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Aufstellungen

Gute Schauspielkunst

Sind Politiker eher glaubhafte Selbstdarsteller, die uns etwas Wesentliches erkennen lassen, oder schlechte Komödianten, das heißt "routinierte Exekutoren angelernter Rollen"? Und welche der beiden Auftrittsarten, wenn denn Politik schon als "Schaukampf" inszeniert werden muß, hätten wir dann lieber? Oder geht da eins ins andere unmerklich über - die Authentizität in die Verschleierung, die Dramatik in den Jahrmarktsbudenbetrieb?

Von Gottfried Fischborn

Der Deutsche Paul Cassirer schon früh, dann die Amerikaner George Herbert Mead und Murray Edelman, nicht zuletzt der Franzose Pierre Bourdieu haben unseren Blick für die symbolische Dimension des sozialen Lebens und der politischen Kultur geschärft. Nicht sie allein, aber vor allem sie. Insbesondere Edelmans Unterscheidung zwischen den eigentlichen politischen Machtkämpfen und Entscheidungsprozessen einerseits, den öffentlich-publikumswirksamen Inszenierungen dieser Kämpfe und Prozesse andererseits wurde zu Recht ein einflußreiches Paradigma. "Politik als Zuschauersport", als eine "Parade abstrakter Symbole", als "bewegtes Panoptikum" trat dem traditionellen Politikverständnis als "Tätigkeit organisierter Gruppen zur Durchsetzung ganz spezifischer, greifbarer Vorteile" (Edelman: Politik als Ritual) zur Seite. Dirk Käsler hat terminologisch das Begriffspaar "Schaupolitik" versus "Entscheidungspolitik" dafür vorgeschlagen. (Käsler: Der Skandal als politisches Theater)

Es fällt im Lichte neuester Diskurse ein wenig auf, daß Edelman auf den Sport, die Parade, das animierte Jahrmarkts-Tableau ("Panoptikum") abhebt, nicht aber auf die Theater-Metapher im engeren Sinne. Sein Landsmann Richard Schechner hatte von "öffentlichen Aufführungsaktivitäten" ("public performance activities") gesprochen, wobei das Theater nur eine von ihnen darstellt, neben Sport, Ritual, Performance, geregeltem Spiel (game) und anderen. In den vielfältigen Debatten um "Theatralität", die in Deutschland zu einem Forschungsschwerpunkt unterschiedlichster Geistes- und Sozialwissenschaften geworden sind - nicht zuletzt durch Anstöße der modernen Theaterwissenschaft selbst! - wurde umgekehrt die "dramatologische" oder "theatrale" Perspektive als Folie installiert, auf der sich alle möglichen anthropologischen, kulturgeschichtlichen und eben auch soziologisch-politologischen Tabestände transparent darstellen lassen. Daneben gab und gibt es eine wild wuchernde alltagssprachliche und journalistische Theater-Metaphorik, die alles in einen Topf haut.

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Seit Juni beobachten wir die politischen Vorgänge in Berlin mit angehaltenem Atem: den Auseinanderfall der CDU-SPD-Koalition, die Kandidatenkür der Parteien, das Antreten Gysis, das Nichtantreten Schäubles. Vor unseren Augen scheint sich die politische Landschaft der Republik zu verändern. Im Zusammenhang mit diesen Ereignissen treibt die wohlfeile Theatermetaphorik, lange schon vor der Entscheidungsphase, wieder einmal Blüten. Probebühne Berlin, Berliner politisches Theater, Protagonisten , Masken, Täuschungen, Kulissenschieberei, Entertainment, Souffleure aus dem Hintergrund, heimliche Regie (zum Beispiel durch einen gewissen Herrn Kohl) und willfährige Claqueure - das sind nur einige der Stichworte, die man hören konnte.

Was wir erleben ist, daß das gesamte Ensemble der Schechnerschen Aufführungs-Aktivitäten als Schaupolitik via Bildschirm stattfindet: das Sportliche, das geregelt Spielerische, das Rituelle bis zur Reanimierung gestorbener Mythen (etwa: des kalten Krieges), das kunstvoll Theatralische. Längst ist die Show in unserer Wahrnehmung nicht mehr Symbolisierung, sondern selbst der vielleicht aufregendste Bestandteil des Politischen. Vermittelt sie uns als breitem Publikum das politische Geschehen auf symbolische Weise? Oder täuscht sie uns über das Wesentliche, das da geschieht? Beides. Die tägliche Show kann uns Teilnahme an der politischen Kommunikation genau in dem Maße ermöglichen, in dem wir uns nicht täuschen lassen. Das ist verdammt schwierig für einen jeden von uns, und es ist verdammt spannend.

Etwa: Zu den sich ritualisierenden rhetorischen Figuren gehört inzwischen auf allen Seiten der "Nachweis", der jeweilige politische Gegner mache "natürlich" reine Schau-, man selber aber konsequente Sach- und Entscheidungspolitik. Es geht darum, dem Gegner die bloße Show möglichst show-wirksam zu unterschieben, um ihm solcherart die Schau zu stehlen. So stilisiert man sich zum Sachpolitiker. Das ist natürlich lustig. Aber auch seriöse, um Sachlichkeit bemühte Journalisten folgen mitunter einem solchen Erklärungsmuster. So erschien erstaunlicherweise Gregor Gysi selbst in der "Zeit" (Nr. 20) theatermetaphorisch als "Anwalt auf der Hauptstadtbühne", der einerseits das unpolitische Berliner Bürgertum, andererseits das "linksliberale Milieu in Charlottenburg" mit seiner Sehnsucht nach Intellektualität und Niveau bediene - in merkwürdigem Gegensatz zum wirklichen PDS-Klientel und auch zu den sachpolitischen Ankündigungen des Kandidaten, die im gleichen Beitrag doch recht oberflächlich und ohne wirkliche Analyse als reine Vernünftelei abgetan werden.

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Das institutionelle Theater, gerade in Berlin, ist aber natürlich die eigentliche Heimstatt guter Schauspielkunst. Auf der politischen "Bühne" werden folgerichtig Politiker, die man kritisch hinterfragen möchte, derzeit gerne als schlechte Schauspieler beschrieben. Oder als schlechte Politiker, weil sie bloße Schauspieler seien. Auch da kommt ja der letztere Berufsstand nicht besonders gut weg. Man fühlt sich an "Schauspieler!" schreiende Fußballfans erinnert, die den sich im Strafraum windenden, aber angeblich unberührt gebliebenen gegnerischen Spieler auspfeifen. Gregor Gysi, wen wundert's, wurde zum bevorzugten Objekt solcher Übungen. Franz Müntefering ist nicht der Einzige, der nicht müde wird, ihn nicht als Politiker, sondern als "Entertainer" zu bezeichnen, und Klaus Hartung gab seinem erwähnten "Zeit"-Artikel die Überschrift "Die Stunde des Komödianten".

Dagegen könnte man freilich fragen, ob nicht gute Schauspielkunst einer guten politischen Kultur dienlich sei. Wir halten die Antwort vorerst offen. Was aber ist gute Schauspielkunst im politischen Geschäft? Ich würde sagen: gelungene Selbstdarstellung. Die ihre Mittel und auch ihre Wirkungen durchaus kennt und sie, bewußt oder unbewußt, zielführend und mediengerecht einsetzt und insoweit wirklich als eine "Kunst" bezeichnet werden kann. Die aber eben auf die überzeugende Präsentation des eigenen Selbst aus ist, nicht auf fremde, angenommene Rollen - und sich insoweit vom eigentlichen künstlerischen Theaterspiel prinzipiell abhebt. Politdarsteller wie Gregor Gysi agieren auch vor Publikum, aber es ist wenigstens die eigene Rolle, die sie spielen. Dem politischen Seiteneinsteiger Gysi wird von sehr Vielen zugetraut, er sei einfach so wie er ist, und genau das bringe er souverän, spielerisch, lustvoll "rüber". Über sein politisches Programm sagt das nichts. Man mag es ablehnen oder nicht - jedenfalls hat man offenbar nicht den Eindruck, hier sei jemand in die Rolle des Verkäufers oder des Demagogen geschlüpft. Wenn der konservative Zeitgeschichtler und leidenschaftliche PDS-Gegner Arnulf Bahring sich nicht genug damit tun kann, die Eloquenz, den Charme, die persönliche Integrität dieses politischen Gegners öffentlich zu rühmen, kann das kein Zufall sein. Gute Schauspielkunst überzeugt.

Ein anderes Beispiel, halten zu Gnaden, ist Sahra Wagenknecht, bundesweit beargwöhnte Sprecherin der (an Mitgliedern übrigens sehr schwachen) Kommunistischen Plattform in der PDS und Angehörige des Parteivorstandes. In der Sendung "Sabine Christiansen" vom 24. Juni habe ich Frau Wagenknecht zuletzt beobachten können. Sie war hier einmal nicht jenes dogmatische enfant terrible, das auch den Reformern innerhalb der PDS das Leben schwer macht. Diszipliniert, entschieden, engagiert vertrat sie mit bedenkenswerten Argumenten, streitbar und sachlich zugleich, vor allem auf wirtschafts- und sozialpolitischem Gebiet, die Programmatik ihrer Partei, ganz ohne sektiererische Akzente, man könnte sagen: sie übte Parteidisziplin. Selbst die Gegner aus dem Wirtschaftslager hörten ihr aufmerksam zu.

Ebenfalls eine überzeugende Selbstdarstellung. Doch anders als bei Gysi wurde sie nicht im lustbetonten Spiel zelebriert (was ja Redlichkeit nicht ausschließt), sondern einfach durch die "Ausstrahlung" der Person vermittelt - und freilich durch die Rosa-Luxemburg-Ganzkörpermaske, die einen Teil dieser Ausstrahlung ausmacht. Letzteres, ein eindeutiges Theatralitäts-Moment, mag man belächeln oder sehr verschiedenartige Asssoziationen damit verknüpfen. Die, daß der verdammte Kommunismus leider eine hartnäckige Sache sei, oder die, daß dieser Begriff einen anderen Klang haben könnte, wenn die Geschichte auf Luxemburgs Bahnen verlaufen wäre statt auf denen von Lenin und Stalin. Wie dem auch sei: "Ausstrahlung" ist nichts Mystisches (wir können hier leider nicht näher darauf eingehen), sondern, wie jeder Theatermensch weiß, integraler Bestandteil des Talents. In diesem Fall überbrachte sie die Botschaft: Zum Popanz jedenfalls taugt die Frau schlecht. Gute Schauspielkunst auch hier.

Das dritte Beispiel ist (soll ich nochmals einfügen: halten zu Gnaden?) Frank Steffel, der CDU-Kandidat für den Posten des Regierenden Bürgermeisters. Wieder hat man den Eindruck - und man hat ja leider in jedem Falle immer nur "Eindrücke" -, der Mann brauche nur er selbst zu sein, um die Rolle auszufüllen, die man ihm übertragen hat. Und dieser 35jährige Jungunternehmer, geistig und rhetorisch beweglich, mit einer Yuppie-Ausstrahlung von der angenehmeren Art, ironisch und schlagfertig, jungenhaft lächelnd, versteht es, seine Vorfreude an der erstrebten politischen Gestaltungsmöglichkeit auf seine Zuschauer zu übertragen. Wir haben es in derselben Sendung erlebt, in der auch Sarah Wagenknecht auftrat, und einen Tag später im "Grünen Salon" von n-tv womöglich noch prägnanter. Man muß schon, wie der Verfasser dieser Zeilen, politisch ganz anders denken als Herr Steffel, um kein bißchen davon angesteckt zu werden. Anderenfalls bekommt man wahrscheinlich Lust, mit ihm in denselben knackigen Apfel zu beißen. Noch einmal: gute Schauspielkunst.

Brauchen wir nun eigentlich gute Schauspielkunst auf den Bühnen der Schaupolitik? Versuchen wir es mit zwei gegensätzlichen Antworten.

Unsere drei Beispiele könnten nahelegen, die guten Schauspieler, sprich: die glaubhaften Selbstdarsteller, seien auf dem Vormarsch gegenüber den schlechten Komödianten, sprich: den routinierten Exekutoren angelernter Rollen. Wenn es denn überhaupt eine Schaupolitik geben müsse, die Entscheidungspolitik symbolisch vermittelt - und daran sei unter heutigen Bedingungen nicht zu zweifeln! -, dann lieber mit jenen als mit diesen. Es sei gut für die Demokratie, wenn die mediale Personalisierung, ohne die nichts mehr geht, eher etwas erkennen lasse, als daß sie etwas vernebele. Gute Schauspielkunst diene der Kenntlichkeit der Akteure. Und das sei immerhin ein kleiner Schritt zur Performance an Stelle des Panoptikums.

Die andere Antwort: Auch der Österreicher Jörg Haider sei ein guter Schauspieler, nämlich ein "authentisch" wirkender Selbstdarsteller. Das Argument, eben dadurch würde er in seiner ganzen Fragwürdigkeit kenntlicher, treffe nur auf den kleineren Teil des Publikums zu - auf jenen, der die "Zuschaukunst" (Brecht) schon ausreichend beherrscht. Weitaus mehr Menschen aber würden dadurch getäuscht. Das Beispiel sei weithin übertragbar. Worauf es letztlich ankäme, seien einzig und allein die Inhalte.

Stimmt. Aber wie die Dinge liegen, müssen wir hinzufügen: Entwickeln wir auch die Zuschaukunst.

27. August 2001

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