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Die Freiheit schon vor Augen

Das Ende der Achthundert

Der vom "Mossad le Alija Bet" im November 1939 organisierte Transport auf Donauschiffen war, das wußten die etwa tausend Flüchtlinge, illegal (Foto unten: Album von Ahd Nadir, einem der Überlebenden). Sie kamen bis an die rumänische Grenze, bis in den kleinen Donauhafen Kladovo. Dann brauchte man die Schiffe für Wichtigeres, und die Flüchtlinge wurden auf Kohlenschleppern donauaufwärts zurückgeschickt. Im Frühjahr 1941 fielen sie in Šabac in die Hände der Deutschen, vor denen sie seit achtzehn Monaten auf der Flucht waren. Anfang 1942 wurden bis auf zweihundert Jugendliche alle ermordet. Deutsche und österreichische Soldaten und Offiziere der Wehrmacht waren an diesem Massaker beteiligt.

Von Judith Brandner

Wie schreibt man
einem Kriegsverbrecher einen Brief? Einem KZ Kommandanten, der davon wußte, dass hunderte Juden in Gaswägen ermordet wurden? Vor dieser Frage stand vor einigen Jahren der österreichische Historiker Walter Manoschek, als er 1993 für die Arbeit an einem Buch über den gescheiterten Transport von Juden nach Palästina Kontakt zum ehemaligen SS-Untersturmführer und Kommandanten des KZ Sajmiste bei Belgrad, Herbert Andorfer, aufnehmen wollte: "Es beginnt schon damit, welche Anrede man wählt. Spricht man einen Mann, der tausende Menschen ermorden hat lassen, mit ‚lieber Herr' an?" erinnert sich Walter Manoschek an seine damaligen Überlegungen. Schließlich schickte er Andorfer Teile seines Manuskripts und ersuchte um eine Stellungnahme des "Zeitzeugen". Andorfer befand 90 Prozent des Inhalts für korrekt, den Rest bezeichnete er als falsch. Interessanterweise betrafen diese Stellen Andorfer selbst. Doch Manoschek hatte sich bei seiner Arbeit auf Andorfers eigene Aussagen gestützt, wie er sie im Prozess gegen ihn in den 60er Jahren gemacht hatte. Denn wegen Beihilfe zum Mord an jüdischen Frauen und Kindern war Andorfer 1967 von einem Gericht in Deutschland zu zweieinhalb Jahren Haft (!) verurteilt worden.
Doch an die genauen Gründe dafür und an seine Zeit am Balkan kann oder will sich der mittlerweile 90jährige, der in einem kleinen Ort in Österreich lebt, nur mehr rudimentär erinnern. Sajmiste? Nie gehört, sagt er mir gegenüber am Telefon. Was, KZ Kommandant soll er gewesen sein? Andorfer lacht heiser auf.

Von den Österreichern vertrieben, von den Engländern nicht hineingelassen, von den Deutschen ermordet!

Im November 1939, zu einer Zeit, als die meisten Länder ihre Tore für jüdische Flüchtlinge bereits fest verschlossen hatten, verließ ein Transport Wien in Richtung Bratislava. "Es gibt kaum Passagierlisten und wir können daher keine genauen Zahlen nennen, aber es waren zirka 1000 Menschen, die meisten von ihnen aus Wien", sagt die Historikerin Gabriele Anderl.
Für die Organisation des Transports zeichnete der "Mossad le Alija Bet" verantwortlich, eine in Palästina gegründete Organisation zur Rettung europäischer Juden. In erster Linie sollten die Mitglieder der sogenannten Hechaluz gerettet werden, einer zionistischen Pionierorganisation. Junge Menschen, die Palästina aufbauen könnten, hatten Priorität. Die jüdische "Auswanderung" war zunächst durchaus im Sinne der antisemitischen Politik der Nationalsozialisten. Bereits im August 1938 hatte Adolf Eichmann in Wien die "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" errichtet. Im Herbst 1939 verstärkte Eichmann den Druck auf die jüdischen und zionistischen Organisationen, die "Auswanderung" zu intensivieren.
Die Flucht in das britische Mandatsgebiet Palästina war zu dieser Zeit eine der letzten Hoffnungen, den Nazis zu entkommen. Doch auch die Briten hatten längst strenge Einwanderungsbeschränkungen erlassen – die Einwanderung wurde seit den 20er Jahren durch ein kompliziertes Quotensystem mit Zertifikaten verschiedener Kategorien geregelt. Im Mai 1939 reduzierten die Briten die Immigration durch das sogenannte Weißbuch auf ein Minimum. Mit Kriegsbeginn wurden jüdische Flüchtlinge aus den feindlichen Gebieten ebenfalls als "feindliche Ausländer" betrachtet. Auf die Balkanländer entlang der Donau wurde Druck ausgeübt, Flüchtlingsschiffe an der Durchfahrt zu hindern. Der Transport, der später als Kladovo-Transport in die Geschichte eingehen sollte, war also ein illegaler und fuhr in dem Bewußtsein los, dass es äußerst riskant, vielleicht sogar unmöglich sein werde, nach Palästina hineinzukommen.
Die Reise auf der Donau Richtung Palästina sollte für den "Kladovo-Transport" zu einer schrecklichen Odyssee werden. Die Flüchtlinge waren auf drei jugoslawische Ausflugsschiffe aufgeteilt. "Es gab ein Schiff mit älteren Leuten, die keiner zionistischen Bewegung angehört haben, ein Schiff mit den Religiösen und ein Schiff mit den Mitgliedern der Jugendbewegungen", erinnert sich der 1925 in Wien geborene Josef Kohn, der zionistischen Jugendbewegung angehörte. "Zu den nicht-zionistischen Jugendlichen hatten wir wenig Kontakt, es war eine ziemlich geschlossene Gesellschaft", erzählt Kohn. Genau darunter hatte Chaim Schatzker sehr gelitten. Schatzker, mittlerweile angesehener Historiker in Israel, war mit demselben Transport wie Kohn aus Wien geflohen; ebenso wie Kohn hatte er das Glück, dass er im richtigen Alter war, in die Kategorie der 15- bis 17- jährigen fiel und daher ein Jugendzertifikat für die Einreise nach Palästina erhielt. "Am Schiff wurden wir anderen Kinder von den Jugendgruppen nicht gelitten, und bei den Erwachsenen wollte man uns überhaupt nicht haben", erinnert sich Schatzker mit Bitterkeit an psychisch und physisch unvorstellbare Zustände auf dem Schiff: "Wir mussten uns in ungeheizten Glaskabinen bei minus 20, 30 Grad aufhalten, da haben wir gespielt. Es war schmutzig. Und zum Schlafen war es so eng, dass sich die ganze Reihe umdrehen mußte, wenn sich einer umdrehte. Jeden Abend war es ein neuer Kampf."

Gestrandet

Im Dreiländereck Rumänien – Jugoslawien - Bulgarien wurden die Schiffe erstmals gestoppt. Es war Jahresende 1939. Am Eisernen Tor, im kleinen Donauhafen Kladovo sollte die Eisschmelze abgewartet werden. Nach einiger Zeit durften die Flüchtlinge an Land gehen, manche wohnten bei Bauersfamilien in der Umgebung, für die zionistischen Jugendlichen wurde ein Zeltlager errichtet. Aus dem kurzen Aufenthalt wurden Monate des Wartens und der Unsicherheit. Die Menschen waren angespannt, es gab Konflikte und Zwistigkeiten, erinnern sich Überlebende. Die Gruppe war äußerst heterogen zusammengesetzt, sowohl was ihren sozialen Hintergrund betraf als auch ihre Haltung zum Zionismus und Palästina. Zum Bangen kamen Hunger, Krankheiten, Seuchen. "Später dann, in Sabac, da war es etwas leichter", erinnert sich Josef Kohn: "das gesellschaftliche Leben war bunter, es gab sogar ein Theater". Chaim Schatzker hat vor allem die Schule in positiver Erinnerung behalten. Zuvor gab es für die Kinder nichts zu tun - das sei schrecklich gewesen. Die Schule wurde organisiert, während die Schiffe in Kladovo festsaßen. Vorher war das nicht möglich gewesen, weil es verboten war, an Land zu gehen.
Das kleine serbische Städtchen Sabac nahe Belgrad war der nächste ungewollte Aufenthalt der Gruppe. Im September 1940 wurden die Flüchtlinge, deren Zahl mittlerweile auf 1200 angewachsen war, zu ihrem Entsetzen auf einem Kohlenschlepper rund 300 Kilometer stromaufwärts geschickt – also zurück in die Richtung, von der sie aufgebrochen waren. In Sabac verbesserten sich die Lebensbedingungen, doch die Ungewissheit blieb. Mehrere Male wurde die Weiterreise angekündigt – und in letzter Sekunde wieder abgesagt. Über die Gründe habe es Gerüchte und Spekulationen gegeben, berichten Überlebende, doch war wirklich los war, habe niemand gewußt. Dabei versuchten die Jugendleiter, die Jugendlichen bei Laune zu halten; die Erwachsenen schrieben beruhigende Briefe an ihre zurückgebliebenen oder bereits emigrierten Verwandten und baten gleichzeitig verzweifelt jüdische und zionistische Institutionen um Zertifikate. Empörung und Wut wechselten mit Ohnmacht, Verzweiflung und Apathie. Da und dort wurde bereits damals die Frage laut, wer dafür verantwortlich sei, dass das Ziel Palästina in immer weitere Ferne rückte - die jüdische Gemeinde in Jugoslawien? Die "Reiseleitung" des Transports? Oder die Verwandten im Ausland, die zu wenig Geld schickten? Insgesamt jedoch habe es erstaunlich wenig Protest gegeben, sagt Josef Kohn: "Man hat gemeckert, aber wir die Gefahr haben wir nicht unmittelbar gespürt!" Josef Kohn gelang es im März 1941, sich sozusagen in letzter Sekunde, doch noch nach Palästina zu retten. Gemeinsam mit rund 200 Angehörigen der Jugend-Alija gelangte er via Griechenland, Istanbul, das syrische Aleppo und Beirut nach Palästina. Mit dabei war auch Chaim Schatzker. Die Erwachsenen und über 17-Jährigen blieben in Sabac zurück. Als sich Josef Kohn und Chaim Schatzker von ihren Angehörigen verabschiedeten, ahnten sie nicht, dass es ein Abschied für immer sein werde.

Ermordet

Die Kladovo-Gruppe hatte keine Chance mehr. "Man muß sich das psychologisch vorstellen – da flüchten diese Menschen 1939 aus dem Einflußgebiet der Nazis, um eineinhalb Jahre später wieder von ihnen eingeholt zu werden!" faßt Walter Manoschek die Situation zusammen, in der sich die Menschen befanden, als im April 1941 die Wehrmacht in Jugoslawien einmarschierte. Nach wenigen Wochen kapitulierten Griechenland und Jugoslawien. Die Kladovo-Flüchtlinge wurden in einem Lager interniert. Die Wehrmacht habe sich auf eine ruhige Besatzungsherrschaft am Balkan eingestellt, sagt Manoschek. Schon bald jedoch formierten sich die Tito-Partisanen zum bewaffneten Widerstand. Hitler erteilte den Auftrag, die Ordnung auf schnellstem Wege wiederherzustellen und entsandte zusätzliche Truppenkontingente nach Serbien. Zum führenden General wurde der Österreicher Franz Böhme bestellt. Böhme läßt sogenannte Sühnemaßnahmen durchführen: für jeden verwundeten deutschen Soldaten werden 50, für jeden Gefallenen 100 Zivilisten erschossen.
Alle Männer des Kladovo-Transports wurden Anfang Oktober 1941 zu Opfern einer derartigen "Sühneaktion" – erschossen von einer Einheit der Wehrmacht. Das sei historisch dokumentiert und ein weiterer Beweis für die Vernichtungspolitik der Wehrmacht auf dem Balkan, sagt Walter Manoschek. Nicht ganz geklärt sei, welche Einheit der Wehrmacht involviert war. Naheliegend sei die Vermutung, dass es die dort stationierte 718. Infanteriedivision war, die mehrheitlich aus Österreichern bestand. Welche Teile des Regiments die Erschießungen durchgeführt habe, lasse sich jedoch nicht verifizieren, sagt der Historiker.
Ende 1941/Anfang 1942 wurden Tausende jüdische Frauen und Kinder, deren Männer und Väter zuvor erschossen worden waren, in das damals gerade gegründete KZ Sajmiste in einem Vorort von Belgrad überstellt. Darunter auch die Frauen des Kladovo-Transports. Etwa zum selben Zeitpunkt übernahm Herbert Andorfer das Kommando über das KZ. Die Bedingungen in dem ehemaligen Messegelände waren grauenvoll – es war eiskalt, überfüllt, es gab kaum zu essen. Vermutlich im März 1942 wurde Andorfer darüber informiert, dass demnächst ein "Spezialfahrzeug" aus Berlin eintreffen werde, in dem die Juden "eingeschläfert" würden. Er habe vor Beginn der Aktion neue Anschläge im Lager anbringen lassen, so Andorfer laut Vernehmungsprotokoll seines Prozesses, und die Insassen darauf aufmerksam gemacht, dass die Umsiedlung nicht nach dem Osten, sondern vorläufig als Zwischenstation auf jugoslawischem Gebiet durchgeführt werde. "Menschliche Motive" also - eine Argumentation, die trotz ihres Zynismus im Prozess als mildernd anerkannt wurde. Ab März 1942 holten jeden Tag zwei LKW 50 bis 80 Menschen in Sajmiste ab. Auf der Fahrt durch Belgrad zum Zielort Avale wurde Gas eingeleitet. In Avale hatte ein Häftlingskommando bereits die Gruben ausgehoben. Zum Ende der Aktion im Mai 1942 waren die rund 7.500 Juden aus Sajmiste vergast – darunter alle Frauen des Kladovo-Transports.

Wer trägt die Verantwortung?

Oft erst 30, 40 Jahre nach dem Krieg begannen die Überlebenden, sich mit der Ermordung ihrer Angehörigen und der Frage nach der Schuld und den Ursachen am Scheitern des Transportes zu beschäftigen. Erst seit 10 Jahren hat etwa der Historiker Chaim Schatzker Gewißheit, dass seine Mutter unter den Ermordeten des KZ Sajmiste war. "Die stärkste Verantwortung für das Scheitern des Transports liegt beim Mossad!", sagt Schatzker, einer der schärfsten Kritiker. Zum einen habe der Mossad schon von Beginn an 1000 Menschen einfach auf den Weg geschickt, wohl wissend, dass am Schwarzen Meer kein Überseedampfer auf sie wartete. Später dann habe es in den USA drei Spendenaktionen für den Kladovo-Transport gegeben, doch anstatt ein Schiff zu kaufen, habe der Mossad das Geld anderswo ausgegeben. Dann sei ein Schiff erworben worden, aber zur Rettung anderer Flüchtlinge eingesetzt worden. In Sabac schließlich sei das Schiff für den Weitertransport zwei Monate leer und unbenützt dagestanden, während der Mossad mit der jüdischen Untergrundarmee Hagana über einen irrsinnigen Geheimdienstplan diskutiert habe, meint Schatzker heftig. Tatsächlich hatte der Mossad die "Darin II", die Gruppe aus Sabac herausbringen sollte, Mitte Juli 1940 der Hagana übergeben, die auf der Donau gemeinsam mit den Briten eine Sabotageaktion gegen Deutschland planten. Bei allen Konflikten, die sich damals innerhalb der zionistischen Organisationen entwickelt hatten, ging es stets auch um die Frage, ob nicht langfristige Ziele wie die Zusammenarbeit mit den Briten im Kampf gegen die Nationalsozialisten vor kurzfristige wie die Rettung der Kladovo-Flüchtlinge zu stellen sei. "Die Frage nach der Verantwortung des Mossad und der zionistischen Organisationen wird hauptsächlich in Israel gestellt. Darüber kann und darf natürlich diskutiert werden", meint Gabriele Anderl, doch dürften, vor allem außerhalb Israels, die eigentlichen Ursachen nicht aus den Augen verloren werden: "Und das war die Vertreibung- und Vernichtungspolitik der Nazis in Deutschland und Österreich!"



Fotos, die die Flüchtlinge im Laufe ihrer "Reise" gemacht haben, hat einer der Überlebenden, Ahd Nadir, gesammelt und mit nach Palästina genommen. Später hat er sie dort zu einem Album zusammengestellt. Die Fotografin Alija Dauer hat das Album reproduziert und zur Basis einer Ausstellung im jüdischen Museum in Wien gemacht. "Kladovo – eine Flucht nach Palästina" ist noch bis zum 4. November zu sehen (Foto oben: Mahnmal für die Ermordeten des Kladovo-Transports in Zasavica, Serbien).

8. August 2001

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