Vollzug im Verborgenen

Die Todesstrafe im sozialistischen Einheitsstaat

Strikteste Geheimhaltung und falsches Spiel: Selbst unmittelbar vor der Hinrichtung durch Erschießen wusste ein in der DDR zum Tode Verurteilter oft nicht, was ihm bevorstand. Und danach ließ man die Leiche einfach verschwinden. Angehörige suchen noch heute ihre Toten.

Von Francisca Zecher

Nachdem der Richter das Urteil verlesen hat, bricht Werner Teske zusammen. Es lautet: "Todesstrafe aufgrund vollendeten schwerwiegenden Landesverrats". Sein Vergehen: Als Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) hatte sich Teske Mitte der 70er Jahre mit dem Gedanken getragen, in den Westen zu fliehen. In die Tat umgesetzt hat er diese Idee jedoch nie, obwohl er bei seinen Dienstreisen in die Bundesrepublik mehrmals Gelegenheit dazu gehabt hätte.
Als sein angeblicher Landesverrat aufgeflogen war, schlug das MfS Teske vor, alles zuzugeben. Man würde ihn offiziell verurteilen und ihm dann unter anderem Namen ein neues Leben ermöglichen. Teske willigte ein. Erst im Gerichtssaal merkte der ehemalige Stasi-Hauptmann, dass ein falsches Spiel mit ihm getrieben worden war. Aus den Akten geht heute hervor, dass sein Tod von Anfang an geplant war.
Am 26. Juni 1981 wird Werner Teske in der Leipziger Justizvollzugsanstalt in der Alfred-Kästner-Strasse durch Genickschuss hingerichtet. Der 39-Jährige war, nach heutiger Kenntnis, der letzte von knapp 200 Verurteilten, bei denen die DDR-Justiz die Todesstrafe vollstreckte.
Doch auch wenn nicht alle Hinrichtungen so maßlos überzogen scheinen und viele der Angeklagten wohl damit gerechnet hatten - eines hatten alle Vollstreckungen gemeinsam: ihre große Geheimhaltung. Wie Tobias Hollitzer, Geschäftsführer des Leipziger Bürgerkomitees, das sich mit der Aufarbeitung der DDR-Geschichte befasst, erklärt, wurde nicht einmal den Verwandten der Häftlinge mitgeteilt, dass diese hingerichtet worden waren. "Die Ehefrau von Teske dachte sogar bis 1990, dass ihr Mann irgendwo unter anderem Namen lebt."
Aber nicht nur den Angehörigen und der Öffentlichkeit wurde die Exekution verschwiegen. "Auch Justizangestellte und Gefängnismitarbeiter wussten nicht über die Machenschaften des Ministeriums des Inneren (MdI) Bescheid, in deren Bereich der Vollzug der Todesstrafe fiel", so Hollitzer. Dort war nur ein kleiner Personenkreis mit dem Thema betraut.
Wie wichtig der DDR-Führung die Verheimlichung der Hinrichtungen war, zeigt auch deren Prozedere. Die zum Tode Verurteilten wurden meist nachts mit einem Gefangenentransport in die Vollzugsanstalt nach Leipzig in der Alfred-Kästner-Strasse gebracht. Weder die Anstalt, von der aus der Verurteilte seine letzte Fahrt antrat, noch das Gefängnis in Leipzig wussten von dem Schicksal, das ihn ereilen würde. Dort war lediglich ein enger Personenkreis, zu dem der Anstaltsleiter, sein Stellvertreter und der Haftarzt gehörten, eingeweiht.
Damit auch keiner der Mitarbeiter der Leipziger Vollzugsanstalt etwas von der Vollstreckung bemerkte, wurde der Gefangene über einen zweiten Eingang auf der Rückseite des Gebäudes "angeliefert", der nur den Eingeweihten bekannt war. Der weitere Ablauf war minutiös in der Vollstreckungsordnung geregelt. In einem Einzelhaftraum wurde dem Verurteilten zunächst verkündet, dass nun die Vollstreckung des Todesurteils bevorstand. Meist weil sein Gnadengesuch vom Staatsratsvorsitzenden, zunächst Walter Ulbricht und später Erich Honecker, abgelehnt worden war. Hier wurde ihm noch ein letzter Wunsch zugebilligt und er durfte einen Abschiedsbrief schreiben. Wie sich nach der Wende herausstellte, gaben die Zuständigen diese letzten persönlichen Zeilen jedoch nie an die Familie weiter, was auch erklärt, warum viele nicht genau wussten, was mit ihrem Angehörigen passiert war und es nur ahnen konnten. Anschließend wurde der zum Tode Verurteilte in den Hinrichtungsraum geführt. Kurz nachdem er den Raum betreten hatte, feuerte der Henker, Hermann Lorenz, der gleichzeitig stellvertretender Anstaltsleiter war, mit einer schallgedämpften Armeepistole einen unerwarteten Nahschuss in den Hinterkopf ab. Er hatte die ganze Zeit im Verborgenen hinter der Tür gestanden.

Die Exekution durch Genickschuss wurde in Leipzig erst seit 1968 vollzogen. Bis dahin wurden die Delinquenten mit der sogenannten "Fallschwertmaschine" enthauptet (Foto: Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten). Die Verankerungen der Pritsche und der Porzellanausguss im Fußboden, damit das Blut abfließen konnte, erinnern noch heute daran. Hollitzer vermutet, dass die Vollstreckungsmethode aus zweierlei Gründen gewechselt wurde. "Zunächst einmal ging es wohl um die Sicherheit der Gefängnismitarbeiter. Man muss sich vorstellen, so ein Schuss in den Hinterkopf erfordert viel weniger Personal als der Tod durch die Guillotine." Geriet zum Beispiel ein sehr kräftiger Verurteilter in Angst und Panik und fing an, um sich zu schlagen, wenn man ihn auf die Pritsche schnallen wollte, konnte das für die Beteiligten unter Umständen gefährlich werden. Außerdem wollte man dem Verurteilten durch einen unerwarteten Nahschuss unnötige Qualen ersparen, so Hollitzer. Manchmal habe auch das Fallbeil geklemmt, was die Leiden des Hinzurichtenden nur unnötig verlängert habe. So sei es beispielsweise einmal im Nacken eines zu Exekutierenden steckengeblieben.
Damit die Vollstreckung der Urteile geheim blieb, wurde die Anweisung erteilt, dass keine Aufzeichnungen angefertigt werden durften, die auf die Identität des Hingerichteten hätten schließen lassen können.
Aber warum diese Geheimniskrämerei? Schließlich wurde die Todesstrafe in der DDR erst 1987 gesetzlich abgeschafft, vermutlich als Gastgeschenk für den bevorstehenden Staatsbesuch von Erich Honecker in der BRD. Warum gab man sich also solche Mühe, die Vollstreckungen zu verheimlichen, wenn sie doch offizieller Bestandteil des DDR-Rechtssystems waren?
Auch hier kann Tobias Hollitzer nur Vermutungen anstellen. Seiner Meinung nach hatte der Umgang mit der Todesstrafe in der DDR sehr viel mit der Auslandspolitik von Erich Honecker zu tun. "Honecker war besessen von dem Wunsch vom Ausland anerkannt zu werden. Seit der KSZE (Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, Anm. d. Red.) in den 70er Jahren war die Todesstrafe in Europa nicht mehr schicklich." Im Mittelpunkt dieser Konferenz stand vor allem die Wahrung der Menschenrechte, die sich die einzelnen Mitgliedsstaaten und so auch die DDR zu eigen machten – wenn auch nur vordergründig.
So kann sich Hollitzer gut vorstellen, warum man sich ab 1960 ausgerechnet die Vollzugsanstalt in Leipzig als Hinrichtungsstätte ausgesucht hatte, obwohl die Todesurteile zuvor zentral in Dresden vollstreckt worden waren. "Das Gefängnis in Leipzig lag mitten in der Stadt in einem Wohngebiet. In dieser anonymen Atmosphäre konnte man sicher sein, dass der An- und Abtransport der Verurteilten kein Aufsehen erregen würde." Zudem verfügt der Leipziger Südfriedhof über ein sehr großes Krematorium, was den Zuständigen auch entgegenkommen musste. Die Feuerbestattung ermöglichte es, die Spuren einer Hinrichtung unkenntlich zu machen.
Wenn man bedenkt, mit welcher Präzision und welchem Aufwand die Verantwortlichen die Vollstreckungen vertuschten, so erscheint es umso überraschender, dass sie letztendlich doch noch aufgedeckt wurden. Dazu kam es, als einige Mitarbeiter des Leipziger Südfriedhofs nach der Wende, 1990, Anzeige erstatteten. Sie gaben zu Protokoll, dass zwischen 1961 und 1981 im Krematorium immer wieder unbekannte Leichen verbrannt worden waren. "Dass die Friedhofsangestellten dabei mit Sicherheit sagen konnten, dass Menschen verbrannt worden waren und nicht etwa Tiere", erklärt Rolf Jacob, Leiter der Leipziger Justiz-Vollzugsanstalt damit, "dass die Asche-Rückstände typisch für eine menschliche Leiche waren." In seiner damaligen Tätigkeit als Staatsanwalt wurde Jacob mit der Aufgabe betraut, herauszufinden, woher die mysteriösen Leichen stammten.
Für ihn begann damit die Arbeit an einem Puzzlespiel. "Im Krematorium wurde zwar jede Einäscherung schriftlich festgehalten, bei diesen waren jedoch keine Namen vermerkt, sondern nur der Überbegriff 'Anatomieleiche'. Die Urnen hat man dann ebenfalls namenlos irgendwo in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt." Auch die Friedhofsmitarbeiter konnten dem Staatsanwalt nicht viel weiter helfen. Sie wurden damals lediglich telefonisch informiert, dass ein Leichentransport zum Friedhof kommen würde und sie einen der beiden Verbrennungsöfen freihalten sollten. Kam der Transportwagen, wurden die Angestellten des Krematoriums so lange fortgeschickt, bis die Verbrennung abgeschlossen war.
Dennoch konnte Rolf Jacob das Rätsel lösen. Aus Unterlagen des ehemaligen Generalstaatsanwalts der DDR ging hervor, dass im Leipziger Gefängnis in der Alfred-Kästner-Strasse zwischen 1960 und 1981 Verurteilte hingerichtet worden waren. Genau in dem Zeitraum also, den die Friedhofsmitarbeiter angegeben hatten. In mühevoller Kleinarbeit begann Jacob nun den namenlosen Anatomieleichen ein Gesicht zu geben. Bis heute konnten 63 der in Leipzig Hingerichteten identifiziert werden. Die Zuordnung zu den einzelnen Personen war dabei äußerst kompliziert. "Die Verbindung habe ich oft anhand eines Vollstreckungsurteils oder manchmal sogar nur aufgrund der Ablehnung eines Gnadengesuches hergestellt", beschreibt Jacob sein Vorgehen. Die ausgestellten Totenscheine waren dabei nur bedingt eine Hilfe. Aufgrund des Sterbedatums konnte zwar manchmal ein Zusammenhang hergestellt werden. Wenn es etwa in die gleiche Zeit fiel wie der Abtransport von einem Gefängnis im DDR-Staatsgebiet. Sterbeort sowie Todesursache waren dagegen in der Regel fingiert. Werner Teske zum Beispiel starb diesem letzten Dokument zufolge an Herzversagen im rund 170 Kilometer von Leipzig entfernten Stendal.
Auch wenn schon vielen der Hingerichteten ihr Name zurückgegeben werden konnte – es bleiben immer noch weiße Flecken. "Wir haben noch einige Einäscherungen, zu denen sich einfach keine Urteile finden", erklärt Rolf Jacob. Aber immerhin sei das System klar geworden.
Auch Tobias Hollitzer vom Leipziger Bürgerkomitee bedauert, dass die Aufklärung so schleppend vorangeht. Dies liege hauptsächlich daran, dass die Beteiligten nicht darüber sprechen wollten oder schon verstorben seien und man fast ausschließlich auf das dürftige Aktenmaterial angewiesen sei.
Obwohl sich die Mitwirkenden an der Todesstrafe sehr bedeckt halten, verurteilte das Berliner Landgericht 1998 einen früheren DDR-Militärrichter und einen Militärstaatsanwalt wegen Rechtsbeugung zu vier Jahren Haft. Sie waren für das Todesurteil von Werner Teske verantwortlich. Der Vorwurf des Landgerichts: Das Urteil gegen Teske sei auch dem DDR-Recht nicht angemessen gewesen.
Rolf Jacob hält das Urteil gegen die beiden DDR-Juristen für gerechtfertigt. Er gibt aber zu bedenken, dass man die Todesstrafe in der DDR nicht nur unter dem Aspekt der "Schwarz-Weiß-Malerei" betrachten darf. "Zumindest bis Anfang der 70er Jahre wurden in der DDR hauptsächlich Sexualstraftäter, Mörder und andere Schwerverbrecher hingerichtet. Und nicht, wie man es vielleicht erwartet hätte massenhaft Regime-Kritiker. Nach 1970 waren es dann vor allem in Ungnade gefallene Stasi-Mitarbeiter." Die DDR-Urteile seien also nicht grundsätzlich rechtswidrig gewesen. Doch auch, wenn die Todesstrafe im DDR-Gesetz vorgesehen war, so kann dieses Rechtssystem kaum mit Maßstäben einer freiheitlichen Demokratie gemessen werden. Die Angeklagten hatten nie die Möglichkeit, sich vor einem unabhängigen Gericht zu verteidigen. Die Todesurteile wurden schon vor der Verhandlung von der SED-Führung festgelegt. Tobias Hollitzer wendet zudem ein, dass in den 50er Jahren in Dresden sehr wohl Regime-Kritiker exekutiert wurden, was man nicht unter den Tisch fallen lassen sollte. "Das waren vor allem Personen, denen man Agententätigkeit oder eine Mitarbeit in Oppositionsgruppen vorwarf."
Für die Angehörigen der zum Tode Verurteilten dürfte das allerdings keine Rolle spielen. Sie wollen wissen was mit den Inhaftierten wirklich passiert ist. Bis auch der letzte Hingerichtete identifiziert ist, muss wohl noch viel DDR-Geschichte aufgearbeitet werden.

16. Januar 2004

Leserbrief

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