"Wr sprn!" "Shr gt!"

Kommerz fürs linke Herz

Der Frankfurter Buch- und CD-Versand 2001 hat sein "Merkheft" aufgeblasen.

Von Hans Pfitzinger

"Wenn du die Welt verändern willst, junger Mann, dann musst du das Design verändern!" Also sprach Buckminster Fuller, und genau das ist jetzt passiert: Die Welt hat sich verändert. Nach 35 Jahren, in denen das "Merkheft" vom 2001-Versand immer nahe am Oktavformat lag, kommt es mit der neuen Ausgabe eineinhalb Zentimeter breiter, glatte fünf Zentimeter höher als gewohnt und so dick (336 Seiten) wie nie. Mit einem Impressum, dessen Personenzahl so mancher Zeitschrift Konkurrenz macht. Nun sollen ja Leute leben, die lesen können und trotzdem diesen ehemals innovativen Versandkatalog noch nie gesehen haben. Denen sei erklärt: Wenn es je einen Buchversender gab, der in seiner Selbstdarstellung absolut hip daher kam, dann 2001 in Frankfurt.

Schon der Firmenname war 1968 ein genialer Einfall, als einem gerade Stanley Kubrick im Kino seinen mystischen Science-fiction-Hammer mit dem gleichen Titel um Augen und Ohren geschlagen hatte. Doch das Hipste bei 2001 war eben dieses "Das Merkheft" genannte Verzeichnis aller lieferbaren Bücher und Tonträger. Ein kleiner Katalog, der hohen Lese- und Unterhaltungswert hatte, mit flotten Sprüchen und sorgfältig redigiertem Inhalt, und, verblüffend für die verschlampten Spontis damals, so gut wie ohne Tipp- und Druckfehler. Frühe Kennzeichen des Merkheftes waren dünnstes Billigpapier, Schreibmaschinenschrift, unbeholfenes Layout, Linksjargon und kumpelhafte Anmache. Legendär wurde der Brief an den Kunden auf Seite zwei, mit Ort und ohne Datum ("Frankfurt am Main, heute") und die Anrede des Lesers mit "Guten Tag!". Das war neu und vom Ghostwriter Bertel Schmitt klug und witzig geschrieben, und es wurde sofort von anderen Buchversendern kopiert und selten erreicht. Schmitt arbeitete mit Selbstironie und setzte auf augenzwinkerndes Einverständnis der intellektuell angehauchten Kundschaft. Ein Beispiel von 1978: "Nach DIN-Norm richten sich diese Merkheft-Briefe zwar stets an die Klienten unseres Konzerns, um unter dem Vorwand munteren Geplauders den Umsatz per cm noch ein bisserl hochzukitzeln, indem man, sagte neulich ein Bekannter - er ist Reklamepsychologe - der ‚Kernzielgruppe personality-bezogene Adhäsionsflächen mit der Angebotsstruktur bietet, kurzum, die Leute durch Tratsch zum Kaufen bringt, mein lieber Lutz, und nu' pack mir bitte das Ende einer Ehe von Uve Schmidt ein, ihr habt da den Autor so nett geschildert.' (Schlau, gell, wie wir selbst wieder den raschen Abverkauf von Nummer 15644 eingebaut haben, aber das Buch ist wirklich gut)." Auf der Seite gegenüber gab es die neue Stones-LP "Some Girls" für "Nur 13.90 DM".

Die Gründer Lutz Reinecke und sein Partner Walter Treumann hatten ihre Finger am Puls der alternativen Zeiten, und der Laden lief wie mit Hanföl geschmiert (das Hanfbuch von Matthias Bröckers war ebenso ein Bestseller wie jetzt die Verschwörungsbibel des selben Autors zu den Hintergründen der Anschläge vom 11. 9. 2001). Reinecke beherzigte von Anbeginn, dass der aufrechte Linke unter keinen Umständen als tumber Konsument gelten wollte, weshalb es im Merkheft eben so richtig menscheln musste: Kommerz mit Herz. Die Verkaufssprüche waren oft originell, gelegentlich nervig, manchmal nur öde. Linkes oder linksliberales Gedankengut hat eine Kundschaft in Deutschland, man kann richtig Kohle damit machen - so die nie formulierte Botschaft von 2001. Und Reinecke, der sich nach seiner Heirat Kroth nannte, gliederte dem Versand bald einen eigenen Verlag an und nahm auch vollständige Programme anderer Verlage (erst März, später Rogner & Bernhard) ins Merkheft auf. In jüngster Zeit fand Gerd Haffmans unter dem 2001-Dach Asyl. Kroth brachte Titel und Autoren unters Volk, die ohne 2001 wohl wesentlich weniger Verbreitung gefunden hätten: Arno Schmidt, Jean Paul, die "neue Frankfurter Schule" (Eckhard Henscheid, Robert Gernhardt, F. K. Waechter), aber auch Boris Vian, Robert Crumb, William Burroughs, Wilhelm Reich und Charles Bukowski.

Doch von Anbeginn ging es auch ums Verramschen - "bei uns nur" oder "nur noch" stand vor dem Preis, wenn sich Verlage zum Billigverkauf entschlossen und Kroth mit den Restposten hausieren ging. Das galt auch für die LP- und später die CD-Angebote, die eben auch als Neuerscheinungen immer noch ein bisschen günstiger lagen als im Plattenladen an der Ecke, von unglaublichen Sonderangeboten ganz zu schweigen. Als einmal eine LP von Elton John für eine Mark verhökert wurde, versuchte dessen Plattenfirma den Verkauf zu stoppen. Jahrzehntelang stand immer und felsenfest vor jeder Preisangabe das Wort "nur", bis es den 2001-Leuten wohl selbst auf die Nerven ging.

Die Merkhefte hatten schon frühzeitig Sammlerwert. Zum zehnjährigen Jubiläum 1978 stellte Reinecke fest, dass die Nummern 7 und 11 im Archiv fehlten. Im Heft 37 bot er den Lesern dafür "das, was diese Merkhefte zur Zeit wert sind, nämlich 20 Mark". Er erhielt 429 Einsendungen. Der 38. Brief endete mit den Worten: "Bitte keine Merkhefte der Nummern 7 und 11 mehr schicken."

Weshalb gerade jetzt für die Nummer 182 das Format geändert wurde? Ich vermute mal, dass die vielen Beilagen zum eigentlichen Merkheft der Grund waren. Das Angebot uferte aus, das Kleinformat stieß an seine technischen Grenzen. Die losen Kleinmerkhefte mit Sonderangeboten für Buchpakete, Klassik-CD, Computer-Software, Kinderbücher und Homöopathie für Hunde und Katzen fanden wohl auch weniger Beachtung als der Hauptkatalog. Mit dem neuen Format steht jetzt alles in einem Heft, und das hat, noch eine Änderung im Design, einen Umschlag aus dickerem Papier. Schon fast wieder genial ist die Anmache, mit der die neue Aufmache daherkommt: Der ungewohnt üppig aussehende Katalog knallt einem dicke Großbuchstaben auf der ersten Umschlagseite entgegen. "Wir müssen alle sparen!" schreit es den Leser an. Und ein Cartoon von Rudi Klein zeigt, wie Kinder sparen lernen durch "Einsparen von Selbstlauten": "Wr sprn!", spricht das Kind. "Shr gt!" sagt der Lehrer.


Damit ist Lutz Kroth wieder und immer noch voll im Zeitgeist.



9. Juni 2003

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