Nazim Hikmet zum 100. Geburtstag

Ein Eichhörnchen zum Beispiel

Ein Annäherungsversuch von Hans Pfitzinger

Das Leben ist nicht zum Lachen:
Man muss mit großer Ernsthaftigkeit leben
Wie ein Eichhörnchen zum Beispiel –
Ich meine,
ohne nach etwas jenseits oder über dem Leben zu suchen,
ich meine,
Leben muss deine einzige Beschäftigung sein.

Yasamak sakaya gelmez,
buyuk bir ciddiyetle yasayacaksin
bir sincap gibi mesela,
yani, yasamanin disinda ve otesinde hicbir sey beklemeden,
yani butun isin gucun yasamak olacak.
(Nazim Hikmet, geboren 20. Januar 1902 in Thessaloniki, gestorben 3. Juni 1963 in Moskau)

„Nazim Hikmet sah den Menschen als etwas, das erst noch geschaffen werden muss." Jean-Paul Sartre

Der Kerl schreibt so, dass man ihn versteht – bringt ihn um!

Er musste auf Sturm warten. Nur wenn die See zu aufgewühlt war, blieben die Patrouillenboote der Küstenwache im Hafen. Das war die einzige Chance zur Flucht für Nazim Hikmet. Niemand würde bei einem solchen Wetter freiwillig den festen Boden unter den Füßen gegen ein lächerlich kleines Motorboot tauschen. Doch Nazim Hikmet verließ in dieser Nacht die Türkei keineswegs freiwillig – er musste fliehen, um sein Leben zu retten.
Im Jahr 1953 war er 51 Jahre alt. Gut 17 Jahre davon hatte er im Gefängnis verbracht, und jetzt wollte ihn der türkische Staat umbringen: Sie hatten ihn zum Militärdienst an der Grenze zur Sowjetunion einberufen, weil sie wussten, dass der kranke Dichter die Strapazen und Schikanen nicht lange ertragen würde.
Das wusste Hikmet auch. Die Zeit im Gefängnis war nicht spurlos an ihm vorüber gegangen. Er hatte einen Herzanfall gehabt, war 18 Tage im Hungerstreik. Danach hat er nie wieder zu seiner körperlichen Stärke zurückgefunden.
„Der Baum mit den blauen Augen" hieß er früher. Der populärste türkische Dichter des 20. Jahrhunderts war groß von Statur, rothaarig, schnauzbärtig. Er wurde 1902 in eine Elitefamilie der Oberschicht geboren. Der Vater war Konsul in Thessaloniki, die Mutter Künstlerin, der Großvater, ebenfalls im diplomatischen Staatsdienst, schrieb Gedichte.
Nazim Hikmet verriet seine Klasse. Mit 17 wurde er Kommunist, im selben Jahr, als in Russland die Revolution siegte. Anfang der zwanziger Jahre, angezogen von den Verheißungen der neuen Zeit, ging Hikmet nach Moskau, um zu studieren. An der Universität lernte er den Dichter und Theatermann Wladimir Majakowski kennen, der ihn mit seinen Ideen vom proletarischen Theater stark beeinflusste. 1928, nach seiner Rückkehr in die Türkei, gab Hikmet eine linksgerichtete Zeitschrift heraus und handelte sich prompt Ärger mit den Behörden ein. Von den nächsten zehn Jahren seines Lebens verbrachte er fünf Jahre im Gefängnis. Doch seine Produktivität konnte niemand unterdrücken.

Solange ich noch
Honig in meinem Topf habe
Werden die Bienen zu ihm kommen
Aus Timbuktu

Wer im Internet mit nach Nazim Hikmet sucht, findet Dutzende von Gedichten, dazu Lebensläufe und Informationen. Die Stanford University hat ein Gedicht von ihm in ihrer sehenswerten Poetensammlung. Und auf der Homepage des Hotels Ataman in Kappadokien findet man einen ausführlichen Lebenslauf, der uns auch über die Zeit nach Hikmets Rückkehr aus Moskau informiert: „Zwischen 1929 und 1936 veröffentlichte er neun Bücher – fünf Gedichtsammlungen und vier lange Gedichte – mit denen er die türkische Dichtkunst revolutionierte, sich über ottomanische Konventionen lustig machte und das freie Versmaß und die Alltagssprache einführte. Dazu schrieb er auch noch mehrere Theaterstücke und Romane und arbeitete als Buchbinder, Korrekturleser, Journalist, Übersetzer und Drehbuchschreiber, um seine zweite Frau, ihre beiden Kinder und seine verwitwete Mutter zu ernähren."

Freiheit für Nazim Hikmet!

Als er das Schiff mit der rumänischen Flagge erreichte, schien die Rettung in greifbarer Nähe. Die rumänischen Matrosen winkten fröhlich, weil sie ihn wohl für einen verwegenen Wassersportler hielten. Nazim Hikmet rief immer wieder seinen Namen, doch der Sturm riss ihm die Worte vom Mund. Die Rumänen verstanden ihn nicht. Sie winkten fröhlich, aber sie weigerten sich, den Insassen des kleinen Bootes an Bord zu nehmen – bloß keinen Ärger, war die Devise des Kapitäns. So kam es, dass Nazim Hikmet zwei Stunden lang bei Sturm und hohem Seegang das rumänische Schiff umkreiste, bis seinem Boot das Benzin ausging. Schließlich retteten ihm die Rumänen doch noch das Leben. Der Käptn hatte sich per Funk mit seinen Vorgesetzten und der Botschaft beraten und die Erlaubnis eingeholt, den Mann aufzunehmen. Als Hikmet in die Kapitänskajüte geführt wurde, fiel sein Blick auf ein Plakat an der Wand. Da hing ein Foto von ihm, und darunter stand in rumänischer Sprache: „Freiheit für Nazim Hikmet!"

Das Merhaba in Haidhausen läuft unter der Bezeichnung Taverne. Ramo, der Wirt, hat auch nichts dagegen, wenn man Kneipe sagt. Seit 15 Jahren steht er fast jeden Tag hinter der Theke, bedient an den Tischen, setzt sich zu seinen Freunden an den Stammtisch. Ramo arbeitet viel. Und gern. Er strahlt Ruhe aus. Die Ruhe eines Menschen, der mit sich und seinem Tun im Einklang ist. Ramo probt den aufrechten Gang. Er biedert sich nicht an. Er glaubt an Musik, an gutes Essen, und auch an den Raki, den er den Gästen mit der Rechnung serviert. Aber er trinkt nicht mit ihnen. Besoffene Wirte kann Ramo nicht ausstehen.
Die Musik – das sind die traditionellen Weisen aus dem Morgenland, türkische, kurdische Volksmusik, das Wahre eben. Ernsthaft, nicht zum Lachen. Gelegentlich, wenn der Tag danach ist, gibt's Live-Musik im Merhaba. Da spielt dann Sabo die Saz, die türkische Laute, und singt dazu. Mal zupft ein anderer Saz-Spieler mit, mal sitzen sie zu viert oder fünft da, eine Gitarre, eine Flöte, eine Rahmentrommel. Manchmal taucht eine Sängerin auf, holt einen Aktenordner mit den Texten der alten Lieder hervor und singt mit. Auf der Straße trägt Sabo die Saz in ihrer Instrumententasche wie eine Kalaschnikow über der Schulter.
Das Essen – das kommt seit einigen Jahren von Memo. Der ist so um die 30 Jahre alt, und in besonderen Nächten, wenn alle abgefüttert sind und die Küche aufgeräumt ist für den nächsten Tag, greift er auch mal zur Saz und singt, oder er lässt seine Stimme von Sabo begleiten. Memo wusste nicht einmal, wo München überhaupt liegt, als er damals mit dem Flugzeug die Türkei verlassen musste.
Und der Raki? Ganz grundsätzlich ist Ramo nicht gegen den Rausch, nur will er bei der Arbeit klaren Kopf behalten.
Vor acht Jahren kam ich zum ersten Mal in seine Taverne. Das Essen war unaufdringlich gut, das Bier nicht zu kalt, die Bilder an der Wand – jeden Monat eine neue Ausstellung - waren erträglich. Bis auf eines, das fand ich hinreißend: Ein gerahmtes Foto, ein Mädchengesicht, vielleicht acht oder neun Jahre alt, von einem arabisch aussehenden Kopfputz umgeben – Ramos Tochter Josefine, wie ich später erfuhr. Als ich rausging an jenem Abend, blieb mein Blick an der Innenseite der Tür hängen. Ein Aufkleber war da in Augenhöhe angebracht, weiße Schrift auf rotem Grund. Ich hatte den Türgriff schon in der Hand, als ich las:

Leben
Einzeln und frei wie ein Baum
Und brüderlich wie ein Wald
Das ist unsere Sehnsucht.
Nazim Hikmet

Ich hatte den Namen und die Worte nie zuvor gehört. Auf dem Heimweg ging's mir richtig gut.

*

Letztes Jahr hat Ramos Sohn eine Homepage fürs Merhaba eingerichtet. Da steht der Spruch, der auch alle Speisekarten ziert:

Was sind wir doch für wundervolle Freunde
ohne Worte und Schrift
verstehen wir uns...
Merhaba Freunde
Merhaba alle zusammen
- Nazim Hikmet



Seitdem war ich oft abends im Merhaba, manchmal auch wegen der Bedienungen, die Ramo zu seiner Entlastung beschäftigt – 365 Tage im Jahr kann und will auch er nicht arbeiten. Die schönste von allen hieß Yüksel – lange, schwarze Haare, braune Augen, wunderbare Figur. Wenn sie beim größten Trubel mit souveränem Lachen den Laden auf ihren Blockabsätzen durchpflügte, war ich richtig verliebt in sie.
Doch Yüksel bedient nicht mehr, kommt nur noch ganz selten als Gast. Dafür kümmert sich jetzt Alejandra um den Laden, wenn Ramo für ein oder zwei Wochen in die Türkei fliegt, um Urlaub zu machen. Alejandra stammt aus Argentinien. Neulich habe ich sie „das Reh mit den blauen Augen" genannt, und da musste sie herzhaft lachen.
Das war im Februar 2002. Ich hatte die neue Ausgabe von Le Monde Diplomatique dabei, und zu meinem höchsten Entzücken fand ich eine ganze Seite darin über Nazim Hikmet. Ich stand bei Ramo an der Theke und zeigte sie ihm und er nickte: „Ja, die türkischen Zeitungen haben auch schon viel über ihn geschrieben, es war gerade sein hundertster Geburtstag."
Während ich noch am Lesen war, kam ein Typ mit Brille und Dreitagebart herein und fragte den Wirt, ob er zwei kleine Poster an die Theke hängen dürfe. „Lass sehen!" Ramo warf einen kurzen Blick darauf, nickte dem Typen zu und sagte zu mir: „Schau dir das an." Gütig lächelte Nazim Hikmet von dem einen Plakat, über seinem Kopf die Schrift:

Die Liebe ist ein Hemd aus Feuer.

Magie? Na, warum nicht, ich brauche sowas. Das Plakat wies auf eine Veranstaltung hin. Im Kulturzentrum am Gasteig, ein paar hundert Meter weiter, würde am 23. März eine türkische Musikgruppe einen Abend mit den Gedichten von Nazim Hikmet bestreiten. Ich zeigte dem Jungen, der die Poster verteilte, meine Zeitungsseite. Die Überschrift lautete: „Der Baum mit den blauen Augen." John Berger schrieb über den hoch verehrten Nazim Hikmet, und mir kamen fast die Tränen.
Ramo stellte mir noch ein Bier auf die Theke. „Kannst mir das aufheben? Würde ich gern mal lesen", meinte er. Ich versprach, die Zeitung vorbeizubringen, wenn ich die Artikel über die Aufstände in Argentinien gelesen habe. Da kam der Typ mit dem Plakat noch mal an. Inzwischen hätte ich gewarnt sein sollen, weil ich es gelesen hatte – Veranstalter war das Kulturreferat. Ah ja: Die Stadtkulturkammer hatte sich den Dichter unter die rot-grünen Fingernägel gerissen. München. Kultur: SPD-Schranzen, die sich gegenseitig die Posten zuschieben, Kulturmafia am Gasteig, hohe Saalmieten, astronomische Eintrittspreise, Freikarten erhalten die Freundschaft etc. pp. Der Vorname des stellv. Leiters einer Unterkammer der Kulturkammer tut hier nichts zur Sache (der Scholli vom FC Bayern wird schon wissen, wie er heißt). Er sagte, er würde gern den Artikel kopieren. Wenn ich ihm meine Adresse geben könnte, würde er die Zeitschrift gleich wieder zurück schicken. Ich zögerte. Da fiel mein Blick durch die Glasscheibe des Windfangs auf den Aufkleber mit Nazim Hikmets Gedicht – „Brüderlich wie ein Wald..."
Ich ließ mich darauf ein. Er gab mir seine Visitenkarte mit der Telefonnummer im Büro, ich gab ihm meine Adresse und die Zeitung.
Eine Woche später rief ich ihn an. Zu büroüblichen Zeiten am Nachmittag lief ein Anrufbeantworter, der Typ, der sich da meldete, hieß aber ganz anders. Ich hinterließ Namen, Adresse, Telefonnummer und dass ich Le Monde Diplomatique dringend zurück haben möchte.
Es dauerte noch eine Woche, bis die Zeitung zurückkam. Zumindest hat er sich entschuldigt für die Verspätung.
Brüderlich wie ein Wald – ist das schon schwer zu verstehen?

*

Letzter Wille und Testament

Genossen, wenn ich den Tag nicht mehr erlebe –
Ich meine, wenn ich sterbe, ehe die Freiheit kommt –
Dann schafft mich weg
Und begrabt mich in einem Dorffriedhof in Anatolien.

Die Angst zu sterben, ehe die Freiheit kommt, die hatte Hikmet 1953 in einem Moskauer Hospital. Als sie ihn einsperrten damals, 1938, die Politiker, die gerade an der Macht waren, und im Gefängnis seine Gesundheit ruinierten, beriefen sie sich hauptsächlich auf ein episches Gedicht, das schon zwei Jahre früher erschienen war. Nach Meinung des Staatsanwalts rief es die türkischen Soldaten zur Rebellion auf. (Na toll - was für ein Glaube an die Kraft der Dichtkunst!) In Hikmets Epos ging es um Scheich Bedrettin und einen Bauernaufstand im 15. Jahrhundert gegen die ottomanische Herrschaft. Es war das letzte Buch, das zu Hikmets Lebzeiten in der Türkei veröffentlicht wurde. Das Urteil: 28 Jahre Haft.
1949, nach seinem Herzanfall, setzte sich ein internationales Hilfskomitee für Nazim Hikmets Freilassung ein, darunter Pablo Picasso, Paul Robeson, Jean-Paul Sartre und Pablo Neruda. Ein Jahr später wurde in der Türkei erstmals eine Regierung demokratisch gewählt und Hikmet im Rahmen einer Generalamnestie entlassen. Doch wenig später ging der Ärger von vorne los - die Einberufung zum Militärdienst mit 51 Jahren machte deutlich, was die neue Regierung von Nazim Hikmet und seinen Gedichten hielt.
Hikmet floh über Rumänien nach Moskau. Er lag schwer krank im Barviha Hospital, als er 1953 den oben zitierten letzten Willen und sein Testament in Gedichtform schrieb. Es hört so auf:

Genossen, wenn ich vor diesem Tag sterbe,
ich meine,
- und es sieht mehr und mehr danach aus -
Begrabt mich in einem Dorffriedhof in Anatolien,
Und wenn gerade einer da ist,
Dann könnte ein einfacher Baum am Kopfende stehen.
Einen Stein oder sowas brauche ich nicht.
Nazim Hikmet, 27. April 1953

Er überlebte noch zehn weitere Jahre in Moskau und starb am 3. Juni 1963. Sein Wunsch, die letzte Ruhe auf einem Dorffriedhof in Anatolien zu finden, erfüllte sich nicht. Auch steht kein einfacher Baum am Kopfende seines Moskauer Grabes. Ein Stein steht da, ein Denkmal, das aussieht wie ein aufgeschnittener Baum, darauf die Silhouette eines Mannes, der sich gegen die Stürme des Lebens stemmt (Foto l. von Güven Büzeldere). Und ein einziges Wort in seiner Handschrift: Nazim.

*

So lange einer sich aufs Essen freut, glaubt er auch an die Zukunft. Ich schaue mal wieder bei Ramo vorbei, weil ich Appetit auf Fisch habe. Memo ist ein Meister in der Küche, aber bei Fisch ist er Großmeister. Vielleicht steht ja heute die Dorade auf der Tafel am Eingang? Ja, das tut sie. Ah, ein guter Tag!
Dschengis kommt rein, der mal in Sabos Band die Flöte gespielt hat. Trommeln kann er auch, und außerdem hat er eine wunderschöne Frau und zwei ganz liebe Töchter. Die jüngere, Irem, „die kleine Hexe", fünf Jahre alt, ist die jüngste meiner Freundinnen. Dschengis und ich reden ein paar Takte. Ich frage ihn, ob er Nazim Hikmet kennt?
„Na klar kenn ich Nazim Hikmet."
Woher?
„Woher? Mann, den kennt doch jeder – Beethoven kennt doch auch jeder, oder?"

Bücher von Nazim Hikmet in deutscher Übersetzung:

- Das schönste Meer ist das noch nicht befahrene, Dagyeli Verlag, Frankfurt/Main, Eur 18,50
- Die Luft ist schwer wie Blei / Hava Kursun Gibi, Türkisch - Deutsch, Dagyeli ,Eur 18,50
-
Eine Reise ohne Rückkehr / Dönüsü olmayan Yolculuk. Gedichte und Poeme. Türkisch - Deutsch. Dagyeli, Eur 18,50
-
Gedichte. Eine Auswahl, Ammann Vlg., Zürich, Gebundene Ausgabe. Noch nicht erschienen, Eur 24,90
-
Epos vom Befreiungskrieg, Dagyeli, Gebundene Ausgabe. Noch nicht erschienen, Eur 14,32
-
Dietrich Gronau , Nazim Hikmet. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt.
Eur 6,50

15. März 2002


Leserbrief


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