Tischgespräche
 
 
 
 
 
 
 

 

Land Brandenburg
Ministerium für Arbeit, soziales, Gesundheit und Frauen

Offener Brief

Sehr geehrter Herr Simmel,
mit großer Empörung habe ich von einer Passage Ihres neuen Buches "Die Bienen sind verrückt geworden" Kenntnis erhalten. Im letzten Abschnitt des Aufsatzes "Deutsche Leitkultur. Exemplarisch vorgestellt am Urteil eines gütigen Richters", in dem Sie sich mit dem sogenannten Hetzjagdprozess auseinander setzen, schreiben sie: "Die Brandenburger Ausländerbeauftragte Frau Almuth Berger nahm die Entscheidung des Gerichts 'mit Erleichterung' auf. Da aber Frau Berger als Ausländerbeauftragte für die Interessen und den Schutz des Farid Gouendoul verantwortlich war und er sich auf diesen Schutz verließ, muß wohl auch er das Urteil des Landgerichts Cottbus 'mit Erleichterung' aufgenommen haben - ebenso wie seine Ermordung."
Ich weiß nicht, ob Ihre Bemerkung auf einer Presseveröffentlichung beruht oder ob Sie sich auf meine Pressemitteilung vom Tag der Urteilsverkündung beziehen. Abgesehen von der Tatsache, dass das von Ihnen angeführte Zitat falsch ist - in meiner Pressemitteilung vom 13. 10. 2000 heißt es nicht "mit Erleichterung" sondern "Trotz meiner Erleichterung" - wird meine Intention mit dem von Ihnen hergestellten Zusammenhang völlig verzerrt. Denn selbstverständlich bezieht sich die Erleichterung nicht auf das relativ geringe Strafmaß für die Täter von Guben, sondern auf den Umstand, dass es überhaupt endlich zu einem Urteil gekommen ist und damit ein quälender Prozess zu Ende war. Dieser Zusammenhang ist ohne Schwierigkeiten der Pressemitteilung zu entnehmen.
Ich bin mir nicht sicher, ob Sie sich näher mit dem Prozess gegen die Täter von Guben beschäftigt haben. Denn es hätte Ihnen eigentlich nicht entgehen können, dass im Vorfeld der Urteilsverkündung viele Fachleute der Auffassung gewesen sind, dass es ohne weiteres zu Freisprüchen hätte kommen können. Nur vor diesem Hintergrund ist meine Äußerung zu verstehen. Mit meiner Einschätzung bin ich im übrigen ähnlicher Auffassung wie der von Ihnen ebenfalls erwähnte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der sich zu dem Urteil wie folgt geäußert hat: "Die wichtigste Botschaft des heutigen Prozeßtages ist: Die jugendlichen Gewalttäter sind nicht davongekommen, endlich verurteilt worden." Im Blick auf das zynische Verhalten einiger Verteidiger und die ausgebliebenen Anzeichen von irgendeiner Reue oder Entschuldigung seitens der Angeklagten habe ich meine Kritik deutlich gesagt.
Sicherlich kann man zu der Auffassung kommen, dass die Urteile zu milde sind, gerade mit Blick auf die Tatsache, dass ein Mensch, der Schutz gesucht hat, zu Tode gekommen ist. Für die Angehörigen, Freunde und Hinterbliebenen war der Tag der Urteilsverkündung einer der schwersten Tage. Auch ich hätte mir deutlichere Zeichen der Mahnung und der Abschreckung vorstellen können. Ich möchte aber gleichzeitig zu bedenken geben, dass den Problemen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Gewalt nicht allein mit Mitteln des Jugendstrafrechts beizukommen ist, oder glauben Sie, dass ein deutlich höheres Strafmaß solche menschenverachtende Taten in Zukunft verhindern würde? Bei meiner Arbeit war es mir von Anfang an wichtig, den Blick auf die Opfer von rassistischen Taten und deren Angehörige zu richten und ihnen größtmögliche Unterstützung und Hilfe zu geben. Dies habe ich auch bei den Angehörigen von Farid Guendoul getan und werde es auch weiterhin tun.
Gern wäre ich bereit gewesen, mich mit Ihnen über Möglichkeiten des Abbaus von Rassismus, Menschenverachtung, Ausgrenzung und Gewalt zu unterhalten und auseinanderzusetzen. Allein es kam keine Anfrage von Ihnen.
Ich habe Verständnis, wenn ein Schriftsteller, urn seine Ausaage zu verdeutlichen, auf Differenziertheit verzichtet. So deutet schon die Überschrift zu dern Kapitel "AUS DER WUT HERAUS" in diese Richtung. Kein Verständnis habe ich jedoch, wenn eine Undifferenziertheit in Diffamierung umschlägt, wie dies meiner Meinung nach in dem zweiten o.g. Satz geschehen ist. Geradezu zynisch und unverantwortlich - um nicht zu sagen bösartig - finde ich, dass Sie mich indirekt für den Tod Farid Guendouls verantwortlich machen und Sie keine Hemmungen haben, ihm mein angebliches Zitat in den Mund zu legen.
Ich weiß nicht, worum es Ihnen mit der genannten Passage geht, um Wahrhaftigkeit scheint es sich jedoch nicht zu handeln. Mit etwas Recherche hätte Ihnen klar sein müssen, dass Sie völlig falsch liegen. Jeder, der mich kennt und der meine Arbeit und Äußerungen in den letzten Jahren verfolgt hat, weiß, welchen Stellenwert die Interessen der Migrantinnen und Migranten im Land Brandenburg bei meinem Wirken haben und dass eine Interpretation wie von Ihnen angestellt unmöglich meiner Intention entsprechen kann. Ich hätte mir gewünscht, wenn Sie sich vor Ihrer Veröffentlichung, trotz Ihrer verständlichen Wut; etwas mehr Mühe bei der Wahrheitsfindung gegeben hätten. Ich bin mir sicher,. dass wir nicht weit auseinander gelegen hätten mit unserer Einschätzung, ähnlich wie viele andere, die sich über Betroffenheitsbekundungen hinaus ernsthaft um eine Verbesserung des gesellschaftlichen Klimas in Deutschland und insbesondere in Ostdeutschland bemühen. Herr Thierse sei hier nur stellvertretend genannt.
Vorbehaltlich juristischer Schritte fordere ich Sie auf, eine Änderung der entsprechenden Textpassage vorzunehmen. Gern bin ich bereit, mich mit Ihnen gegebenenfalls auch öffentlich über das Thema zu unterhalten und wenn nötig auch zu streiten. Oberstes Gebot sollte dabei jedoch die Fairness sein, schon im Interesse der - wovon ich mit Blick auf ihr bisheriges Engagement ausgehe - gemeinsamen Sache. Diese öffentliche Auseinandersetzung würde ich einer juristischen vorziehen.
Mit freundlichen Grüßen
gez. Almuth Berger

Stellungnahme von Johannes Mario Simmel und dem Verlag C.H. Beck
zu dem offenen Brief der Ausländerbeauftragten des Landes Brandenburg Frau Almuth Berger (9. März 2001):

Ende Februar 2001 ist Johannes Mario Simmels Buch Die Bienen sind verrückt geworden. Reden und Aufsätze über unsere wahnsinnige Welt im Verlag C.H. Beck erschienen. Unter dem Abschnitt Aus der Wut heraus enthält der Band auf den Seiten 62 - 66 den Aufsatz Deutsche Leitkultur. Exemplarisch vorgestellt am Urteil eines gütigen Richters. Dieser Aufsatz befaßt sich am Beispiel des sogenannten Cottbusser Hetzjagd-Prozesses mit dem Begriff Deutsche Leitkultur.
Der Autor hatte zu keinem Zeitpunkt eine detaillierte Schilderung des Gubener Falls im Sinn, bei dem es um die fahrlässige Tötung des Asylbewerbers Farid Gouendoul durch acht rechtsextreme Jugendliche ging. Vielmehr war es Herrn Simmels Anliegen, seinen persönlichen Einschätzungen bestimmter gesellschaftspolitischer Stimmungen in seiner Rolle als Schriftsteller kritisch Ausdruck zu verleihen.
Die Schlußpassage des Aufsatzes enthält die folgenden Worte: Die Brandenburger Ausländerbeauftragte Frau Almuth Berger nahm die Entscheidung des Gerichts "mit Erleichterung" auf. Da aber Frau Berger als Ausländerbeauftragte für die Interessen und den Schutz des Farid Gouendoul verantwortlich war und er sich auf diesen Schutz verließ, muß wohl auch er das Urteil des Landgerichts Cotthus "mit Erleichterung" aufgenommen haben - ebenso wie seine Ermordung. Mit den in Anführungszeichen gesetzten Worten mit Erleichterung hat Herr Simmel Bezug genommen auf einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 14. 11. 2000. Dort stand in der Berichterstattung zum Ende des Prozesses:

Die Brandenburger Ausländerbeauftragte Almuth Berger sagte, sie nehme die Entscheidung mit Erleichterung auf. Bedauerlich seien indes fehlende Zeichen der Reue durch die Angeklagten. Sie sicherte zwei Geschwistern des Opfers, die zur Urteilverkündung aus Algerien angereist waren, Unterstützung zu.

Auch wenn sich Herr Simmel und Frau Berger in der Bewertung der Geschehnisse sicherlich nahe stehen, so ging es Herrn Simmel als Schriftsteller darum, in seinem Kommentar den Zynismus aufzuzeigen, der durch die Verwendung des Wortes Erleichterung im Zusammenhang mit den Geschehnissen hergestellt wird. Den satirischen Effekt steigert Herr Simmel am Schluß seines Aufsatzes noch dadurch, daß er das Wort Erleichterung dem Getöteten selbst in den Mund legt. Hierdurch sollte selbstverständlich nicht behauptet werden, daß Frau Berger am Tod von Farid Gouendoul irgendeine Schuld trifft.
Wie allgemein bekannt, engagiert sich Herr Simmel als Autor seit Jahrzehnten gegen Neofaschismus und Rassismus. Um seiner Wut Ausdruck zu verleihen, verwendet Herr Simmel dabei häufig satirisch überspitzte Formen der Darstellung. Gegenstand der Satire sollten hier jedoch nicht die Arbeit und das Engagement von Frau Berger als solche sein, sondern die im Zusammenhang von Herrn Simmel als unpassend empfundene Verwendung des Wortes Erleichterung.
Es lag nicht in der Absicht von Autor oder Verlag, die Gefühle von Frau Berger zu verletzen oder ihre Arbeit als Ausländerbeauftragte zu verunglimpfen. Sollte dieser Eindruck bei Frau Berger oder anderen Beteiligten entstanden sein, so bedauern wir das.
gez. Johannes Mario Simmel gez. Eva von Freeden
Presseabteilung C.H. Beck


Stellungnahme des Verlages C.H.Beck
vom 12. 3. 2001 zu der Auseinandersetzung zwischen Herrn Johannes Mario Simmel und Frau Almuth Berger

Der Autor Johannes Mario Simmel und die Ausländerbeauftragte des Landes Brandenburg, Frau Almuth Berger, werden den Streit um ein Zitat in Simmels neuem Buch "Die Bienen sind verrückt geworden" aller Voraussicht nach gütlich beilegen.
Der Verlag C.H.Beck wird in Neuauflagen bzw. Nachdrucken des Werks die betreffende Passage (auf S. 66 des Buchs) weglassen. Die noch auf Lager befindlichen Bücher werden zusammen mit einem von beiden Seiten abgestimmten Brief an den Handel weitergegeben.
Herr Simmel erklärt sich darüberhinaus bereit, in naher Zukunft an einer gemeinsamen Podiumsdiskussion zum Thema Ausländerfeindlichkeit im Raum Brandenburg teilzunehmen. Er hat bereits telefonisch Kontakt mit Frau Berger aufgenommen. Verlag und Autor entschuldigen sich bei Frau Berger fur eine eventuell durch die (erstmals in der S.Z. vom 14.11.2000 in der mißverständlichen Weise veröffentlichte und von Herrn Simmel aufgegriffene) Passage entstandene Rufschädigung, die nicht beabsichtigt war.
gez. Bernhard von Becker
Rechtsabteilung C.H. Beck

30. März 2001

Und hier der bereinigte Simmel-Text