Goethes ambivalentes Orientbild

Polemik im "Divan" gegen die Buddhas von Bamian

"Die indische Lehre taugte von Haus aus nichts, sowie denn gegenwärtig ihre vielen tausend Götter, und zwar nicht etwa untergeordnete, sondern alle gleich unbedingt mächtige Götter die Zufälligkeiten des Lebens nur noch mehr verwirren, den Unsinn jeder Leidenschaft fördern und die Verrücktheit des Lasters, als die höchste Stufe der Heiligkeit und Seligkeit, begünstigen."
Johann Wolfgang von Goethe, Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis des West-östlichen Divans

Von Norbert Mecklenburg

Der Name der afghanischen Stadt Bamian ist im März 2001 durch die Schlagzeilen der Welt gegangen. Damals ließ das Regime der Taliban, kurze Zeit vor seinem eigenen Ende, trotz allen Protesten, zwei riesige Buddhastatuen in Bamian zerstören. Taliban- Führer Omar hatte sie als «Götzenbilder» bezeichnet. Inzwischen wird, auf Grund einer schweizerischen Initiative, erwogen, die rund 1500 Jahre alten Skulpturen, die auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes stehen, wiederaufzubauen. Kunstgeschichtlich gehören sie, mit ihren griechischen Gewändern, zur multikulturellen und -religiösen Gandhara-Kultur, die der Hellenismus mitgeprägt hat, den: Alexander der Große nach Zentralasien gebracht hatte.

Der «Economist» meinte am 8. März 2001, bis vor ein paar Tagen habe «fast niemand jemals von diesen Statuen gehört». Wer nun sehr wohl von ihnen gehört hatte, und zwar schon vor annähernd 200 Jahren, das war der Autor des «West-östlichen Divans». Und Goethe wusste auch recht gut über den frühen Vorläufer der Taliban Bescheid, den türkisch-muslimischen Indien-Eroberer Mahmud von Gasna (heute Gasni in Afghanistan), der stolz den Beinamen «Zerstörer der Götzenbilder» trug. Er hatte bereits vor tausend Jahren die Gesichter und Arme der Bamian-Buddhas demolieren lassen.

Den «Divan» Goethes hat Manfred Osten (in der NZZ 17. 5. 02) nicht zu Unrecht als «interkulturellen Geniestreich» gerühmt. Was die Goetheologen jedoch in der Regel schamhaft verschweigen: In diesem Fall spricht der Dichter nicht wie ein weiser Wanderer zwischen Orient und Okzident, sondern wie ein islamischer Fundamentalist. Wie konnte es dazu kommen, und was für eine Lehre ließe sich für heute daraus ziehen?

Goethe hat seinem Gedichtzyklus «zum besseren Verständnis» von dessen orientalischer Seite einen umfangreichen Prosateil hinzugefügt. Darin ist es das Kapitel «Ältere Perser», in dem er auch auf Bamian und seine Riesenstatuen zu sprechen kommt. Ohne zu ahnen, dass es sich um Buddhas handelt, bezeichnet er sie pauschal und plump als die «verrücktesten Götzen» und als Werke des «indischen Götzendienstes». Das sind Ausdrücke aus der Lutherbibel: «Aller Heiden Götter sind Götzen», heißt es im Alten Testament. Goethe spricht hier also wie ein christlicher Missionar, ein muslimischer Bilderstürmer oder eben wie ein Ideologe der Taliban.

Die «indischen Ungeheuer»

Das Orientbild, das im Prosateil des «West-östlichen Divans» entworfen wird, zeichnet sich sonst durch sorgfältige Differenzierung aus. An dieser Stelle jedoch schlägt diese in polemische Polarisierung um: Es gibt einen guten und einen schlechten Orient. Zum guten gehören Juden und Araber, Parsen und Muslime - den schlechten verkörpern die Inder mit ihren «Götzen». Goethe war der Hinduismus, namentlich seine religiöse Plastik, der er fälschlich auch die Buddhas von Bamian zurechnete, zutiefst zuwider. Und zwar so sehr, dass er Mahmud von Gasna, in einem eigens ihm gewidmeten Kapitel, für dessen «Eifer des Zerstörens und Bekehrens» ausdrücklich lobt. Ja, er wertet dessen Kulturzerstörung und -plünderung überdies als Stiftung einer angeblich «höheren Kultur». Und er fügt hinzu, «noch jetzt» seien die «indischen Ungeheuer jedem reinen Gefühle verhasst».
Was «höher" ist, ergibt sich für Goethe aus einem religionsgeschichtlichen Entwicklungsmodell im Geist der Aufklärung. Danach steht der Monotheismus höher als der Polytheismus. Ganz unten steht die verrückte «Vielgötterei» der Hindus, etwas höher die «reinere» der Griechen, sehr viel höher Judentum, Christentum und Islam. An der Spitze figuriert, als «reine Naturreligion», der Parsismus, in den Goethe ziemlich unhistorisch den eigenen Pantheismus projiziert.

Neben dieser expliziten religionsphilosophischen Begründung gibt es noch andere Gründe für Goethes Abneigung gegen die indischen «Götzen»: seine Natürlichkeitsnorm (Götter mit einzahnigen Elefantenköpfen sind unnatürlich), sein Festhalten am Klassizismus in der Kunst, sein Misstrauen gegen die Romantiker mit ihrem Indien- und Mythenkult. Nicht zu vergessen sein zeitbedingt dürftiger, auf keine eigene Anschauung gegründeter Kenntnisstand betreffend altindische Religion und Kunst. Und schließlich fiel der Weimarer Klassiker gelegentlich aus der Poeten- in die Prophetenrolle und beanspruchte die Autorität eines Mufti.

An seinem «Unmut» über die indischen «Götzenbilder» hat er hartnäckig festgehalten, obwohl ihm sein orientalistischer Berater nach Erscheinen des «Divans» öffentlich ins Gewissen geredet hatte. Das zeigt seine Spruchdichtung der zwanziger Jahre, die «Zahmen Xenien». In deren zweiter Serie finden wir, ein wenig verstreut, einen Zyklus von Gedichten, in denen die alten Inder als «Barbaren» und ihre religiösen Skulpturen erneut als «Ungeheuer» und «Fratzen» verächtlich gemacht werden. Von einer anthropozentrischen Norm aus stellt hier Goethe Kulturen, in denen Götter in Tiergestalt auftreten, als minderwertige und irregeleitete Versuche der Kulturgeschichte dar. Ihnen gegenüber stuft er das von Antike und Christentum geprägte Abendland samt islamischem Morgenland als höherwertig ein.

Reiner und unreiner Orient

Auch wenn Goethe einen Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit dieser Gedanken selbstironisch in der Schwebe lässt, klingen dennoch seine Sprüche mit ihrem dekretierenden Gestus stellenweise fast wie Fatwas religiöser Autoritäten: Die «Götzen» soll man «nicht verschonen», sondern in den Bann tun, aus dem «Götter-Saal» ausschließen, vertreiben, vernichten, «verschlingen». Ziemlich kurz ist hier der Weg von persönlicher Ablehnung zu allgemeinem Verdikt, vom Eingeständnis eigener Verstehensgrenzen zum Vernichtungsgebot gegenüber Fremdem.

Der «reine Osten» des Islam wird einem unreinen Osten, dem indischen, entgegengestellt, der diese ekligen «Bestien» hervorgebracht hat. Der reine soll den unreinen Osten «verschlingen», sei es auf die martialische Art des Mahmud von Gasna, sei es auf eine andere, sublimere Weise. Dadurch nämlich, dass der indische Osten sich selbst reinigt, und zwar in Gestalt seiner Dichtung. Diese schätzt Goethe hoch und stellt sie als rettende Gegenmacht gegen die «Fratzen» der indischen «Pfaffen» und «Steinhauer» hin.

So nimmt sich die Metapher des Verschlingens am Ende ganz harmlos aus: Da wird nicht etwa zu Kulturvemichtung im Geiste der Taliban aufgefordert, sondern nur zu selektiver Differenzierung im Umgang mit fremden Kulturen ermuntert. Soll man diese Freiheit, die sich Goethe nimmt, mit der Elle der «political correctness» messen? Aber auch als Mittel der Bestienbekämpfung bleibt Verschlingen nun einmal seinerseits die typische Verhaltensweise von – Bestien. Goethes «reiner Osten» wirft einen Schatten von Barbarei. Das bringen die Buddhas von Bamian an den Tag.

Und die Lehre für heute? Gewiss hat Goethe mit seinem «Divan» den «Dialog mit dem Islam» großartig vorbereitet (Manfred Osten). Allein, seine interkulturelle Offenheit für den einen, den islamischen Orient geht einher mit bornierter Ablehnung eines anderen Orients: des indischen. Bei der heute vielbeschworenen «Anerkennung des Anderen» kann es also vertrackt zugehen: Den einen Anderen anzuerkennen, kann dazu führen, dies einem anderen Anderen zu verweigern. Goethe hält für dieses Dilemma interkulturellen Verstehens eine realistische und doch faule Ausrede bereit: «Nicht jeder kann alles ertragen.» Weise wäre diese Maxime nur insoweit, als sie mit der Selbstverpflichtung einherginge, jenseits der Grenzen eigenen Ertragens und Verstehens auf Diffamierung zu verzichten.

28. Januar 2003

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