Nummer 14, Sommer 2007                               


                                                                                                                                                            
 

Editorial

Phobie, sagt Dorschs Psychologisches Wörterbuch, ist eine „Angst (ohne wirkliche Gefahr)„, ein Leiden also, das nach Therapie verlangt. „Islamophobie“ jedoch ist eine Anklage, die einige Organisationen versuchsweise neben den rassistischen Antisemitismus zu stellen versuchten, um von dessen Verwerflichkeit zu profitieren. Der Versuch, dachte man, sei fehlgeschlagen.
Nun wird gemeldet, dass der 81-jährige Scheich Dr. Youssef al-Qaradawi im September 2006 über den Fernsehsender Al-Dschasira den französischen Philosophielehrer Robert Redeker als „islamophobe du jour“ bezeichnete. Was hatte Redeker getan?
Er hatte im Figaro einen scharf islamkritischen Artikel veröffentlicht. Das genügte. Einige Tage später war sein Foto im Internet, dazu seine Adresse und die Anfahrtsskizze zusammen mit der Aufforderung, „dem Schwein“ müsse „der Kopf abgeschnitten werden“. Ein religiöses Todesurteil. In diesem Augenblick hatte Robert Redeker das Leben, wie er es kannte, verloren. Er wurde unter Polizeischutz gestellt und lebt seitdem anonym im Untergrund.
Er hatte ein Recht in Anspruch genommen, das heute in der Europäischen Union jedem offensteht: das Recht auf Kritik.

Eine der Errungenschaften dieser Union ist das vereinbarte Ziel, sich als einen „Raum des Rechts und der Freiheit“ zu konstituieren.
Wer heute in Europa herrscht, ist kein Monarch, kein Präsident, auch keine Kanzlerin und schon gar kein Geistlicher. Was in Europa herrscht, ist das Recht, das uns in Gestalt der verfassungsgemäßen Gesetze gegenübertritt. So steht es auch in der Politik des Aristoteles: Es ist wünschenswert, „dass das Gesetz herrsche und nicht ein einzelner Bürger“, und im Übrigen ist es besser, „dass mehrere herrschen und diese nicht anders denn als Wächter und Diener des Gesetzes bestellt werden“. Das Gesetz, lautet dort die klassische Formulierung, ist „die reine, begierdelose Vernunft“.
Das Gesetz kommt durch freie Zustimmung zustande, durch gewählte Delegierte. Es ist gerade nicht dazu da, moralisch bessere „Untertanen“ hervorzubringen. Niemand mehr kann heute zu seinem Glück gezwungen werden. Die badische Hofkammerordnung von 1766, nur als Beispiel, gehört einer nicht mehr reanimierbaren Vergangenheit an: „Unsere Fürstliche Hofkammer ist die natürliche Vormünderin unserer Untertanen, ihr liegt es ob, dieselben vom Irrtum ab und auf die rechte Bahn zu weisen, auch gegen ihren Willen zu belehren, wie sie ihren eigenen Haushalt einrichten sollen.“
Unser geltendes Recht ist mithin kein göttliches, sondern Menschenwerk. Es wurde nicht irgendeinem heiligen Buch entnommen, von keiner Offenbarung erleuchtet, von keinem Dogma geleitet. Es ist für dieses Recht also auch irrelevant, ob zwischen ihm und einem beliebigen heiligen Buch Übereinstimmung besteht oder nicht (die feierliche Betonung etwa, zwischen der Bibel und dem Grundgesetz gebe es keine oder auch einige Widersprüche, wäre in ihrer Realitätsferne ausgesprochen absurd: Sie interessiert nicht). Das Gesetz unterscheidet hier nicht zwischen Gläubigen und Ungläubigen.
Weil das Recht außerdem nicht alles Mögliche und jeden Fall regelt, bedarf es schon deshalb immer einer gewissenhaften Interpretation. Es ist möglicherweise, ja wahrscheinlich mit Fehlern behaftet, also veränderungsbedürftig. Darüber muss, und zwar in der Öffentlichkeit und im Parlament, diskutiert werden.
Das kann aber nur in einem „Raum der Freiheit“ geschehen. Hier gelten diejenigen Freiheiten, die auch die selbstverständliche Existenzgrundlage dieser Zeitschrift sind: die Freiheit der Gedanken, der Meinungen, die Freiheit nicht nur des gesprochenen, sondern auch des gedruckten Wortes, genannt Pressefreiheit.
In der Praxis heißt das immer auch Meinungsstreit. Unsere freiheitliche Verfassung zielt auf einen Rechtsfrieden, aber sie predigt keine Harmonie. Demokratie ist im Kern: Uneinigkeit.
Die angeblich „beste Gesellschaft“, in der immer nur Einigkeit herrscht, ist die Diktatur. Nur hier findet sich durchgehend scheinbarer Gleichklang. Einen derartigen Zustand diskussionsfreier Erstarrung hat Europa erst vor nicht allzu langer Zeit und nach heftigen ideologischen Auseinandersetzungen überwunden.

Robert Redeker schreibt: Es war die antireligiöse Kritik, die Europa diesen Fortschritt gebracht hat. Man muss der Ausschließlichkeit dieser These nicht ganz folgen: Die modernen Freiheiten wurden zwar auch den Kirchen, vor allem aber dem autoritären Staat abgezwungen. Und der neue, der demokratische Staat wurde zum Schutz eben dieser Freiheiten eingerichtet. Die Gefahren, die heute von ihm ausgehen, sind abwendbar.
Ganz anders die Gefahren, die von einem nicht-staatlichen Gebilde oder einer „Autorität“ ausgehen. Sie arbeiten gern mit dem weniger greifbaren Instrument der Einschüchterung, der Gewaltandrohung, und gegen sie hat Robert Redeker angeschrieben. Das Todesurteil gegen ihn, eine „Fatwa im Lande Voltaires“ (Seite 28), beweist, wie real die Gefahr ist: In dieser Zeitschrift beschreibt Robert Redeker zum ersten Mal die Umstände seiner Flucht und sein Leben in prekärer Sicherheit.

Hier hat harmoniesüchtiges Schweigen ein Ende. Sagen wir es also noch einmal und mit Deutlichkeit: Beleidigungen, egal welcher Person oder Sache, werden hier und heute durch ein Gerichtsurteil gesühnt, nicht aber mit religiös organisiertem Mord.

Fritz Glunk