Und er bewegt sich doch

Islamischer Feminismus

Im Iran gibt es seit einigen Jahren eine zunehmend aktivere emanzipatorische Frauenbewegung, die mit islamischen Argumenten für Gleichberechtigung, ja sogar für die allgemeinen Menschenrechte kämpft.

Von Ursula Baatz und Brigitte Voykowitsch

"Es ist ein schweres Missverständnis zu glauben, dass iranische Frauen unterjocht sind", sagt Valentine Moghadam. Selbstverständlich bestreitet die aus Teheran gebürtige Soziologin, die lange in den USA lehrte und derzeit in London forscht, keinesfalls die schwierige rechtliche und soziale Lage, in der sich die Iranerinnen befinden. Doch gilt ihr Augenmerk dem Ringen der Frauen um ihre Rechte sowie den legalen und diskursiven Strategien, die sie dabei anwenden. Und da steht fest: "Die iranischen Frauen sind sehr selbstbewusst und werden immer selbstbewusster", erklärt Moghadam.

Grundsätzlich unterscheidet die Soziologin zwischen den 80er und den 90er Jahren, wobei drei Ereignisse - der Tod von Ayatollah Khomeini (1989), das Ende des Krieges mit dem Irak (1980-88) und die Ende der 80er Jahre durchgeführte, erste Volkszählung nach der Revolution von 1979 - eine Klimawechsel bewirkten. Diese spiegelte sich laut Moghadam auch in den Frauenbewegungen wider. "In den 80er Jahren war die Lage extrem polarisiert." Im wesentlichen standen einander säkulare, linke Frauen und islamische Frauen, die Teil des Khomeini'schen Islamisierungsprojektes waren, gegenüber. In den 90er Jahren aber "begannen wir Unterschiede zwischen den islamischen Frauen festzustellen. Da begannen wir die Begriffe muslimische und islamische Feministinnen im Gegensatz zu den islamistischen Frauen zu verwenden, die sehr konservativ sind und die patriarchale Agenda mittragen."

Die 80er Jahre bezeichnet Moghadam schlicht als "Albtraum". "Tausende Angehörige der Mudschaheddin sowie linksgerichteter Organisationen wurden verhaftet und hingerichtet, das Rechtssystem wurde islamisiert, wobei die neue Gesetzgebung auf einer sehr strikten, orthodoxen und patriarchalen Interpretation der Scharia und des islamischen Rechts beruhte." Die Frauen verloren im Zuge der Islamisierung einen Gutteil der Rechte, die sie in den 60er und 70er Jahren gewonnen hatten. So wurde die ziemlich progressive Familiengesetzgebung, die den Frauen mehr Rechte in der Ehe, bei der Scheidung und der Obhut der Kinder gewährt hatte, revidiert und die Verschleierung verpflichtend eingeführt. Das für die Eheschließung erforderliche Mindestalter wurde für Mädchen von 16 auf neun Jahre gesenkt. Frauen wurden in Kampagnen dazu ermahnt, Familie und Häuslichkeit als Werte hochzuhalten. Einer bezahlten Arbeit nachzugehen, wurde ihnen zwar nicht formell verboten, doch wurde ihnen generell davon abgeraten. Der Zugang zu bestimmten Berufen wie etwa dem Richteramt wurde den Frauen aber ganz untersagt. Von dieser Regelung war auch Shirin Ebadi, die Trägerin des Friedensnobelpreises 2003 und damals eine junge Richterin, betroffen.

Ebadi eröffnete dann eine private Kanzlei, andere Iranerinnen fanden andere Lösungen. "Als ich die Beschäftigungsmuster und Widerstandsformen von Frauen nach der Revolution zu untersuchen begann, fand ich es sehr interessant, dass es trotz der Politik, die auf ihre Entmutigung abzielte, immer eine kleine Anzahl von Frauen gab, die Jura studierten", sagt Moghadam. "Meine Nachforschungen über die Geschlechterzusammensetzung in Ministerien und an Universitäten zeigten, dass die Frauen sich widersetzten und auf ihrem Recht auf Bildung und Beschäftigung beharrten, auch wenn ihre Zahl in den 80er Jahren noch relativ gering war."

Nur etwa 10 Prozent der Frauen hatten Zugang zu bezahlter Arbeit, wie aus der Ende der 80er Jahre durchgeführten ersten Volkszählung in der Islamischen Republik Iran hervorging. Deren Ergebnisse waren "in vielerlei Hinsicht sehr irritierend. Die Sozialindikatoren waren einfach schrecklich. Die Geburtsraten waren enorm angestiegen, denn das Familienplanungsprogramm war nach der Revolution abgeschafft worden. Verhütungsmittel waren sehr schwer erhältlich, und laut der vorherrschenden Ideologie sollten Frauen heiraten, Ehefrauen und Mütter sein und starke, stramme Muslime heranziehen." Sehr schlecht waren auch die Bildungsindikatoren. "Iran, ein Land, das über beachtliche Ölreichtümer verfügte, schnitt viel schlechter ab als ein armes Land wie Vietnam. Das war wirklich eine Schande. "

Als Folge dieser Ergebnisse wurde nach dem Ende des Krieges mit dem Irak und dem Tod von Ayatollah Khomeini "die Perspektive etwas rationaler. Die Behörden besonders unter der Präsidentschaft von Ali Akbar Hashemi-Rafsandschani [ab August 1989-1997, Anm.] erkannten, dass angesichts geringer werdender Einkünfte aus den Ölreserven, einem kleineren Staatsbudget, steigender Armut und Arbeitslosigkeit sowie einer hohen Geburtenrate" Handlungsbedarf bestand. Gleichzeitig erkannten "viele Frauen, die vorher enthusiastisch die Islamisierung vertreten hatten, dass ihre eigene Lage wie auch die soziale Lage insgesamt sehr düster und ernst war. Sie waren besorgt über die sozialen und ökonomischen Probleme, aber auch über die Folgen der Abschaffung des alten Familiengesetzes und der .Einführung des neuen, das den Männern so viel mehr Rechte und Privilegien gab. Sie wurden die Opfer schneller Scheidungen und auch des Rechts der Männer, eine zweite Ehefrau zu nehmen. Sie lehnten sich dagegen auf und begannen auf Reformen des Familiengesetzes zu drängen sowie darauf, die Präsenz der Frauen in der Öffentlichkeit zu fördern."

Moghadam und andere Akademikerinnen, die die Frauenbewegungen in muslimischen Ländern und insbesondere Iran studierten, begannen in den 90er Jahren eine Differenzierung der Diskurse festzustellen, den Begriff "islamischer Feminismus". "Es war ein Begriff, der von
iranischen feministischen Akademikerinnen, die im Exil lebten, geprägt worden war", erklärt Moghadam. Diese Terminologie wurde dann aber in diversen mulsmischen Ländern und auch im Iran selbst aufgegriffen. Iranerinnen "begannen Artikel in der sehr lebendigen und dynamischen feministischen Presse im Iran über dieses Phänomen des islamischen Feminismus zu schreiben."

Worin aber besteht nun der Unterschied zwischen säkularen, muslimischen und islamischen Feministinnen? Erstere, sagt Moghadam, mögen gläubige Frauen sein oder nicht, jedenfalls verwenden sie keine religiöse Sprache und berufen sich üblicherweise auf internationale Abkommen wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte oder die Konvention zur Abschaffung aller Formen von Diskriminierung gegen Frauen (CEDAW). Sie sprechen von natürlichen Rechten, von Menschenrechten und weltweiten Normen. Muslimische Feministinnen sind dagegen in jedem Fall gläubige Frauen, denen ihre religiöse Identität sehr wichtig ist, die aber in ihren Kampagnen für die Rechte der Frauen eine Mischung aus internationalem Diskurs und religiösen wie kulturspezifischen Begriffen und Symbolen verwenden. Auch die dritte Gruppe, die islamischen Feministinnen - die es strikt von den Islamistinnen auseinanderzuhalten gilt - sind sich internationaler Normen und des weltweiten Feminismus bewusst. Doch ihr zentrales Anliegen besteht darin, "dass ihre Religion missverstanden wurde; und zwar sowohl von westlichen Personen, die glauben, dass der Islam eine völlig oppressive Religion ist, wie auch von vielen muslimischen Männern und Theologen, die ihrer Ansicht nach eine fehlgeleitete, inkorrekte und patriarchale Interpretation des Islam" verfechten.

"Islamische Feministinnen möchten zurückgehen zum egalitären und emanzipatorischen Islam. Sie machen also etwas, was christliche und jüdischen Feministinnnen ebenfalls getan haben", betont Moghadam. Durch eine Neulesung des Koran wollen sie belegen, dass das, was sich im Mittelalter in den islamischen Rechtsschulen entwickelte und was in jüngerer Zeit an angeblich auf der Scharia beruhenden Gesetzen festgeschrieben wurde, "Fehlinterpretationen und ein falsches Verständnis des Koran sind. Sie sagen, lesen wir den Koran von neuem und sehen wir, was die wahre Intention des Propheten und Gottes ist; sehen wir auch die frühe islamische Geschichte und die Sozialstrukturen von damals an. Das Projekt der islamischen Feministinnnen konzentriert sich also auf eine eine Neuinterpretation des Heiligen Textes, es ist vor allem ein theologisches Unterfangen."

Dabei debattieren islamische Feministinnen laut Moghadam bereits über die Notwendigkeit, den Koran an die sich ändernden Zeiten und Imperative anzupassen. "Sie versuchen langsam, die Religon in ihrem historischen Kontext zu begreifen. Noch sind sie nicht ganz so weit, aber das ist der Trend." Eine solche Historisierung wäre bei Koranstellen wie jener, derzufolge Männer zweimal so viel erben dürfen wie Frauen, von Relevanz. Unter In der Erbfrage könnte nach den Worten von Moghadam das Argument dann etwa lauten, dass die obige Regelung "zur Zeit des Propheten gepasst haben" mag, aber unpassend ist "für die heutige Zeit, in der Frauen bezahlter Arbeit nachgehen und zum Familieneinkommen beitragen müssen."

Differenzen zwischen Sunnitinnen und Schiitinnen gibt es bei der feministischen Koranexegese praktisch keine, sagt Moghadam. Sie versteht das Phänomen des islamischen Feminismus vielmehr als breite Bewegung, der Frauen von Malaysien über den Iran bis nach Tunesien und Marokko angehören. Laut Moghadam besteht ein grundlegender Konsens unter Frauen der gesamten Region, wenn es um die Forderung nach einem egalitären Familienrecht geht, um ein Verbot der Polygamie, wie es in Tunesien schon vor Jahren festgeschrieben wurde, um die Bekämpfung aller Formen von Gewalt gegen Frauen oder um die ökonomische und politische Partizipation der Frauen.

Das Anliegen der islamischen Feministinnen, nämlich die Rückkehr zur "wahren, egalitären und emazipatorischen Botschaft ihrer Religion" ist nach Ansicht Moghadams "Teil einer breiteren islamischen Reformation". Diese Reformation wird ihrer Ansicht nach "so bedeutend sein wie die christliche Reformation, mit dem Unterschied, dass die Intellektuellen der christlichen Reformation fast ausschließlich Männer waren, während die islamische Reformation auf eine starke Beteiligung von weiblichen Intellektuellen und Theologinnen zählen kann."

Wie es konkret im Iran politisch weiter geht, darauf will sich Moghadam nicht festlegen. "Ich würde sagen, dass fast alle Frauen im Iran unzufrieden mit ihrer Lage sind, nur eine kleine Minderheit von Frauen ist noch sehr konservativ. ... Die große Mehrheit der iranischen Frauen unterstützen die Reformbewegung und treten für kulturelle, soziale und politische Veränderungen und insbesondere für die Gleichstellung der Frauen ein. Denn sie haben persönlich erlebt, was es heißt, wenn einem gesagt wird, dass man zuhause bleiben, Kinder bekommen und groß ziehen soll, während und die Welt der Wirtschaft und Regierung die Welt der Männer ist. Sie fühlen sich ausgeschlossen, marginalisiert, und sie akzeptieren das nicht."

Fortschritte hat es jedenfalls gegeben in den 90er Jahren. Mitentscheidend war dabei laut Moghadam auch die hohe Urbanisierung des Iran, wo "ungeführ 60 Prozent der Menschen in Städten leben, aber auch die ländlichen Regionen sehr entwickelt" sind. Das in den 60er Jahren initiierte Landreformprogramm sei auch nach der Revolution weitergegangen. Fast das gesamte Land ist heute elekrtrifiziert, es gibt Strom, es gibt sauberes Fließwasser, vor allem aber gibt es Schulen, und "die Bildungsrate der Mädchen am Land ist wirklich beachtlich gestiegen, sodass diese Mädchen heute Jobs suchen. Sie finden keine, und erklären sich als arbeitslos. ... Aber diese Mädchen haben neue Erwartungen. Sie wollen Jobs, wollen teilhaben an sozialen und politischen Angelegenheiten. Vor allem haben sie eine Stimme ... und sind zu einem wichtigen politischen und Wahlfaktor geworden." Die Frauen, betont Moghadam, waren sehr bedeutend für die Reformbewegung, die Wahl von Präsident Mohammed Khatami 1997 und 2001sowie des reformistischen Parlament im Jahr 2000.

Die Frauen, die ins Parlament gewählt wurden, sind sich zudem "dessen bewusst, dass sie ihre Mandate vor allem den Stimmen der Frauen verdanken. Die Iranerinnen erwarten von ihnen, dass sie sich für die Gleichstellung und das Empowerment der Frauen einsetzen. Die meisten weiblichen Abgeordneten, nicht alle, aber die meisten, haben diese Verantwortung, dass sie Sprecherinnen für die iranischen Frauen sind, recht ernst genommen. Besonders die jetzigen Abgeordneten im reformistischen Parlament haben sich sehr bemüht, neue Gesetze zu entwerfen, um die Lage der Frauen zu verbessern." Dabei stoßen sie selbstverständlich an große Hürden. Viele Institutionen befinden sich weiterhin "in der Hand der, wie wir sie nennen, Konservativen. Wir haben auch den Wächterrat, der das Islamische Recht und das Verfassungsrecht überwacht. Dieser Rat hat die Ansicht vertreten, dass viele der progressiven Gesetze und Gesetzesentwürfe, die im Parlament eingebracht worden sind, gegen den Islam oder gegen die Verfassung sind", betont Moghadam und stellt fest: "Das Ringen um Veränderung seitens der Frauen, ob es nun um islamische, muslimische oder säkulare Frauen handelt, geht weiter."

16. Januar 2004

Leserbrief

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