Nummer 14, Sommer 2007                               


                                                                                                                                                            
 

Der Homo oeconomicus

Eine Spezies stirbt aus

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Von Ulrich Thielemann


Einer repräsentativen Umfrage der Stiftung „Wertvolle Zukunft“ zufolge beurteilen nur 13 Prozent der Deutschen „das Wirtschaftssystem in Deutschland“ als gerecht; 44 Prozent halten es ausdrücklich für ungerecht. Lediglich elf Prozent der Befragten äußern „Vertrauen“ gegenüber den großen Wirtschaftsunternehmen – womit offenbar gemeint ist, dass diese Unternehmen ihre Handlungsspielräume hoffentlich nicht verantwortungslos nutzen. Und 77 Prozent sind der Meinung, dass es „den meisten Wirtschaftsführern vor allem nur noch darum geht, den Aktienkurs zu steigern“ und dass dies „auf Kosten der Mitarbeiter gehe“.

Wer heute die alte ökonomistische The­se vertritt, wie sie von Milton Friedman in den 60er Jahren in Umlauf gebracht wurde, dass die „soziale Verantwortung“ der Unternehmen darin bestünde, „die Gewinne zu steigern“ bzw. zu maximieren, der hat einen schweren Stand. Die Erfahrungen der Bürgerinnen und Bürger sind offenbar andere. So dass der Appell an die „unsichtbare Hand“ des Marktes (Adam Smith), durch die die strikte Eigeninteressenverfolgung der homines oeconomici ganz automatisch zu Gemeinwohl und Fair­ness führe, an Plausibilität verliert. Diese Kernthese des Ökonomismus stellt eine Ethik ohne Moral auf: Sie besagtnämlich, das Verantwortbare geschehe (Ethik), ohne dass jemand verantwortungsvoll gehandelt haben müsste (Moral). Diese These ist so oder so als metaphysisch, also als irrational und voraufklärerisch zu klassieren, da sie eine übermenschliche, quasi-göttliche Instanz als Subjekt der Moral voraussetzt. Ihr entspricht ein heteronomes, kein autonomes Moralkonzept. Und tatsächlich forderte Friedrich August von Hayek wörtlich „Demut“ vor dem Markt.
Jetzt aber scheitert der Ökonomismus bzw. der „Neoliberalismus“ nicht nur theoretisch-konzeptionell, sondern auch empirisch, an den Erfahrungen der Bürger.

Dies ist auch der Grund, warum die deutsche EU-Ratspräsidentschaft in ihrer Berliner Erklärung (beim Sondergipfel zum 50. Jahrestag der Römischen Verträge) ein Zeichen gegen ein rein neoliberal ausgerichtetes Europa setzen wollte. „Es geht darum“, so Europa-Staatsminister Günter Gloser, „die Ängste zu nehmen, die EU sei nur eine Gemeinschaft, in der es darum gehe, wie Erleichterungen für Unternehmen herbeigeführt werden. Wir müssen aber auch mehr die soziale Dimension Europas zum Ausdruck bringen.“ Die Gretchenfrage ist dabei natürlich, ob der „sozialen Dimension“, was immer auch genau darunter zu verstehen ist, automatisch dann Rechnung getragen ist, wenn sich die Europäische Union gemäß den Wünschen des anlage-su­chenden Kapitals als attraktiver Standort erwiesen hat, oder aber ob hier tatsächlich ein echter (und nicht bloß „kurzfristiger“) Konflikt besteht.

Der gescheiterte EU-Verfassungsentwurf, den Susan George, Mitbegründerin von Attac Frankreich, den „wohl vollständigsten neoliberalen Leitfaden, der jemals entwickelt wurde“ nennt, spricht hier eine deutliche Sprache. Bei der Lektüre des Entwurfs gewinnt man den Eindruck, dass nicht nur (nur?) darauf hinzuwirken ist, dass „Arbeitnehmer“ (also wir Bürger) an „Anpassungsfähigkeit“, „Flexibilität“ und „Verwendbarkeit“ (sic) gewinnen (dies sind tatsächlich für verfassungswürdig befundene Begriffe), sondern dass das Streben der Union, ihrer Mitgliedstaaten und aller ihrer Bürger insgesamt auf die Fähigkeit auszurichten ist, „auf die Erfordernisse des wirtschaftlichen Wandels zu reagieren“. „Damit“, so offenbar die zugrunde liegende Vermutung, werde zugleich „zur Anhebung des Lebensstandards“ beigetragen, also das Wohl aller gefördert, weshalb „offenen Märkten“ und „freiem, unverfälschtem Wettbewerb“ Verfassungsrang beizumessen ist. Die Verfassung ist damit Teil (oder Mittel?) der Lissabon-Strategie, deren Ziel es ist, die Union „zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen“. Dass dieser „Wirtschaftsraum“ als solcher nicht nur „mehr“, sondern auch noch „bessere Arbeitsplätze“ bieten und einem „größeren sozialen Zusammenhalt und einer nachhaltigen Umwelt“ förderlich sein soll, wird hier offenbar als automatische Folge einer gestärkten Wettbewerbsfähigkeit der EU gedeutet: Sie soll als eine Art gigantischer Konzern darauf ausgerichtet werden, sich gegen ihre „Hauptkonkurrenten“ (EU-Kommissionspräsident Barroso) in Fernost und Amerika in Stellung zu bringen. Wie sonst ist zu erklären, dass mögliche Konflikte zwischen der Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und anderen Gesichtspunkten des guten Lebens und des gerechten Zusammenlebens unthematisiert bleiben?
Offenbar haben sich die Gemeinwohlversprechen des „freien“, bereits in sich „sozialen“ Marktes, der „Wohlstand für alle“ (Ludwig Erhard) schaffe, nicht erfüllt. Und da hilft es auch nicht, wenn „Wettbewerbsfähigkeit“ durch den nebulösen Begriff einer sogenannten „Zukunftsfähigkeit“ ersetzt wird. Ab­ge­sehen von den schwerer messbaren persönlichen Befindlichkeiten (dem Wohlergehen der Bürgerinnen und Bürger), die heute auf eine massive Zu­nahme von berufsbedingtem Stress hindeuten, wei­sen alle Einkommensstatistiken auf wachsende Disparitäten hin: weg von Arbeitseinkommen (Ausnahme: Finanzdienstleister, Unternehmensberater, Manager), hin zu Kapital und Investoren. Eine Studie der Citibank bezeichnet die US-amerikanische Wirtschaft als eine „Plutonomie“ – sie sei ausgerichtet auf die kleine Gruppe der so genannten „Super Rich“, dem reichsten einen Prozent Amerikaner, das 20 Prozent des Sozialprodukts konsumiert und dem der überwiegende Teil des durchaus beachtlichen Wachstums der letzten Jahre zugeflossen ist. Wohlstand für alle? Das war einmal. Deutschland zählt möglicherweise nur darum nicht zu den „Plutonomien“, weil die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamts (EVS) Haushaltsnettoeinkommen von 18000 Euro pro Monat und mehr von vornherein nicht erfasst.

Natürlich ist die seit Jahren anhaltend hohe Arbeitslosigkeit (einschließlich der Angst vor ihr) die herausragende Erfahrung des unerfüllten Wohlstandsversprechens des „freien“ Marktes. Die meisten der kursierenden Erklärungs- und Lösungsversuche laufen darauf hinaus, den Betroffenen selbst die Ursache und damit die Verantwortung zuzuschreiben. Sie sind es, die die „Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften (…) systematisch geschwächt“ haben, etwa durch eine zu geringe „Entgeltflexibilität“, so der Ökonom Horst Siebert. Oder es ist die Politik, die es versäumt hat, die „zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit nötigen An­passungen“ vorzunehmen, indem sie den Unternehmen „zu hohe Steuerlasten“ aufbürdet, was natürlich die „Investitionsbereitschaft“ der Unternehmen und damit ihre Bereitschaft zur „Schaffung von Arbeitsplätzen“ verringert – so der „Hamburger Appell“ einer Reihe namhafter Volkswirte.
„Vorrang für Arbeit“ nennt sich das. „Was Arbeitsplätze nachhaltig sichert und schafft, das hat Vorrang vor allem anderen, und sei es noch so wünschenswert“, hatte Bundespräsident Horst Köhler gefordert. Wer meint, damit seien Unterstützungen und Wohltaten für Beschäftigte oder Nicht-mehr-Beschäftigte gemeint, irrt allerdings. Denn Arbeitsplätze „schaffen“ ja nicht Beschäftigte, sondern Unternehmen bzw. Investoren. „Vorrang für Ar­beit“ heißt genaugenommen: „Vorrang fürs Kapital“. Und wenn diesem die „Gewinnmöglichkeiten“ nicht „attraktiv“ genug erscheinen (Hamburger Appell), dann muss man die Attraktivität eben noch weiter erhöhen – „und sei etwas anderes noch so wünschenswert“.

Die „Steuerlast“ wurde nun allerdings für Unternehmen und Investoren deutlich gesenkt und befindet sich derzeit im internationalen „Standort-„ und „Steuerwettbewerb“ im freien Fall. In der Schweiz will man sogar künftig nur noch 50 Prozent des jährlichen Dividendenertrags derjenigen Ak­tio­näre versteuern, die mehr als 10 Prozent der Aktien eines Unternehmens besitzen. Wie bitte? Verwundert reibt man sich über die damit verbundene Degressivbesteuerung die Augen. Die Begründung lautet so: Mit der geringeren Besteuerung der Dividenden soll der Anreiz erhöht werden, flüssige Mittel nicht in den Unternehmen anzuhäufen, sondern an die Aktionäre auszuschütten, damit diese andernorts investieren und so neue Arbeitsplätze schaffen. Die 10-Prozent-Regel soll dabei sicherstellen, dass nur wirklich vermögende Aktionäre in den Vorteil der niedrigeren Besteuerung gelangen und so die Wahrscheinlichkeit erhöht wird, dass sie ihre Gewinne nicht einfach konsumieren, sondern investieren. Je größer der Anteil der Wertschöpfung, der an die Super Rich fließt, desto besser für alle, so offenbar die dahinterstehende abstruse Theorie.
Es war Jürgen Rüttgers, CDU-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, der diesem Erklärungs- und Gestaltungsansatz und dem ihm zugrundeliegenden Marktglauben seine Gefolgschaft verweigert hat: Es sei eine „Lebenslüge“ anzunehmen, dass „niedrigere Steuern automatisch zu mehr Investitionen und damit zu neuen Arbeitsplätzen führen“. Rüttgers führt hierfür keinen theoretischen Gegenentwurf an (was von einem Ministerpräsidenten auch nicht zu erwarten ist), sondern verweist nur auf die empirische Evidenz. Obwohl die Unternehmenssteuersätze seit 1998 kontinuierlich gesenkt wurden, ist die Arbeitslosigkeit in Nordrhein-Westfalen bis heute nicht etwa gesunken, sondern weiter gestiegen.

Rüttgers hat recht. Das Problem geht allerdings tiefer. Generell gilt, dass die „Schaffung von Arbeitsplätzen“ bzw. allgemeiner: die Erschließung neuer Einkommensquellen zu Wettbewerbsdruck und also zur „Zerstörung“ von Einkommensquellen und zu Beschäftigungen an anderen Orten führt. Der Wettbewerb ist keine Schönwetterveranstaltung, sondern ein „Prozess schöpferischer Zerstörung“, wie der österreichische Ökonom Josef A. Schumpeter noch wusste. Heutige Ökonomen aber haben das vergessen und argumentieren in der überwiegenden Mehrheit wie Betriebswirte: Statt genuin volkswirtschaftliche Zusammenhänge aufzuzeigen, diktieren sie dem „Volk“ nur die Bedingungen, un­ter denen Kapital und Investoren bereit sind, Ar­beitsplätze zu schaffen.
In aufstrebenden, wachsenden Volkswirtschaften ist der Zusammenhang zwischen „Schöpfung“ (Vorteilen für Tauschpartner) und „Zerstörung“ (Druck auf Konkurrenten) relativ problemlos bewältigbar. Darum wachsen sie, und wir beobachten und erfahren, jedenfalls unter geeigneter Moderation, die dann „soziale Marktwirtschaft“ genannt wird, ein Wirtschaftswunder, das uns „Wohlstand für alle“ beschert. Bei reifen Volkswirtschaften jedoch, die als weitgehende Dienstleistungsökonomien an ökonomische Grenzen des Wachstums stoßen dürften (da der Austausch einfacher personenbezogener Dienste keine nennenswerten realwirtschaftlichen Tauschvorteile erlaubt), ist dies allerdings anders. Hinzu kommt die wirtschaftliche Globalisierung. Deren Problematik besteht ja gerade darin, dass nicht hier, sondern etwa in China oder anderen aufstrebenden Volkswirtschaften, welche anderen politischen Rahmenordnungen unterstehen, Arbeitsplätze geschaffen werden – und wir hier dann all die hübschen Billigwaren kaufen und damit uns selbst in die Arbeitslosigkeit manövrieren bzw. zur „Zerstörung“ unserer eigenen Beschäftigungen beitragen.
Für dieses Problem, das selbstverständlich unter universalistisch zu fassenden Fairness-Gesichtspunkten zu thematisieren ist (und nicht bloß unter den partikulären einer „Volkswirtschaft“), gibt es keine einfache Lösung, sondern nur eine „weltinnenpolitische“. Der Einwand Rüttgers’ kann aber auch direkter verstanden werden, und dann berührt er die Diskussion, die Franz Müntefering vor einiger Zeit angestoßen hat und die keineswegs schon als abgeschlossen anzusehen ist. Müntefering hatte bekanntlich „aktive“ Investoren wie insbesondere Private Equity Fonds bildhaft mit „Heuschrecken“ verglichen, die mit ihren „international forcierten Profit-Maximierungs-Strategien über Unternehmen herfallen, sie abgrasen und weiterziehen“. Das Kapital setze seine Macht zunehmend „ungehemmt“ ein und es trage damit zur „totalen Ökonomisierung“ der Lebensverhältnisse bei.

Die gegenwärtigen Verwerfungen sind also nicht unbedingt allein Resultat der anonymen, sachzwanghaften Kräfte des globalen Wettbewerbs, für die sich ein verantwortlicher Adressat nicht so recht finden lassen will (weshalb eine Instanz zu schaffen wäre), sondern auch das Ergebnis einer neuen, unverhofft auftauchenden ökonomischen Radikalität auf Seiten von Management und Investoren. Unternehmensberater und Kapitaldienstleister überbieten sich förmlich darin, wer konsequenter darin ist, das Potenzial für das „völlig un­befangene“ Setzen (O-Ton McKinsey, offenbar in Anlehnung an die Chirugie:) „radikaler Schnitte“ aufzuspüren und auszuschöpfen – für die Investoren und für sich selbst. „Gerade in Deutschland gibt es noch viel Potenzial.“ (McKinsey)
Die Globalisierung macht es ihnen leicht, denn sie erlaubt es ihnen, Anpassungen nach oben (in der Leistungsbereitschaft) und nach unten (bei Löhnen und Gehältern) relativ leicht durchzusetzen, da sie, wie eine Studie der Deutschen Bank ungeschminkt festhält, ansonsten mit Verlagerungen „glaubhaft drohen“ können. Dieses Management kennt nicht mehr den Unterschied zwischen der Ausübung von Härten aus betrieblicher Not oder aus Gier bzw. Maßlosigkeit. Und ohne diese Gier, für die keine Rentabilität zu hoch sein kann und die mit Gewinnmaximierung und Opportunitätskostendenken Ernst macht, wären die Verwerfungen, die Deutschland und andere reife Volkswirtschaften erschüttern, vermutlich deutlich schwächer.

Damit ist die Integrität des Managements angesprochen, um die es, verbreiteter Meinung nach, nicht gut bestellt ist. Bemerkenswerterweise kommt die Kritik nicht nur aus dem Kreis der „üblichen Verdächtigen“, sondern wird auch von „gestandenen“ Managern selbst formuliert, meist übrigens solchen, die nicht (mehr) vom Goodwill der Investoren bzw. des Kapitalmarktes abhängig sind. So gibt es nach Ansicht Edzard Reuters, des ehemaligen Chefs von Daimler-Benz, „schreckliche Beispiele in der Managerkaste. Furchtbare Menschen, die in ihrer Gier sämtliche Verantwortung beiseite gelassen haben.“ Gerhard Cromme, Multiaufsichtsrat und Vorsitzender der Kommission für gute Unternehmensführung, beklagt das „Verschwinden des Leitbildes des ehrbaren Kaufmanns aus manchen Köpfen“. Der Schweizer Privatbankier Hans J. Bär hält es für eine „Anstiftung zum Klassenkampf von oben“, wenn „bei einem Versagen des Managements die Leute auf der Straße stehen, während sich die Unternehmensspitzen quietschvergnügt und mit randvollem Geldbeutel zur Ruhe setzen können“.
Prominentester und prononciertester Kritiker aus den eigenen Reihen ist wohl Wendelin Wiedeking, Chef von Porsche und ebenfalls nicht unmittelbar vom Kapitalmarkt abhängig. Wie viele Bürger kann auch Wiedeking „nicht nachvollziehen, wenn Konzerne Rekordgewinne melden und zugleich ankündigen, dass sie Tausende von Arbeitsplätzen streichen“. „Nachvollziehbar“ ist dies aus einer strikten Rentabilitätsorientierung heraus natürlich durchaus, da aus dieser Sicht sich die Gewinne nicht etwa trotz, sondern gerade wegen Entlassungen und Outsourcing steigern lassen. Aber Wiedekings Kritik geht tiefer und berührt just diese unternehmens­ethische Kernfrage: „Ein möglichst hoher Gewinn kann doch nicht das einzige Ziel eines Unternehmens sein.“
Eine solche ausdrückliche Zurückweisung von Gewinnmaximierung durch den Manager eines bedeutenden Unternehmens ist ein bislang einmaliger Vorgang. Wenn Unternehmens- und Geschäftsethik ernst genommen werden, so ist diese Abkehr unausweichlich. Wer sein eigenes Handeln legitimieren möchte, der muss es von seiner Legitimierbarkeit abhängig machen. Ohne Anerkennung des Primats der Ethik gibt es keine Le­gi­timi­tät.
Den Anspruch auf Verantwortbarkeit und Legitimität des eigenen Handelns erheben tatsächlich immer mehr Unternehmen ausdrücklich. Beinahe unbemerkt von der großen Öffentlichkeit haben zahlreiche Unternehmen in jüngerer Zeit Bekenntnisse zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung abgegeben. Für öffentliche Großunternehmen gehört es mittlerweile zum guten Ton, sich als „guter (Unternehmens-)Bürger“ zu zeigen. Alle 30 DAX-Unternehmen erheben auf ihren jeweiligen Websites in öffentlichkeitswirksamer Weise und zumeist gleich auf der Homepage ihren Anspruch, in legitimer und verantwortungsvoller Weise zu wirtschaften, etwa unter Stichworten wie „Corporate Social Responsibility“ (CSR), „Corporate Citizenship“ oder „Nachhaltigkeit“.

Vieles davon dürfte nach wie vor einem Verständnis von Geschäftsethik als Spendenethik verhaftet sein – nach dem Motto: Je höher die Ge­winne, desto eher können wir diese einem „guten Zweck“ zuführen, denn darin besteht doch die Un­ternehmensverantwortung, nicht wahr? Aber man wird damit kaum punkten können gegenüber der Zivilgesellschaft, die nicht etwa einen Mangel an Wohltätigkeit außerhalb des Geschäfts kritisiert, sondern die soziale und ökologische Verantwortbarkeit der Geschäftspolitik selbst fordert. Allzu durchsichtig ist diese Strategie, die offenbar darauf abzielt, die Ethik von der Unternehmensführung fernzuhalten, statt sie zu ihr hinzuführen.
Ebenso dürfte vieles noch vom ökonomistischen Geist geprägt sein. „Ethik zahlt sich langfristig aus“, lautet das Motto dann. Nur sollte man dies nicht allzu laut sagen, denn es muss übersetzt werden in: „Wir betreiben diejenige ‚Ethik’, die sich langfristig auszahlt.“ D.h. wir berücksichtigen die Ansprüche derjenigen Stakeholder, die die (laute oder stille) Macht haben, uns in unseren Gewinnmaximierungsbestrebungen zu tangieren.
Aber nicht alles, was unter den erwähnten Stichwörtern geschieht, unterliegt diesen Verkürzungen. Und vor allem ist damit eine Eigendynamik im Verhältnis zwischen Zivilgesellschaft und Unternehmen losgetreten, deren Ende kaum absehbar ist. Wer beispielsweise wie viele deutsche Konzerne dem „UN Global Compact“ beigetreten ist (einer Initiative Kofi Annans, durch die sich die Unternehmen verpflichten, elementare Grundnormen aus den Bereichen Menschenrechte, Arbeitnehmerrechte, Ökologie und Anti-Korruption anzuerkennen), der exponiert sich damit. NGOs kritisieren die „Freiwilligkeit“ und Folgenlosigkeit des Global Compact. Dabei übersehen sie, dass gerade er ihnen erlaubt, „blue-wash awards“ zu vergeben, d.h. Unternehmen dafür öffentlich zur Rede zu stellen, dass zwischen erklärtem Anspruch und tatsächlicher Praxis eine Diskrepanz besteht. Kein Unternehmen hält es dauerhaft aus, im Zustand massiven Erklärungsnotstands ökonomisch erfolgreich zu sein – jedenfalls kein öffentlich exponiertes Unternehmen.
Zu dieser Eigendynamik gehört aber auch gerade die Kritik an der bloßen „Freiwilligkeit“ der Unternehmensethik. Interessanterweise gibt es schon seit geraumer Zeit Bestrebungen innerhalb der UNO, nicht nur einen moralisch verbindlichen „Pakt“, sondern eine rechtlich verbindliche, also sanktionsbewehrte globale Rahmenordnung für Unternehmen und Kapital zu etablieren. Dabei geht es letztlich darum, dass die Staatengemeinschaft be­schließt, sich hinsichtlich elementarer Grundrechtsnormen nicht mehr vom global vagabundierenden Kapital ausspielen zu lassen.
Mit Blick auf die zivilgesellschaftliche Eigendynamik ist interessant, dass es sich hierbei im Kern um den gleichen Satz von etablierten UN-Konventionen und Prinzipien handelt, auf dessen Einhaltung auch der UN Global Compact abzielt. Allerdings haben gewichtige Unternehmensorganisationen wie die International Chamber of Commerce mit massivem Widerstand reagiert – und auch die EU dazu bewogen, vom Projekt einer elementaren und minimalen globalen Rahmenordnung Abstand zu nehmen. Offenbar hat da die Drohung, die EU an­sonsten nicht mehr als einen bevorzugten Investitionsstandort zu betrachten, gewirkt.

Unternehmen, die den UN Global Compact unterzeichnet haben, sind nun aber in Ar­gumentationsnöten. Denn wenn sie ihn ernst nehmen und nicht bloß als Instrument der Imagepflege benutzen, hätten sie ja von den „UN Norms on Business and Human Rights“ gar nichts zu befürchten. Im Gegenteil, die Unterstützung läge in ihrem ethisch wohlverstandenen Eigeninteresse, denn die „Norms“ beseitigten die Gefahr, von weniger verantwortungsvoll agierenden Wettbewerbern aus dem Markt gedrängt zu werden.
Die zivilgesellschaftliche, auf Unternehmens- und Geschäftsethik zielende Eigendynamik steht also mit der institutionenethischen Seite einer globalen Rahmenordnung, die eine globale Marktwirtschaft braucht, in Zusammenhang – und nicht etwa in Opposition zu ihr. Ein solcher Ordnungsrahmen, wie immer er im Einzelnen ausgestaltet wird, ist der erklärte Abschied vom ökonomistischen Glauben an eine Marktmetaphysik, die „automatisch“ für Fairness und Wohlstand für alle sorgen wird; ein Abschied vom „Fantasiebild, dass der freie Markt, mit ein wenig Hilfe durch Steuersenkungen hier und dort, schon alle Probleme lösen werde“, wie der prominente Ökonomen Paul Krugman kritisch formuliert – auch kritisch gegen seine eigene Zunft. (Auch die Beschäftigten Chinas wünschen sich im Übrigen anständige Arbeitsbedingungen. Ein kürzlich verkündeter Vorstoß der chinesischen Regierung in diese Richtung wurde allerdings erneut von der Chamber of Commerce – der amerikanischen und der europäischen – torpediert, bislang mit Erfolg; dann wandere man eben, hieß es, in andere Niedriglohnregionen ab. Es ist für Unternehmen zum Reputationsrisiko geworden, einer der Sektionen der Chamber of Commerce, so wie sich diese derzeit geben, anzugehören.)

Andererseits sind aber auch erste Anzeichen für eine globale Rahmenordnung erkennbar. So forderte Kurt Beck, Bundesvorsitzender der SPD, kürzlich einen „international anerkannten Ordnungsrahmen, der wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit mit sozialer Sicherheit und sozialer Gerechtigkeit verbindet“. Das ist bemerkenswert, auch wenn sich dahinter noch ein gerütteltes Maß an Harmonieglaube verbirgt. Auch Michael J. Inacker, Leiter Politik und Außenbeziehungen der DaimlerChrysler AG, plädierte für ein „rechtsverbindliches Regelwerk“ in globalem Maßstab. Dies „wäre schon hilfreich, weil die Unternehmen durchaus Interesse an Standards haben, die nicht nur in Eu­ropa gelten, sondern auch Orientierung für die Märkte beispielsweise in China oder Indien bieten“. Aufhorchen lässt auch die Stellungnahme von Diet­rich Austermann, Minister für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr des Landes Schleswig-Holstein. Austermann stellt nicht nur „erhebliche moralische Erosionen bei deutschen Wirtschaftsführern“ fest, sondern zugleich auch einen „neuen Ethik-Trend in deutschen Führungsetagen, der langsam Schule macht“. Zugleich weiß er, dass Individual-, Ge­schäfts- und Unternehmensethik allein zu Zu­mut­barkeitsproblemen führen. „Angesichts des in­ter­nationalen Wettbewerbs“ bedarf es darum der „Im­plementierung ethischer Rahmenbedingungen über Ländergrenzen hinweg“. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass der Marktglaube überwunden und der Markt- und Wettbewerbsnexus nicht einfach als eine „Bedingung“, an die es sich bloß anzupassen gilt, begriffen wird, sondern als individual-, unternehmens- und ordnungsethisches Gestaltungsfeld. Auch dies erkennt der Bildungspolitiker: „Entscheidend wird jedoch sein, wirtschaftsethische Grundsätze frühzeitig in die Köpfe und Herzen der Unternehmer-Eliten von morgen einzupflanzen.“ Und zwar nicht nur der „Unternehmer-Eliten“.