Gehört das einfach dazu?

Recycling der Gewalt in El Salvador

Mit "Der Waffengänger" und "Die Spiegelbeichte" sind in diesem Jahr erstmals zwei Romane des salvadorianische Autors Horacio Castellanos Moya erschienen. In ihnen wird die Realität in einem der gewalttätigsten Staaten Lateinamerikas geschildert. Kritiker werfen Castellanos Moya vor, eine "Ästhetik des Zynismus" zu verbreiten, andere halten ihn für den wichtigsten Autor in Mittelamerika.

Von Brigitte Voykowitsch

"Zivilist zu werden, war für mich nicht einfach", erzählt Robocop, knapp 30 Jahre alt und Hauptfigur in "Der Waffengänger": "Wir wussten um unsere bevorstehende Entlassung, seit der Waffenstillstand ausgerufen worden war. ... Die Vorgesetzten redeten mit uns, erklärten, wie wichtig der Friede sei, und sprachen von Möglichkeiten für unsere Zukunft. ... Es war, als würde ich auf einmal zum Waisenkind: Die Streitkräfte waren für mich wie ein Vater, das Bataillon Acahuapa wie eine Mutter gewesen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich mich von einem Tag auf den anderen in einen Zivilisten, einen Erwerbslosen verwandeln sollte." Das Einzige, was Robocop nach seiner Entlassung besaß, waren "zwei AK-47-Kalashnikows, ein M-16-Sturmgewehr, ein Dutzend Magazine, acht Splittergranaten, meine 9-mm-Pistole und ein Scheck in Höhe meines Soldes für drei Monate", den er als Abfindung erhalten hatte.

Doch nicht lange verbringt Robocop seine Zeit "mit Nichtstun im Bett", mit Biertrinken und Bordellbesuchen. Als "Gewaltrecycling" hat Castellanos Moya jenen Prozess bezeichnet, der Robocop bald neue Aufgaben beschert. Das, was er am besten gelernt hat - Töten -, kann er erneut gegen Bezahlung tun, wenn auch im Dienste wechselnder Auftraggeber. Deren Identität spielt dabei so wenig eine Rolle wie ihre ideologische Gesinnung. Ob militärischer Geheimdienst oder ein Drogenkartell im guatemaltekischen Dschungel, ob einstige Guerilleros oder ehemalige oder noch im Amt befindliche Militärs - in den dunklen Geschäften und kriminellen Machenschaften mit Verzweigungen quer über den (latein)amerikanischen Kontinent finden sich frühere Gegenspieler in diversen, fluktuierenden Allianzen und Gegnerschaften wieder.

"Die Schwachen überleben nicht", weiß Robocop aus seinen acht Jahren beim Sturmtrupp Acahualpa, die Aussage gilt gleichermaßen für seine neue "Arbeit". "Wir hatten grundsätzlich keine Fragen zu stellen", erklärt Robocop einmal in Bezug auf seine Jahre bei der Armee, später betont er auf die Frage, warum er eine bestimmte Person umgebracht habe, er hätte nie Gelegenheit gehabt, seinen Auftraggeber "nach den Gründen für die Beseitigung dieser Frau zu fragen, und außerdem würde ich gewöhnlich Befehle nicht diskutieren, sondern ausführen".

Das letzte Angebot, das Robocop im Roman erhält, kommt von einem US-amerikanischen Drogenfahnder, der Robocop als Agent für Sondereinsätze in Zentralamerika anwerben will. Man darf davon ausgehen, dass er den Job annimmt, und den neuen Auftrag so wie alle vorangegangenen erfüllen wird - ohne Reflexion und ohne Gefühle irgendwelcher Art, ob des Mitleids oder der Schuld. Horacio Castellanos Moya hat das in einem Interview gegenüber zwei Mitarbeitern der "Erklärung von Bern" kürzlich so kommentiert: "Es gibt keine Armee, welche Kinder und Frauen umbringt und dann darüber nachdenkt. Wenn Soldaten nachdenken, töten sie niemanden mehr. Die schwierigste Aufgabe beim Schreiben dieses Romans war für mich, die Gedanken und das Denken der Hauptfigur zu eliminieren, denn es waren meine Gedanken und nicht diejenigen des Protagonisten. Robocop denkt nicht, er bringt zehn Jahre lang unschuldige Menschen um, da kann er nicht über das Töten nachdenken."

"Robocop erreicht eine bemerkenswerte Stufe der Entmenschlichung", erklärt der Autor ein ander Mal. Auf die ihm immer wieder gestellte Frage, warum Gewalt ein so zentrales Thema in seinen Texten sei, kann er nur mit dem Verweis auf die Realität seiner Heimat verweisen. "Jedes Mal, wenn ich in mein Land zurückkehre, erlebe ich es als sehr gewalttätig, und ich beschreibe es als sehr gewalttätig.... die Gewalt... ist Teil des salvadorianischen Wesens. Es ist eine sehr gewalltätige Kultur, die die Familie, den Staat, alles durchdringt." Wenn Castellanos Moya betont, dass in Lateinamerika die Fiktion stets hinter einer "ungeheuerlichen" Wirklichkeit zurückbleibe, dann erinnert das an ähnlich formulierte Charakterisierungen anderer junger lateinamerikanischer Autoren. "Das Leben", betont Castellanos Moya, "hat in Zentralamerika keinen Wert!"

Von einer "Ästhetik des Zynismus" hat der Kritiker Mauricio Aguilar Ciciliano in Bezug auf das Werk von Castellanos Moya gesprochen, das neben den beiden auf Deutsch erhältlichen Romanen noch weitere Romane sowie Kurzgeschichten und Essays umfasst (zum Beispiel "Unsicherheiten: Kultur und Übergang in El Salvador"). Die Krise El Salvadors begründet sich Aguilar Ciciliano zufolge im Scheitern von zwei Gesellschaftsentwürfen - dem revolutionären der Linken wie auch dem "merkantilistischen und globalisierenden" der Rechten, der auf keine Werte-, sondern lediglich eine Konsumgemeinschaft abziele. Beiden Lagern gemeinsam sei der Versuch, "eine unliebsame Vergangenheit vergessen zu machen... so wie die Schreie der Toten und Verschwundenen, wo alles auf weitere Straflosigkeit hindeutet; so wie das Drama der Kleinbauern und Kleinbäuerinnen, die zum Schweigen gebracht worden sind." Die politischen Parteien mögen von revolutionären, nationalistischen, christlichen oder sonstigen Werten reden, es gehe ihnen um nicht mehr als ihren Machterhalt, "aber was wir haben, ist die Gewalt als wesentliches Charaktermerkmal des salvadorianischen Wesens, den Schrecken, der zur Gewohnheit geworden ist."

Horacio Castellanos Moya gilt einer Reihe von Kultur- und Literaturkritikern in Lateinamerika als der wichtigste zeitgenössische Autor Mittelamerikas, als derjenige, der sich mehr als jeder andere mit seinen Texten zu exponieren gewagt hat. Denn Courage gehört dazu, um sich offen und direkt zu äußern, als Schriftsteller oder Journalist in einer - offiziell - freien Presse. 1957 als Sohn eines salvadorianischen Vaters aus einer linksgerichteten Familie sowie einer hondurianischen Mutter aus einer rechtskonservativen Familie in Honduras geboren und in El Salvador aufgewachsen, verbrachte Castellanos Moya die Kriegsjahre außerhalb seiner Heimat. Ob aber in Kanada oder Mexiko oder anderen Stationen seines Quasi-Exils, in das er sich 1979 erstmals begab, war er stets mit dem Krieg verbunden. So engagierte er sich unter anderem in der Pressearbeit für die linksgerichtete Guerilla FMNL, von der er sich dann aber aus Desillusion über die ideolgische Entwicklung und die Gewalt in den eigenen Reihen abwandte. Sechs Monate vor Kriegsende kehrte er 1991 nach El Salvador zurück, um den Übergang mitzuerleben und, wie er es einmal ausdrückte, "diese Begeisterung zu schaffen, diese Begeisterung zu leben", um als Journalist bei der Gründung neuer Medien mitzuwirken und als Schriftsteller tätig zu sein.

Doch der Enthusiasmus über den Neuanfang und die Errichtung einer Demokratie war nicht von Dauer. "Unsere Epoche hat ihr Buch und ihren Titel. Der Name lautet "Der Ekel" (El Asco" ). ... Fünf Jahre nach Ende des Bürgerkriegs hat der demokratische Aufbau, in dem diese Gesellschaft tätig ist, seinen eigenen Totengräber hervorgebracht - den Skeptizismus. Und der ist der Messtab, mit dem Horacio Castellanos Moya die sichtbaren Zeichen der salvadorianischen 'Identität' am Ende des Jahrhunderts misst," schrieb der Kritiker Miguel Huezo Mixco bald, nachdem Castellanos Moya sein 119 Seiten dünnes Werk "Der Ekel" mit dem Untertitel "Thomas Bernhard in San Salvador" vorgelegt hatte. Nie zuvor und nie seither hat ein Autor die Frustration über das sogenannte "Nach"-Kriegs-El Salvador in derart heftige und erbarmungslos kritische Worte verpackt. Dem Autor trug das Werk Morddrohungen ein, weswegen er erneut sein Land verließ.

In "Der Ekel" kehrt der in Kanada lebende Edgardo Vega nach 18 Jahren erstmals nach El Salvador zurück, um dem Begräbnis seiner Mutter beizuwohnen. Als er zufällig seinen ehemaligen Mitschüler Moya trifft, macht er sich dem gegenüber in einem langen Monolog in einer Bar auch über die Erbschafsstreitigkeiten mit seinem Bruder Luft; vor allem aber spuckt er den gesamten Ekel gegenüber seinem Heimatland aus. Nie, ereifert sich Vega, habe er es akzeptieren können, dass er "im schlimmsten, stupidesten, kriminellsten aller Länder habe geboren werden müssen". Die Salvadorianer tut er als "grobe und verächtliche" Wesen ab. In der Hauptstadt San Salvador, deren Einwohner einen einzigen Wert - das Geld - anerkennen würden, erblickt er lediglich eine "groteske, zwergenhafte und stupide Version von Los Angeles", eine Stadt "die all das Elend und die Schweinereien von Großstädten, aber keinen ihrer Vorzüge aufweist". Auf Politiker, Militärs und ehemalige Guerilleros, die Mittel- und Oberschicht, die Künstler und Buschauffeure, die Universität und das salvadorianische Bier und was immer ihm sonst noch einfällt, versprüht Vega die Gischt seiner Abscheu. "Alle gehen, als wären sie Militärs, denken, als wären sie Militärs.... alle wären glücklich, wenn sie Militärs wären.... allen steht die Lust zu töten ins Gesicht geschrieben", äußert sich Vega. Die Politiker empfindet er als "besonders ekelerregend... vielleicht ist das auf die hunderttausend Toten zurückzuführen, die jeder von ihnen zu verantworten hat.... finstere Typen, in deren Hand die Zukunft dieses Landes liegt, Moya, es tut nichts zur Sache, ob sie von der Rechten oder der Linken sind, sie sind gleichermaßen Brechmittel."

Wesentlich gemäßigter als "Der Ekel", von dem noch keine Übertragung ins Deutsche vorliegt, ist die Sprache in "Die Spiegelbeichte". Doch das Thema Gewalt und Mord prägt auch dieses Werk, und das ist bei Castellanos Moya offenbar als politisch bewusstem Salvadorianer offenbar unumgänglich, erklärte er doch einmal einer spanischen Zeitung: "Vielleicht gibt es Leute, die unberührt bleiben, die sich hinsetzen und Science-Fiction-Romane verfassen. Aber jemand, der sich um realistische Literatur bemüht, kann von eigener Erfahrung und eigenen Beobachtungen nicht absehen. So ist es einfach."
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Horacio Castellanos Moya
- Der Waffengänger
- Die Spiegelbeichte
(beide Romane sind 2003 im Rotpunktverlag, Zürich, erschienen)

16. Dezember 2003

Leserbrief

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