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Clochards

Die Lumpensammler von Paris

Man landet aus vielen Gründen auf der Straße: Der LKW-Fahrer Djibouti hat eine Frau und ein kleines Kind überfahren; Bastien hat 20 Jahre in der Strafkolobie Guayana verbracht; eine junge Hausfrau wird durch ein außereheliches Abenteuer zur Prostituierten. Sie und viele andere kamen aber irgendwann auch zu Abbé Pierre, zu einer Zuflucht namens Emmaus.

Von Erling Kristiansen

Paris bei Nacht. Es macht Spaß, auf der Straße zu gehen, wenn andere zu Bett gehen. Man setzt sich auf eine Bank und wartet das Morgenrot ab, geht ein wenig umher, wenn man friert, und macht im großen ganzen, wozu man gerade Lust hat. Fühlt man sich müde, so besteht für einen ja immer die Möglichkeit, sich in einem Treppenhaus, an einem der Kais an der Seine oder unter einer Brücke schlafen zu legen. Das tun ziemlich viele inzwischen.

Sie fallen einem gleich auf, wenn man spätabends aus der Metro kommt und zum Hotel geht. Unter den Gaslaternen in den Gassen stößt man hier und da auf einen alten Mann, der es sich auf einem Sack oder einem Stapel Zeitungen bequem gemacht hat. Auf einem der kleinen Plätze sieht man eine ganze Familie, die an einer verkehrsarmen Ecke lebt.


Clochards für Touristen

Man geht schnell weiter. Nein, nicht aus Furcht, sondern weil man sie nicht stören möchte. Vielleicht auch, weil die Situation mit Unbehagen erfüllt. Man ist Urlauber in Paris und macht, wozu man Lust hat: bummelt auf den Boulevards, geht am Fluss spazieren, schlendert bis zur Kirche Saint-Germain-des-Prés hinauf und besucht unterwegs den amüsanten Markt in der Rue de Buci. Gewiss, Paris ist eine wunderbare Stadt, aber nicht für alle.

In einem Reiseführer heißt es von den Clochards: "Sie haben gewählt, zu betteln, Rotwein zu trinken und zu sterben. Arbeiten wollen sie nicht." An einer anderen Stelle erfährt man, dass sie ihr Dasein geradezu lieben als "freie Vögel in dem auf einmal spannenden und malerischen Paris." Es ist kein Wunder, dass diese Auskunft gewisse Touristen dazu verleitet, Clochards als Teil des Charmes der Weltstad Paris, eine Art Sehenswürdigkeit wie Notre-Dame zu betrachten!

Die Lektüre von Boris Simons Buch Die Lumpensammler von Emmaus. Abbé Pierre im Kampf gegen das Elend zerstört diese Touristenidylle. Hat man bislang kein Unbehagen an der Situation gespürt, so wird man es jetzt bestimmt tun. Künftig kann man nicht mehr an einem schlafenden Clochard vorbeigehen, ohne dabei an Djibouti und dessen Freunde denken zu müssen.

Der Lkw-Fahrer Djibouti verlor seine Frau während des Krieges, das heißt sie brannte mit einem anderen durch, während er in einem Gefangenenlager war. Später wurde ihm oft beim Autofahren schwindelig, und eines Tages überfuhr er eine Frau und ein kleines Kind.

"Es kann schon sein, dass Sie nicht betrunken gewesen sind," sagte der Arzt. "Aber Ihr Vater? Ich frage mich, ob er denn nicht Alkoholiker gewesen ist."

Nach dem Krankenhausaufenthalt ging es mit Djibouti immer mehr bergab. Ihm zerrann die Zeit. Am Ende stand er ohne Arbeit und Wohnung auf der Straße. Er war auf den Hund gekommen, wie man so sagt.

Eine andere wahre Geschichte handelt von der Familie Vatier. Sie hatte sich für eine Wohnung auf die Warteliste setzen lassen, doch bei 4000 Bewerbern für 900 Wohnungen nützte das kaum. Sie musste vorläufig mit einer Plane unter freiem Himmel in einem der Vororte vorliebnehmen.

Sie hatte ein kleines Mädchen, und ein weiteres wurde geboren. Das Neugeborene erkältete sich, und "obwohl sie alle Löcher am Boden sorgfältig zustopften, sauste dennoch eiskalte Luft in die Seifenkiste, in der der Säugling lag." Das Neugeborene bekam schließlich eine Lungenentzündung. Es überlebte die schwere Krankheit nicht.

Die Familie Michel, die aus mehreren Generationen bestand, hatte zwar ein Dach über dem Kopf, wohnte aber zu neunt in einem Zimmer. Die junge Frau Michel fasste Mut, indem sie von einer eigenen Wohnung träumte. "Eines Tages konnte ihr Traum sie aber nicht mehr schützen. Sie fing an, am ganzen Körper zu zittern und zu schreien ... Sie wurde gewaltsam aus dem Haus entfernt und in die Nervenheilanstalt Sainte-Anne eingewiesen."

Bastien verübte einen Mord und war 20 Jahre lang Strafgefangener in Guyana. Nachdem er nach Frankreich zurückgekehrt war, fiel er allen zur Last. Er hatte keinen festen Wohnsitz, sondern wechselte von einem Hotelzimmer in das andere. Da sich niemand um ihn kümmerte, entschloss er sich, mit seinem Leben Schluss zu machen. Er hatte vor, sich die Pulsader mit einem Rasiermesser aufzuschneiden; doch zum Glück schöpfte der Wirt Verdacht und kam vorbei, bevor es zu spät war. Dann wurde nach Abbé Pierre geschickt.

Spricht man von einem Happy-End, wenn jemand gerettet wird, dann handelt es sich hier erst recht um ein Happy-End: "Die Wunden heilen allmählich, und Bastien schöpft neue Hoffnung und fasst Mut zum Leben. Die Arbeit, Abbé Pierres Freundlichkeit, die Verantwortung für die Instandhaltung der Herberge und des Hauses, die er auf sich genommen hat, durch dies alles gewinnt er ein bischen Seelenfrieden ..."

Djibouti und die beiden Familien Vatier und Michel erreichen allmählich auch die verfallene Prunkvilla, der man den Namen Emmaus gegeben hat. Das Ganze fing an, weil, wie Abbé Pierre normalerweise sagt, das Haus zu groß war! Doch was nützt selbst ein so großes Haus angesichts des Elends, das in Paris herrscht? Männer, Frauen und Kinder mit Kartons, Koffern und Handkarren strömen täglich durch das Tor. "Nur Sie, Abbé Pierre, können uns helfen," sagen sie.

Der Freund der Obdachlosen kauft ein Grundstück und lässt darauf Häuser bauen. Es handelt sich allerdings um sehr primitive Häuser, eine Art Baracken, aber auf jeden Fall Wohnungen, tausendmal besser als Treppenhäuser, Planen und überfüllte Dachzimmer. Durch die Errichtung von Baracken gibt er diesen Leuten eine Chance; aber er bekommt Schwierigkeiten mit den Behörden, weil die Formalitäten nicht erfüllt sind.

"Das hätten Sie wissen sollen!" Ein hoher Beamter hat Abbé Pierre zu sich in sein Büro bestellen lassen, um ihm eine scharfe Rüge zu erteilen. "Man kann doch nicht einfach so eine Wohnungsgenossenschaft gründen und ein paar Holzschuppen zusammenzimmern. Dafür brauchen Sie zunächst einmal eine amtliche Erlaubnis. Der Plan muss genehmigt werden, und es müssen Straßen und Abzugskanäle gebaut werden."

Abbé Pierre erwidert, dass es sich hier um Notmaßnahmen handele. Später würden Straßen und Abzugskanäle hinzukommen, doch jetzt gehe es zunächst einmal darum, Notunterkünfte zu schaffen.


"Wir werden nicht gegen Sie einschreiten"

"Zur Zeit können wir es uns nicht leisten, eine Bauerlaubnis zu beantragen," sagt er. "Aber alle diese Familien waren reich genug, um auf die Welt zu kommen. Wenn SIe Papiere von uns verlangen, werden wir alle Geburtsurkunden an ein Schild hängen und Lebenserlaubnis darauf schreiben!"

Dies stimmt den Beamten versöhnlicher. Der kleine Priester mit den starken, guten Augen und der ruhigen, ernsten Stimme beeindruckt ihn. Er begreift, dass es hier um etwas geht, was wichtiger ist als die Vorschriften. Daraufhin reicht er Abbé Pierre die Hand.

"Wir werden nicht gegen Sie einschreiten", sagt er.

Abbé Pierre heißt eigentlich Henri Groués. Geboren wurde er 1912 in Lyon als Sohn eines wohlhabenes Geschäftsmannes. In seinem Elternhaus erlebte er keine Armut.

Die Familie war indessen nicht nur wohlhabend, sondern auch wohltätig, teils finanziell, teils praktisch. So war der Vater beispielsweise Mitglied einer Gruppe von Freiwilligen, die jeden Sonntagabend in einen Vorort fuhr, um einigen alten Männern zu helfen. Mit zwölf Jahren durfte Henri sie begleiten. Was er dabei erlebte, wird er nie vergessen.


Wer die Nächsten sind

Während der Vater damit beschäftigt ist, einen alten Mann zu rasieren, macht sich der Junge Gedanken darüber: "In der Kirche ist von dem "Nächsten" gesprochen worden. Das Gebot der Nächstenliebe ist wichtig. Dieser sonderbare Mensch ist ihm aber nie außerhalb des Familienkreises begegnet. Nun versteht er plötzlich, dass dieser Mann auch sein Nächster ist. Die übrigen schmutzigen, lumpigen, sabbernden Bettler, die nach Wein, Tabak und Urin stinken - auch sie sind seine Nächsten und ein Bild von Christus."

Als Henri Groués seiner Familie seinen Entschluss mitteilte, Priester werden zu wollen, bat er sie um sein Erbteil und verteilte dies in einem Nachmittag unter die Armen von Lyon.

Während des Krieges war er Priester in Grenoble, unweit der Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz. Dort hatte er die Gelegenheit, Leuten zu helfen, die vor der Gestapo geflohen waren, und sie in der Schweiz in Sicherheit zu bringen.

Nach der Befreiung Frankreichs ging er in die Politik und nahm ferner an Organisationsarbeit unterschiedlicher Art teil. Das große Haus, das er kaufte, sollte ein Zentrum für internationale Freundschaft werden und wurde es auch.

Abbé Pierre war nunmehr ein bekannter Mann. Viele junge Leute aus Europa, Indien und Amerika kamen zu ihm, um ihn zu besuchen und um in Paris preiswert wohnen zu können. Eines Tages kam Bastien, der Selbstmordkandidat, zu ihm. Das große Haus Emmaus hatte von jetzt an eine weitere Funktion, denn es vermittelte nicht nur internationalen Kontakt, sondern diente vor allem zur Unterstützung der Armen in Paris: Djibouti, der Familien Vatier und Michel, der Clochards und aller anderen Obdachlosen.

Als Abbé Pierre eines Tages mit dem Zug fahren wollte, sah er eine junge Frau mit einem kleinen Jungen. Sie saßen in der Metrostation und warteten. Sie hatten offensichtlich niemanden, auf den sie warten konnten, denn als Abbé Pierre zurückkam, saßen sie immer noch da, den abgenutzten Koffer zwischen sich. Sie sagten, einen ganzen Monat lang hätten sie keine feste Unterkunft gehabt. Der Mann sei im Krankenhaus, und der Vermieter habe ihr Zimmer plötzlich benötigt.

Jetzt kommen sie zu Emmaus mit und bekommen eine Unterkunft. Die junge Frau Marchand fühlt sich aber nicht sicher. Sie ist hübsch, und der gutaussehende Louis macht Annäherungsversuche und lässt sie nicht zufrieden, obwohl sie ihm deutlich zu verstehen gibt, dass sie kein Interesse an ihm hat. Ihn fortzuschicken, scheint inzwischen die einzige Lösung des Problems zu sein.

"Hör mal zu, Louis", sagt Abbé Pierre. "Wir haben den Familien hier eben nicht eine Unterkunft verschafft, um sie nachträglich in Schwierigkeiten zu bringen. Frau Marchand muss sich sicher fühlen können ... Du musst dir diesen Gedanken ganz aus dem Kopf schlagen. Dieses Opfer musst du uns bringen für das, was wir für dich getan haben."

Solche Probleme entstehen leicht und lassen sich relativ leicht lösen. Viel schlimmer war es, als die Gemeinschaft bestohlen wurde und alle sich gegenseitig zu verdächtigen begannen. Während dieser Zeit herrschte eine gespannte Atmosphäre im großen Haus sowie in den Gruppen von kleineren Häusern, die auf den verschiedenen Grundstücken wie Pilze aus der Erde geschossen waren. Es dauerte lange, bis der Täter, Casino, wie man ihn nannte, ermittelt und der Polizei übergeben wurde.


"Sag' , dass ich bereue"

Es schmerzte Abbé Pierre, dass es so weit gekommen war und dass die Diebstähle nicht von selbst aufgehört hatten. Darum freute er sich auf eine Weise, die sich kaum beschreiben lässt, als ein ehemaliger Strafgefangener einige Wochen danach zu ihm kam und um eine Unterkunft bat. Casino hatte ihm die Adresse gegeben und dabei gesagt:

"Geh zu Emmaus, aber benimm dich nicht so schäbig wie ich. Sag zu Abbé Pierre, dass ich bereue, was ich getan habe!"

Ein weiterer Gruß, der Abbé Pierre ebenso große Freude bereitete, kam in einem Brief von einem zehnjährigen Kind: "Wir waren so unglücklich, weil wir kein Zuhause hatten. Ich dachte, alle Menschen seien böse. Nun weiß ich, dass das nicht stimmt. Vielleicht gibt es mehr gute als schlechte Menschen. Ich kannte sie nur nicht..."

"Abbé Pierre, nur Sie können uns helfen," sagten die Obdachlosen. Aber wie konnte er das Geld beschaffen?

Boris Simon berichtet in seinem Buch über die Sammlung an den Champs-Élysées. Schöne Damen in Pelzmänteln und Herren in Gala steigen aus den Autos und legen die wenigen Schritte durch das strahlende Neonlicht zum vornehmen Café zurück - und dort steht er also:


Ein kleiner kurzhalsiger Mann

"Ein kleiner kurzhalsiger Mann mit einem mageren, bärtigen Gesicht, in großen Schuhen und einer abgetragenen Lederjacke über der Priestertracht. Sein Lächeln ist weder unterwürfig noch höhnisch, sondern freundlich, gut, ruhig." Er reicht ihnen ein Flugblatt. Eine Aufforderung zur Nächstenliebe: Bedenken Sie, dass Menschen hier in der Nähe leben, die weder Essen noch ein Dach über dem Kopf haben!

Die Sammlung ist ein Erfolg. Sie bringt Geld ein, aber viel zu wenig. Andere Wege müssen eingeschlagen werden. Man sammelt Altpapier und sonstige gebrauchte Gegenstände, räumt Keller, Rumpelkammern und andere Räume aus, wo man Sachen findet, die die Leute am liebsten loswerden wollen. Abbé Pierre und seine Mitarbeiter lernen das Fach der Lumpensammler oder, wie es sich auch ausdrücken ließe: "Die Wiederverwendung verlorener Werte."

Einige der Männer in Emmaus sind Lumpensammler von Beruf. Sie wissen, wie die Arbeit in Angriff genommen werden soll, was wiederverwendbar ist und wo es verkauft werden kann. Einige weisen jetzt auch auf die Müllkippen als wahre Fundgruben hin.

"Die Müllkippen sind unsere Zukunft!" sagt einer von ihnen, und etwas Wahres ist schon daran. Bereits die ersten haben eine Menge Sachen gefunden, die sich zu Geld machen lassen: Lumpen und Altmetall, Schuhe, Flaschen, Gummischläuche, Konservendosen und hin und wieder einen echten Wertgegenstand, der zwar kaputt is, der sich aber reparieren lässt.

Die Arbeit ist nicht ausgesprochen angenehm. Man versteht schon diejenigen, die mit dem Ekel vor dem Ort und der Lage kämpfen. Der Gestank steigt einem in die Nase, und man tritt in etwas hinein, was zu betrachten oder anzufassen unappetitlich ist. Dennoch packen sie gutgelaunt zu, denn es geht ja darum, anderen zu helfen, oder wie Abbé Pierre selbst gesagt hat:

"Der Überschuss, den wir bei unserer Arbeit erzielen, ist der Kumpel, der bei uns Zuflucht sucht. Unsere Arbeit muss so viel einbringen, dass wir einen neuen Freund aufnehmen können."

Immer mehr Menschen, einzeln oder in Familien, kommen zu Abbé Pierre, darunter auch Freiwillige, die bereit sind, auf den Müllabladeplätzen und den Grundstücken auf eigene Verantwortung tüchtig mitzuarbeiten. In den meisten Lebenslagen wird man über kurz oder lang Fehler machen. Aber - wie es heißt - "wenn man Müttern Häuser baut, die früher im Freien übernachtet haben, weiß man, dass jeder Fehlgriff ausgeschlossen ist. Hier ist alles wahr!"

Einer dieser Helfer ist Geschäftsmann und hatte einmal viel Geld. "Man hat ein wunderbares Auto und genügend Zeit dafür, die Champs-Élysées auf und ab zu schlendern. Man ist tadellos angezogen und kann sich jedes Abenteuer leisten."

Eines Tages lernte er eine junge Hausfrau kennen: "Es herrschte strahlendes Wetter. Sie schlenderte auch hin und her, und wir kamen mit einander ins Gespräch. Dies war aber ihr erstes Abenteuer. Es dauerte zwei Tage. Im Laufe dieser zwei Tage richtete ich sie zugrunde. Ihr Mann, der Büroangestellter war, brauchte einen Monat, um zu verdienen, was ich in einem einzigen Abend für sie ausgab ..."


Zwei Jahre später: Sie als Prostituierte

"Zwei Jahre später begegnete ich ihr wieder. Sie hatte sich von ihrem Mann scheiden lassen, ihre Kinder waren in einem Internat, und sie selbst war eine Prostituerte und nicht in der Lage, in ihr früheres Leben zurückzukehren. Ich kann nicht vergessen, welchen Schaden ich da angerichtet habe."

Jetzt ist der Geschäftsmann als Mitarbeiter in Emmaus tätig, und der Zufall will es, dass er und der Mann der Frau, die er verführt hat, im selben Zimmer untergebracht werden. Das erwähnt er gegenüber Abbé Pierre:

"Gestern abend hat er mir seine Geschichte erzählt, ohne zu wissen, dass ich an seiner Einsamkeit und Verzweiflung schuld bin. Ich bitte Sie, schicken Sie mich woandershin, zur anstrengendsten und entferntesten Baustelle!"


Ein Vorschlag: Mut machen

Abbé Pierre wäre das natürlich ein leichtes gewesen; aber er hat einen anderen Vorschlag:

"Möchten Sie denn nicht lieber weiterhin mit ihm zusammenarbeiten und ihm Mut machen?"

"Ich möchte es versuchen," sagt der Geschäftsmann und fährt fort: "Nun ist mein Gewissen wach, und das ist nicht etwa darauf zurückzuführen, dass ich heruntergekommen bin, sondern ist ausschließlich Emmaus zu verdanken. Hier begreife ich langsam den Sinn des Lebens."

Jetzt könnte man vielleicht denken, dass Abbé Pierre gewisse Forderungen an die Leute stellt, etwas, was der Kirche ja oft zum Vorwurf gemacht wird. Dieser Gedanke liegt ihm aber fern. Selbstverständlich macht er aus seiner eigenen Einstellung kein Hehl; doch wenn man anderen Hilfe leisten will, geht es, wie er sagt, darum, "dem Unglücklichen Respekt entgegenzubringen, ihm Vertrauen einzuflößen und dieses Vertrauen zu verdienen, seine religiöse Freiheit zu achten. Man soll nicht von ihm verlangen, dass er für Suppe Kirchenlieder absingt. Das würde ihn nur noch entwürdigen."

Als ich das Buch über Abbé Pierre und die Lumpensammler von Emmaus las, fiel mir ein Erlebnis ein, das ich an einem Sommerabend vor vielen Jahren in einem Café in der Nähe der Kirche Saint-Germain-des-Prés hatte. Die Tische standen im Freien, die Markisen waren aufgerollt, und ein Zaun trennte die Tische vom Bürgersteig, wo die Leute am Café vorbeigingen.Unter den Gästen befanden sich zwei junge Burschen, die sich offensichtlich bemerkbar machen wollten. Sie unterhielten sich laut über die Passanten, und als der Kellner ihnen das Essen brachte, waren sie sehr arrogant zu ihm.

In Frankreich isst man Brot zu allem, und in Restaurants liegt es in der Regel in einem Körbchen auf dem Tisch. Die beiden jungen Burschen bekamen auch Brot, eine große Portion herrlichen frischgebackenen Weizenbrotes. Sie aßen es jedoch nicht. Es blieb im Körbchen liegen.

Plötzlich kam ein alter Mann an ihrem Tisch vorbei. Er trug einen langen Mantel, den er vermutlich geschenkt bekommen hatte, denn der Mantel war sehr groß. Unter dem Mantel wird er wohl ein zerlumptes Hemd oder ein anderes abgetragenes Kleidungsstück angehabt haben. Man sah ihm an, dass er arm und ungepflegt war. Er bleibt am Zaun stehen und fragt vorsichtig, ob er das Brot haben könnte.

"Es kommt darauf an, was Sie dafür bezahlen!" sagte der eine, und der andere schlug seinerseits zwei Francs vor. Der alte Mann zuckte mit den Schultern und ging weiter. Er dachte natürlich nicht daran, etwas dafür zu bezahlen, und hatte vermutlich auch kein Geld.


Brot auf der Straße

Jetzt brauchten die beiden jungen Männer aber plötzlich das Brot. Sie griffen in das Körbchen und warfen das Brot Stück für Stück dem Alten hinterher. Der Wirt oder der Geschäftsführer, oder wer das auch gewesen sein mag, eilte herbei und forderte sie auf, das Etablissement zu verlassen. Ob sie aus dem Zwischenfall gelernt haben, ist mir nicht bekannt. Wir anderen empfanden es aber als Erlösung, als sie hinausgingen.

Ich sehe in der Erinnerung noch deutlich vor mir, wie der alte Mann sich bückte und das Brot aufhob. Er tat es in die großen Manteltaschen außer einem Stück, dass er zu essen begann.

Wer weiß, vielleicht hat er später Emmaus erreicht, wo man dem Unglücklichen Achtung entgegenbringt und, wie Abbé Pierre einmal schrieb, versucht, "dem Menschen seine Würde wiederzugeben".

4. Oktober 2001

Leserbrief



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