Geschichten aus dem Heiligen Land

Menschen auf der Suche nach einer Sprache des Friedens

"Der Sicherheitsrat,
in Bekundung seiner ständigen Sorge über die ernste Lage in Nahost, in Betonung der Unzulässigkeit, Gebiete durch Krieg zu erwerben, und der Notwendigkeit, für einen gerechten und dauerhaften Frieden zu arbeiten, in dem jeder Staat des Gebietes in Sicherheit leben kann, in Betonung ferner, daß alle Mitgliedstaaten durch die Annahme der Charta der Vereinten Nationen die Verpflichtung eingegangen sind, in Übereinstimmung mit Artikel 2 der Charta zu handeln,
1. bekräftigt, daß die Erfüllung der Grundsätze der Charta die Errichtung eines gerechten und dauerhaften Friedens in Nahost verlangt, der die Anwendung der beiden folgenden Grundsätze einschließt:
i) Rückzug der israelischen Streitkräfte aus Gebieten, die während des jüngsten Konfliktes besetzt wurden;
ii) Einstellung aller Behauptungen oder Formen eines Kriegszustandes sowie die Beachtung und Anerkennung der Souveränität, der territorialen Unversehrtheit und der politischen Unabhängigkeit eines jeden Staates in diesem Gebiet und die seines Rechtes, innerhalb sicherer und anerkannter Grenzen frei von Drohungen und Akten der Gewalt in Frieden zu leben ..."
UN-Resolution 242 (1967)
(Foto: Israelischer "Trennzaun" um die besetzten Westbank-Gebiete)

Von Juliane Spitta

Die rumänische Familie Schwartz war die einzige Familie, die Auschwitz mit einem weiteren Kind verließ. Sie hatten den Säugling und später das Kleinkind einfach unter dem Bett versteckt und es auf diese Weise vor den Augen der Lageraufsicht verborgen gehalten. In dem Chaos nach der Befreiung verlor sich das Ehepaar aus den Augen und die Mutter kehrte allein mit den zwei Töchtern in ihre Wohnung nach Bukarest zurück. Sie fand diese jedoch ausgeraubt, sah sich dadurch von der einstmals nächsten Umgebung schmählich betrogen und erlitt einen weiteren Schock. Sie mietete eine kleine Wohnung, gab beim Roten Kreuz eine Vermisstenanzeige für ihren Mann auf und wartete zwei bange Jahre. Dann klopfte es an der Tür, der Mann stand davor. Man tat, was Viele taten: Man machte sich auf ins Gelobte Land, Heimat und Land der Vorväter, in dem Juden endlich gemeinsam und in Sicherheit leben würden, fruchtbar, sonnig und versprochen: Erez Israel, das Land der Hoffnung und der Verheißung. Das Land ohne Volk für ein Volk ohne Land, wie die zionistische Propaganda warb.

Und so kam man an: Eine Gruppe zutiefst traumatisierter, elender, leidender Menschen bezog eine bereitgestellte Wohnung in Tel Aviv in der Umgebung anderer zutiefst traumatisierter, elender, leidender Menschen, alle beseelt von dem Wunsch und der Vorstellung, hier nun endlich Frieden und eine neue, endgültige Heimat zu finden und zu schaffen.

Die Schrecken der Vergangenheit jedoch verschwanden nie. Sie kriechen noch immer gespenstisch durch die Wohnungen, geistern durch die Träume, lauern in den Ecken, scheinen sich in Bussen in die Luft zu sprengen und Juden mit in den Tod zu reißen. Es gibt keine Sicherheit im Land Israel. Von der Wiege bis zur Bahre lebt jeder jüdische Israeli mit der allgegenwärtigen Erinnerung an die ermordeten, drangsalierten, gejagten und heimatlosen Vorfahren. Diese Erinnerung wird unablässig gepflegt und als warnendes Beispiel hochgehalten: So geschieht uns Juden, wenn wir nicht aufpassen, wenn wir friedfertig sind, uns nicht verteidigen, nicht kämpfen, uns nicht wehren, wie Lämmer schlachten sie uns ab. Aber jetzt und in alle Zukunft werden wir uns wehren. Der neue Jude ist stolz und stark, er kämpft für sich, seine Familie und seine Heimat, der neue Jude ist selbstbewusst und lässt sich nicht mehr zersplittern, lässt sich nicht mehr zum Opfer machen. Vorbei die Zeiten, wo man uns scheuchen, vertreiben und ermorden konnte, vorbei die Zeiten der ewigen Anpassung, nun haben wir eine Heimat und die wird uns bis in alle Ewigkeit niemand mehr nehmen, die wir mit allen Mitteln verteidigen.
Tragischerweise gibt jedes Selbstmordattentat dieser Haltung Nahrung, ebenso wie jede kritische Äußerung gegenüber der Landespolitik die uralte Antisemitismus-Erfahrung aufscheucht. Es gibt (so die herrschende Meinung) für Juden keinen sicheren Ort auf dieser Welt außer Israel. Aber Israel und sicher?

Aus dem Mädchen aus Auschwitz war eine schöne junge Frau geworden, die einen anderen Holocaust-Überlebenden heiratete. Diesem Paar wurde im Jahr 1958 Margalit geboren. Die Worte des Vaters zu ihrer Geburt: Mein in den Lagern verlorenes Leben ist mir wiedergeboren.
Margalit Opman Berriet verließ das Land Israel 20 Jahre später. Sie konnte dieses Leben nicht mehr ertragen, dieses von den Traumata der Vergangenheit durchwebte Leben. Und auch diese neuen Juden konnte sie nicht ertragen. Dies Land war ihr unerträglich geworden mit seinen dauernden Kriegen, seinem Leid, seiner Angst, seiner Militarisierung und seiner Blindheit gegenüber dem Leiden, welches es den Palästinensern verursacht.
Denn anders als das Gros ihrer Umgebung hatte sie früh begriffen, dass Palästina kein Land ohne Volk gewesen war und dass den Palästinensern seit 35 Jahren bitterstes Unrecht geschieht. Und dass Frieden nicht sein kann, solange Israel sein Verhalten gegenüber den Palästinensern nicht grundlegend ändert.
Wenn sie jedoch Familienangehörige bittet, bestimmte enthüllende Artikel in der Zeitung Ha'aretz zu lesen oder sich durch einen Besuch in den besetzten Gebieten selbst von dem brutalen Vorgehen der israelischen Armee zu überzeugen, so lautet die unwillige Antwort: "Alles Lügen. Juden tun so was nicht." Man informiert sich eben nicht. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Ein Großteil der Familie spricht seit langem nicht mehr mit ihr.

Die ersten zehn Jahre im Ausland verleugnete Margalit ihre israelische Herkunft und sprach kein Wort Hebräisch. Sie studierte in New York und erwarb einen amerikanischen Pass. Doch wie alle Israelis im Exil verlor sie nie die zutiefst schmerzhafte innere Bindung an ihre ursprüngliche Heimat. Seit ein paar Jahren nun lebt sie größtenteils in Paris, engagiert sich in Koexistenzprojekten und findet auf diese Weise langsam einen Weg, sich mit ihrer Herkunft auszusöhnen: indem sie Verantwortung übernimmt für die Vision eines menschlichen, gewaltfreien Israel, das mit einem demokratischen, gewaltfreien Palästina in gerechtem Frieden Seite an Seite lebt.
Margalit Opman Berriet ist eine Künstlerin, für die Kunst mehr ist als ästhetischer Selbstausdruck. Sie sieht Kunst als eine universelle Sprache, die die Menschen sich selbst und einander näher zu bringen vermag; mit der Feindbilder abgebaut werden können; die eine dem Leben und der Schöpfung zugewandte Haltung pflegt und vermittelt. Und zur Verantwortung der Künstler gehört nicht nur die ästhetische Einflussnahme, sondern auch die Vermittlung von Haltungen und Inhalten als gesellschaftsformende Kraft.
Seit ein paar Jahren arbeitet sie an einem Netzwerk von jüdischen, israelischen, palästinensischen und europäischen Künstlern und Intellektuellen, die diese Auffassung teilen und sich mit den Menschenrechten als Grundlage und dem Ziel einer friedlichen Koexistenz zwischen Juden und Palästinensern identifizieren. Man trifft sich in ihrer Wohnung und spricht miteinander, entwirft gemeinsame Projekte und sucht nach Wegen, sie auch durchzuführen. Die Begegnungen sind spannungsgeladen, aber voller guten Willens. Jeder hier ist verletzt, und es bedeutet jedes Mal eine Herausforderung, die vielschichtigen Opfer-Täter-Dilemmata zu verlassen und einander als individuelle Menschen zu sehen, sich zu begegnen. Denn man bewegt sich auf sehr dünnem Eis, wenn man nach einer Sprache des Friedens sucht, die alte Feindbilder umgeht, um überhaupt kommunizieren und aktiv werden zu können.
Diese Gruppe fasst sich zusammen in dem Verein " Mémoires de l'avenir" ("Erinnerungen an die Zukunft"). Seine Aktivitäten und Zielsetzungen sind zu sehen auf der Seite www.memoires-a-venir.org.
Seltsamerweise sind trotz der katastrophalen ökonomischen, sozialen und Sicherheitslage in Israel und den besetzten Gebieten Initiativen wie diese unpopulärer denn je. Dennoch hängt die Zukunft von Menschen ab, die aktiv Wege suchen, die sich miteinander verbinden, die den Mut haben, sich zu äußern und sich den Schmerzen einer echten Kommunikation mit "dem Feind" zu stellen, weil sie an den Frieden glauben und Verantwortung dafür übernehmen wollen.

Die Sprache des Friedens der mit dem Alternativen Friedensnobelpreis ausgezeichneten israelischen Menschrechtsanwältin Felicia Langer heißt Konfrontation. Auch sie lebt heute im Ausland. Der Saal der Freiburger Lutherkirche ist zu ihrer Vortragsveranstaltung "Quo vadis Israel?" brechend voll, selbst jetzt, wo die öffentliche Aufmerksamkeit ganz auf den Krieg im Irak konzentriert ist.
"Es gibt da diese alte, alte Dame unter den Resolutionen des Weltsicherheitsrates. Und weil dies eine so alte, alte Dame ist, meint man, sie nicht mehr ernstnehmen zu müssen und neigt dazu, ihre Existenz zu vergessen und sie in die Ecke zu schieben. Wenn sie ein Mensch wäre, so wäre sie noch nicht so alt, erst ungefähr 36 Jahre, aber für eine Resolution ist sie sehr alt. Ich spreche von der Resolution 242, die bezieht sich auf den Krieg von 1967, auf die damals eroberten Gebiete. Und in der heißt es: Die in diesem Krieg eroberten Gebiete sind zurückzugeben, denn Landerwerb durch Krieg ist völkerrechtswidrig. Israel hat auf diese Resolution ebenso wenig reagiert wie auf alle anderen Resolutionen. Und die Welt hat auch nicht reagiert. Doch eines ist sicher: Solange die Welt sich in Schweigen kuschelt, wird nichts geschehen, und das ist eine Katastrophe für uns, nicht nur für die Palästinenser, auch für uns Juden und für Israel! Israel hat Massengräber zu verantworten, Massengräber von getöteten Palästinensern und solchen, die starben, weil der Weg in die Krankenhäuser blockiert wurde. Massengräber, weil der Weg zu den Friedhöfen blockiert wurde! (Ramallah, israelische Invasion 2002)
Mein Mann und ich, wir sind Holocaust-Überlebende, mein Mann hier hat fünf Nazi-Konzentrationslager überlebt, was meinen Sie, wie Holocaust-Überlebende auf Massengräber reagieren sollen?
Wir appellieren an die Welt, und bitten Sie, diesen Appell zu unterstützen:
Brecht das Tabu des Schweigens über die entsetzlichen Menschenrechtsverletzungen durch Israel in den besetzten Gebieten, brecht es, um die Katastrophe zu beenden, in die sich dies Land immer tiefer hineinreitet. Solange wir Israelis mit stolzgeschwellter Brust unsere völkerrechtswidrigen Eroberungen feiern und davon ausgehen können, dass niemand es wagt, uns zu behindern, wird sich nichts ändern. Wer mit Israel sympathisiert, sollte nicht schweigen. Denn ein gerechter Frieden mit den Palästinensern ist möglich, und beide Völker könnten Seite an Seite in zwei Staaten friedlich beieinander leben. Dafür kämpfen wir. Nicht gegen Israel, das ist unsere Heimat, wie könnten wir gegen Israel kämpfen?"

18. Juni 2003

Leserbrief

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