Die Gazette Nr. 6, September 1998:
 
Literarische Entdeckungen 

Der Aphorismus hat es nicht leicht in diesem Land. Deutsche gehen zu gern aufs Ganze, während der Aphorismus, wie es Karl Kraus wiederum aphoristisch ausdrückte, entweder eine halbe Wahrheit oder anderthalb enthält. 
Lange Zeit galt er als ausschließich französische Domäne (abgesehen von dem praktisch nur bei Insidern beliebten Georg Christoph Lichtenberg). Wie gespannt das deutsche Verhältnis zum Aphorismus war, zeigt sich recht deutlich in den bisherigen Wörterbuchdefinitionen. Noch die neueren, und nicht bloß die intellektfeindlichen Duden der Nazizeit, betonen, daß es sich hier um einen „abgebrochenen", ja „abgerissenen" Ausdruck handelt, einen „Gedankensplitter", als wäre der Aphorismus das Abfallergebnis irgendeiner Zerstörung. Erst in den letzten zehn Jahren, wohl auch durch die freundlichere Nachbarschaft zu Frankreich, beginnt sich eine positivere, von so abwertenden Beimengungen befreite Definition durchzusetzen. Nun ist der Aphorismus ein „prägnant-geistreicher, in sich geschlossener Sinnspruch in Prosa, der eine Erkenntnis, Erfahrung, Lebensweisheit vermittelt" (so das Duden Universalwörterbuch). Und der von Harald Fricke und Urs Meyer herausgegebene Band zur Frühgeschichte der deutschen Aphoristik spielt noch im Titel „Abgerissene Einfälle", vielleicht ohne es zu wissen, ein wenig ironisch mit dieser erst allmählichen Bedeutungsverschiebung. 
Die Textsammlung ist eine literarische Entdeckungsreise. Präsentiert werden eine stattliche Reihe sonst fast nirgends mehr zugänglicher deutscher Aphoristiker. Dabei gelang den Herausgebern ein von ihnen selbst so bezeichneter „Sensations"-Fund: die vermutlich ersten original deutschen, wenn auch noch nicht „lupenreinen" Aphorismen. August Bohse, alias Talander, fügte nämlich am Ende seiner Übersetzung der „Maximen" von La Rochefoucauld (1699) folgenden Text hinzu: 

Gemüths-Spiegel; 
durch die köstlichsten moralischen Betrachtungen 
Lehrsprüche und Maximen 
die Erkäntniß seiner selbst und anderer Leute zeigend: 
aus dem Franzö[s]ischen 
in unsrer teutschen Sprache vorgestellet 

Unterschiedliche Gedancken 

Diese folgenden Gedancken seynd nicht eben von derselben Person, welche die Maximen verfasset hat. Aber wie sie von jemand kommen, so ihr sonderbarer Freund gewesen, und dieselbe einiger Massen zu solcher ihrer Hervorbringung Anlas gewesen, so hat man es vor gut angesehen, sie allhier beyzufügen. Der Autor derselben hat in Wahrheit nicht geglaubet, daß diese Gedancken, so gantz ohne Ordnung und ohne Verbindung, und mit welchen er sich in seiner Einsamkeit unterhalten, und die er seiner unvergleichlichen Freundin entweder mündlich oder schrifftlich eröffnet, sollten dereinst gedruckt werden, noch daß sie solches verdieneten. ... Er praetendiret nicht dadurch sich den Ruhm eines geschickten Geistes, noch das Lob zu erwerben, daß er wohl schriebe: Er bemühet sich umb nichts weniger, als daß er vor einen Autorem wollte gehalten seyn, und wenn man nur so viel von ihm urtheilet, daß seine Gedancken gantz raisonnabel seynd, so ist er völlig zu frieden. Ja er wird auch selbst dann nicht mißvergnügt werden, wenn man auch schon das Gegenspiel urtheilete. ... 

Die Sensation nun liegt darin, daß dieser ungenannte Autor niemand anderer ist als August Bohse selbst. Und seine Aphorismen, wiewohl noch dem französischen Vorbild verpflichtet und stärker christlich eingefärbt, lassen bereits einen eigenen, skeptischen Unterton erkennen. Ein Beispiel: „Fast alle Herren sagen, daß alle Diener leichtfertige, völlige und rechte Haus-Feinde seynd. Wenn die Diener Herren würden, wo würden sie desgleichen sagen. Offtmahls machet nur das Glück und nicht das Gemüth zwischen ihnen den Unterschied." 
Bohse ist, wie das kundige, verläßlich recherchierte Nachwort erläutert, ein Einzelfall geblieben. Die Tradition der deutschen Aphoristik setzt erst einige Zeit nach ihm mit den „kommentierten Lesefrüchten" anderer, heute unbekannter Schriftsteller ein, deren Textproben die Anthologie versammelt: Nicolaus Hieronymus Gundling, Joachim Christoph Nemeitz, Abraham Gotthelf Kästner, Johann Georg Heinzmann oder Sebastian Mutschelle. Aber auch die großen Autoren sind mit ihren Aphorismen vertreten: Klopstock, Lavater, Knigge, Jean Paul, Goethe, Seume, Schlegel, Novalis und zuletzt natürlich der unübertroffene Lichtenberg. 
Für eine Lektüre-Entdeckung eigener Art halte ich Marianne Ehrmann. In ihren „Kleinen Fragmenten für Denkerinnen" steht sie - im Revolutionsjahr 1789 - für die Selbständigkeit der Frauen ein, eine frühe Feministin: 

Gutgewählte Arbeit bleibt immer die Lieblingsbeschäftigung einer Denkerinn. Putz-Tändeleien gehören nicht hieher. Ohne Beschäftigung stumpft sich auch der feurigste Geist ab. - Langeweile macht frühe zum Grabe hinwelken. Wie erbarmungswürdig muß nicht der Zustand jener Frauenzimmer seyn, die nichts denken, nichts arbeiten wollen? - - Wer die Arbeit nicht liebt, lebt nur halb, tödtender Eckel verbreitet sich über ein solches Pflanzenleben. - - So bald dem thätigen Geist die gehörige Beschäftigung versagt wird; so eilt er aus Langweile schnell zu denjenigen Leidenschaften über, die sich ihm ohne den Müßiggang nie genaht haben würden. 

Dabei ist auch das eigene Geschlecht vor ihrer Kritik nicht sicher („Warum zeigt sich denn die Schadenfreude geschwinder auf einem weiblichen als auf einem männlichen Gesichte?"), wobei sie diese Beobachtungen gut aufklärerisch immer wieder mit mangelnder Geistestätigkeit begründet („Soll der gewöhnliche Neid, die Schmähsucht unter uns Frauenzimmern nicht eine bloße Folge unserer Geistesschwäche seyn?"). 
Herausgeber und Verlag haben sich mit diesem Buch Verdienste erworben. Es ist in der anschwellenden Flut der Neuerscheinungen nicht selbstverständlich, einem gebildeten Publikum ein so ungewohntes Thema aus einem so unbekanntem Jahrhundert vorzustellen. Aber für jeden, der die deutsche Literatur nicht erst mit der Weimarer Klassik einsetzen läßt, ist diese Anthologie eine heitere, erlebnisreiche Horizonterweiterung. 

Alexandra Simon 

Harald Fricke und Urs Meyer (Hrsg.)
Abgerissene Einfälle. Deutsche Aphorismen des 18. Jahrhunderts
Verlag C. H. Beck, München 1998
273 Seiten, 14,5 x 22 cm
DM 48,--, öS 350, sFr 44,50