Ein glorreiches Doppelleben

Für eine Handvoll Blue Notes ...

...lässt "Dirty Harry" sogar den Revolver sinken. „Western und Jazz sind die einzigen Kunstformen, die Amerika hervorgebracht hat", sagt Clint Eastwood, der mindestens so gut Klavier spielt wie er schießt und dessen Liebe zur Musik der faszinierendste Soundtrack von Hollywood ist.

Von Andreas Odenwald

Weder beruflich noch privat gehörte er je zu den Redseligen. Vor allem in seinen Anfängen schien der verschlossene, maulfaule Clint Eastwood die Einheit von Leben und Werk zu verkörpern. Wortlos schoss er einen Mann vom Galgen wie in „Zwei glorreiche Halunken", und genauso schweigend und einsam wie als rätselhafter Westernheld gab sich der Schauspieler auch als Mensch und Kollege. Ein Foto aus den frühen 60er Jahren zeigt ihn in einer Drehpause seiner CBS-Fernsehserie "Cowboys": Er sitzt auf der Veranda einer Ranch, wippt auf einem Holzhocker, lässig, ganz allein, in sich gekehrt, den Blick in die Ferne geheftet, die Beine übergeschlagen; sein Hut hängt auf der Fußspitze. In dieser Zeit, den ersten 16 Jahren seiner Karriere, hat Clint Eastwood sein Geheimnis nie gelüftet.

Allerdings gab sich auch nie jemand die Mühe, es aus ihm herauszuholen. Eastwood war kein begehrter Interviewpartner. Er war nicht Bogart und auch nicht John Wayne. Keine Kim Novak und keine Marilyn Monroe hätte sich auf dem Gelände der Traumfabrik nach ihm umgesehen. Dass Burt Lancaster oder Kirk Douglas je mit ihm einen trinken gingen, ist nicht bekannt.

Er lebte sein eigenes Leben, fern vom Party-Trubel Hollywoods. Und die Kritiker bekamen Magenschmerzen, wenn sie seine Filme zu begutachten hatten. Das einzige, wofür sie ihm dankbar gewesen sein müssen, war, dass sie an ihm so richtig schön das Messer wetzen konnten. Pauline Kael, die berühmte Schreiberin des "New Yorker", hat, als sie vor Jahren in Rente ging, öffentlich bedauert, dass sie nun nicht mehr Clint Eastwood quälen könne, wie sie das ihr gesamtes berufliches Leben lang getan hat. Das sei der einzige Nachteil ihres Ruhestandes, seufzte sie – und unter diesem Kummer ist sie vor einigen Monaten gestorben.

1971 hatte Clint Eastwood in 22 Kinofilmen gespielt, vornehmlich in B-Movies von Don Siegel und Spaghetti-Western von Sergio Leone. Sieben Jahre lang war er außerdem seinen Landsleuten als Fernseh-Cowboy in die Wohnstube geritten. Zwar umwehte ihn bereits die Aura des Außenseiters, der sich nicht beirren lässt. Dennoch: Viel mehr konnte nicht kommen, würde er ewig so weitermachen.

Die Zeit war also reif, das Geheimnis preiszugeben: Clint Eastwood war dem Jazz verfallen. Ein Doppelleben hatte er all die Jahre geführt, man rieb sich die Augen. Noch war er nicht so weit, dass er, wie Jahre später, anmerken konnte, Western und Jazz seien die einzigen wahren Kunstformen, die Amerika hervorgebracht hat. Solche tiefschürfenden Aussagen waren ihm, dem großen Schweiger, damals noch nicht zu entlocken.

Doch gleich mit dem ersten Film, den der immerhin schon 41jährige als Regisseur hinlegte, einem Thriller, bewies er seine offenbar tiefsitzende Abhängigkeit von der Droge Jazz: In "Play Misty For Me" (Deutscher Titel: "Sadistico - Wunschkonzert für einen Toten") peitschten keine Pistolenschüsse mehr in felsigen Schluchten. Stattdessen rollte aufreizend Erroll Garners Klavier. Zwar führte auch der Trip des von Eastwood gespielten Radio-DJs Dave Garland nach Westen. Dies aber nicht, wie früher, auf dem Rücken eines Pferdes hinein in den Sonnenuntergang, sondern am Steuer eines Cadillacs nach Kalifornien zum Monterey-Jazzfestival, wo die Gebrüder Adderley mit Soul-Jazz der Hippiejugend einheizten.

"Misty" war noch ein Low-Budget-Film, eine kleine Spielerei, eine Art Versuchsritt auf neuem Gelände. Man wechselt ja als Filmemacher nicht ungestraft abrupt das Genre. Eastwood hatte erstmal vorsichtig ins Wunderland des Jazz hineingeschnüffelt, was ihn klugerweise nicht davon abhielt, weiter Actionfilme und Western zu machen. "Dirty Harry" kam ja noch, die "Flucht von Alcatraz", und immer wieder zog er den Colt – bis hin zum grandiosen "Oscar"-gekrönten Edel-Western "Erbarmunslos" im Jahre 1992.

Aber immerhin, der andere, der swingende Eastwood war aus dem Schatten getreten und dachte nicht daran, es mit diesem einmaligen Auftritt bewenden zu lassen. Im Melodram "Honky Tonk Man" (1982) , spielte er, wieder in eigener Regie, den so begabten wie versoffenen, pillenschluckenden Country & Western-Helden Red Stovall – nachempfunden dem legendären Hillbilly-Helden Hank Williams. Und erneut gab Eastwood zum Staunen Anlass: Er konnte singen und Gitarre spielen. Kein Playback, kein synchrones Bewegen der Lippen zur Stimme eines anderen, wie das meistens geschieht, wenn Schauspieler Musiker abgeben müssen.

Zwei Jahre später wieder eine faustdicke Überraschung: Clint am Klavier, jazzig, bluesgesättigt, auch hier selbst spielend. Die Kamera erfasste seine langen feingliedrigen Hände auf den Tasten. "Der Bulle und der Schnüffler" hieß dieser Film. Den deutschen Hollywood-Regisseur Wolfgang Petersen muß die Szene so beeindruckt haben, dass er Clint Eastwood Jahre später, 1993, noch einmal und noch überzeugender ans Klavier holte: als Barpianisten und reaktivierten Sicherheitsbeamten Frank Horrigan in "In the Line of Fire - Die zweite Chance".

Dazwischen, 1988, hatte Eastwood sich endgültig seinen Ritterschlag als Jazzfilmer geholt. Sein von Liebe, Leidenschaft und Sachkenntnis durchdrungenes Opus "Bird", die Lebensgeschichte des genialen, selbstzerstörerischen Bebop-Altsaxophonisten Charlie Parker, war kein behutsamer Ausflug ins andere Lager mehr. Dies war die große Session,
bigbandhaft inszeniert, ein Fest für Cinéasten und Jazz-Insider. Nicht ohne quälende Elemente freilich für den Zuschauer, da Eastwood gnadenlos fast drei Stunden Konzentration forderte. Mit "Bird", für dessen Soundtrack sein musikalischer Direktor Lennie Niehaus, selber ein bedeutender Saxophonist und Lehrer, die Originalsoli von Parker, Dizzy Gillespie und anderen Heroen der 40er Jahre verwendete, erlangte der einstige Revolverheld ein Renommee in der Jazzszene, wie es vor ihm noch kein Filmschaffender hatte.

Heute, da an seinem Ruhm als der großen amerikanischen Doppelbegabung nicht mehr zu kratzen ist und selbst die meisten Filmkritiker ihre Aversion gegen ihn überwunden haben, bequemt Eastwood sich auch gelegentlich, über die Ursprünge seiner Liebe zum Jazz zu reden. Bezeichnenderweise wird man hier eher fündig, wenn man in englischsprachigen Fachblättern wie "Down Beat", "Jazz Times" oder "Mojo" stöbert, nicht so sehr in den Organen der Filmbranche. Zu den Musikjournalisten, so scheint es, hat er diesbezüglich mehr Vertrauen als zu den Film-Schreibern. Auch seinem Biografen Richard Schickel, von Haus aus Filmjournalist, dessen lesenswerte Eastwood-Biografie von 1996 in deutscher Übersezung bei Goldmann erschienen ist (500 Seiten, 25 Mark), vertraut Eastwood die Details seines musikalischen Werdeganges eher zögerlich an.

Geboren 1930 in San Francisco, verbrachte er den größten Teil seiner Jugend in diversen kalifornischen Regionen. Bei den Eastwoods, einer hochmusikalischen Familie, stand ein Klavier, auf dem der Junge früh herumklimperte, zunächst fasziniert vom Boogie Woogie Albert Ammons' und Meade Lux Lewis'. 1943, als Clint 13 war, kam seine Mutter nach Hause, einen Stapel Platten des gerade verstorbenen Stride-Piano-Meisters Fats Waller im Arm. "Dieser Mann war der Größte", schwärmte sie und empfahl: "Nimm Dir ein Beispiel an ihm!", was beim Sohn auf fruchtbaren Boden fiel.

Er übte wie besessen. Mit seinen Schulfreunden zog der Teenager durch die zahllosen kalifornischen Klubs. Er hörte die Bigbands von Stan Kenton, Woody Herman und Count Basie. Er stand "starr vor Staunen", was die jungen Wilden wie Parker und Gillespie, Coleman Hawkins und Lester Young "auf dem Horn" hinbekamen. Und er lernte den jungen Pianisten Dave Brubeck schätzen, dessen Karriere in den Aulen der Universitäten begann.

Eastwood selber trat manchmal im "Omar Club" von Oakland auf, wie er sich erinnert, "bezahlt wurde ich mit Pizzas, Bier und Trinkgeld." Kurz fasste er eine eigene Musikerlaufbahn ins Auge, was sich erledigte, als er seine Einberufung zur Armee bekam. Nach dem Militärdienst entschied er sich doch lieber für die Schauspielschule.

1995 hat Eastwood den für ihn so wichtigen musikalischen Impulsen seiner Jugendjahre im Film "Die Brücke am Fluß" kleine Denkmäler gesetzt – Leckerbissen für Eingeweihte. Nicht nur als Hintergrundmusik, sondern als diskrete dramaturgische, die erotische Spannung zwischen ihm und Meryl Streep steigernde Elemente setzte er die Balladen seiner frühen Lieblingssänger ein: Dinah Washington, Barbara Lewis, Johnny Hartmann. Einen Nachtklub, in dem das Bluesleben pulsiert, nannte er "Blue Note" – Hommage an das legendäre Schallplatten-Label, auf dem in den 40er, 50er und 60er Jahren jeweils die neuen Zeitalter des Jazz eingeläutet wurden.

"Drei berühmte Leute tun in diesem Land etwas für Jazz", hat der Trompeter Wynton Marsalis 1998 in einem Interview gesagt: "Bill Clinton, Bill Cosby und Clint Eastwood." Der ehrende Satz, so wurde aus Eastwoods Freundeskreis kolportiert, habe ihn mindestens so glücklich gemacht wie der "Oscar" für "Erbarmunglos".

Im selben Jahr schmunzelte man in Hollywood und auf der Jazzszene über Clint Eastwoods entweder echte oder kokettierende Naivität. Der Produzent und Regisseur sprach über die Enstehungsgeschichte seines neuen Thrillers "Mitternacht im Garten von Gut und Böse" und gab treuherzig ein nicht unbedingt glaubhaftes Detail preis.

In der Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von John Berendt geht es um einen mysteriösen Mordfall in einer Villa in Savannah/Georgia. Als man ihm das Drehbuch anbot, so Eastwood nun, habe er gar nicht gewusst, dass es sich um dieselbe Villa handelt, in der einst – lange vor jenem Mordfall – der berühmte Jazzballadentexter, - komponist und -sänger Johnny Mercer (1909 bis 1976) wohnte, Autor von Evergreens wie "Jeepers Creepers", "Moon River" und "Autumn Leaves". Erst als er es mit Verspätung erfuhr, habe er, Eastwood, beschlossen, der Jazzlegende Mercer qua Soundtrack die gebührende Ehre zu erweisen. "Wer's glaubt wird selig", lästerten die Leute aus seinem Team gutgelaunt hinter vorgehaltener Hand, "Clint kennt den Mercer-Katalog auswendig und weiß jedes Detail aus dessen Leben."

Wie auch immer: Eastwood huldigte dem Meister geradezu überschwenglich. Für den Soundtrack des Films wurden ausschließlich Mercer-Songs ausgewählt, gesungen unter anderen von Tony Bennett, Frank Sinatra, K.D.Lang, Cassandra Wilson und – Alison Eastwood, seiner Tochter. Sie ist Clints ganzer Stolz, sieht hinreißend aus und hat eine wunderbare Stimme.

Seinem Sohn Kyle dagegen, als Bassist und Bandleader kürzlich im Night-Club des Münchner Hotels Bayerischer Hof zu bewundern, bleibt die Stimme auf der Bühne meistens weg. Der schlaksige blonde Youngster mit dem Ziegenbärtchen scheint auch was die Maulfaulheit betrifft, seinem Daddy nachzueifern. Conférence während des Auftritts ist seine Sache nicht. Doch dafür hat er in einem Interview bereitwillig erzählt, dass er alles im Leben und vor allem die Liebe zum Jazz seinem Vater verdanke.

Dessen einstiges Doppelleben hat sich inzwischen mit der Filmexistenz zu einem untrennbaren Ganzen verschmolzen. Unter Clint Eastwoods Firmendach "Malpaso" führen seine Filmproduktion, seine Schallplattenfirma und sein Musikverlag ein gleichberechtigtes Dasein. Längst muss der mittlerweile ergraute, bald 72 Jahre alte "American Hero" (so nannte ihn das Magazin "Rolling Stone") keine geheimen Botschaften mehr aus dem Zauberreich des Jazz in seine Filme schmuggeln.

Im Gegenteil: Immer wenn er sich zurückzieht und mit ungebrochener Energie Drehbücher liest, Produktionspläne erarbeitet und Schauspielerkollegen fragt, ob sie frei sind, einen Film mit ihm zu machen – dann, so wissen seine Mitarbeiter, ist die spannendste Frage noch lange nicht beantwortet: Welche Musik wird wohl zu hören sein? Welche Überraschung wird er uns diesmal bescheren?

In dem Justizdrama "Ein wahres Verbrechen" (1999) wartete die kanadische Sängerin und Pianistin Diana Krall, mittlerweile selber ein Weltstar, mit einer solchen Überraschung auf: Sie steuerte die Ballade "Why Should I Care" zum Soundtrack bei – Komponist: Clint Eastwood.

Auch Eastwoods vorerst letztes Werk, "Space Cowboys" aus dem Jahr 2000, ist wieder ein musikalisches Festmahl mit unterschiedlichsten Zutaten: das Leitmotiv, komponiert von ihm selbst, die kongeniale Filmmusik seines langjährigen Freundes und Mitstreiters Lennie Niehaus, eingesprenkelte Songs von Willie Nelson und Neil Young, Saxonfonsoli von Josua Redman.

Am schönsten aber, nach den vielen Soul-, Blues- und Folkeinlagen, die einem in dieser hinreißenden Alte-Männer-Komödie das Herz wärmen, ist der letzte Titel, eingespielt zur Schlussszene, in der Cowboy Tommy Lee Jones an einem Mondkrater sitzend die letzte Ruhe gefunden hat: Frank Sinatra, begleitet von Count Basie, singt "Fly Me To The Moon".

Ein Lied aus der Zeit, als viele den Jazz noch am liebsten zum Mond geschossen hätten. Dass er dort nie landen wird, verdanken wir Leuten wie Clint Eastwood.

31. Januar 2002

Leserbrief


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