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Zum 100. Geburtstag von Margarete Buber-Neumann

Ein aufrechter Gang

1926 trat Margarete Buber-Neumann in die KPD ein, emigriert 1933 nach Moskau, ihr Mann wird ermordet, sie selbst in ein russisches Arbeitslager und dann ins Konzentrationslager Ravensbrück eingeliefert. Nach dem Krieg gründet sie in Frankfurt am Main das "Befreiungskomitee für die Opfer totalitärer Willkür". Eine Unbeugsame, die den Angriffen aus Ost- und Westdeutschland nur mit dem Wort entgegentrat.

Von Stefanie Brauer

Er habe mit seiner Schreibmaschine die Katastrophe aufhalten wollen, hat Erich Kästner einst über Kurt Tucholsky geschrieben, und damit dessen Engagement gegen die Nationalsozialisten gemeint. Der Satz läßt sich analog für Margarete Buber-Neumann formulieren: Nach Ende des Krieges versuchte sie, mit ihrer Schreibmaschine den Kommunismus aus der Welt zu schaffen. Ihre Bücher sind berühmt, in zahlreiche Sprachen übersetzt und in vielen Auflagen verkauft worden. Sie haben in Westdeutschland die Nachkriegsgeneration aufgerüttelt, weil sie erstmals und detailgetreu von den Lagern des sowjetischen Gulag berichteten: Die beiden berühmtesten heißen "Als Gefangene bei Stalin und Hitler" und "Von Potsdam nach Moskau. Stationen eines Irrweges" und sie erzählen eine einzige wechselvolle Geschichte: Das Leben der Margarete Buber-Neumann.

In Potsdam kommt Margarete Buber-Neumann als drittes von fünf Kindern des Brauereidirektors Heinrich Thüring am 21. Oktober 1901 zur Welt. Die Jugend am Brauhausberg ist wenig glücklich. Margarete hasst die militärische Atmosphäre der Heimatstadt, die Kadettenanstalten, Schießübungsplätze und Exerzierplätze. Der Vater, der von seinen Kindern Obrigkeitstreue, Disziplin und "straffen Geist" erwartet, ist ihr zuwider. "Der Untertanengeist saß ihm allzutief in den Knochen", schreibt Buber-Neumann aber auch über ihren Lehrer am Potsdamer Lyzeum, der vor jeder Offiziersuniform zusammengeknickt sei, als habe sein "Rückgrat keinen Halt mehr". Margarete distanziert sich von ihrem Elternhaus und tritt 1915 der Freideutschen Jugendbewegung bei, wo sie erstmals mit sozialistischen Jugendlichen in Berührung kommt.

Das Ende des Ersten Weltkrieges fällt mit dem Ende ihrer Schulzeit zusammen. Die Ausbildung als Kindergärtnerin in Berlin-Schöneberg sensibilisiert sie für die sozialen Missstände in Berlin. Sie gerät ins Umfeld kommunistischer Gruppen, will die Welt verändern, wie sie 1957 in "Von Potsdam nach Moskau" erklärt: "Mich erfaßte der Fanatismus der Demonstrierenden und ein bis dahin unbekanntes Gefühl der Zugehörigkeit zu Tausenden von Gleichgesinnten, die, so glaubte ich, die Kraft und den Willen hätten, dem Unrecht ein für allemal ein Ende zu setzen." Rosa Luxemburg wird ihr Idol. Doch die junge Frau begeistert sich auch für expressionistische Malerei und Literatur. Rafael Buber kreuzt ihren Weg, ein Sohn des berühmten Religionsphilosophen Martin Buber. Sie heiraten, aber die Ehe, aus der ihre Töchter Barbara und Judith hervorgehen, zerbricht.

1926 tritt Margarete Buber in Potsdam der KPD bei. Sie findet Arbeit in der Redaktion der "Internationalen Pressekorrespondenz" in Berlin, einem Propagandablatt der Kommunistischen Internationale. In ihrer kleinen Wohnung in der Babelsberger Straße bietet sie polizeilich gesuchten Kommunisten Unterschlupf, wie etwa dem Ehepaar Dimitroff. 1929 lernt Margarete Heinz Neumann kennen – eine schicksalhafte Begegnung. Neumann ist Mitglied des Politbüros und des Zentralkomitees der KPD und Kandidat des Präsidiums der Komintern, ein wichtiger Mann im kommunistischen Machtgefüge, der einen selbstmörderischen Fehler begeht: Anfang der 30er Jahre kritisiert er Stalins Deutschlandpolitik und erregt so dessen Argwohn.

Im Mai 1932 begleitet Margarete Buber-Neumann ihren Lebensgefährten in die Sowjetunion. Im Auftrag der Partei reisen beide zunächst nach Spanien, um die kommunistische Partei Spaniens zu reorganisieren. Das wird sie in ihrer Autobiographie später wie alles, was sie im Dienste er Kommunistischen Partei getan hat, schonungslos verurteilen: "Natürlich gestand ich mir damals nicht ein, nein, ich begriff es nicht einmal, was mich an Spanien so entzückte und nur ungern an Sowjetrußland zurückdenken ließ, daß es der abgrundtiefe Unterschied zwischen demokratischer Freiheit und sowjetischer Diktatur war. Gedankenlos genoß ich diese Freiheit und half zur gleichen Zeit mit, sie zu vernichten."

Im November 1933 wird Neumann von der "Bewährungs"-Mission in Spanien abberufen. Er taucht in Zürich unter, wird kurze Zeit später verhaftet und im Juni 1935 gemeinsam mit Margarete in die UdSSR abgeschoben. Die moskauer Emigranten leiden bereits unter dem Terror stalinistischer Schauprozesse. Die Einquartierung der Neumanns im Hotel Lux gleicht einer Internierung, jeden Schritt bewacht der sowjetische Geheimdienst NKWD. Als "Abtrünnigen" schlägt dem Paar bald überall offene Ablehnung entgegen. Erstmals – zu spät - realisiert das Paar seine lebensbedrohliche Situation. Am 27. April 1937 wird Heinz Neumann verhaftet, ein Jahr später Margarete. Nach monatelangen Verhören und Erpressung falscher Geständnisse im berüchtigten moskauer Untersuchungsgefängnis Butirka wird sie 1939 als "sozialgefährliches Element" zu fünf Jahren Arbeitsbesserungslager im verurteilt.

Im südsibirischen Lager Karaganda vegetiert die junge Frau ein Jahr lang unter menschenunwürdigen Lebensbedingungen: "Meine Wohnbaracke war eine Lehmhütte mit einer so niedrigen Decke, daß man sie mit der Hand erreichen konnte. Die Wände waren nicht gekalkt, sie waren rauh und ein Eldorado für Wanzen. Der Fußboden bestand aus gestampftem Lehm, konnte also nur trocken gefegt werden, und beherbergte eine besonders kräftige Flohrasse, die doppelt so groß war wie unsere west-europäische. Die Baracke hatte winzige Fenster, fehlende Scheiben waren durch Lumpen ersetzt. Ich schlief auf meiner ausgehängten Tür, selbstverständlich ohne Strohsack, ohne Kopfkeil." Körperliche Schwerstarbeit von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, Hunger, katastrophale hygienische Bedingungen, Krankheiten, Kälte und Stürme in der sibirischen Steppe machen das Leben zur Hölle. Viele Mitgefangene überleben die Torturen nicht. Doch es kommt schlimmer: Im Frühjahr 1940 wird Buber-Neumann Opfer des Hitler-Stalin-Pakts und an der Brücke von Brest-Litowsk an die deutsche Gestapo ausgeliefert. Die nächste Station auf ihrem Leidensweg heißt Ravensbrück.

Die Haftbedingungen im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück übertreffen die schrecklichsten Erlebnisse aus Karaganda. Mit fortschreitender Kriegsdauer mutiert das Lager zum Vernichtungslager für mehr als 90.000 Häftlinge. Systematisch werden die Frauen von der SS ermordet – oder sie sterben an Krankheiten und Unterernährung. Margarete Buber-Neumann wird Blockälteste und Schreiberin der KZ-Oberaufseherin Langenfeld. Trotz der Lagerqualen – als die Langenfeld bei der SS in Misskredit gerät muss Margarete Buber-Neumann 1943 zehn Wochen im Bunker bei Dunkelarrest abbüßen - gibt es auch helle Momente: "Sowohl in Sibirien als auch in Ravensbrück überlebte ich nicht nur, weil ich ein körperlich und nervlich starker Mensch war, nicht nur, weil ich mich nie so gehen ließ, daß ich die Selbstachtung verloren hätte, sondern weil ich immer wieder Menschen fand, denen ich nötig war, weil mir immer wieder das Glück der Freundschaft, der menschlichen Beziehung geschenkt wurde."
In Ravensbrück trifft Buber-Neumann die tschechische Journalistin Milena Jesenska, die Freundin Franz Kafkas. Gemeinsam wollen beide Frauen nach dem Krieg ihre Erlebnisse in einem Buch festhalten, aber es kommt nicht dazu, denn Milena stirbt im Mai 1944 nach einer Nierenoperation. In "Milena, Kafkas Freundin" setzt Margarete Buber-Neumann dieser Freundschaft in den 60er Jahren ein Denkmal.

Freundschaft auf der einen, Feindschaft auf der anderen Seite. Unter den Häftlingen hat Margarete Buber-Neumann einen besonders schweren Stand. Sie fühlt sich nicht nur vom Mordapparat der SS terrorisiert, sondern auch von den kommunistischen Mithäftlingen, die ihre Berichte aus der Sowjetunion als Lügenmärchen zurückweisen. „Die Kommunistinnen verbreiteten im Lager, daß wir beide [gemeint ist Milena Jesenska, die Red.], wenn die Russen nach Ravensbrück kämen, entweder an die Wand gestellt oder nach Sibirien geschickt würden. Und sie hätten nicht gezögert, dabei auch zu helfen". Folglich flieht Margarete Buber-Neumann nach ihrer Entlassung aus Ravensbrück am 21. April 1945, wenige Tage vor der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee, in Richtung Westen - der amerikanischen Frontlinie entgegen.

Mit dem Ende des Kriegs beginnt das zweite Leben von Margarete Buber-Neumann: Ihre Erlebnisse veröffentlicht sie nun in Aufsätzen und Artikeln – vor allem aber macht sich die eloquente Rednerin einen Namen als Vortragsreisende. 1946 geht sie für drei Jahre nach Schweden, als Gast des International Rescue and Relief Committees. Hier schreibt ihre Autobiographie "Als Gefangene bei Stalin und Hitler." Den Nationalsozialismus betrachtet sie mit der deutschen Kapitulation im Mai 1945 als besiegt; im Kommunismus sieht sie den Fortbestand des Bösen. Durch ihre schonungslosen Darstellungen des sowjetischen Gulag avanciert sie bald zu einer Zentralfigur der erbitterten ideologischen Auseinandersetzungen der Nachkriegsjahre. 1949 kehrt sie nach Deutschland zurück. Sie heiratet noch einmal und lässt sich in Frankfurt am Main nieder, wo sie das "Befreiungskomitee für die Opfer totalitärer Willkür" gründet. Als "US-Agentin" und "Kalte Kriegerin" attackiert von Anhängern der kommunistischen Partei, teilweise sogar von ehemaligen Ravensbrückerinnen, muss sie in zahlreichen Prozessen gegenüber der Öffentlichkeit ihre Ehre und Glaubwürdigkeit verteidigen.

In den 60er Jahren wird es für Margarete Buber-Neumann schwieriger, sich gegen die westdeutsche Linke zu behaupten, vor allem nachdem die SPD 1966 in die Regierung eintritt. Damit gewinnt auch Herbert Wehner an Macht, den Margarete Buber-Neumann noch aus der Zeit im Hotel Lux kennt, und den sie für das Schicksal von Heinz Neumann – er war im November 1937 zum Tode verurteilt worden - mitverantwortlich macht. Erst Mitte der 90er Jahre werden sich diese Vorwürfe als berechtigt erweisen.
In den 70er Jahren gerät Margarete Buber-Neumann zunehmend in die politische Isolation. Außerdem beginnt in den 80er Jahren eine zweite und dritte Generation von Deutschen, sich intensiv mit der Rolle und Verantwortung der eigenen Väter und der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Themen wie Antisemitismus, das Verhalten der Wehrmacht und Arisierung prägten zunehmend den Diskurs über die Vergangenheit. Und die Forschung über die Kontinuität von Machteliten nach 1945 geben Buber-Neumanns These von der Überwindung des Nationalsozialismus nur bedingt recht: Der nationalsozialistische Staat ist 1945 besiegt worden, das Personal hat oft überdauert. Margarete Buber-Neumanns Thema aber ist und bleibt ein anderes. In einem Vortragsmanuskript aus den 80er Jahren schreibt sie über ihre Aufklärungsarbeit: "Das geschieht, ehrlich gestanden, unter einer Art Zwang, einer Verpflichtung, für die Beteiligten einzutreten, für jene, die seit Jahrzehnten bis zum heutigen Tage in ihrer Menschenwürde verletzt werden, allen jenen, die im kommunistischen Machtbereich gezwungen sind zu leben, und vor allem für die Gefolterten und Ermordeten."
Die Zeit für die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus aber war noch nicht reif, auch wenn in den kommunistischen Ländern die Veränderungen längst begonnen hatten; Margarete Buber-Neumann stirbt am 6. November 1989, drei Tage vor dem Fall der Mauer.

Nachtrag
Rechtzeitig zum 100. Geburtstag bestätigt ein Artikel von Benedict Maria Mülder in der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" ein hartnäckiges Gerücht: Margarete Buber-Neumann ist von ihren Mithäftlingen an die Stasi verraten worden. Mülder bezieht sich auf die Gauck-Akten und beschuldigt in diesem Zusammenhang Lotte Henschel, Buber-Neumanns Freundin aus der Zeit in Ravensbrück, sowie Fritz Rittwangen, den Buber-Neumann im den Lagern des Gulag kennengelernt hatte. Letzter habe sie im August 1955 zur "Liquidierung" vorgeschlagen, "um der DDR einen großen Dienst zu erweisen," während Henschel versuchen sollte, Treffen in Westberlin zu arragieren, bei der man Buber-Neumann entführen könne ... Unerforscht ist bislang, warum es nicht zur Ausführung dieser Pläne kam.

23. Oktober 2001

Leserbrief



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