Nummer 15, Herbst 2007                               


                                                                                                                                                            
 

Deutsche Vergangenheit in der polnischen Gegenwart

Ponieniemckie

Von Peter Oliver Loew


Ein Drittel des polnischen Staatsgebietes gehörte einst zu Deutschland. Nicht verwunderlich also, dass alleine schon deshalb die deutsche Vergangenheit die polnische Gegenwart prägt. Dennoch war sie in den polnischen Westgebieten jahrzehntelang ein eigentümlich kodiertes Tabu. Alles, was in den der Propaganda zufolge „wiedergewonnenen" Provinzen deutsch war, deutsch erschien oder sprach, sollte umerzählt, umgemalt, umgebaut, assimiliert werden. Doch auch die neu zugewanderte Bevölkerung musste sich zunächst einrichten, musste lernen sich heimisch zu fühlen in einem fremden Land.
Am leichtesten war es, die Fremdheit an der Oberfläche zu tilgen: Straßennamen wurden ausgetauscht, Denkmäler gestürzt, Aufschriften überpinselt. Aber schon die gusseisernen Kanaldeckel waren nicht mehr so einfach auszutauschen, angesichts des Mangels in der Nachkriegszeit. Und viel mehr noch blieb fremd, ließ sich nicht leicht übersetzen in Polonität.
Wie überhaupt konnte man Polonität erzeugen? Eine Ebene symbolischer Aneignung waren Städtebau und Architektur. Angesichts der großen Zerstörungen in den meisten ehemals deutschen Städten hatte man beim Wiederaufbau recht großen Freiraum. In Stettin zum Beispiel entstand das Schloss in einem Renaissancegewand wieder, das an die slawischen Wurzeln des Herzogtums Pommern erinnern sollte. In Breslau wurden die Fassaden am Ring und am Salzmarkt beim historisierenden Aufbau stilistisch quasi entnationalisiert. In Danzig entstand die Rechtstadt weitgehend neu nach einem Idealbild der frühen Neuzeit.
Doch jenseits der symbolgeladenen Zentren gab es in allen Städten zwischen Allenstein und Liegnitz, Oppeln und Kolberg mehr oder weniger gut erhaltene Wohngebiete mit dem seinerzeit, in einem kriegszerstörten Land, so begehrten Wohnraum. In die von den Deutschen Bewohnern verlassenen Mietshäuser und Villen zogen polnische Familien. Tische und Stühle, Bettwäsche und Lampen, Bücher, Geschirr, Handwerkzeug – oft war fast alles noch vorhanden. Stefan Chwin schildert in seinem Roman „Tod in Danzig" sehr eindringlich diese Konfrontation der Siedler mit dem Fremden, die heimliche Bewunderung für die materielle Kultur der Vorbewohner, aber auch die allmähliche Aneignung des Vorgefundenen.
Kaum etwas jedoch sprach von sich aus von dem, was vor dem Krieg gewesen war. Die deutsche Bevölkerung war nahezu vollständig vertrieben, deutsche Bücher konnte und wollte kaum jemand lesen – was also sollte erzählen, wenn nicht die Dinge? Doch ehe diese zum Sprechen gebracht wurden, vergingen Jahrzehnte. Der Überlebenskampf der Dezennien nach dem Krieg, Industrialisierung und kleines Glück prägten den Alltag bis in die 1980er Jahre. Der Kriegsgeneration war ohnehin das Interesse am Deutschen verleidet worden, und für die erste Nachkriegsgeneration war es zunächst ebenfalls wichtiger, sich eine Normalität des Lebens zurechtzulegen, sich einzurichten in einer fremden Welt.
Denn fremd blieb sie auch weiterhin, da man kaum über sie sprach. Aus der Zeit vor 1945 ragten nur wenige Ereignisse, Daten, Personen herüber in die Jetztzeit. Es war, als tauchten die Gipfel einiger Eisberge aus dem großen Meer der Geschichte; was tiefer lag, blieb unerkannt, ja unerahnt: Piastenherzöge kündeten von einstiger Polonität, Künstler zeugten von den früheren Bindungen Breslaus oder Danzigs an die polnische Krone, einstige polnische Minderheiten wurden konstruiert oder, sofern vorhanden, erforscht. Leitmotiv war das von der Propaganda ausgegebene Schlagwort „Byli my, jeste my, b dziemy" (Wir waren [hier], sind [hier] und werden [hier] sein), wobei durch die ganz betonte Verwendung des „wir" Identifikation geschaffen werden sollte zwischen den Menschen draußen im Land und dem Herz Polens.
Auf Dauer aber konnten die unter dem prägenden Einfluss von Kommunismus und Nationalismus konstruierten Erzählungen von Geschichte und Gegenwart nicht verhindern, dass die Suche nach individueller Identität die propagandistisch vorgegebenen Bahnen verließ. Diese Entwicklung verlief parallel zur voranschreitenden Entfremdung immer größerer Teile der Gesellschaft von der politischen Macht. Und so wendeten sich vor allem viele jüngere Polen hoffnungsvoll ihrer engeren Umgebung zu, getragen vom Ethos der Solidarität: Kleine Gemeinschaften, Keimzellen der Bürgergesellschaft galt es zu schaffen in einer Zeit, in der die große Gemeinschaft im Kampf zwischen dem Staatsapparat und der Opposition zerbrach.
Was lag näher, als nun auf Entdeckungsreise zu gehen, mit etwas Mut Tabus zu erkennen, zu umgehen, schließlich zu brechen? Zunächst war das ein spielerischer Prozess: Jugendliche und Erwachsene fanden auf Speichern, in Kellern und Schuppen, in Bibliotheken und auf Friedhöfen verstörende Reste einer fremden Welt. Unverständliche Bücher in Frakturschrift, Hefte in Kurrentschrift, Fotografien unbekannter Menschen, vergilbte Stadtpläne, Bilder von einst, die entfernt an die Gegenwart erinnerten. Langsam setzte so eine private Grabungsarbeit ein, bei der ganz vorsichtig Schicht um Schicht der ideologische Muff der Nachkriegszeit abgetragen wurde. Ein „Atlantis des Nordens", wie dies die Allensteiner Kulturgemeinschaft „Borussia" zu Beginn der 1990er Jahre nannte, begann sich aus einer bislang weitgehend geschichtslosen Gegend zu erheben.
Doch die Aneignung des Fremden, die „Wiedergewinnung" von Geschichte und Geschichten in den „wiedergewonnenen Gebieten" war ein mühsamer und langsamer Prozess. Er hing ganz eng auch mit einer Modernisierung polnischer, ja europäischer Mentalitäten zusammen. Denn fremde Traditionen, die der vorherrschenden „Meistererzählung" nationaler Geschichte widersprachen, konnten erst in einer Zeit verstärkt gewürdigt werden, in der sich die postmoderne Einsicht vom gleichzeitigen Vorhandensein verschiedener Erzählungen, verschiedener Identitäten verfestigte. Man musste erst lernen, Geschichte nicht mehr teleologisch, zielgerichtet bis zur Gegenwart hinzuerzählen, sondern das Geschichtete der Geschichte als vielstimmigen Chor zu verstehen. Und so begannen sich deutsche Erzählmotive herauszuschälen und den polnischen hinzuzugesellen. Weitere Narrative traten hinzu, denn unter der deutschen Schicht fanden sich regionale Traditionen: Masurische und ermländische Geschichten wurden entdeckt, konstruiert oder wiedererfunden, kaschubische, oberschlesische oder andere regionale Traditionen verbalisiert.
Drei Faktoren spielten für diese neu entstehenden regionalen, lokalen Identitäten eine nicht zu unterschätzende Rolle. Zum einen trug die Konfrontation mit den verstärkt nach Polen reisenden ehemaligen Bewohnern dieser Gebiete, den Vertriebenen, das Seine zu jener sich allmählich ändernden Einstellung zum deutschen Kulturerbe bei. Natürlich entsponnen sich, so gut es ging, bisweilen auch mit Händen und Füßen, Gespräche, wenn einstige Besitzer oder deren Kinder Höfe, Häuser und Wohnungen aufsuchten und dort auf heutige Hof-, Haus- und Wohnungsbesitzer trafen. Natürlich zerstreute der „Heimwehtourismus", der ganz überwiegend Tourismus blieb, die von der Propaganda unterstützten Revanchismusängste: Deutsche konnten wieder mehr als nur Feinde, sie konnten Menschen sein. Damit verstärkte sich die Überzeugung der polnischen Bewohner, nun doch endlich angekommen zu sein in diesem Land. Zwar hatte es einst einmal jenen, den anderen Menschen gehört, diese aber kamen jetzt nur noch zum Schnuppern, wollten schnuppern nach altvertrauten Kindheitsgerüchen und atmeten gelegentlich auch den Duft der neuen Zeit genüßlich ein.
An den alten Dingen, der materiellen Kultur der geflüchteten und vertriebenen Deutschen, hatte zwar derweil der Zahn der Zeit genagt – Zeitungen zerfielen, Teller zerbrachen, sorgsam gepflegte Vorgärten verwilderten –, doch was noch erhalten war, war noch da, weil es besonders dauerhaft war. Ein Mythos entstand, ähnlich wie jener von den Waren „aus der Vorkriegszeit" – der Mythos von den Waren „aus der deutschen Zeit" (auf Polnisch sagt man: „poniemieckie"). Vor dem Hintergrund des grauen Alltags der Volksrepublik mit den meist wenig attraktiven Konsumgütern der Staatsbetriebe gewannen diese Artefakte noch zusätzlichen Reiz. Und zu guter Letzt waren sie ein Zeugnis für eine – zumindest in einigen Bereichen – überlegene materielle Kultur, sie zeugten von der Existenz des „Westens", von „Europa", verkörperten die Sehnsüchte eines Landes, das seit Jahrzehnten weitgehend abgeschnitten war von der Moderne jenseits des Eisernen Vorhangs: Der Westen war ja schon einmal, damals, hier gewesen!
Der dritte Faktor war schließlich die Entfremdung von der Warschauer Zentralpolitik. Unter kommunistischer Herrschaft, vor allem zur Zeit des Kriegsrechts, bot die geheimnisvoll schillernde, so unbekannte engere Umgebung ganz neue Möglichkeiten, individuelle Identitäten zu stiften. Staat und Partei mit ihren leeren Propagandahülsen, die zensierten Massenmedien hatten den „Kampf um die Seelen" spätestens in der Solidarno -Zeit verloren. Gerade in den polnischen Westgebieten gab es in jenen Jahren eine gewaltige ideelle Leere, denn als die ideologische Überwölbung des Alltags wegbrach, musste die lokale und regionale Zugehörigkeit zur Nation neu definiert werden. Ein Netz neuer Gruppen und Vereine entstand, die nach 1989 sehr schnell an Bedeutung gewannen. In einem Gebiet, das bis dato kaum regionale Identitäten ausgebildet hatte – was unterschied in der Volksrepublik schon einen Bewohner der Stadt Stolp von einem Bewohner der Stadt Hirschberg? –, erkannten Intellektuelle, Journalisten, aber auch Lokalpolitiker rasch die Faszination der Region.
Einige Jahre lang herrschte nun, in den 1990er Jahren, Konjunktur für die deutsche Vergangenheit. Bisweilen recht unreflektiert streckten Stadtverwaltungen und Bürgerinitiativen ihre Hände aus nach Westen, suchten Kontakt zu den oft verschwindend kleinen deutschen Minderheiten und bei den Vertriebenenverbänden. Doch recht bald merkte man, dass diese Beziehungen zwar menschlich wertvoll und moralisch wichtig waren, dass aber keine Zukunft daraus zu entstehen begann. Denn die Vertriebenen, in Deutschlands Westen oft längst vollständig integriert, wollten nur ihre vom Vergessen bedrohten Erinnerungen retten, sie dachten rückwärts; eine Brücke in die Zukunft bildeten sie kaum. Viel wichtiger wurden für die Gemeinden deshalb Kommunalpartnerschaften mit Städten, Kreisen und Ländern in Deutschland, über die sie nicht nur gebrauchte Feuerwehrautos, sondern auch einen Einblick in das Funktionieren moderner Verwaltungen erhielten.
Auf der Ebene der Erzählungen aber war die Faszination für die deutsche Vergangenheit noch lange ungebrochen. Einige der wichtigsten polnischen Schriftsteller der 1990er Jahre schrieben zu diesen Themen einige der wichtigsten Bücher der Zeit: Neben Stefan Chwin sein Danziger Landsmann Pawe Huelle; die in Niederschlesien lebende Olga Tokarczuk siedelte ihren Romanerstling „E. E." im Breslau der Vorkriegszeit an, genauso wie der erfolgreiche Krimiautor Marek Krajewski, und Artur Daniel Liskowacki behandelte in seinen Büchern die Stadt Stettin vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Dennoch begannen sich auch die Intellektuellen langsam umzuorientieren. So schrieb Pawe Huelle 1997, es falle ihm zunehmend schwer, sich mit Danzig und seiner jüngeren, deutschen Vergangenheit anzufreunden, einer Stadt, die geprägt sei vom „protestantisch-kapitalistischen Ethos", das ganz und gar nicht zur polnischen Kultur passen wolle. Und außerdem fehle Danzig ein entscheidendes Element polnischer Identität – der Barock. Nur in Schlesien, insbesondere in Breslau, war der Blick zurück, auch in die unmittelbare Vorkriegszeit, noch angenehmer, nicht nur, weil man dort viel Barock besaß, sondern auch, weil Breslau eine pulsierende Großstadt gewesen war, währen Stettin und Danzig zwar einiges auf ihr Großstadtdasein hielten, in Wirklichkeit aber doch ein nur provinzielles Dasein führten.
Zu Beginn des neuen Jahrtausends gewannen deshalb neue Erzählmotive größere Bedeutung: Nicht mehr die deutsche Kultur war der beherrschende Topos in kleineren wie größeren Städten, sondern ihre historische „Multikulturalität". Die Städte seien geprägt von – je nachdem – polnischen und deutschen, jüdischen, tschechischen, kaschubischen, schwedischen, französischen, niederländischen und vielen anderen Elementen. Damit griffen die Stadtoberen und ihre mediale Entourage ein Motiv auf, das bereits zur kommunistischen Zeit verwendet worden war, um den deutschen Einflussfaktor auf die lokalen Geschichten herabzuspielen. Außerdem wurde Multikulturalität als Modernität verstanden, da ein Sprung nach Berlin genügte, um packendes Multi-Kulti-Gewusel erleben zu können. Auch andere Städte Zentraleuropas entdeckten zu jener Zeit übrigens ihre multikulturellen Wurzeln. Doch während Prag, Wien oder Temeswar heute noch oder wieder mehreren Nationalitäten Obhut bieten, sind die polnischen Städte in den ehemals deutschen Gebieten weitgehend monokulturell geblieben. Die Rede von ihrer Multikulturalität wirft deshalb zwar ein Schlaglicht auf ihre reiche Vergangenheit, beschreibt aber ihre Gegenwart nur dann, wenn sie nicht als „Multiethnizität" verstanden wird. Denn eines muss man Stettin oder Breslau, Danzig oder Oppeln zugute halten. Ihre Eliten haben es vermocht, verschiedene kulturelle Erzählungen zu rekonstruieren, verschiedene Blicke zurück zu entwickeln, die nun gemeinsam Entwicklungsimpulse und Innovationen generieren. Es ist die Parallelität der Erzählungen, die die Multikulturalität dieser Städte ausmacht, die so offensichtliche Vielschichtigkeit von Geschichte und Gegenwart, das überall zu spürenden Spannungsverhältnis zwischen „fremdem", deutschem Gestern und polnischem Heute.
Und so ist das deutsche Kulturerbe in der polnischen Stadt zu neuem Leben erweckt worden, bereichert es Identitäten, kulturelles und politisches Handeln. Die intellektuellen Prozesse, die sich vor diesem Hintergrund in den polnischen Westgebieten abspielen, stellen fast alle lokalen Identitätsdiskurse in den Schatten, die es in den gewachsenen historischen Gemeinschaften des Westens gibt, wo Fremdes zwar oft vorhanden, meist aber ausgegrenzt, in verrufene Stadtteile oder in die Banlieue verdrängt wird. In Danzig, Breslau oder Stettin ist die Fremdheit mittendrin und zwingt zur Aneignung von Vergangenheit und Gegenwart. Die Aktualität von Geschichte, die seit 15 Jahren anhaltenden Debatten, die sich die lokalen und regionalen Medien darüber liefern, zeugen von lebendigen und offenen Gesellschaften, die sich jeden Tag von der Komplexität und Vielschichtigkeit ihrer Existenz überzeugen können.


Literaturhinweis:

Stefan Chwin: Tod in Danzig. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Berlin 1997.

Wiedergewonnene Geschichte. Zur Aneignung von Vergangenheit in den Zwischenräumen Mitteleuropas. Hrsg. v. Peter Oliver Loew, Christian Pletzing und Thomas Serrier. Wiesbaden 2006 (= Veröffentlichungen des Deutschen Polen-Instituts, Bd. 22)

Peter Oliver Loew: Danzig und seine Vergangenheit 1793-1997. Die Geschichtskultur einer Stadt zwischen Deutschland und Polen. Osnabrück 2003 (= Einzelveröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Warschau, Bd. 9)

Gregor Thum: Die fremde Stadt. Breslau 1945. Berlin 2003.