Die Gazette Nr. 7, Oktober 1998:

Lese-Effekte

Warum man seine - broschierten - Bücher binden läßt (oder nicht)

von Fjodor M. Dostojewski (aus: Die Dämonen, 1871/72)

Der Anarchist und seine schwangere Frau:
"Hören Sie, ich habe die Absicht, hier in der Stadt eine Buchbinderei aufzumachen, natürlich auf den vernünftigen Grundlagen der Teilhaberschaft. Da Sie hier wohnen: Was halten Sie davon? Wird es sich rentieren oder nicht?"
"Ach Marie, bei uns werden keine Bücher gelesen, ja, es gibt gar keine. Wie soll er sich da Bücher binden lasssen?"
"Wer denn: ‘er'?"
"Der hiesige Leser, der hiesige Einwohner im allgemeinen, Marie."
"So sagen Sie das doch klarer! Da sagen Sie nun ‘er', wer er aber ist, ist unbekannt. Von Grammatik haben Sie keine Ahnung."
"Das liegt doch im Geist der Sprache, Marie", murmelte Schatow.
"Ach hören Sie auf mit Ihrem Geist, das hängt mir zum Hals heraus! Warum soll denn der hiesige Leser und Einwohner seine Bücher nicht einbinden lassen?"
"Weil ein Buch zu lesen und ein Buch einbinden zu lassen zwei verschiedene Stufen in der Entwicklung bedeuten, und zwar zwei gewaltige. Zuerst hat der Mensch nach und nach lesen gelernt, durch Jahrhunderte natürlich, aber er hat die Bücher zerrissen und herumgeworfen, da er sie eben noch nicht ernst genommen hat. Das Einbinden aber bekundet schon eine Achtung vorr dem Buch, es zeigt, daß man nicht nur gern liest, sondern das Buch als einen Besitzgegenstand anerkennt. Bis zu dieser Stufe ist aber ganz Rußland noch nicht gelangt. In Europa läßt man schon lange binden."
"Das ist zwar etwas pedantisch, aber durchaus nicht dumm gesagt und erinnert mich an die Zeit vor drei Jahren. Sie waren mitunter ziemlich witzig vor drei Jahren."