Zum Gedenken an die Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933

Der Mann, der die Bücher aus dem Feuer holt

In Gießen begannen die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten schon am Abend des 8. Mai 1933, zwei Tage später brannten die Scheiterhaufen in zweiundzwanzig weiteren deutschen Städten, und mindestens zehn andere Städte schlossen sich dem düsteren Treiben in den folgenden Maitagen an. Neun "Rufer", Studenten der örtlichen Universität, sprachen dabei, von der Marschmusik einer SA-Kapelle untermalt, die rituellen Worte:
"Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Marx und Kautsky.
Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.
Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat, für Hingabe an Volk und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Friedrich Wilhelm Förster.
Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften des Sigmund Freud.
Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten, für Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Emil Ludwig und Werner Hegemann.
Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung, für verantwortungsbewußte Mitarbeit am Werk des nationalen Aufbaus! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Theodor Wolff und Georg Bernhard.
Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkrieges, für Erziehung des Volkes im Geist der Wahrhaftigkeit! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Erich Maria Remarque.
Gegen dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache, für Pflege des kostbarsten Gutes unseres Volkes! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Alfred Kerr.
Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften von Tucholsky und Ossietzky!"
Einige Tage später veröffentlichte das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels eine Liste mit 131 Autoren, deren Werke aus Bibliotheken und Buchhandlungen zu entfernen waren.

Seit 25 Jahren sammelt Georg P. Salzmann Bücher von Autoren, deren Werke vor siebzig Jahren von den Nationalsozialisten verbrannt wurden. Dabei entstand ein einzigartiges Archiv.

Von Stefanie Brauer

Mit fragenden Blicken stehen die Kinder auf dem Bebelplatz in Berlins Mitte und deuten mit den Fingern auf die Plexiglasplatte inmitten des Kopfsteinpflasters - ein Fenster in eine unterirdische Bibliothek, deren weiße Regale gespenstisch leer sind. Leicht ist die unaufdringliche Bodenplatte mit der Erklärung des 1994/1995 von Micha Ullmann entworfenen Denkmals und einem Heinrich-Heine-Zitat von 1820 zu übersehen - und deshalb ziehen die Erzieherinnen die Kinder weiter: "Keine Ahnung - irgendeine Kunst wird's schon sein."
Solchem Desinteresse zu begegnen hat sich Georg P. Salzmann (Foto u.) zur Lebensaufgabe gemacht. Um in der Symbolik Micha Ullmanns zu bleiben: Er richtet jene Regale wieder ein, die am 10. Mai 1933 geleert wurden, als die Nationalsozialisten all jene Literatur in die Flammen warfen, die ihnen als "zersetzend" und "undeutsch" galt: Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Alfred Kerr, Heinrich Mann, Erich Maria Remarque - die gesamte deutsche Geisteselite.

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert sammelt der Kaufmann im Ruhestand die Werke von Dichtern, deren Bücher verbrannt wurden, und hat inzwischen ein einzigartiges Archiv zusammengetragen - das "Dokumentations- und Forschungsarchiv 10. Mai 1933".

"Ich bin Zeitzeuge. Ich hab das alles miterlebt ..." - dem Mann ist das Herz voll von seiner Mission, das erschließt sich schon in den ersten Augenblicken. Bereits im Türeingang zu seinem gemütlichen Zweifamilienhaus in Gräfelfing beginnt der rüstige Herr in der Lederweste zu erzählen. Während er mit der Besucherin die Treppe in sein Archiv hinaufgeht, vorbei an Kunstdrucken und zahlreichen Plakaten seiner Ausstellungen über die Bücherverbrennung, spricht er davon, wie leicht Menschen durch Literatur zu indoktrinieren seien. Das Fremde werde so leicht ausgegrenzt, das sei auch heute genau wie damals.

Im Sprechen öffnet er die Tür zu seinem Arbeitszimmer: Nicht einen Millimeter freie Wand gibt es hier, statt dessen überquellende Regale, Bücher senkrecht und horizontal. Auf dem Schreibtisch türmen sich Biographien und Bibliographien, Verlagsgeschichten, Mappen mit Zeitungsausschnitten, Neuerwerbungen vom letzten Flohmarktbesuch. Man fragt sich, wie er auf die Literatur der verbrannten Bücher gestoßen sei, denn es ist deutlich: Hier spricht ein von Literatur Besessener, ein Sammelwütiger, aber kein Intellektueller. Freimütig berichtet Salzmann über die eigene Biographie: Mit Sicherheit sei die Faszination für diese Dichter eine Art Gegenreaktion auf seine Kindheit und Jugend unterm Hakenkreuz: Vater und Großvater, erinnert sich Salzmann, waren überzeugte Nationalsozialisten, Männer der ersten Stunde in der thüringischen NSDAP, mit nur dreistelligen Mitgliedsnummern. Als der Krieg verloren ist, zieht Salzmanns Vater die Konsequenz und nimmt sich - angesichts der zerstörten deutschen Städte und der zahlreichen Bombenopfer - im April 1945 das Leben.

Noch heute treten dem Sohn die Tränen in die Augen, wenn er sich an das Frühjahr 1945 erinnert. Auf Initiative der amerikanischen Besatzer muss der 16-Jährige kurz nach dem Selbstmord des Vaters das Konzentrationslager Buchenwald besuchen. Im Gespräch mit den halb verhungerten ehemaligen Häftlingen überwältigt Salzmann die Einsicht, welches Unrecht im Namen der Deutschen begangen wurde - ein Schlüsselerlebnis.
Der junge Mann sucht neue Orientierung und beginnt zu lesen: Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Stefan Zweig eröffnen dem Suchenden ein neues Weltbild. Doch bevor er Zeit findet, sich den Autoren, deren Bücher damals verbrannt wurden, intensiv zu widmen, richtet er sich sein Leben ein: Familiengründung, Flucht aus der DDR nach München, berufliche Erfolge als Finanzkaufmann.

Eine Zäsur kommt Jahrzehnte später. Als er sich beruflich umorientiert und München zeitweise verlassen muss, gerät er wieder in den Bann der Bücher: In einem Lesezirkel trifft er Menschen, die sich für die verbrannten Bücher interessieren. Salzmann ergreift die Gelegenheit, seiner Midlife-Crisis durch Aktivität zu entfliehen: Des Lesezirkels ist er bald überdrüssig, er beginnt, in Antiquariaten und auf Flohmärkten zu suchen und zu kaufen - sein gesamtes Vermögen investiert er in sein Lebensprojekt, entsagungsvoll unterstützt von seiner Frau: "Jede Mark", erinnert er sich heute lachend, habe er in seine neue Leidenschaft investiert. Und anerkennend fügt er hinzu: "Nicht selbstverständlich, dass meine damalige Frau das alles mitgemacht hat. Schließlich wollten Frauen damals auf Mittelmeerkreuzfahrten."

Statt dessen reisen die Salzmanns ins europäische Ausland: immer dorthin, wo es deutsche Antiquariate gibt: Dänemark, Holland, Frankreich, England, Slowenien, Schweiz, Österreich. In übertragenem Sinne holt Salzmann so die Bücher wieder aus dem Feuer, die die Nazis am 10. Mai 1933 verbrannt haben: Möglichst komplett sammelt er die verbrannten Dichter, einschließlich der Schriften, die vor und - in vielen Fällen auch nach dem Exil entstanden sind. Erich Maria Remarque, Hans Sahl, Theodor Plievier, Theodor Lessing und Hans Fallada, Alfred Döblin und Kurt Tucholsky - die Liste der Namen ist lang - und Salzmanns Archiv fast vollständig. Besonders stolz ist er auf die beinahe komplette Sammlung des österreichischen Romanciers Stefan Zweig, von dem ihm nur "Die Worte am Sarge Sigmund Freuds" fehlen. Aber auch diese Totenrede, die Zweig in einem Londoner Krematorium gehalten hat, und die nur in einer Auflage von 100 Exemplaren erschienen ist, wird Salzmann noch finden, da ist er ganz sicher. Auch liegen ihm die Sammlungen zur Lyrikerin Mascha Kaleko, zu Peter Urzidil und Georg Hermann am Herzen - Autoren, deren Wirkungsgeschichte mit der Bücherverbrennung praktisch beendet wurde, da ihre Werke auch in der Renaissance der Exilliteratur seit Ende der 1970er Jahre kaum mehr Aufmerksamkeit erringen konnten.

Die meterlangen Regalreihen in Salzmanns Haus machen das Ausmaß der Zerstörung durch die Bücherverbrennung anschaulich. Einen wahren Schatz hat er sich so in den vergangenen Jahren zusammengesammelt. Weil die Antiquariatspreise überzogen seien und viele Sachen gar nicht mehr auf den Markt kommen, hält Salzmann es für unmöglich, heute noch einmal so eine Sammlung zusammenzutragen. Die von überall her anreisenden Wissenschaftler, die seit Jahren in seinem Archiv arbeiten, sehen das ähnlich - und deshalb ist Salzmann bei allem Stolz über das Erreichte doch auch unzufrieden. Er sorgt sich nämlich um die Zukunft seines Archivs: "Mit 74 Jahren weiß man nie, wie lange man noch hat." Auch wenn die Besucherin angesichts seiner offensichtlich guten Konstitution da sehr optimistisch ist - Salzmann will das Archiv möglichst bald einer wissenschaftlichen Institution übergeben. Doch ist das leichter gewünscht als getan. Das "Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände" in Nürnberg war im Gespräch - auch die Stadt München und seine Heimatgemeinde Gräfelfing zeigen Interesse. "Ich will keine politischen Motive unterstellen", meint Salzmann doppeldeutig. Ihm ist die Finanznot der öffentlichen Kassen bewusst - aber er ist enttäuscht, dass die Institutionen aus Scheu vor den Kosten für Aufarbeitung und Betreuung des Archivs vor einer Übernahme seines Schatzes zurückschrecken.
Noch kann das Archiv in seinem Haus bleiben. Salzmann will es weiter komplettieren und für Wissenschaftler und Schulklassen zur Verfügung stellen - denn der eine Gedanke lässt ihn nicht los: Auch wenn das Geschehene nicht wieder gut zu machen ist - wenigstens dürfe die Katastrophe nicht in Vergessenheit geraten.

(Das Foto von Georg P. Salzmann wurde uns freundlicherweise von Christian Lehsten, http://www.argum.de, überlassen.)

10. Mai 2003

Leserbrief

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