
Die
Gazette Nr. 9, Dezember 1998:
Seit September und bis zum Juli nächsten Jahres zeigt
jede Nummer dieser Zeitschrift eine Art Kalenderblatt, und zwar als Vorabdruck
aus dem „Taschenlexikon Goethe" von Friedemann Bedürftig, das im Juli
1999 im Piper Verlag herauskommt. Monatlich bringen wir aus diesem Goethe-Manual
einen Artikel, der den Klassiker auch einmal aus andersartiger, nicht-klassischer
Perspektive betrachtet.
Als viertes Stichwort kommt eine Frau:
Farbenlehre
Newton... hat
eine unheilbare Verwirrung
über die Welt gebracht.
Maximen und Reflexionen
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Auch
im Irrtum setzte Goethe Maßstäbe. Sein Kampf gegen die Optik
des englischen Physikers Newton (1643-1727) trägt Züge einer
gigantischen Donquichotterie: »Auf alles, was ich als Poet geleistet
habe, bilde ich mir gar nichts ein. Daß ich aber in meinem Jahrhundert
in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der einzige bin, der das
Rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zugute« (zu Eckermann
19.2.1829) - der Dichter als Geisterfahrer. Auf die Gegenfahrbahn hatten
ihn der helle italienische Himmel und sein lebenslanges Bemühen gelockt,
das Prinzip der Einheit in der Natur zu entdecken. Gegen die Zergliederer
und Erbsenzähler setzte Goethe das Konzept der Zusammenschau. Daß
weißes Licht, wie Newton lehrte, aus allen Farben bestehe, schien
ihm wie die Besudelung des Reinsten, was er sich denken konnte. Und als
er eines Tages durch Newtons Hauptbeweisstück, das Prisma, eine weiße
Wand anschaute und nichts als Weiß sah, da erwachte in ihm lutherischer
Zorn auf die »herrschende Kirche« der Physiker (an Zelter 1.2.1831).
Umgekehrt verhalte es sich, die Farben seien »Trübungen«
des Lichts durch mancherlei Medien in der Luft. In zahllosen Experimenten
versuchte er, seine vorgefaßte Meinung zu belegen und holte schließlich
1810 mit dem Werk »Zur Farbenlehre« zum finalen Schlag gegen
die Newtonianer aus. Außer den Teilen über die Physiologie des
Auges und zur Geschichte der Farbenlehre kann darin nichts wissenschaftlichen
Rang beanspruchen, und doch ist vieles streckenweise großartig in
Beobachtung und vor allem Diktion. Die allgemeine Ablehnung, auf die Goethe
stieß, provozierte ihn zu rüden Ausfällen, deren Maßlosigkeit
manchmal den Verdacht aufkommen läßt, daß er insgeheim
ahnte, wie weit er sich verrannt hatte.
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