jahre jünger als Hickie, aber glaubst du, ich halte sein Tempo durch? Kaum hat er gekriegt, was er wollte, kriecht er schon wieder heran, wenn du weißt, was ich meine, Herri.“ Sie sah mir tief und vielsagend in die Augen. Dabei grinste sie frivol und zog die Stirnfalten in die Höhe.
Ich beugte mich über meinen Kaffee und pustete in die Tasse, obwohl er längst lauwarm war.
„Er ist ein mordsmäßig guter Kerl“, fuhr sie fort, „trinkt keinen Tropfen Alkohol und arbeitet wie ein Pferd. Und von dir hält er ja nun ganz große Stücke.“
„Von mir?“
„Ja, er sagt: Herri ist ein ganz ruhiger Vertreter.“
„Ruhiger Vertreter? Gegen ihn bin ich geradezu eine Salzsäule.“
Hickmann kam zurück und drängte zum Aufbruch. „Ich wollte bloß mal guten Tag sagen und dir Gitta vorstellen. Was macht mein Auto, Herri, habt ihr schon die Räder dran?“
Ich sagte ihm, dass alles in Ordnung sei und ich ihm bald einen genauen Zwischenbescheid geben würde. Er zog Gitta wie eine Stoffpuppe vom Stuhl hoch, griff ihr an den Hintern und schob sie aus meinem Büro.
Ganze zwei Wochen sah und hörte ich nichts von ihm. Hatte ich anfangs sein plötzliches Auftauchen befürchtet – er kam stets ungelegen und raubte mir die Zeit –, vermisste ich ihn jetzt direkt. Er brachte Schwung in den Laden und erinnerte mich an vergangene Zeiten. Mit solchen Jungs war ich in meiner Jugend durch Rostock gezogen. Sie waren laut, schnell und frech gewesen und hatten mir das Gefühl vermittelt, unverwundbar zu sein. Allerdings brachten sie es später nicht allzu weit. Einer landete im Knast, ein anderer hängte sich auf, der Rest trank sich zu Schanden oder verglühte in einer armseligen Existenz. Ihre Energie schien sich schnell und konsequent zu verbrauchen. Hickmann wies ebenfalls solche Züge auf. Doch offensichtlich war er erfolgreich und scherte sich einen Dreck um Tendenzen. Außerdem schien er das Leben im Auge zu behalten und steuerte sich auf seine Art durch das Chaos.
Einmal hatte ich heimlich in seinem Terminkalender geblättert. Dort hatte er, wie die vorsichtigen Rentner, die hier oft saßen, mit kleiner, ordentlicher Schrift seine Eintragungen gemacht. Dieser geradezu spießige Ordnungssinn stand ganz im Gegensatz zu seiner Großmäuligkeit. Er wurde nervös, wenn sein Handy klingelte, und sprach oft seltsam steif in den Apparat, als befürchtete er, den Faden zu verlieren. Dann aber, als könnte die übergroße Vorsicht seiner Sprechweise ihn verraten, drückte er auf die Austaste des Telefons, warf es auf den Tisch und rief: „Blöde Dumpfbacke! Kann nicht mal drei Kartons auseinanderhalten.“
In der dritten Woche stand er wieder in der Bürotür: wild, holzfällerisch, äugend. Ich fuhr schnell um den Schreibtisch herum. Aber noch ehe ich ihn wegdrängen konnte, flüsterte er mir zu: „Jag den Kerl weg! Ich hole uns derweil schon mal einen Kaffee!“
Schließlich saß er vor mir, berstend vor Unruhe, sah sich dauernd um und sagte: „Herri, ich habe ein Weib kennen gelernt, die übertrifft sogar meine Vorstellungskraft. Wir heiraten.“
„Heute noch?“, fragte ich.
Er musste wirklich verliebt sein, denn ihm entging meine Ironie gänzlich. „Nee, so schnell geht das nicht. Sie muss sich ja erst scheiden lassen und ihr Kind in die Problematik einweihen. Dann gehen wir zurück nach Kiel, sie steigt in mein Geschäft ein, ich teile mit ihr meine Verkaufsgebiete ...“
„Mmh ... und was ist mit Gitta?“
„Die ist froh, dass sich mich vom Hals hat. Der konntest du doch im Gehen die Schuhe besohlen. Die war ganz und gar nicht von meinem Kaliber, und sie weiß das auch. Wir telefonieren dauernd.“
„Und der Mann von der Neuen ... Wie heißt sie eigentlich?“
„Sabine. Der Mann ist ein Penner, Herri. Der sitzt vor dem Fernseher, trinkt Bier, schläft ein, und der Kasten rauscht – und das seit Jahren.“
„Na ja, Hickie ...“ Zum ersten Mal sprach ich ihn mit seinem Spitznamen an. „Vor Gott oder vor wem auch immer sind sie verheiratet. Es ist nicht wegen der Moral ... Aber weißt du auch, wie gefährlich das ist? Sie ist seine Ehefrau, und sie haben ein gemeinsames Kind. Manchmal verwandeln sich solche Luschen blitzartig in Racheengel. Die haben dann vor lauter Liebeskummer seltsame Visionen. Plötzlich taucht so ein Kerl hier mit einem Jagdgewehr auf und legt uns beide um ... Mich natürlich nicht, weil ich gerade einen Kaffee für dich hole. Aber Spaß beiseite: Die Zeitungen stehen voll von solchen Sachen. Wenn es da heißt, einer habe seine Familie ausgelöscht, kannst du von Liebeskummer ausgehen.“
„Deswegen hauen wir ja auch ab. Herri, sieh zu, dass das Auto herankommt!“
„Warum kannst du nicht mal in Ruhe durchatmen? Ich meine, nicht wegen dem Auto, sondern überhaupt? Grundsätzlich.“
„Grundsätzlich?“, fragte er und zog an seiner Kippe. „Weil ich grundsätzlich das komische Gefühl habe, dass meine Zeit knapp wird. In Blankenhagen sitzt meine Mutter auf einem Küchenstuhl und säuft sich langsam zu Tode. Unser Hund ist vorgestern gestorben… Meinen Vater habe ich niemals kennen gelernt. Meine Tante sagte mir, er war ein polnischer Bauarbeiter, der in Blankenhagen einen Stall hingesetzt hatte und danach für immer verschwand. Ich wollte endlich Bewegung in mein Leben bringen und bin in den Westen geschwommen: Pustekuchen. Denn ob du es glaubst oder nicht, Herri – das wichtigste ist für mich ein Häuschen, ein Garten und ein Haufen Kinder, und ich dazwischen mit einer Trillerpfeife. Dafür würde ich mit dem Jagdgewehr Leute niederknallen. Aber bislang habe ich es nur erreicht, ein prima Zigeunerleben zu führen. Weißt du, was das für ein Gefühl ist, wenn du nachts auf der Landstraße in der Karre sitzt und die einzige Freude ist, anzuhalten und an einen Baum zu pinkeln?“
Ich sagte ihm, dass ich gleich anfangen würde zu weinen. Er schleppe hier jeden Tag eine andere Frau an und erzähle mir was von toten Hunden. Ich säße bis zu zwölf Stunden in diesem Kasten und käme nicht mal ansatzweise auf die Idee, einem alten Hund die Sache zuzuschieben.
Da piepste sein Handy. Er stand auf, sprach in den Apparat und machte sich ungelenk Notizen in seinen Kalender, mit der üblichen kleinen Schrift. Kaum war das Gespräch beendet, ging das Handy erneut. Er sprach hinein, hob die linke Hand zum Gruß in meine Richtung und verschwand.
Endlich kam sein bestelltes Auto. Am Tag der Übergabe bugsierte er seine neue Familie in mein Büro. Am Telefon hatte er mir gesagt, dass es anschließend vom Autohaus direkt nach Kiel ginge. Sabine würde vorerst sein altes Auto übernehmen, und in ein paar Wochen würden sie mich besuchen und für sie ein neues bestellen.
Sabine saß vor mir, seltsam gefasst und still. Sie war kräftig, nicht dick, und hatte ein breites, vertrauenerweckendes Gesicht. In ihrem Blick lag eine leichte Spur von Melancholie. Offensichtlich war sie an einem Punkt angekommen, an dem es kein Zurück mehr gab. Ihr Sohn, ein etwa achtjähriger, dicklicher Junge, schmiegte sich stehend an sie. Er wirkte leicht verstört. Er musste nach seinem Vater kommen, denn ich fand nichts an seinem Äußeren, was auf die Mutter hindeutete. Ich spürte seine Blicke, und als ich ihn ebenfalls ansah, fragte er: „Bist du Herri?“
„Ja, wer denn sonst?“, polterte Hickie los. „Natürlich ist er das. Mann, der stellt Fragen! Also los, Herri! Mach Tempo. Wo muss ich bezahlen? Muss ich überhaupt etwas bezahlen – ach ja, die Anzahlung. Wo habe ich eigentlich mein Handy gelassen! Dirk, hast du mein Handy gesehen?“
„Es ist im alten Auto, im Handschuhfach.“
„Im Handschuhfach ... Wie wäre es, wenn du dich mal bequemen würdest. Hier sind die Schlüssel. Und lass die Tür nicht wieder offen stehen.“
Wir gingen zusammen zur Kasse, Sabine blieb im Büro sitzen.
„Was fährst du den Jungen so an?“, fragte ich.
„Ich fahre den Jungen an?“ Er hielt mir sein Ohr hin, als würde er schlecht hören. „Ja, natürlich fahre ich ihn an. Der ist genauso ein Triefauge wie sein Vater. Sitzt den ganzen Tag in der Ecke und träumt. Du musst ihm alles zweimal sagen.“
„Ist doch normal, Hickie. Du hast ihn praktisch aus seinem Nest gerissen.“
„Was für ein Nest denn? Meinst du, ich verbiege mich wegen so einem Rotzlöffel? Der kriegt die Marschrichtung und fertig!“
„Stimmt ja“, bestätigte ich. „Du verbiegst dich nur, wenn deine Hunde krepieren.“
„Herri!“ Er blieb stehen und legte mir den Arm auf meine Schulter. „Du bist ja ein richtiger Prediger.“
„Rede nicht so viel, und leg die Kohle da auf den Tisch!“
Hickie bezahlte und wir gingen zu dem neuen Auto.
Es stand separat im Auslieferungsraum und glänzte dunkel vor sich hin. Hickie tat so, als ließe ihn das Gefährt kalt. Er trat sogar gegen das Vorderrad und fragte rüde, ob an der Kiste auch alles dran sei, was er bestellt habe. Aber an der fahrigen Art, wie er sich die Zigarette ansteckte und beim Feuergeben schnaufte, konnte ich bemerken, dass er aufgeregt war.
Wir machten eine Probefahrt. Dabei erklärte ich ihm die verschiedenen Funktionen, fingerte an der Klimaanlage herum, suchte schließlich im Radio nach einer passenden Musik und fragte, was er denn nun zu dem Auto sage.
„Geht so“, erwiderte er. „Riecht komisch.“ Er kurbelte am Lenkrad, der Wagen fädelte sich leicht in den dichten Verkehr ein. Kaum hatte er ein bisschen Gas gegeben, bremste er das Auto leicht ab.
„Mach mal das Radio aus“, befahl er. „Da tickert doch irgendwas?“
Ich machte das Radio aus, lauschte kurz und warf mich entspannt zurück. „Der Motor läuft völlig normal.“
„Hör doch mal! Hörst du es jetzt? Da, ganz deutlich – so ein feines Tickern.“
Ich sagte ihm, dass ich das Geräusch als angemessen empfinde. Geräuschlose Motoren gäbe es noch nicht, und wenn, dann wären sie mir ganz sicher ein Gräuel. Ich empfahl ihm, sich zu entspannen.
„Hör doch mal, jetzt tickert es wieder!“ Er reckte sein Ohr weit über das Lenkrad.
„Lass mich raus“, sagte ich.
„Wieso das?“
„Na, denkst du, ich fahre mit einem Kerl durch die Gegend, der während der Fahrt auf das Armaturenbrett steigt? Verdammt noch mal, wenn ich dir sage, das Auto läuft wie ein Uhrwerk – warum glaubst du mir dann nicht?“
„Reg dich nicht auf, Herri“, sagte er und atmete tief durch. „Ich glaube dir ja.“
Wir fuhren zurück auf den Hof, er bremste direkt vor Dirk und Sabine. Dann luden wir zusammen einige Kartons von dem alten in den neuen Wagen, und schließlich gab er ihr die Instruktion, dicht hinter ihm zu bleiben, notfalls zu telefonieren. „Mach um Gottes Willen das Handy nicht aus! Dirk, setz dich bei mir rein und fass ja nichts an!“
„Ich möchte aber bei Mutti mitfahren.“
Hickie verdrehte die Augen und war kurz davor aufzufahren, als er meinen Blick bemerkte. „Na gut, pflanz dich neben Sabine, und ab geht die Post!“
„Also, Herri!“ Er trat vor mich hin. „Demnächst in diesem Leben.“ Er umarmte mich kurz und boxte mir gegen die Schulter.
Sabine streckte ihre Hand aus, ich ergriff sie und spürte, dass sie feucht war. „Mach’s gut, Herri!“, hauchte sie.
Ich nickte ihr zu, gab dem Jungen einen Klaps, sie stiegen in die Autos, und der Konvoi fuhr vom Hof. „Sabine“, dachte ich, „der Raub der Sabinerin.“
Es verging wohl ein ganzer Monat. Von Hickie erhielt ich nicht das geringste Zeichen. Um der Wahrheit willen: Ich hatte ihn vergessen. Im Autohaus ist es wie in diesen Fernsehserien – neue Folge, neue Personen, andere Schicksale und immer die gleiche Dramatik. Es geht nie der Stoff aus. Auf einer Lesung hatte ich mal erwähnt, dass ich manchmal, wenn ich einfach so daherlaufe, das Gefühl habe, ich schlendere durch meine Erzählungen. Die meisten haben kein richtiges Ende. Die große Schwierigkeit am Schreiben ist, den Stoff zu packen und ihn auf den Schluss zuzutreiben. Die Erfindungsgabe der Schriftsteller erweist sich dabei oft geradezu als erbärmlich.
Nicht so das Leben mit seinen ätherischen Verbindungen und luftzarten Kompositionen. Es ist ohne Mitgefühl und hat keinen Sinn für Ästhetik und webt sozusagen blind vor sich hin. Dem Ende entgegen.
An einem Tag im Juli klingelte das Telefon. Es war noch früher Morgen, und ich hatte bereits mehr als ein Dutzend Telefonate erhalten. Ich nahm den Hörer in die Hand und zwang mich, meine Gereiztheit mit einem beschwingt-freundlichen Ton abzudecken.
„Herri, ich bin es“, klang es barsch am anderen Ende.
„Hickie?“, rief ich. „Das ist aber schön, dich zu hören. Ich freue mich wirklich ...“
„Lass das Gesülze“, unterbrach er mich. „Du hast mir ja ein schönes Auto verkauft. Der Motor tickert so stark, dass ich bereits Ausschlag am ganzen Körper habe. Ich komme jetzt zu dir. Sieh zu, dass sich einer von euren behämmerten Meistern bereithält!“
Ich antwortete, dass ich mich freuen würde, wenn er vorbeikäme, es aber eigentlich nicht nötig sei. Er könne das Auto auch in Kiel in einer Fachwerkstatt vorstellen, schließlich habe er doch Garantie und so weiter.
„Ich will aber zu dir“, beharrte er.
„Danke“, sagte ich. „Also komm vorbei! Ich warte.“
Spät am Abend saß ich zu Hause, blätterte in der Zeitung, da fiel mir eine Sony-Reklame ins Auge. Ich ließ die Zeitung sinken, starrte vor mich hin und dachte daran, dass ich ja völlig vergessen hatte, dass Hickie kommen wollte. Warum hatte er sich nicht sehen lassen? Wenn wir uns verabredeten, pflegte er stets die Termine zu halten. Oft pünktlicher, als mir lieb gewesen war. Sein Fernbleiben ergab keinen Sinn. Mein Grübeln allerdings auch nicht. Also hob ich die Zeitung und wollte weiterlesen.
Da klingelte das Telefon. Mein Sohn brachte mir den Hörer. „Da ist so eine komische Frau dran. Sie will Herri sprechen ...“
Noch ehe ich mich am Hörer vorstellen konnte, hörte ich ein Stöhnen und die weinerliche Stimme von Sabine: „Herri, Hickie ist tot. Er wollte zu dir und hat einen Unfall gehabt.“
„Einen Unfall!“, rief ich. „Was für einen verdammten Unfall denn? Ich denke, der Motor ... also wirklich ...“ Ich besann mich kurz und erhob mich aus dem Sessel, in dem ich saß: „Tot, sagst du?“
Am anderen Ende hörte ich es wimmern. „Ja“, sagte sie, „aber ich kann jetzt nicht weitersprechen. Mach’s gut, Herri.“
Der nächste Morgen war hell, lichtdurchflossen, und die Vögel zwitscherten in einer Lautstärke und merkwürdig hysterisch, so dass ich mich unwillkürlich umsah, bevor ich mich in mein Auto setzte. Die Sonne warf regelrechte Lichtfenster auf das Land, und die Schatten der Bäume, schwärzer noch als Kaltanstrich, stachen sich weit in die Felder.
Gewöhnlich versuche ich, Grässlichkeiten nicht so nah an mich herankommen zu lassen. Ein Unglück setzt so oder so eine Menge Leute außer Gefecht – ein Zustand, den ich mir nach Möglichkeit verbiete. Meistens versuche ich mich denkend zu nähern. Recht besehen lähmt das natürlich ebenso: „Warum Peter Hickmann?“ Genauso könnte ich fragen, warum es im April regnet.
Kurz nach dem Frühstück kam ein Mann vom Schleppdienst in mein Büro, einer im mittleren Alter, der Wert darauf legte, dass seine Arbeitsmontur sauber und seine schütteren Haare ordentlich gekämmt waren. Er hatte meinen Namen auf einem Zettel stehen und meinte, er habe einen Kombi abzuliefern.
„Einen schwarzen?“, fragte ich und kam ganz langsam hinter meinem Schreibtisch hoch.
Er nickte. Es war ein vielsagendes, pietätvolles Nicken.
Wir gingen nach draußen. Auf dem Weg zündete ich mir entgegen meiner Gewohnheit eine Zigarette an. Meinen Kollegen hatte ich immer gesagt, wenn ich bei der Arbeit rauchen würde, wäre das ein Zeichen, in Kürze meine Nerven zu verlieren. Hickies Kombi stand blitzend und völlig unversehrt auf dem Schleppwagen. Ich nahm die Zigarette aus dem Mund.
„Ich denke, es war ein Unfall?“, fragte ich.
Als habe der Mann nur auf dieses Stichwort gelauert, begann er zu berichten. Er sei von der Zentrale an die und die Autobahn geschickt worden, weil da einer stehe, der Schwierigkeiten mit seinem Motor habe. Der mache Geräusche oder so. Als er aber dann an dem betreffenden Ort ankam, lag der Fahrer weit auf dem Acker und war bereits mit einer Plane abgedeckt. Ein Polizist habe ihm erzählt, dass der Mann auf der Standspur wild rauchend gewartet habe. Die Autobahn sei an jenem Morgen fast leer gewesen, und doch hätte ihn ein einzelnes Auto in hohem Tempo erwischt, als er dicht an der Linie stand. „Können Sie sich das vorstellen?“, fragte der Schleppwagenfahrer. „Es ist ja, als hätte er dieses eine Auto geradezu magisch angezogen.“
„Er war aufgeladen wie ein Dynamo“, sagte ich wie zu mir selber. „Vielleicht hat er sogar geleuchtet wie eine kosmische Erscheinung. Eine unfassbare, gewaltige Kraft im Leerlauf. Oder eine Art schwarzes Loch, das ohne erkennbaren Grund Energie frisst, weiß der Teufel!“
„Wovon reden Sie?“, fragte der Schleppfahrer.
„Von nichts“, antwortete ich und riss mich aus meinen Überlegungen. „Was ist mit dem Motor, haben Sie mal nachgeschaut?“
„Das ist ja das Merkwürdige. Ich habe ihn angelassen, er läuft völlig normal. Aber Sie werden schon was finden, irgendwas muss da ja gewesen sein.“
Wir fanden nichts. Der Motor lief wie alle neuen Motoren.
Nur ein bisschen elegischer.