Die Gazette Nr. 8, November 1998:

Interview mit Dr. Otto Gritschneder, Autor des Buches „Furchtbare Richter. Verbrecherische Todesurteile deutscher Kriegsgerichte"
 

Warum haben Sie dieses Buch geschrieben? Weiß man nicht schon genug über die Unrechtsurteile des NS-Regimes?
Die Altnazis und die Neonazis versteckten (oder vernichteten sogar) ihre Terror-Urteile. Daher ist es nötig, sie ans Licht zu bringen. Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf.
Vor allem in den Schulen „weiß" man keineswegs „genug" von dieser NS-Terror-Scheinjustiz. Für alle Lehrer ein dringender Nachholbedarf.

Wie beurteilen Sie den § 48 des Militärstrafgesetzbuches vom 10. Oktober 1940?
Ein extrem rechtwidriges „Gesetz". Ein Musterbeispiel für das, was Gustav Radbruch „gesetzliches Unrecht" nennt. Noch nie ist in der deutschen Rechtsgeschichte die Meinungs- und Religionsfreiheit so verbrecherisch mißachtet worden. Unerklärlich bleibt, daß so viele Militärjuristen da mitgemacht haben.

Wieviele der etwa 50000 Kriegsgerichts-Todesurteile der Wehrmacht sind heute noch erhalten? Werden sie gesammelt und archiviert?
Es dürften einige Tausend sein. Verschiedene demokratische Institute bemühen sich, sie zu sammeln. Viele sind bereits im Bundesarchiv archiviert.

Inwiefern ist das Gesetz des Bundestages zur Aufhebug der NS-Unrechtsurteile unbefriedigend?
Dieses Bundestags-Gesetz will nicht wahrhaben, daß alle Verurteilungen der NS- Kriegsgerichte von vornherein nichtig waren: Hitler hatte keine wirkliche Gesetzgebungszuständigkeit; die Kriegsrichter waren nicht unabhhängig, also keine wirklichen Richter (die letzte Entscheidung lag beim militärischen Gerichtsherrn). Außerdem sagt das Gesetz nichts über sogenannte Fahnenflüchtige und andere Hitler-Kriegs-Verweigerer. Endlich ist die Entschädigung der Opfer und ihrer Angehörigen nicht geregelt. Ein fauler Kompromiß.

Warum kam dieses Gesetz erst so spät zustande (Mai 1998)? Die Problematik und auch die Dringlichkeit waren ja lange vorher gegeben.
Das entscheidende Hindernis waren jahrzehntelang die CDU- und CSU-Abgeordneten. Sie stellten sich praktisch auf die Seite der terroristischen Richter, die weiter nichts als Gehilfen des völkerrechtswidrigen und extrem menschenverachtenden „Vernichtungsfeldzugs" des Verbrechers Hitler waren. Es wird ewig ein Rätsel bleiben, warum solche Abgeordnete sich „christlich" nennen dürfen. Besonders einsichtslos ist der fanatische CSU-Abgeordnete Rechtsanwalt Norbert Geis (geb. 1939) aus dem Wahlkreis Aschaffenburg. Ein besonders makabrer Witz: Geis ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe Recht der CDU/CSU- Bundestagsfraktion.

Ist mit der Aufhebung dieser Kriegsgerichtsurteile in dem Gesetz keine „Entschädigung" für die Hinterbliebenen der Opfer verbunden?
Nein! Das ist ein Hauptmangel! Die Entschädigungen auf Grund früherer Bestimmungen werden von der Finanzverwaltung sabotiert und zu 90 Prozent abgelehnt.

Gibt es andere Bereiche der NS-Justiz, deren Unrechtsurteile nicht aufgearbeitet oder wenigstens dokumentiert sind?
Jede Menge rechtsbeugender Terrorurteile der Sondergerichte! An Dokumentationen wird von rechtsstaatlichen Juristen mit guten Erfolgen schon jahrelang gearbeitet; ein Ende dieser verdienstvollen Arbeiten ist aber noch lange nicht abzusehen.

Hat die Weiterbeschäftigung deutscher Richter auch nach 1945 Ihrer Meinung nach das Rechtswesen der Bundesrepublik beeinflußt?
Sehr! Die schwarz-weiß-rote Hakenkreuzvergiftung der bundesdeutschen Justiz hat skandalöse Urteile ausgelöst, die die Nazis jeweils mit höhnischem Grinsen quittieren.
Kein Wunder, da ja die weitaus meisten verbrecherischen Nazi-Richter und Nazi- Staatsanwälte nach 1945 wieder als Richter und Staatsanwälte zu Brot und Posten kamen.

Was ist Ihr Kommentar zu dem Satz von Martin Walser: „Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen" ?
Eine treffende Fomulierung für die feige Passivität, besonders der Amtskirche.

Sind Sie der Meinung, man müßte „endlich einen Schlußstrich ziehen" unter diese Vergangenheit?
Ein Schlußstrich verlangt zwei Dinge: 1. die vorbehaltlose Rehabilitierung und Entschädigung der Opfer, 2. die Verurteilung der Nazi-Richter und Streichung der satten Pensionen, die sie oder ihre Witwen seit Jahrzehnten beziehen. Zu einem solchen wirklichen „Schlußstrich" wird es wohl nie mehr kommen. Das Ergebnis ist ein himmelschreiendes Unrecht der deutschen „Rechtspflege".