Arbeitslosigkeit

Ein NS-Wirtschaftswunder überwand die Krise

"Dass keine Missinterpretation entsteht - denn das, was ich gesagt habe, war eine Feststellung von Tatsachen, dass im Dritten Reich eine grosse Anzahl von Arbeitsplätzen durch eine intensive Beschäftigungspolitik geschaffen worden ist und damit das Los der Arbeitslosigkeit beseitigt wurde - aus Anlass einer Debatte, die wir heute gehabt haben, dass in Österreich immer mehr Menschen arbeitslos werden, und gleichzeitig importieren wir immer mehr Ausländer, die dann unsere Arbeit machen sollen."
(Jörg Haider 1991)


Von Friedemann Bedürftig

Deutschland lebt seit der Wiedervereinigung 1990 mit einem Sockel von fast vier Millionen Arbeitslosen. Das schafft zwar erhebliche Schwierigkeiten, doch in keiner Weise vergleichbare mit denen, die aus der Weltwirtschaftskrise mit den sechs Millionen Erwerbslosen zu Beginn der 1930er Jahre resultierten. Das liegt an den heute ganz anderen Rahmenbedingungen (Ausgangslage, Produktivität, soziale Sicherungsysteme u.a.), aber auch an einem oft wenig oder gar nicht berücksichtigten völlig anderen Beschäftigungsgrad: Erst bei Verdreifachung der heutigen Arbeitslosigkeit hätte man ein statistisch ähnlich dramatisches Problem wie seinerzeit. Nur auf diesem Hintergrund wird begreiflich, welche Erlösung für die Zeitgenossen die nach 1933 einsetzende rapide Erholung auf dem Arbeitsmarkt bedeutete und warum bis heute bei Gesprächen über jene Jahre alte Leute, aber auch erheblich jüngere (siehe Österreichs Jörg Haider) geradezu mit Ehrfurcht von Hitlers "Wirtschaftswunder" schwärmen: "Die Arbeitslosen hat er beseitigt."

Polemisch erwidern manche darauf: "Im wahrsten Sinn des Wortes" und erinnern daran, daß Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Kommunisten, also vornehmlich Arbeiter, das Gros der ersten Häftlinge der Konzentrationslager ausmachten und daß sie auch den Löwenanteil der ersten Emigrationswelle bildeten. Das trifft die Sache allenfalls insofern, als es zeigt, über welche gesteigerte Machtfülle Hitler schon wenige Wochen nach Übernahme der Regierungsgeschäfte verfügte. Wirtschaftlich betrachtet aber zieht das Argument schon zahlenmäßig in keiner Weise, geschweige denn strukturell. Die Fakten: Ein Ende der Talsohle war beim Machtantritt Hitlers nicht in Sicht, die Zahl der Arbeitslosen lag mit 6,1 Millionen in etwa so hoch wie vor Jahresfrist, wobei das durch statistische Aussteuerungen in gewisser Weise noch geschönt war. Im Jahresdurchschnitt 1932 hatte die Quote 5,6 Millionen betragen, nach einem Jahr Hitler war die Marge auf 4,8 Millionen gesunken, 1934 zählte man noch 2,7 Millionen und im Jahr darauf nurmehr 2,1 Millionen, 1936 war Vollbeschäftigung erreicht.

All das gelang mit einem erheblichen Mut zu kreditfinanzierter Konjunkturankurbelung, dem "deficit spending", das Hitlers Wirtschaftsexperte Hjalmar Schacht zur Virtuosität entwickelte. Spätestens hier kommt der Einwand: Es handelte sich aber um eine unproduktive Belebung, denn sie ging ja vornehmlich auf Ausweitung der Rüstungsausgaben zurück. Das ist nachweislich nicht der Fall gewesen, auch wenn es Hitler gern gehabt hätte. Die Reichswehr war weder personell noch organisatorisch imstande, so urplötzlich ihren Etatrahmen zu dehnen. Daran ändern auch Verweise auf den Bau der Reichsautobahnen nichts, denn der war nie ein Rüstungsprojekt. Die Reichswehr setzte ebenso wie später die Wehrmacht auf Eisenbahnlogistik, zumal das geplante Streckennetz der Autobahnen eher quer zu den mutmaßlichen Transportrichtungen verlief, wie der Name für die erste vor 1933 geplante Hauptstrecke schon sagt: HAFRABA – Hamburg-Frankfurt-Basel. Eine strategische Mitplanung durch Militärs fand auch später zu keinen Zeitpunkt statt.

Nein, in den ersten beiden Jahren der Regierung Hitler kamen die belebenden Impulse vornehmlich aus der Bauwirtschaft auch wegen des Autobahnprojekts (Gesetz vom 27.6.1933) und aus der Kfz-Industrie, die von der Aufhebung der Kfz-Steuer mit Gesetz vom 10.4.1933 profitierte. Das Baugewerbe und andere Branchen zogen zudem Nutzen aus anderen Vorhaben: Steuerfreiheit für Ersatzbeschaffungen von Wirtschaftssgütern, Kreditförderung für Instandsetzungsarbeiten, Steuerbefreiung für den Bau von Kleinwohnungen und Ehestandsdarlehen (Gesetz vom 1.6.1933). Letztere waren zwar in erster Linie bevölkerungspolitisch gedacht, denn sie konnten durch Geburten "abgekindert" werden, doch ihre konjunkturelle Wirkung übertraf das Hauptziel bei weitem. 1933 wurden 200 000 Ehen mehr als 1932 geschlossen und bis 1935 wuchs die Auszahlung der besagten Darlehen auf 206 Millionen RM. Viele Frauen schieden damit aus dem Berufsleben aus, was die Lage auf dem Arbeitsmarkt entspannte.

Daß Deutschland unter der Regierung Hitler rascher als alle anderen vergleichbaren Staaten die Weltwirtschaftskrise überwunden hat, läßt sich nicht wegdiskutieren. Daß ihm dies auch nachhaltiger als den anderen gelang, hat dann aber doch mit der massiven Aufrüstung zu tun. Und auch die ersten Erfolge sind nicht zuletzt diktatorischen Möglichkeiten zu danken. So konnte Hitler die Bereitschaft der Großindustrie zu Investitionen durch Zerschlagung der Gewerkschaften und durch Steuervergünstigungen steigern, die in einem Parlament so nicht durchzusetzen gewesen wären. Auch die mörderische Ausschaltung des sozialrevolutionären Flügels der eigenen Partei im Rahmen der Röhm-Affäre 1934 wurde als positives Signal auf der Kapitalseite verstanden. Zwar kamen Militärausgaben so früh noch nicht direkt zum Tragen, doch konnte für die Wirtschaft nicht zweifelhaft sein, daß erhebliche Auftragsvolumina zu erwarten standen, und auch das besserte die Investitionsneigung.

Also doch ein schiefes Wunder? Nein und Ja: Einerseits ist nicht zu bestreiten, daß es Hitler dank der unbeschränkten Macht leichter hatte als alle Vorgänger, doch andererseits ist ebenso wenig strittig, daß ihm ein gewisses Motivationswunder glückte. Er drückte das so aus: "Es gibt zwei Arten, wie man eine Not lindern kann: entweder indem man die Not tatsächlich beseitigt – das geht aber nicht immer, zum mindesten nicht sofort – oder indem man das Gefühl für die Not beseitigt! Und das geht, wenn man es richtig anfängt!" Er fing es richtig an, auch wenn die Not nur sehr allmählich und stellenweise gar nicht wich (z.B. beim Wohnungsbau). Da bald nämlich die Rüstungsaufträge Priorität hatten, gelang keine wirklich merkliche Steigerung des Lebensstandards oder doch eine nur deswegen merkliche, weil der während der Krise auf ein extrem niedriges Niveau gesunkene private Konsum jeden kleinen Lichtblick als Riesenhoffnung erscheinen ließ.

Auf Sicht also konnte von "Wunder" keine Rede sein, nicht nur weil die auf Krieg gerichtete Politik letztlich alle Hoffnungen und zahllose Existenzen vernichtete, sondern auch weil es ein planwirtschaftliches und damit "deformiertes Wachstum" war, wie es fachlich genannt wird. Es hielt ja nur an, weil bald die Rüstungskomponente griff und weil die leidgeprüfte Bevölkerung zu großen Opfern bereit war. Auf dem Konsumgütersektor nämlich tat sich wenig, Ersatzstoffe wohin man sah. Görings Spruch "Kanonen und Butter" mußte schon vor dem Krieg als "Kanonen und Kunsthonig" gelesen werden. Das wurde überdeckt vom Hochgefühl vieler Menschen, wieder gebraucht zu werden. Es half auch dabei, manche Einbußen zu ertragen: verdeckte Inflation, Verlust der Koalitionsfreiheit, tarifpolitische Entmündigung, Aufgabe der freien Wahl des Arbeitsplatzes, Verlängerung der Arbeitszeiten, Zwangsmitgliedschaften, Bürokratisierung.

Ein letzter Punkt muß betont werden: Der Aufschwung war nicht nur kein Wunder, und, wäre er eines gewesen, nicht einmal allein sein – Hitlers – Wunder. Vieles war vor ihm angelegt: Das Ende der Reparationen im Sommer 1932 schuf erst den Spielraum für die Kredifinanzierung, weil sich das Reich seinen Gläubigern gegenüber nicht mehr mit Gewalt arm sparen mußte; schon die Vorgängerregierungen Papen/Schleicher hatten Programme zur Arbeitsbeschaffung aufgelegt; die Konjunktur war schon vor Hitlers Ernennung angesprungen, doch zeigte sich das in der Beschäftigung wie üblich mit Verzögerung, denn sie ist ein sogenannter Spätindikator. Kurz: Es ging aufwärts, aber nicht wegen oder doch nicht nur wegen Hitler, in manchem sogar trotz Hitler.

Lit.: Werner Abelshauser, Kriegswirtschaft und Wirtschaftswunder, in: VfZ 4/1999 – Christoph Buchheim, Die Wirtschaftsentwicklung im Dritten Reich, in: VfZ 4/2001

Der mit freundlicher Genehmigung des Piper Verlags veröffentlichte Text ist ein Auszug aus dem im März 2003 erscheinenden Buch:
Friedemann Bedürftig
Als Hitler die Atombombe baute. Lügen und Irrtümer über das Dritte Reich
geb., 256 Seiten, ISBN 3-492-04443-3, € 17,90.
Weitere Auszüge folgen
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18. September 2002

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