Hans Pfitzinger

Mit Bukowski kann man's ja machen

Vor ein paar Jahren kam Hollywood, das neue Buch von Charles Bukowski, in Amerika heraus. Am liebsten lese ich ihn im Original - ich weiß, das sagt jeder Angeber. Aber ich brauch's auch beruflich - das wiederum sagt jeder Handelsvertreter zum Finanzamt. Jedenfalls ist Bukowski einer der wenigen Zeitgenossen unter den Schriftstellern, die mich zum Lachen bringen: Gelegentlich lasse ich das Buch sinken, weil ich vor Freude nicht mehr weiterkann. Bukowski hat die Fähigkeit, genial einfach und ohne Verlust an Tiefe die wesentlichen Dinge haargenau auf den Punkt zu bringen.

Wer zwischendurch geglaubt hatte, Bukowski sei dabei, sich mit seinen Säufergeschichten nur noch zu wiederholen, für den hat er Hollywood geschrieben: Vorbei sind die Zeiten des Bar-Poeten, Vergangenheit für den Ich-Erzähler Hank Chinaski. Er schreibt jetzt ein Drehbuch, und zwar über genau jene Zeiten. Inzwischen wissen wir, daß daraus ein Film wurde, was bei den meisten Drehbüchern gar nicht selbstverständlich ist, nämlich Barfly, mit Mickey Rourke und Faye Dunaway. Gedreht hat ihn ein Franzose mit dem seltenen Namen Barbet Schroeder, und Hollywood ist die Geschichte der Freundschaft zwischen diesem Regisseur und Bukowski, vom ersten Anruf mit der Bitte an Hank, ein Drehbuch zu schreiben, bis zur Premiere des Films. Vorne im Buch steht: "For Barbet Schroeder".

Bukowski nennt sich wie früher Hank Chinaski. Doch er hat sich verändert. Er lebt jetzt im eigenen Haus mit seinen Katzen, und seine Lebensgefährtin (im Buch nennt er sie Sarah) hat ihn von Whiskey auf Wein umgestellt, achtet darauf, daß er sich gut ernährt und sorgt auch sonst rührend für den ehemaligen Suff-Poeten: "Sie hat mein Leben um mindestens zehn Jahre verlängert", weiß Bukowski.
Der neue Lebensstil wirkt sich auch aufs Schreiben aus. Die Sprache ist immer noch genauso treffend und klar und ungekünstelt, aber Bukowski wirkt jetzt wie Buddha aus der Gosse - Altersweisheit nennt man das wohl.

Schon der erste Satz brachte mich zum Grinsen - ein genialer Anfang: "A couple of days later Pinchot phoned. - Zwei Tage danach rief Pinchot an". Wunderbar. Und dann wird keine Zeit mehr verloren, wir erfahren, daß Hank nie im Leben Drehbücher schreiben möchte, Jon Pinchot/Barbet Schroeder ihn aber überreden kann, weil Bukowski wohl eine verwandte, vom Film besessene Seele in ihm sieht - und weil er ihm gleich 10.000 Dollar Vorschuß anbietet. Und dann beschreibt Bukowski mit seinem gesunden Menschenverstand den ganzen absurden Wahnsinn, der abläuft, bis nach sieben Jahren der Film endlich uraufgeführt wird. Barbet Schroeder sagte mir bei einem Interview in Paris: "Hollywood liest sich wie ein Roman, aber Bukowski gibt alles absolut korrekt wieder."

Es ist die Geschichte von Hank Chinaskis Begegnung mit dem Filmgeschäft und seinen Vertretern. Die Namen sind zwar geändert, aber nicht schwer auf die wirklichen Figuren zu verteilen: Jack Bledsoe ist Mickey Rourke, Francine ist Faye Dunaway, die Produktionsfirma Cannon heißt im Buch Firepower, Tom Pell ist Sean Penn und der Kameramann Hyans, "der so ziemlich jeden Preis und jede Auszeichnung in der Branche gewonnen hat", ist Robby Müller. Der wohnte vor einiger Zeit nur zehn Minuten mit dem Fahrrad von mir entfernt, und so konnte ich auch ihn fragen, ob Bukowski den Widersinn des Filmemachens treffend schildert. Robby bemerkte eine Ungenauigkeit: "Ich war bei der Badewannenszene mit Faye Dunaway (in Kapitel 32) nicht betrunken."

Zwischendurch taucht noch ein französischer Kultregisseur namens Jon-Luc Modard auf und ein deutsches Filmgenie, das im Buch Wenner Zergog heißt. Wie Bukowski seine Begegnungen mit diesen beiden Heiligenfiguren der Filmkritiker beschreibt - das ist zum Schreien komisch.

Ja, und dann kommt noch eine Szene drin vor, die etwas aus der Handlung herausfällt, die aber erklärt, weshalb sich Bukowski einen Steuerberater nehmen und ein Haus kaufen muß - er verdient mit einem Schlag zuviel Geld, das würde alles der Staat kassieren und für Golfkriege ausgeben. Denn einerseits überreicht ihm Pinchot-Schroeder die 10.000 Dollar für das Drehbuch, und zum anderen versteigert sein deutscher Agent und Übersetzer "Karl Vossner" bei der Frankfurter Buchmesse die Rechte an Bukowski. "Vossner", das ist Carl Weissner, einer der besseren unter Deutschlands Übersetzern, ein solider Könner, der mit seinem einfühlsamen Stil viel zu Bukowskis Erfolg bei uns beigetragen hat. Außerdem übersetzt der Carl noch William Burroughs (und ein halbes Dutzend weiterer US-Schreiber, von den Nachdichtungen der Dylan- und Zappa-Songs gar nicht zu reden). Aber wie wir wissen ist dem Bukowski außer Pferderennen nicht viel heilig, und so macht er sich auch über seinen Mann in Germany lustig:

"Karl redete am Telefon immer so, wie er glaubte, daß Amerikaner reden, wenn sie hip sind: 'Hey, motherfucker, how ya doin' ?'
'Prima, Karl, spielst du immer noch mit deinem joystick?'
'Yeah, man, meine ganze Zimmerdecke ist schon voll mit getrockneten Spermaflecken ... Aber, Baby, ich hab' 'ne gute Nachricht. Willstese hören, motherfucker?"

Und so weiter: Vossner-Weissner erzählt, daß er gerade wieder drei Gedichtbände und short stories von Bukowski übersetzt hat. Und daß er bei der Buchmesse sechs wichtige deutsche Verleger in ein Hotelzimmer eingeladen, sie mit Bier und Wein abgefüllt, mit Käsehäppchen und Erdnüssen verpflegt, und dann die Rechte für die drei Bücher versteigert hat: "Diese assholes haben uns aus der Hand gefressen. Du bist 'ne heiße Nummer, und sie wissen es ... Krumph hat das höchste Gebot gemacht. Ich ließ den motherfucker einen Vertrag unterschreiben. Dann haben wir uns alle zusammen besoffen. Wir assholes waren alle hackevoll, besonders Krumph."

Nun, 35.000 Dollar kamen dabei raus für Bukowski, und da kann man sich als Agent (10 Prozent, mindestens) und Übersetzer schon mal besaufen.

Ich habe mich amüsiert wie Bolle - ach, Bukowski! Nicht nur das Filmgeschäft durchleuchtet er mit seinem abgeklärten Zockerblick, auch einen kleinen Seitenhieb aufs Verlagsunwesen kann er sich nicht verkneifen.

Dann lernte ich Babsi kennen. Seit sie zum erstenmal "Vom Winde verweht" gesehen hat, will sie alles über Film wissen. Um ihr zu zeigen, wie sehr ich sie als Frau mit hübschen Titten und als Person mit klugem Köpfchen schätze, kaufte ich die sauteure, gebundene Ausgabe von Hollywood, als es auf deutsch beim Verlag Kiepenheuer & Witsch rauskam. Jedenfalls wußte ich jetzt, welches Verleger-asshole die 35.000 Dollar für Bukowski bezahlt hat. Gott segne den Mann!

Für Babsi war mir zu jener Zeit nichts zu teuer. Bevor ich eines Abends zu ihr aufbrach - mit einigen Tropfen Eau de Toilette hinter die Ohren, unter die Arme und, voller Optimismus, in die Schamhaare verteilt - wollte ich noch rasch in dem Geschenkbuch für Babsi nachgucken, wie der Carl Weissner wohl die Passage übersetzt hat, in der er selbst vorkommt. Schließlich kann man als Übersetzer von manchen Kollegen noch was lernen...

Ich suche also im siebten Kapitel, und suche, und suche und finde - nichts. Das darf doch nicht wahr sein, denke ich, und inzwischen ist mein Fendi uomo-Duft schon fast verflogen, und Babsi wird bestimmt sauer, wenn ich nicht komme, aber die Passage fehlt. Zu allem Überfluß guck' ich dann auch noch nach, wie Weissner wohl den genialen Anfang übersetzt hat. Und da glaube ich endgültig, im falschen Buch gelandet zu sein. Denn Bukowskis toller Einstieg kommt zwar, aber erst nachdem eineinhalb Seiten lang der versoffene alte Hank Chinaski der früheren Bücher vorgestellt wird, ganz so, als sei nichts geschehen, als sei Hollywood nicht der Abschied von gestern, der Rückblick auf Hanks Leben als Barfly.

Ich bin ganz schön perplex. Als ich meine Miete und den Champagner noch in Redaktionsstuben verdiente, habe ich gelegentlich mit Carl Weissner zu tun gehabt und seine Arbeit für unser hochangesehenes, aber gewaltig defizitäres Kulturblatt sehr gemocht - jeder Redakteur freut sich, wenn ihm Texte auf den Tisch kommen, die er nicht erst mühsam in druckbares Deutsch umfummeln muß. Also telefoniere ich erst mit Babsi - "Ich komm'n bißchen später, fang schon mal an, hahaha ..." - und dann mit dem Weissner.

"Sag mal, Carl, wie konnte das denn passieren - da hat der Verlag doch glatt zwei Seiten ausgelassen bei dem neuen Bukowski?"
Am anderen Ende ist erst mal Pause. Und dann merke ich, wie sich Charles Bukowskis deutscher Agent und Übersetzer windet wie ein Gartenschlauch, und mir wird klar, da hat nicht etwa der Verleger zensiert - der Carl war's selber. Hören Sie sich seine Begründungen an: "Weißt du ... ääh ... das ist dem Bukowski nur nachträglich so rausgerutscht. Das ist ein ... ääh ... Schlenker, der bei ihm nicht üblich ist. Das ist auch alles mit ihm abgesprochen, war ihm völlig egal, wenn ich das rauslasse. Der ist das schon gewöhnt, manchmal läßt auch die Sekretärin bei seinem amerikanischen Verleger einfach was weg, aber das stört ihn auch nicht. Ich fand zu recht, daß diese eineinhalb Seiten nur aufhalten."

"Wie, Carl, weshalb sollte er sich denn sonst ein Haus kaufen müssen wegen der Steuer? Nur weil ihm Schroeder 10.000 Dollar für das Drehbuch bezahlt hat? Come on! Gib schon zu, daß du es nur rausgelassen hast, weil du selbst nicht so vorteilhaft wegkommst, und weil der Verleger nicht wissen sollte, wie du über ihn am Telefon redest."
Wieder Pause. Dann windet sich der Carl weiter: "Der Bukowski macht das auch öfter, daß er was rausschmeißt, was er in einer Laune so hingeschrieben hat. Und außerdem ist es dramaturgisch nicht schlüssig."

Das hat er sinngemäß schon mal gesagt, und auch durch Wiederholung wird es nicht weniger falsch. Ich bin erschüttert. Muß jetzt die gesamte Rezeption von Charles Bukowski in weiten Teilen neu geschrieben werden? Abgründe tun sich auf, in denen seitenweise witzige, sarkastische, kritische Textstellen zwischen Los Angeles und Mannheim verschwinden. Vielleicht wissen die Deutschen noch gar nicht, wie toll Bukowski tatsächlich schreibt?

Weil ich gerade dabei bin, frage ich den Carl noch, weshalb der Anfang in der deutschen Ausgabe so anders, so wenig cool, so holprig und wie 20 Jahre abgestanden daherkommt? Na, wenigstens dafür hat er eine Erklärung: "Weißt du, das Kapitel wurde doch im Playboy vorabgedruckt und mit einem anderen Einstieg versehen, und da dachten wir, der deutsche Leser erkennt es sonst nicht wieder."
Ja, wenn das so ist! Mir fällt nichts mehr ein. Später, auf dem Weg zu Babsi überlege ich noch, wer dann wohl die ersten zwei Seiten der deutschen Ausgabe von Hollywood verfaßt hat. Und ob Carl Weissner wohl dafür sorgen wird, daß die Taschenbuchausgabe in zwei Jahren unzensiert herauskommt? Und ob er merkt, daß er Bukowski genau das angetan hat, worüber sich der alte Hank Chinaski in seinem Buch über Hollywood lustig macht? Und ob Babsi noch mit mir schlafen will, wenn ich fast eine Stunde zu spät komme?

Nun, sie wollte. Damals. Aber nicht mehr lange. Dafür kann Carl Weissner gar nichts, im Gegenteil. Babsi hat sich sehr über das Geschenk gefreut. Und zwei Jahre später kam die Taschenbuchausgabe von Hollywood heraus (dtv, kostete damals 12 Mark 80). Die ist genauso zensiert wie die gebundene.

25. April 2001


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