Wolfgang Paalen

Spurensuche nach einem vergessenen Künstler

"Da aber der Künstler, , der seine Kunst prostituiert, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, auf jeden Fall aufhört, wahrer Künstler zu sein, ist es besser - so unangenehm auch eine solche Alternative sein mag - zeitweise auf seine Kunst zu verzichten, in der Hoffnung, sie später, ohne daß sie Schaden genommen hat, wiederaufzunehmen, als seine künstlerische Unantastbarkeit für immer zu verlieren. Denn die Kunst verzeiht nie. ...
Nie löst der Krieg auch nur ein einziges geistiges Problem, er ist für alle, die etwas Ernsthaftes betreiben, nichts als eine stumpfsinnige oder unheilvolle Unterbrechung. Es versteht sich von selbst, daß jeder Mensch, der nicht gerade eine Ausgeburt von Egoismus ist, zutiefst darunter leidet der Künstler mindestens ebensosehr wie die anderen. Da aber die Funktion der Kunst eben darin besteht, das Chaos zu bannen, ist ein Werk nur in dem Maße gerechtfertigt, als seine Zielsetzung jenseits aller Kriege oder allen individuellen oder kollektiven Mißgeschickes liegt."
(Wolfgang Paalen in einem Interview 1944)

Von Judith Brandner

Wolfgang Paalen gehört mit Klimt, Schiele und Kokoschka zu den bedeutendesten aus Österreich stammenden Künstlern des 20. Jahrhunderts. Und doch ist Paalen so gut wie unbekannt. Hat sich auf dem internationalen Kunstmarkt nie durchgesetzt. Ich hörte von Paalen zum ersten Mal von Christian Kloyber, der mit gutem Recht als der Wiederentdecker Paalens bezeichnet werden darf und der sich seit Jahren mit unermüdlicher Hartnäckigkeit darum bemüht, Paalen die ihm zustehende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Als Exilforscher stieß er in Mexiko auf Paalen.
Und so führt auch mich meine Spurensuche nach Mexiko-Stadt. Sie bringt mich zu jüdischen Emigranten aus Österreich, zu Künstlern und Kunstsammlern, zu streng bewachten Wohnhäusern im reichen Stadtviertel San Angel, verschafft mir Zutritt zu Schlaf- und Wohnzimmern, wo ich Paalen – Bilder in Privatbesitz bewundern kann.
Im Museo de Arte Carrillo Gil, einem kleinen, aber feinen Privatmuseum in Mexiko-Stadt, empfängt mich Direktorin Patricia Sloane. "Paalen ist kein einfacher Künstler, er hat auch nicht enorme Mengen produziert. Er bleibt einer dieser sehr exquisiten, sehr speziellen Künstler. In diesem Sinn ist er ein geheimer Maler, ein Künstler für Künstler." Später steigen wir in den Keller hinunter, ins Depot, wo kein Licht aufgedreht werden darf. Es ist dämmrig, die Augen gewöhnen sich nur langsam an die Dunkelheit. Und dann stehe ich vor 5 Bildern von Wolfgang Paalen, allesamt aus seiner letzten Phase 1958/59. Es sind schöne, abstrakte Farbkompositionen, die an Blüten erinnern: asì es la vida, composición de colores, amanecer, banistas, migración de Yucatán... Bilder, die die heitere Stimmung im tropischen Yucatán widerspiegeln. "Diese Bilder zeigen die totale künstlerische Freiheit, die Paalen damals hatte", sagt Patricia Sloane. Diese überaus kräftigen Farben und auffallenden Kontraste in Paalens Bildern seien sehr ungewöhnlich für einen europäischen Künstler. Vermutlich sei das der Einfluß Mexikos, dieses intensive Licht, das sich dann in die Intensität der Farben auf der Palette verwandle ... Bilder, die nicht auf Paalens immer wiederkehrende Depressionen schliessen lassen würden.

Geboren wurde Wolfgang Paalen am 22. Juli 1905 in Baden bei Wien. Er stammte aus adeligem Haus. Sein Vater Gustaf Robert Paalen war ein reicher jüdischer Kaufmann aus der damaligen Provinz Mähren, der nach der Heirat mit einer katholischen Schauspielerin zum Protestantismus konvertierte. Wolfgang ließ er trotzdem nach jüdischer Tradition beschneiden. Seine Jugendjahre verbrachte Wolfgang Paalen auf der St. Rochusburg, einem herzöglichen Schloss in Sàgan, das der Vater wenige Jahre vor dem ersten Weltkrieg erwarb. Wolfgang wurde hauptsächlich von Privatlehrern erzogen. "Es waren die besten Jahre einer anachronistischen Kindheit", wird er später einmal bemerken. Die Familie hatte Wohnsitze in Wien und Berlin, lebte in Paris und übersiedelte 1919 nach Rom. Schloss Sàgan blieb bis zur Beschlagnahme durch die Nazis Sommersitz der Paalens. Der Vater hatte eine bedeutende Kunstsammlung, die Wolfgang von früher Kindheit an inspirierte; er begann bald selbst zu zeichnen, zu malen und zu bildhauern. 1925 hatte Wolfgang Paalen in der Berliner Sezession seine erste Ausstellung. Zu dieser Zeit lebte er in Paris und München, wo er unter anderem bei Hans Hofmann studierte. An Wien, so Dieter Schrage, der ehemalige Direktor des Museums Moderner Kunst in Wien, sei Paalen nie besonders interessiert gewesen. Vielleicht mit ein Grund, weshalb er hier in Vergessenheit geraten ist. Schrage organisierte 1993 im Museum Moderner Kunst die erste, und bislang einzige Paalen Retrospektive in Wien.
Als mit der Weltwirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahre das Imperium des Vaters zusammenbrach, lebte Wolfgang bereits fern der Familie, an stets wechselnden Orten. Anfang der vierziger Jahre starb Gustav Paalen in geistiger Umnachtung und völlig verarmt auf der Flucht vor den Nazis in der Schweiz. Das Schicksal der restlichen Familie liegt weitgehend im Dunkeln. Ein Bruder konnte nach Schweden fliehen; ein Bruder beging schon 1928 Selbstmord. Paalens Biografen schliessen nicht aus, dass sich in den 40er Jahren die gesamte Familie umgebracht hat. Sein Leben lang soll Wolfgang über das Schicksal seiner Familie gegrübelt und schwere Schuldgefühle in sich getragen haben.

"Er hatte einen Diener, dem hat er den Auftrag gegeben, wenn er einmal sterben sollte oder als tot betrachtet würde, dann solle er ihm mit einer Klinge ins Herz stechen. Doch dazu kam es nicht, weil er sich selbst umgebracht hat", erzählt Walter Grün, der seit 1942 in Mexiko lebt. Wir sitzen im gemütlichen Wohnzimmer seines Hauses in Mexiko Stadt. Grün wurde 1914 in Wien geboren; als Jude und Sozialdemokrat musste er vor den Nationalsozialisten fliehen. In Mexiko gründete Grün das erste Schallplattengeschäft des Landes. Zu seinen Kunden gehörte auch Wolfgang Paalen. Doch Grün kannte Paalen vor allem durch die Künstlerkreise, in denen er selbst damals durch seine Ehe mit der surrealistischen Malerin Remedios Varo verkehrte. Sehr auf sich bezogen sei Paalen gewesen, wie wohl die meisten Künstler, meint Grün und fügt etwas kryptisch hinzu: "Allzuviel Gutes könnte ich Ihnen nicht erzählen, denn das, was ich über ihn weiss, spricht nicht sehr für ihn."
Langsam klingt dann durch, was Grün wohl meinen könnte. Die Geschichte dreht sich um eine der vielen Frauen in Wolfgang Paalens Leben: die Violinistin und Fotografin Eva Sulzer, die aus einer reichen Schweizer Unternehmerdynastie stammte und die viele Jahre an Paalens Seite war. Eva und Remedios Varo wiederum waren eng befreundet. "Eva Sulzer war eine sehr liebe, eine sehr gute Frau, die vielen Künstlern geholfen hat", erinnert sich Walter Grün. Doch welche Rolle spielte Eva für Paalen? Mäzenin, Freundin, vielleicht auch Geliebte? Er selbst beschrieb sie einmal als "unsagbar gute, schwesterliche Freundin". Eva Sulzer begleitete Paalen auch noch, als er längst mit der bretonischen Malerin Alice Rahon verheiratet war. "Es war in Wirklichkeit ein Dreieck", sagt Walter Grün, "Paalen lebte von Eva Sulzer. Er war ein brillianter Mann, überaus gebildet, aber sehr instabil in seinen privaten Beziehungen. Und die Eva hat darunter sehr gelitten."
Eine entrückte, höchst außergewöhnliche Frau sei Eva gewesen, erinnert sich die 72-jährige Bildhauerin und Installationskünstlerin Helen Escobedo, die ich später in ihrem wunderschönen, streng bewachten Haus in Mexiko Stadt besuche. Als ehemalige Direktorin des Museums Moderner Kunst kannte sie Alice Rahon, Eva Sulzer und auch Wolfgang Paalen, obwohl es ihr als junge Künstlerin jedoch nie gelang, mit ihm näher in Kontakt zu treten: "Er war zu distanziert. Er war immer irgendwie fern."
Auch Alice Rahon war Surrealistin. Eine sehr schöne Frau und überaus gute Künstlerin sei sie gewesen, sagt Helen Escobedo: "Alice war sehr in Paalen verliebt. Und sie war sehr deprimiert, als er sie verlassen hat. Letztendlich war sie dadurch auch als Künstlerin nicht so gut, wie sie hätte sein können. Ich glaube, sie hat irgendwann einfach aufgegeben - der Schmerz, das Alter, die Verbitterung über ihr Leben. Sie war eine enttäuschte Frau." An ein näheres Verhältnis Paalens mit Eva Sulzer will sie nicht glauben, denn: "Ich glaube nicht, daß Eva jemals in irgendjemanden verliebt war. Ihre Art zu lieben war eher, Leuten Gutes zu tun, großzügig zu sein."
Später, viel später, wird Paalen Eva Sulzer als Erbin einsetzen und nicht seine letzte Ehefrau Isabel Marín. Heute wird sein Nachlaß von der Paalen-Stiftung verwaltet.

"Es ist so schön, dass es Dich gibt – Du hast mir wieder einmal meine Bilder, mein Leben, mich selber bestätigt. Ich glaube nicht, dass du einen anderen Menschen so anschauen könntest, wie du mich im letzten Augenblick ansahst. Mein antiker Kopf ist auch noch viel schöner geworden, weil du ihn gesehen hast" , schreibt Paalen schon kurz nach der Hochzeit mit Alice Rahon - nicht an seine Frau, sondern an Helene Meier-Graefe, an Aya, wie er sie nennt. Aya ist eine um 30 Jahre ältere Frau, mit der er Mitte der 20er Jahre in Berlin ein Verhältnis begonnen hatte. "Mein Du" schreibt Paalen immer wieder in seinen Briefen an sie. Aya gehört bis zu seinem Tod zu seinen engsten Vertrauten, die Beziehung zu ihr überdauert alle anderen Beziehungen Paalens.
Als überaus unbeständig hat denn auch Miguel Escobedo, der Anwalt der Paalen-Stiftung, Paalen in Erinnerung: "Ich habe den Eindruck, dass er ein Einzelgänger war, introvertiert, rastlos. Und wie Isabel, seine letzte Ehefrau, eher vulgär gesagt hat: Er hätte alles mit jedem und allem gemacht. Sie hat das noch krasser ausgedrückt". Escobedos Anwaltskanzlei im noblen Stadtviertel San Angel beherbergt seine höchst beeindruckende Sammlung moderner Kunst: rund 150 Bilder und Skulpturen, darunter einige Werke seiner Schwester Helen, sind auf 5 Stockwerke verteilt, der Hausherr führt höchstpersönlich und mit offensichtlichem Vergnügen durch die Räume. Später wird er – vergeblich – versuchen, die große Surrealistin Leonora Carrington zu überreden, mit mir über Paalen zu sprechen. Carrington lasse ausrichten, Paalen sei ein intelligenter Mensch gewesen, "nice enough to be with", manisch-depressiv und im übrigen sei er ganz sicher in einen schmutzigen Kunsthandel mit archäologischen Gegenständen verwickelt gewesen. Aber eigentlich wolle sie lieber nicht über ihn reden.

Als Künstler bekannt wurde Wolfgang Paalen Anfang der 30er Jahre in Frankreich, zunächst als Vertreter der Gruppe Abstraction-Creation, der auch Kandinsky, Klee und Mondrian angehören; später als Mitglied des Pariser Kreises der Surrealisten um den französischen Schriftsteller und Theoretiker André Breton. 1936 gelang ihm in Paris der Durchbruch als Surrealist. Max Ernst, Salvador Dalí, René Magritte, André Masson, Joan Miró, Yves Tanguy und Wolfgang Paalen – sie betraten künstlerisches Neuland. Paalen machte ähnliche Objekte wie Duchamps oder Magritte: in Efeu gehüllte Stühle, einen Schirm aus Schwämmen.
Anders als Wolfgang Paalen, der nie Parteimitglied war, waren die meisten Surrealisten Kommunisten. Vor allem André Breton galt als beinharter Ideologe. Breton integriert Paalen in alle künstlerischen Aktivitäten und Ausstellungen der Surrealisten in Paris, London, und New York. "Eines seiner klassischen surrealistischen Bilder in Öl und Fumage ist Paysage Totémique aus dem Jahr 1937 (Foto re.), ein Bild mit einer beängstigenden Stimmung, das stets in die Nähe des aufkommenden Weltkrieges gerückt wurde" erklärt Dieter Schrage.
Besonderes Aufsehen bei den europäischen Ausstellungen erregte Paalens aus Hühnerknochen gefertigte Pistole aus dem Jahr 1938, die Paalens Witwe Isabel Jahre später dem Museum Moderner Kunst in Wien anbietet. Die Verhandlungen seien an den völlig illusionären Preisvorstellungen gescheitert, bedauert Schrage. Ich kann Le Génie de l'Espèce (Foto u.) – ziemlich unspektakulär unter zahlreichen Nippes präsentiert – auf meiner Mexikoreise im vollgestopften Wohnzimmer des Staatsbeamten Gomez Rivera bewundern, einem Enkel von Mexikos "Nationalkünstler" Diego Rivera und Neffen von Paalens Witwe Isabel. Viel ist auch Rivera nicht über Paalen zu entlocken. Hinter vorgehaltener Hand meint er dann, er sei homosexuell gewesen.

Im Paris der 30er Jahre kam Paalen erstmals mit der primitiven Kunst Amerikas und Ozeaniens in Berührung. Prägenden Eindruck auf sein Werk hinterließ zu dieser Zeit eine Spanienreise zu den prähistorischen Höhlenmalereien von Altamira. Die "primitive art" sollte ihn Zeit seines Lebens fesseln und ihn zu einem leidenschaftlichen Sammler machen: "Er kaufte auf, was er bekommen konnte, wie er das finanzierte, weiss ich nicht" sagt Walter Grün und erinnert sich an eine Episode: Einmal erhielt Paalen einen Anruf seiner Hausgehilfin. Aufgeregt sagte sie, es sei jemand hier, der biete Figuren zum Kauf an, die wie Mussolini aussähen. Paalen habe geantwortet: Kauf sie! – Es waren olmekische Figuren.
Paalen malte zu dieser Zeit totemistische Landschaften, suchte weiter nach Neuem in der Kunst und experimentierte mit Kerzenrauch auf der feuchten Leinwand, die er mit den Brandspuren einschwärzte. Als Erfinder der fumage ist Paalen denn auch in allen Kunstlexika zu finden.
Kurz nach einer Einzelausstellung in der Londoner Guggenheim Galerie brach Paalen 1939 mit Alice Rahon und Eva Sulzer nach New York auf. Es war beides – Flucht und Aufbruch. Von New York aus reisten die drei nach Neuengland, Kanada, British Kolumbien und Alaska, wo Paalen seine Liebe zu totemistischen Skulpturen und indianischer Kunst ausbaute und zahlreiche primitive Kunstwerke erwarb. Im September 1939 entschloß sich das Trio sofort zur Übersiedelung nach Mexiko. Frida Kahlo und Diego Rivera empfingen ihn in Mexiko Stadt. Die Proponenten der mexikanischen Kunstszene in den 40er und 50er Jahren zeigten starkes soziales Engagement und hatten vor allem eine politische Botschaft – die Revolution. In diese Umgebung kam Wolfgang Paalen, in dessen Kunst Sozialkritik kein augenscheinliches Thema ist. "Als Paalen hierher kam, gab es gerade ziemlichen Widerstand gegen die sehr nationalistische Botschaft der mexikanischen Maler", sagt Museumsdirektorin Patricia Sloane, "die Künstler suchten nach anderen Ausdrucksformen, und so wurde Paalen zu einer Schlüsselfigur für die künstlerische und intellektuelle Szene Mexikos." "Das glaube ich ganz und gar nicht", kontert Helen Escobedo. "Obwohl Paalen ein abstrakter Expressionist war, hat er die mexikanischen Künstler ganz sicher nicht beeinflusst. Seine Kunst war einfach nicht stark genug, nicht beeindruckend genug, nicht neu genug."
Im Jänner 1940 organisierte Wolfgang Paalen in Zusammenarbeit mit Breton die sensationelle Gran Exposición Internacional del Surrealismo in der Galeria de Arte Mexicano in Mexiko Stadt. Vertreten waren so gut wie alle großen Künstler dieser Zeit, nicht nur die Surrealisten: Diego Rivera, Frida Kahlo, Paul Klee, Pablo Picasso, Henry Moore, Wassilij Kandinsky, Carlos Merida. Es war eine surrealistische Gesamtinszenierung, die deutlich Paalens Handschrift trug: Die Einladungskarten waren an den Ecken verbrannt, und um 23 Uhr hatte die große nächtliche Sphinx ihren Auftritt. Ihre Verkleidung war eine szenische Variante von Paalens Bild Das goldene Flies, aus dem Jahr 1937. Ein sensationeller Auftritt für Isabel Marín - jener Frau, die später Paalens letzte Ehefrau werden sollte. "Isabel war eine reizende Frau und ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sich Paalen unsterblich in sie verliebt hat", meint Helen Escobedo, "Isabel muß extrem attraktiv gewesen sein. Sie war sehr groß, Mexikanerin, aggressiv, extroviertiert, stark – eine typische Marín."

Wenige Monate nach dieser vielbeachteten Surrealismus-Schau reiste Wolfgang Paalen zu seiner ersten amerikanischen Einzelausstellung nach New York. Es war das letzte Mal, dass Paalen als Surrealist auftrat. Mit einem auf französisch geschriebenen "Farewell au Surrealism" verabschiedete sich Wolfgang Paalen im April 1942 vom Surrealismus: "Nach 1942, nach all den blutigen Fehlschlägen des Dialektischen Materialismus und dem fortschreitenden Zerfall aller 'Ismen' scheint mir dringend die unnachsichtigste Überprüfung jeder Theorie geboten zu sein, die den Platz des Menschen im Universum, den Platz des Künstlers in unserer Welt bestimmen will. Mit einem Wort, weit wichtiger, als auf einigen prächtigen Einfällen herumzureiten, so brilliant sie auch sein mögen, scheint es mir zu sein, einen neuen Beobachtungspunkt zu finden. Ich zweifle nicht daran, daß die großen surrealistischen Dichter und Maler weiterhin höchst bedeutsame Werke schaffen werden, aber ich glaube nicht mehr daran, daß es dem Surrealismus gegeben sein wird, die Stellung des Künstlers in der gegenwärtigen Welt zu bestimmen, den Seinsgrund der Kunst objektiv zu formulieren".

Die Abwendung vom Surrealismus bedeutete gleichzeitig einen Neubeginn: Paalen publizierte sein Farewell in der ersten Ausgabe seiner neugegründeten Kunstzeitschrift DYN, die er bis 1944 herausgab. Das in englisch und französisch geschriebene Journal wurde in New York über einen exklusiven Auslandsvertrieb verbreitet. Kunsttheoretische und philosophische Essays, Beiträge renommierter Autoren wie Henry Miller oder Anais Nin, Abbildungen der Werke von Georges Braque, Pablo Picasso, Marc Chagall oder Henry Moore, Reproduktionen moderner und präkolumbianischer Kunstwerke, Fotos u.a. von Eva Sulzer oder Paalens eigene Beiträge machten DYN zur Plattform einer intellektuellen Avantgarde.
In seiner Malerei schlug Paalen eine kosmische Phase ein, wandte sich verstärkt den Naturwissenschaft zu, korrespondierte mit Einstein, las Bücher über aktuelle wissenschaftliche Erkennnisse, orientierte daran seine Malerei, inder die Spirale zum zentralen Motiv wurde. In Mexiko hatte zu dieser Zeit die Esoterik regen Zulauf. Auch Paalen gehörte zu einem esoterischen Zirkel. Mit dabei auch Eva Sulzer, Remedios Varo, später Isabel Marín. "Es war ein geschlossener Kreis, der sich zum künstlerisch - philosophischen Austausch im Haus Edward Renoufs im Künstlerviertel San Angel traf", erinnert sich Helen Escobedo, deren Mutter ebenfalls an den Zirkeln teilnahm. Paalens Kunst spiegelt diese Zeitströmung wider. Er malte Bilder auf der Rinde des Amate-Baums, wie die Indianer. Titel wie The Cosmogons oder Between Matter and Light, Aerogyl, New Moon verweisen auf seine Auseinandersetzung mit den modernen Naturwissenschaften. In einem Essay in DYN über "Die Bedeutung des Kubismus heute" schrieb Paalen, das Bild mit einem Objekt habe sich überlebt, und überlebt habe sich auch das Bild-Objekt.
Nach Paalens Abschied vom Surrealismus war es zum Bruch mit André Breton gekommen. Erst später, Anfang der 50er Jahre, als Paalen noch einmal nach Europa reiste, sollten sich die beiden aussöhnen. Zu dieser Zeit, in Paris änderte Paalen abermals seine Malweise, wird immer abstrakter. Die kosmische Phase ist vorbei.
1943 hatte Paalen in New York die venezolanische Malerin Luchita Amalia Hurtado del Solar kennengelernt, die später mit ihren beiden Kindern aus erster Ehe zu ihm nach San Angel zog. Dort hatte ihm Eva Sulzer ein Wohn- und Atelierhaus bauen lassen. 1947 ließ er sich von Alice Rahon scheiden. Im selben Jahr wurde er mexikanischer Staatsbürger. Die Ehe mit Luchita ging 1951 in die Brüche. Nach wie vor ging er viel auf Reisen: San Francisco, New York und wieder Paris, wo er sich für längere Zeit niederließ. Dort hatte er eine überaus produktive Zeit, einige gutgehende Ausstellungen. Die Bilder aus dieser Zeit seien, meinen manche Biografen, qualitativ ein letzter Höhepunkt im Schaffen Paalens.
Schließlich kehrte Paalen wieder zurück nach Mexiko, kaufte ein Haus in Tepoztlan nahe Mexiko-Stadt, wo er Monate in tiefer Einsamkeit verbrachte. Er verkehrte nur mehr mit wenigen Freunden. Zeitweise lebte er wieder mit Alice Rahon zusammen, und auch Eva Sulzer spielte nach wie vor eine Rolle in seinem Leben. Während er Erfolge als Künstler verbuchen konnte, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Er hatte mehrere Operationen, bekam Malaria. Im Fieberwahn schoß er mit seinem Revolver in die Zimmerdecke. Im März 1957 schrieb er an seinen Maler-Freund Gordon Onslow Ford: "Alles in allem war dies eines meiner schwierigsten Jahre hier, seit letztem Frühling. Einfach eines aufs andere. Kaum war ich von der Malaria genesen, war ich wieder unten mit einem kleinen Herzanfall."
1958 heiratete er Isabel Marín, eine jüngere Schwester von Diego Riveras erster Frau Lupe Marín. Mit finanzieller Hilfe von Freunden kaufte er eine Hazienda in Merida, auf der Halbinsel Yucatán. Einem Ort, der ihm zunächst als der schönste in Mexiko oder überhaupt zum Leben erschien. Kurze Zeit später bereute er bitter: "Es ist mein Yucatán-Abenteuer, das sich als das verrückteste und desaströseste meines krankhaften Versuches herausstellt, so etwas wie ein wirkliches Zuhause und ein komplettes Leben zu haben."
Kurze Phasen künstlerischer Aktivität wurden immer wieder von inneren Zusammenbrüchen unterbrochen. In seiner letzten Ausstellung in der Galerie Souza in Mexiko-Stadt im Oktober 1958 zeigte er Bilder aus Tepoztlan.

Zu gleichen Zeit wurde Paalen in einen Skandal um die illegale Ausfuhr präkolumbianischer Kunst in die USA verwickelt. Wolfgang habe gemeinsam mit Gordon Onslow Ford Ausgrabungen in den Ruinen in Mexiko gemacht und die archäologischen Funde in die USA verkauft, sagt Miguel Escobedo. Dabei habe er wohl kaum die Genehmigung gehabt, Ausgrabungsstätten zu durchsuchen und Dinge von dort zu entwenden: "Möglicherweise waren da Untersuchungen im Gange, die strafrechtliche Folgen gehabt hätten. Und es würde mich nicht überraschen, wenn er deshalb Selbstmord begangen hat. Vielleicht hatte er Angst, dass er ins Gefängnis müsste." Eine Theorie, die andere Zeitzeugen bezweifeln.

"Ich bin immer noch mitten in einer physischen und mentalen Depression, die ich immer noch nicht abschütteln konnte," schrieb Paalen am 15. September 1959 an Gordon Onslow Ford. Wenige Tage später, in der Nacht zum 24. September, erschoß er sich in der Nähe von Taxco. Die ganze Nacht über war er mit einer Laterne im Freien herumgeirrt. Freunde fanden ihn am Morgen mit von Koyoten zerfetzten Kleidern, von Passanten bestohlen. Im Haus fanden sie ein aufgeschlagenes Buch von André Breton. Darauf die symbolträchtige 17. Tarokarte, die für Unsterblichkeit steht.

Bibliothek:
Andreas Neufert: Wolfgang Paalen – im Inneren des Wals, Springer Verlag Wien New York 1999.
Christian Kloyber: Wolfgang Paalens DYN, the complete reprint, Springer Verlag Wien New York 2000
Katalog zur Ausstellung: "Wolfgang Paalen zwischen Surrealismus und Abstraktion", Museum Moderner Kunst Wien, 1993

18. September 2002

Leserbrief

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