Rücken an Rücken

Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte

Von Philipp Reuter

Das eine Buch ist das Werk einer Furie, das andere hat ein gnadenlos Wohlmeinender geschrieben. Beide hinterlassen einen unappetitlichen Nachgeschmack. Dabei waren diese Autoren einmal angesehene Reporter.

Oriana Fallaci behauptet, sie habe sich ihr New Yorker "politisches Exil" selbst auferlegt: So wie viele andere vor ihr (das name-dropping dauert vier Seiten) sei sie mit ihrer Flucht "in guter Gesellschaft". Eine Heimatvertriebene also. Was sie nicht vermisst, ist "das ungesunde Italien" - wir bekommen nicht erläutert, was damit gemeint ist, nur dass es ein Italien ist, "dessen Ideale auf dem Müll gelandet" sind. Das "entsetzt" und "beleidigt" sie. Auf unerklärte Weise hängt dies alles mit einem argen Karriereknick zusammen: Seit zehn Jahren schreibt sie nicht mehr.
Bis zum 11. September 2001. Da sah sie im Fernsehen jubelnde Jung-Palästinenser (sie sollte wissen, dass alle arabischen Straßenkinder jubeln, sobald man ihnen eine Fernsehkamera vor die Nase hält), und nicht nur sie jubelten, sondern ebenso "nicht wenige" Italiener. Da hielt es sie nicht länger: Sie "stürzte an die Schreibmaschine, so wie ein Soldat, der aus dem Schützengraben auftaucht und dem Feind entgegenstürmt".
Und in der Tat, der so entstandene und dann zu einem Büchlein aufgeschwemmte Zeiungsartikel kommt streckenweise richtig landserhaft daher: Ihre eitleren Journalisten-Kollegen führen sich auf, "als hätten sie Ambrosia oder Kölnischwasser gepisst"; der Chef der Islamischen Gemeinde in Turin ist "der fromme Kälberschänder" und jeder Araber ein "Kamelficker", der seine Zeit damit verbringt, "mit dem Hintern in der Luft fünfmal am Tag zu beten". Ihr Buch ist, meint sie, "ein Schrei aus Wut und Stolz". Stolz stimmt: "Signorina Snob" wurde die Autorin von einer Zeitung genannt. Und warum? Nur weil sie, Oriana Fallaci, geschrieben hatte

dass sie [die Vietnamesen unter Ho Chi Minh] gezwungen wurden, getrennt Pipi zu machen und zu kacken, damit die nicht mit Urin vermischten Exkremente als Dünger verwendet werden konnten. Oder dass die, die keine Kommunisten waren, so brutal verfolgt wurden, dass ein alter Vietminh aus Dien Bien Phu sich eines Tages wie ein Kind an meiner Schulter ausweinte: "Madame, vous ne savez pas comme nous sommes traités ici. Madame, Sie ahnen ja gar nicht, wie wir hier behandelt werden, Madame."

Ist das nicht schön? Der weinende Vietminh an der Schulter der dreifachen Madame! Aber zurück zu Fallacis Schreibmaschine.
"Die Wut und der Stolz" (schade um den eigentlich schönen Titel) ist eine privatistische Abrechnung mit allem auch nur entfernt Islamischen. Lediglich ein oder zweimal unterläuft ihr unterwegs eine Frage, die - um ihre Ausfälligkeiten bereinigt - einen Denkanstoß ergäbe, etwa wenn sie sich selbst zitiert, aus einem Artikel lange vor "Wut und Stolz"; schon damals sei man von allen Seiten über sie hergefallen. Den "Söhnen Allahs" werde, meinte sie, zu viel verziehen:

So ungefähr lautete meine Argumentation vor zwanzig Jahren. "Welchen Sinn hat es, Leute zu respektieren, die uns nicht respektieren? Welchen Sinn hat es, ihre Kultur oder angebliche Kultur zu verteidigen, wenn sie die unsere verachten? Ich will unsere Kultur verteidigen, verdammt, und ihr sollt wissen, dass mir Dante Alighieri besser gefällt als Omar Khayyam." Heiliger Himmel! Sie kreuzigten mich. "Rassistin! Rassistin!" Es waren die Luxuszikaden bzw. die so genannten Progessiven (damals hießen sie Kommunisten) und die Katholiken, die mich kreuzigten.

Irgendwann hat der Leser so viel Dummstolz und Rochus satt, die aufgeschäumte Lust an der Feindschaft, die paranoiden Rundumschläge. Niemand sei mehr auf ihrer Seite, glaubt sie (dabei will die Einzelkämpferin doch nur die Zivilisation retten), jeder bereits verdorben bis ins Mark, speziell in Italien, und alle stecken mit den Arabern unter einer Decke:

Diese erbärmlichen, nutzlosen Zikaden, die mich nach diesem Buch mehr hassen werden denn je, die mich nach einem großen Teller Spaghetti oder einem saftigen Hamburger heftiger verfluchen werden denn je und die mir den Tod wünschen werden, die Ermordung durch einen der Söhne Allahs. Diese fiktiven Revolutionäre, diese falschen Christen, die das Ende der Zivilisation vorbereiten. Diese Parasiten, die sich als Ideologen verkleidet haben, als Journalisten, Schriftsteller, Theologen, Schauspieler, Kommentatoren, Clowns, Edelhuren oder zirpende Grillen, Exstiefellecker von Khomeini und Pol Pot, sagen nur, was man von ihnen erwartet. Was ihnen hilft, in den pseudointellektuellen Jetset aufgenommen zu werden oder sich weiter darin zu tummeln, wichtigste Privilegien und Vorteile für sich zu nutzen und Geld zu verdienen.

Hören wir damit auf. Sagen wir knapp: Das Buch ist unflätig und verantwortungslos, schlimmer noch: Es langweilt. Wer damit vielleicht etwas anfangen kann, ist ein tapferer Therapeut, der Oriana ihre krumme Biographie endlich aufzuarbeiten hilft.

Tiziano Terzano hat sich in seinen fünfundzwanzig Jahren als SPIEGEL-Reporter einen guten Namen gemacht. Mit seinen "Briefen gegen den Krieg" hat er ihn soeben für lange Zeit verloren.
Das Freundlichste, was man über das Buch sagen kann, wenigstens über einige kurze Passagen darin, ist, dass es Bekanntes wiederholt. So zum Beispiel, dass eine Terrorismusbekämpfung durch Krieg ein Irrweg ist. Oder dass einige Länder die Terrorismus-Bedrohung jetzt dazu hernehmen, alte Konflikte neu zu eskalieren (etwa China mit seinen islamischen Minderheiten).
Durchgehend aber und schon nach wenigen Seiten unerträglich ist Terzanis scheinsanfter Predigerton. Seine These zum Terrorismus lautet in aller Schlichtheit: Wir im Westen sind selber schuld. Was immer er anpackt, welche Schachtel er auch immer aufmacht, jedes Mal springt dem Leser dasselbe Teufelchen ins Gesicht. Im Unterschied zu seiner Landsmännin geschieht es bei ihm aber nicht geradeheraus, sondern gespielt unabsichtlich, in Frageform und schräg von hinten.
Wenn er beispielsweise von einer pakistanischen Koranschule erzählt, die Terroristen rekrutiert und ideologisch ausbildet,

Aus diesen Schulen gehen dann die jungen Leute hervor, die sich nun dem Dschihad anschließen.
Wo auch immer wir in solchen Stunden zuhören, habe ich nichts anderes gehört als von Fanatismus und Aberglauben genährte Phrasen und Behauptungen, die auf schlichter Unkenntnis beruhten

fährt er unmittelbar danach fort, indem er "uns" mit diesen Koranschülern gleichstellt:

Und doch ... als ich diese Menschen reden hörte, drängte sich mir die Frage auf, inwieweit nicht auch wir, klug und informiert, wie wir sind, scheinbaren Sicherheiten aufsitzen, inwieweit nicht auch wir einfach an die Lügen glauben, die wir uns selbst erzählen.

"Wir" sind, so lautet die Botschaft, auch nicht besser, oder umgekehrt, "sie" sind auch nicht schlechter als wir. Einmal so in Fahrt gekommen, gewinnt er auch den Taliban positive Züge ab:

In Afghanistan wurde keine einzige Kasette produziert, keine einzige Fernsehsendung ausgestrahlt (mittlerweile produziert Afghanistan nicht einmal mehr Zündhölzer!), daher war alles, was die Menschen dort sehen und hören konnten, Importware, gewöhnlich aus Indien. Dies aber galt als nicht "islamisch" und daher als Ursprung moralischer Zersetzung. Ihre Argumentation unterscheidet sich also gar nicht so sehr von der westlicher Eltern, die nicht wollen, dass ihre Kinder all die widersinnigen Sendungen voller Sex und Gewalt sehen, die uns das Fernsehen heute so auftischt.

Bemerkenswert: Offenbar merkt Terzani nicht, mit welchem vordemokratischen Paternalismus er hier seine Weißwäscherei betreibt. Wenn man die Afghanen als unmündige Kinder sieht und ihre islamistischen Diktatoren als fürsorgliche Eltern, dann ist in der Tat alles eins, und jede Diskussion über Recht und Unrecht ist zu Ende.
Aber Terzani geht noch weiter. Er scheut sich nicht, zugunsten der Taliban ein Argument anzubringen, das jedem Neo-Nazi ebenso leicht von der Hand geht ("Unter Hitler herrschte noch Ordnung!"). Auch hier ist es zweifelhaft, ob ihm bewusst ist, was er sagt, wenn er öffentliche Hinrichtungen bei den Taliban erwähnt, "unter anderem die Erschießungen einiger Frauen", und sie dann so kommentiert:

Dies waren sicherlich keine erbaulichen Szenen, doch wir müssen sie vor dem Hintergrund sehen, vor dem sie stattgefunden haben: einer Gesellschaft, die durch Jahre des Bürgerkrieges vollkommen zerrüttet war und die nur durch die harten Gesetze der Scharia, des koranischen Rechts, wieder ein Gefühl der Sicherheit zu entwickeln vermochte. Die Einwohner von Kabul, mit denen ich spreche, erzählen immer wieder, dass sie nach der Machtübernahme durch die Taliban keine Diebstähle mehr befürchten mussten. Auch konnten die Frauen wieder von einem Ende des Landes zum anderen reisen, ohne Übergriffe befürchten zu müssen. Die Straßen des Landes waren wieder sicher geworden.

Was muss man dagegen jetzt "an jeder Straßenecke" Kabuls sehen? "Kalaschnikowträger und gefährliche Halsabschneider". Aber die machen dem Autor nicht mehr "Angst" als der Typ Mensch, den er nun mal partout nicht leiden kann: der "Abendländer [sic], zynisch und unsensibel, egoistisch und politisch korrekt - was immer die Politik auch fordern mag -, dieses Produkt unserer reichen Fortschrittsgesellschaft". Und wie kam es zu diesem fürchterlichen Menschenschlag? Terzani weiß es: "Jahre, in denen wir ungebremst dem Materialismus frönten, haben die Ethik im Leben des Einzelnen an den Rand gedrängt. Mittlerweils misst man nur noch mit der Werteskala von Erfolg, Geld und persönlichem Vorteil." Nein sowas aber auch!
Die Weltanschauung, die irgendwann über den Weißbärtigen in seinem indischen Himalaya-Exil gekommen sein muss, ist von bestürzender Unbedarftheit: Der Okzident ist schlecht, der Orient ist gut. Und wenn der Orient mal was Böses tut, sagen wir: mit zwei Boeings zwei Hochhäuser und 2800 Menschen darin vernichtet, auch dann ist wieder nur der Westen dran schuld. Die Begründung kostet ihn keine Mühe: Die "Verwestlichung der islamischen Welt" "ist für die Fundamentalisten die Heimsuchung schlechthin" und bedroht "mittlerweile die kulturelle Identität des Islam" (aber, for argument's sake, wieso stellt Terzani nicht die Frage, warum andere, ebenso bedrohte Kulturen nicht mit demselben Terror reagieren?).
Der Autor hält sich einen höchstpersönlichen Durchblick zugute, wenn er sagt, die Terrorakte in New York und Washington seien lediglich "der Gegenschlag bin Ladens" in einem undeklarierten Krieg. Er, Terzani, hat Verständnis dafür: Die konnten einfach nicht anders, als unbewaffnete Büroangestellte umzubringen: "Das, was diese Menschen tun, ist grausam, doch nicht ohne Logik". Er sieht, was wir nicht sehen:

Schon seit geraumer Zeit führt man mit neuen Mitteln und neuen Methoden Kriege, die nie erklärt wurden - weitab von den Augen der Weltöffentlichkeit, die sich einbildet, alles zu wissen und zu verstehen, nur weil sie den Einsturz des World Trade Centers live miterlebt.

Der einstige Starreporter dagegen hat den Medienschwindel durchschaut. Uns werden nämlich bin Laden und Selbstmordattentäter als "Feinde" (auch im Buch in distanzierenden Anführungszeichen) verkauft. Aber die eigentlichen Terroristen, wenigstens "für andere", sind wir selbst, unsere "Geschäftsleute" mit ihren "Aktenköfferchen", die im Osten gefährliche Chemiefabriken und Atomkraftwerke und Staudämme bauen. So einfach ist das. Lauter Wisch-und-weg-Argumente.
Auch mit der historischen Genauigkeit hat er es nicht. Nur zwei Beispiele: Wenn man ihm glaubt, hätten die Inder 1947 den Überfall pakistanischer Freischärler auf Kaschmir dazu "benutzt", den Maharadscha von Kaschmir "davon zu überzeugen, dass er auf ihrer Seite besser aufgehoben wäre, und schickten Militär nach Kaschmir". In Wahrheit aber bat der Maharadscha in seiner Not von sich aus um Militärhilfe, die Indien ihm aber verweigerte, da er der Indischen Union noch gar nicht beigetreten war und Indien nicht in einen unabhängigen Staat einmarschieren wollte. Erst nach erfolgtem Beitritt flogen die ersten indischen Dakotas nach Srinagar. Und typisch Terzani: Ghandi, offenkundig einer seiner Lieblinge, wird von ihm im Fall Kaschmir als reiner Friedensfürst dargestellt; das Gegenteil ist richtig: Ghandi stellte ausdrücklich fest, jedes Land habe bei einem Angriff auf sein Territorium das Recht, sich auch militärisch zu verteidigen. Ein unverstellter Blick in die Archive hätte auch hier der Wahrheitsfindung geholfen.
Aber Fakten sind für Terzani irrelevant. Ihm geht es um seine unbedarfte Weltanschauung. Und die lautet: Wir müssen so werden wie er. Wir, die er offenbar alle für Groß-Investoren hält, müssen unser Geld aus jedem Unternehmen abziehen, "das auch nur im Entferntesten mit der Kriegsindustrie zu tun hat". Wir brauchen uns nur von Gier, Hochmut und Eitelkeit zu befreien, und alles wird gut. "Außen wie innen." Ende des Buches. Der Guru hat gesprochen.

Beide, Oriana Fallaci und Tiziano Terzani, führen eine aufdringliche, ja vergewaltigende Rede, jeder auf seine Weise. Die eine mobilisiert ihren sprachlichen Unflat und das tobsüchtige Ausrufezeichen, der andere seine einseitige Sanftheit und die rhetorische Frage, die bei ihm jedesmal eine unbewiesene Behauptung ist. Beiden fehlt es dabei an Faktentreue, Analyse und einem gesprächsfähigen Gewissen.
So stehen sie am Ende Rücken an Rücken: zwei Fundamentalisten. Sie hat ihren Feind im Nahen Osten, er seinen im "Westen"; sie ist blind für die Gemeinsamkeiten, er für die Unterschiede; sie predigt den geifernden Hass, er die Aufgabe aller praktischen Vernunft. Man möchte ihnen wünschen, sie kehrten in ihre selbstgewählten Exile zurück und schwiegen wieder eine Zeitlang.

Oriana Fallaci, Die Wut und der Stolz. Aus dem Italienischen von Paula Cobrace. List Verlag, München 2001.
Tiziano Terzani, Briefe gegen den Krieg. Aus dem Italienischen von Elisabeth Liebl. Riemann Verlag (One Earth Spirit). München 2002

18. September 2002

Leserbrief

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