Tourismus wohin?

Vom sanften und vom unsanften Reisen

"Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet" (Hans Magnus Enzensberger). In Thailand ebenso wie in den Alpen.

Judith Brandner

Die Neugierde und Sehnsucht des Menschen nach fernen Ländern, nach dem Unbekannten, dem Exotischen ließen ihn immer neue Ziele aufspüren. "Die Entdeckung des Nordpols war unvermeidlich", meinte schon Karl Kraus. Trotzdem habe es vor rund 100 Jahren weniger weiße Flecken auf der touristischen Weltkarte gegeben als heute, sagt der Ethnologe Dieter Kramer vom Museum für Völkerkunde in Frankfurt. Nicht unentdeckte Gegenden sind gemeint, sondern solche, die im Gegensatz zu früher ihre touristische Attraktion verloren haben – die Beispiele sind zahlreich. Schlimm für die Länder des Südens, die vom Tourismus leben – fällt diese Einnahmequelle weg, drohen soziale Unruhen – was zusätzlich dazu beiträgt, dass das Land touristisch uninteressant wird. Ein Teufelskreislauf.
Die Gewinne aus dem Tourismus müssten der Bevölkerung des Landes zugute kommen und nicht internationalen Reisekonzernen oder großen Hotelketten, fordert Kramer. Nur wenn der lokalen Bevölkerung Kaufkraft bleibe, könne Tourismus als eine Chance zur globalen Umverteilung betrachtet werden. Das ist das oberste Prinzip des sanften Reisens, ob es nun als sozial- und umweltverträglich oder als nachhaltig bezeichnet wird.
Für Manfred Pils von Naturfreunde International ist die Lungenseuche SARS aktueller Anlaß, eine globale Sozialpolitik einzufordern: "Wir können natürlich immer so tun, als wäre Tourismus in Entwicklungsländer billig, weil die sozialen Kosten dort niedrig sind. Beispiele wie SARS machen den Touristen die Notwendigkeit eines funktionierenden Gesundheitswesens deutlich – sonst können auch sie dort nicht mehr hinfahren!"

Die Reisenden und die Bereisten. Der moderne Tourismus ist in hohem Maße eine Wohlstandserscheinung – und weitgehend eine Einbahnstraße von Nord nach Süd. Die Suche nach dem Abenteuer und der Reiz des Unbekannten sowie die ökonomische Kalkulation des billigeren Pauschalangebots in der Ferne sind einige Gründe, weshalb Fernreisen immer noch boomen – trotz Kriegen, Terrorismus und Seuchen. Etwa ein Drittel aller Tourismus-Ankünfte entfällt auf Entwicklungsländer. "So wie sich der Tourismus heute präsentiert, ist die Situation unausweichlich, dass Reiche Arme besuchen, die Vertreter einer international vermeintlich dominanten Kultur eine dominierte Kultur besuchen. Das muss zu Spannungen führen!" meint Heinz Fuchs von Tourism Watch in Bonn, einer Einrichtung des Evangelischen Entwicklungsdienstes, die sich mit den Auswirkungen des Tourismus in den Entwicklungsländern befasst.
Tourism Watch versucht Reisende im Inland für die Probleme in den Zielländern zu sensibilisieren und macht Lobbyarbeit, um die politischen Rahmenbedingungen für den Tourismus zu verbessern. Weder in Deutschland noch in Österreich gibt es ein Tourismusministerium, kritisiert Fuchs, dabei wäre es notwenig, das Verhalten der heimischen Touristen im Ausland zu einem Teil der Außenpolitik zu machen.
Für die schlimmen Auswirkungen touristischen Fehlverhaltens gibt es unzählige Beispiele. Im Nordwesten der ehemaligen deutschen Kolonie Südwestafrika im südlichen Afrika beispielsweise lebt die Bevölkerungsgruppe der Himba. Bis heute habe der Tourismus dort für die Menschen nur Negatives gebracht, erzählt Maxi Louis, die Direktorin von nacobta, einem Verband namibischer Gemeinden zur Förderung von Tourismus in vernachlässigten ländlichen Gebieten. Was ist schiefgelaufen? Viele der Touristen, die in das äußerst dünn besiedelte Land kommen, bereisen das Land mit dem Auto, was problemlos und einfach möglich sei, sagt Maxi Louis. Dadurch gelangen sie jedoch in die entlegensten Dörfer: "Sie gehen einfach in die Häuser der Leute, fotografieren, geben den Bewohnern Alkohol zu trinken. Das hat die ursprüngliche Lebensweise und das gesamte traditionelle Gefüge zerstört." Der ungewohnte Alkohol, ursprünglich nur zu bestimmten Festen und Anlässen getrunken, ist heute das größte Problem: "Die meisten lungern jetzt in den Städten herum, wollen nicht mehr in die Dörfer zurückgehen und dort arbeiten. Es sei doch viel einfacher, von dem Geld zu leben, dass sie von den Touristen für ein Foto bekommen, als von der harten Arbeit im Dorf, sagen sie. Noch schlimmer aber ist das Problem mit den Kindern. Wir versuchen, sie in das normale Schulsystem zu integrieren – sie aber finden es einfacher, betteln zu gehen!" Mit Hilfe der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit versucht es Namibia nun mit "Community Based Tourism", Tourismus auf Dorfebene. Das ist eine Form von sanftem Reisen in Länder des Südens, die ausschließlich der lokalen Bevölkerung zugute kommt und bei der die Dorfbewohner von Anfang an in die Tourismusprojekte eingebunden sind. Sie selbst geben die Regeln für die Besucher vor. Fehler aus der Vergangenheit sollen vermieden werden, sagt Maxi Louis.
Genau das wollen einige Dörfer in Thailand auch, erzählt die Ethnologin und Thailandspezialistin Nicole Häusler aus dem Norden des Landes. Auch dort leben ethnische Minderheiten. Wie im Menschenzoo werden sie pauschal von Touristenhorden bereist, bestaunt, abfotografiert, ohne finanziellen Gewinn zurückgelassen. Oft sei es so, sagt Nicole Häusler, dass die Touristen nach ein, zwei Jahren dann ausblieben, weil ihnen das Dorf "nicht mehr authentisch genug sei". Sie weiß, wovon sie spricht: War sie doch für den Tourismus-Multi TUI tätig, ehe sie Consulterin für sozial- und umweltverträglichen Tourismus wurde.
Im Dorf Baan Huay Hee an der Grenze zu Burma beispielsweise, wo die Ethnie der Karen lebt, haben die Dorfbewohner nun klare Regeln aufgestellt: Wer sie besucht, muss mindestens eine Nacht bleiben, um Einblick in das Leben einer Karen-Familie zu bekommen, ordentliche Kleidung tragen und sich an das Alkoholverbot halten. Und das Dorf hat sich eine Selbstbeschränkung von 200 Besuchern jährlich auferlegt. Ein Teil der Einnahmen aus dem Tourismus kommt in einen Gemeinschaftstopf: für Schulbücher für die Kinder, zur Unterstützung für die ärmsten Familien.

"Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet", meinte der deutsche Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger schon vor Jahren in seiner Tourismuskritik. Das trifft auf Thailand ebenso zu wie auf die Alpen.
Die Lust auf Erfahrung, Wissenserweiterung und Experimentierfreudigkeit brachte im ausgehenden 18. Jahrhundert eine elitäre Schicht von Wissenschaftern und ihren Gönnern ins Gebirge, schreibt der Salzburger Historiker Hans Haas im Buch "Der Alpentourismus": "Die Alpen wurden entdeckt, bestiegen, vermessen, kartographiert, abgebildet". Rund zwei Generationen nach den spektakulären Erstbesteigungen, zu einer Zeit, als die Eisenbahn die Menschen ins Gebirge brachte, setzte der Bergtourismus ein: die Alpenvereine bauten Wege und Kletterpfade bis hinauf in die Gipfelregion, markierten schöne Aussichten, errichteten Hütten und ganzjährig bewirtschaftete Schutzhäuser und zuletzt das Alpenhotel mit Telefon. Später kamen die Alpenbahnen dazu, die Seilbahnen immer höher hinauf. "War das", fragt Haas, "eine neue Variante des biblischen Auftrags an die Christenheit, macht euch die Welt untertan?" Heute sieht es jedenfalls ganz danach aus: Die Alpen sind das am dichtesten erschlossene Berggebiet der Erde, durchzogen von einem gut ausgebauten Netz an Straßen und Transitrouten. In Österreich sind nach Schätzungen des WWF, des World Wide Fund for Nature, nur mehr drei Prozent der Gebirgsregionen unberührt.
Der österreichische Volkskundler Hans Haid, bekannt für seine pointierten Sichtweisen, spricht von einem "Goa in den Alpen" und meint konkret:
"Auf einer Fläche von rund 180.000 Quadratkilometer leben rund 13 Millionen Menschen. Sie werden heimgesucht, genährt und kahlgefressen von 120 Millionen Gästen mit 500 Millionen Übernachtungen in fünf Millionen Gästebetten. Die Alpenmenschen sollen dienen, Wiesen mähen, braungebrannte Holzhäuser konservieren, in Tracht jodeln, Baugründe verkaufen, auf Gäste warten, Schnäpschen kredenzen, den Pornostadl eröffnen, heil und geil am Jägerzaun warten, geduldig alles ertragen."

Wie aktuelle Ausbaupläne beweisen, geht der Trend in die Richtung: immer mehr, Masse statt Klasse. In Österreich hänge das auch mit der Verschuldung der Tourismusbetriebe zusammen, erklärt Manfred Pils: "Die Eigenkapitalquote ist in Österreich sehr gering, alles lebt auf Pump. Dabei haben wir viel zu viele Hotelbetten! Eine Lösung kann nur sein, auf einen Qualitätstourismus zu setzen, der bei gleichbleibenden Zahlen zu einer entsprechenden Wertschöpfung führt." Vorbild dafür könnte die Schweiz sein. Dort kenne man eher das Problem einer zu geringen Auslastung, als der Überwirtschaftung wie in Österreich, erklärt Dominik Sigrist von der Fachstelle für Freizeit, Tourismus und Landschaft der Hochschule für Technik in Rapperswil. Dazu kommt ein extremer Konzentrationsprozess: "Starke Destinationen wie Ischgl werden immer stärker, die Nationalparkregionen verlieren, weil sie nicht die Kraft haben, ausreichend Marketing zu betreiben", meint Sigrist. Und mit den Billigangeboten für Fernreisen – in Länder, wo niedrigere Arbeitskosten und schlechtere soziale Bedingungen ungleiche Rahmenbedingungen schaffen, könnten kleinere Regionen in den Alpen sowieso nicht mithalten.
In regelmäßigen Abständen werden gute Vorsätze gemacht. Viel wird geredet von Nachhaltigkeit, Qualität statt Quantität. Gemeinsam mit der Schweiz reklamierte Österreich das Thema Berge in den Aktionsplan zum Umweltgipfel in Johannesburg im Jahr 2002 - mit einem klaren Bekenntnis zur nachhaltigen Entwicklung, der Berücksichtigung der Sensibilitäten von Berggebieten, vor allem im Bereich Verkehrsplanung. Und Österreich machte sich für den Öko-Tourismus stark, denn schließlich war das Jahr 2002 ja das Jahr des Ökotourismus – und gleichzeitig auch das Jahr der Berge. Das ist nun vorbei und die Ausbaupläne für weitere touristische Erschließungen warten nur noch auf Realisierung. Dazu gehören z.B. das geplante Skiprojekt Verbindung Gastein-Mölltaler Gletscher in Salzburg, oder Neuerschließungsprojekte im Pitztal und in Ischgl. In Tirol, empört sich Manfred Pils von der Organisation Naturfreunde International, werde derzeit überlegt, den Gletscherschutz aufzuweichen, um die bestehenden Skigebiete zu vergrößern: "Das wird katastrophale Folgen haben. Die Gletscher sind unsere größten Wasserspeicher. Schon jetzt gehen sie aufgrund der Klimaveränderung zurück. Wir sind an der Grenze der Entwicklung!"
Mit künstlicher Beschneiung durch Schneekanonen reagiert man in den Tourismusregionen schon längst auf die globale Klimaänderung. Gewiß keine Variante von Ökotourismus. Um durchschnittlich eineinhalb Grad ist es in den vergangenen 100 Jahren in den Alpen wärmer geworden. Und die Gletscher haben dadurch seit 1850 rund die Hälfte ihres Volumens verloren. Nicht zuletzt die CO2-Emissionen, die die Flugreisen im Ferntourismus verursachen, tragen zur Erderwärmung bei. Es ist eine Spirale, die sich immer weiter dreht. Dazu kommt noch der Reisetrend der Zeit: Kürzer und öfter, lautet ja die Devise, statt länger und seltener. Tourismus und Freizeit sind für rund 50 Prozent des Gesamtverkehrs verantwortlich. Das Hauptproblem sind Kurzstreckenflüge, und gerade die steigen rasant an – nicht zuletzt durch Flugpreise, die unter den Bahntarifen liegen. Hier sei die Politik gefragt, regulierend einzugreifen, etwa durch die Besteuerung von Kerosin, fordert Manfred Pils.
Ein wichtiger Schritt ist die Alpenkonvention - das weltweit erste völkerrechtlich verbindliche Übereinkommen zum Schutz einer Bergregion. Von den sieben Alpenanrainerstaaten haben bislang nur Österreich, Deutschland und Liechtenstein die Durchführungsprotokolle in den zwölf Sachbereichen ratifiziert. Aber durch die Ratifizierung allein sei noch kein einziger Quadratmeter Alpenraum geschützt, gab etwa der WWF zu bedenken.
Und das internationale Jahr des Ökotourismus? Vielfach sei es gar nicht wahrgenommen worden, so die Bilanz des Instituts für Integrativen Tourismus in Wien. Und auf politischer Ebene habe es kaum Impulse geben, Ideen für Ökotourismus umzusetzen, so das ernüchternde Resümee. Dieter Kramer vom Museum für Völkerkunde in Frankfurt bleibt trotz allem optimistisch: die Schnelligkeit, mit der seit Anfang der 80er Jahre der Slogan vom "Sanften Tourismus" aufgegriffen worden sei, sei doch eigentlich ermutigend, meint er: "Niemand kann heute mehr sagen, dass Landschaft ein Verbrauchsgut ist!"
Vielleicht dehnt sich dieses Wissen eines Tages ja auch auf die Menschen aus, die die Landschaften bewohnen.

2. August 2003

Leserbrief

 

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