Die Gazette Nr. 6, September 1998:

Gastkolumne

Die „Germania" - ein Raubversuch

von Philipp Reuter

Bei dem Deutschland-Besuch Mussolinis im November 1936 wurden sich die beiden Diktatoren über die „Achse Berlin-Rom" schnell einig. Dann aber hatte Hitler noch einen Wunsch. Es ging um ein Manuskript, den Codex Aesinas lat. 8 aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, der in Italien aufbewahrt wurde. Freudig gewährte ihm der Duce die Bitte, umso lieber, als man ihm sagte, der Eigentümer der Handschrift sei ein notorischer Antifaschist, Graf Balleani in Iesi bei Ancona: Ihn werde er mit Vergnügen enteignen und das Manuskript nach Berlin schicken.Iesi Der Handschlag besiegelte jedoch auch schon das Ende der Einvernehmlichkeit. Aus der Sache wurde nämlich erst einmal nichts.
Was die mittelalterliche Handschrift für die Nationalsozialisten so wertvoll machte, war die darin enthaltene „Urgeschichte" (Eduard Norden), gewissermaßen die „Geburtsurkunde" des germanischen Reichs, eine Schrift des römischen Historikers Publius Cornelius Tacitus aus dem Jahr 98 n. Chr. mit dem Titel „De origine et situ germanorum", bekannter als die „Germania" des Tacitus.
Es war allerdings nicht so sehr Hitler selbst, der die „Germania" unbedingt in Berlin haben wollte. Für ihn war, wie er ausdrücklich betonte, „der Nationalsozialismus in seiner Organisation wohl eine Volksbewegung, aber unter keinen Umständen eine Kultbewegung". Begierig auf das Manuskript war vielmehr der Partei-Ideologe Alfred Rosenberg, vor allem aber Heinrich Himmler, der die SS zu einer Art germanischem Orden formiert und zu dessen historischer Unterfütterung das Forschungsinstitut „Ahnenerbe" gegründet hatte (1935). Hitler machte sich sogar lustig über seinen „Reichsführer", der da diese „Lehmdörfer ausgräbt und in Begeisterung gerät über jeden Tonscherben und jede Streitaxt, die er findet". Damit beweise man doch nur, daß „wir noch um offene Feuerstellen hockten, als sich Rom schon auf höchster Kulturstufe" befand: „Wie müssen die heutigen Römer verächtlich über diese Enthüllungen lachen."
Und doch war ihm, möglicherweise auf Drängen Himmlers, die taciteische „Germania" jene Intervention am Rand der Berliner Gespräche wert. Mussolini jedoch hatte kaum seine Absicht verkündet, als sich in Rom ein Sturm der Entrüstung erhob. Das Werk eines römischen Schriftstellers sollte sein Heimatland verlassen, ins nördliche Exil verbannt werden? Niemals! Und Mussolini, der ja selbst gern den Stolz auf das antike Erbe hervorkehrte, gab mit dem gleichen Vergnügen dem Protest nach und verweigerte die Übergabe des Manuskripts. Auch unternahm Hitler nichts, um es doch noch in seinen Besitz zu bringen.
Nur Himmlers Hitler-Zitatphilologische Begierde blieb weiterhin tätig. Dem Rasse-Ideologen hatte es die eine Stelle im vierten Kapitel angetan, an der Tacitus sich „den Meinungen" derer anschließt, „die glauben, daß die Stämme Germaniens - in keiner Weise durch eheliche Verbindungen mit anderen Völkern verfälscht - ein eigenwüchsiges, unvermischtes Volk von unvergleichlicher Eigenart sind" (propriam et sinceram et tantum sui similem gentem). Auch aus dem, was Tacitus gleich danach eher kritisch anmerkt („hünenhafte Leiber, die freilich nur zum Angriff taugen"), und aus anderen, die Germanen eher als tumbe Primitivlinge beschreibenden Partien las Himmler nur Positives heraus.
Durch die Vermittlung des deutschen Botschafters in Rom, Hans Georg von Mackensen, erhielt Dr. Rudolph Till, einer der Latinisten des „Ahnenerbes", immerhin Zugang zu dem Manuskript, so daß in Berlin eine Faksimile-Ausgabe hergestellt werden konnte. Danach wurde der wertvolle Kodex wieder an Graf Balleani zurückgegeben. Und Till veröffentlichte seine wissenschaftliche Ausgabe der „Germania" (Handschriftliche Untersuchungen zu Tacitus’ Agricola und Germania, Berlin 1943), versehen mit einem Vorwort von Himmler.
Selbstverständlich wäre diesem eine noch ältere Handschrift lieber gewesen. Aber einem solchen Wunsch stand die Überlieferungsgeschichte unverrückbar entgegen. Tacitus galt dem Mittelalter, ja schon der Antike, nicht als klassischer Autor. Bis zum neunten Jahrhundert haben wir überhaupt nichts mehr von ihm, kein Zitat, keine Erwähnung, geschweige denn eine Kopie seiner Werke. Und auch dann nur eine Nachricht aus zweiter Hand: In Hersfeld oder in Fulda wird zwischen 830 und 850 eine Abschrift der „Germania" angefertigt. Jedenfalls verweist der Mönch Rudolf von Fulda bei einer Beschreibung der Weser 852 auf Tacitus. Danach verliert sich fast sechs Jahrhunderte lang jede weitere Spur.
Erst 1425 schreibt ein Manuskriptsammler der Renaissance, Poggio Bracciolini, seinem Freund Niccolò Niccoli nach Rom, er habe in einem deutschen Kloster die „Germania" gesehen. Papst Nikolaus V., der sich seine größten Verdienste durch die stetige Bereicherung der Vatikanischen Bibliothek erwarb, schickt dann Enoch von Ascoli auf die Suche nach weiteren Manuskripten nach Deutschland. Als Enoch 1455 zurückkommt, hat er in seinem Gepäck den Kodex mit der „Germania" aus dem Kloster Hersfeld. Das Dumme ist nur: Der Papst ist inzwischen gestorben, und Enoch findet zwei Jahre lang keinen Abnehmer für sein Mitbringsel. Endlich taucht Stefano Guarnieri auf, Kanzleivorsteher in Perugia, und kauft ihm das Manuskript ab. Wenige Jahre später fügt Guarnieri eine eigenhändige, den mittelalterlichen Schriftduktus peinlich genau imitierende Abschrift der „Germania" seiner prächtigen Bibliothel in Iesi hinzu. Die ursprüngliche Vorlage, der Kodex selbst, verschwindet kurz danach in den Abgründen der Historie. 1470 wird Guarnieris Werk dann in Venedig gedruckt, 1473 auch in Nürnberg. Die nachhaltige Rezeption in Deutschland beginnt aber erst 1496 mit der Ausgabe von Aenea Silvio Piccolomini, den darauf folgenden Vorlesungen des Humanisten Conrad Celtis an der Universität in Wien und den ersten Übersetzungen ins Deutsche (1526 und 1535).
Die Palazzi und mit ihnen die Bibliothek Guarnieris gingen Ende des 18. Jahrhunderts in den Besitz der Grafen Balleani über. Und hier entdeckte Cesare Annibaldi, ein Oberschullehrer für Latein und Griechisch, den Tacitus im Jahr 1902 erneut in einem Palazzo der Balleani in Osimo bei Ancona. Und nicht nur das: Er stellte auch fest, daß er das zweifelsfrei älteste Manuskript der „Germania" in der Hand hielt. Schon in den zwanziger Jahren pilgerten Scharen völkisch bewegter Historiker und Philologen nach Italien und studierten die Handschrift Blatt für Blatt.
Und nun war auch Himmler auf den wertvollen Fund aufmerksam geworden. Der „Reichsführer SS" hatte Mussolini das gebrochene Versprechen von 1936 keineswegs vergessen. Als im Frühsommer 1944 die amerikanische 6. Armee an der Adriaküste nach Norden vorstößt und die Deutschen sich auf die sogenannte „Gotenlinie" am Apennin zurückziehen, ist für Himmler der Augenblick des räuberischen Zugriffs gekommen.
Im Juli 1944 fährt ein SS-Sonderkommando am Palazzo der Balleani in Fontedamo vor, ein paar Kilometer westlich von Ancona. Als niemand öffnet, wird die Tür eingedrückt, das menschenleere Haus durchwühlt. Das Schriftstück ist nicht zu finden. In sinnloser Wut zerschlagen die SS-Leute das Mobiliar, schlitzen Polster und Gemälde auf, kratzen die Fresken von den Wänden, heben die Bodenmosaiken heraus und zerstoßen die Steine mit dem Gewehrkolben zu buntem Staub. Die „Germania" bleibt unauffindbar. Codex Aesinas lat. 8Das Kommando durchsucht noch zwei weitere Häuser der Balleani, nicht ganz so barbarisch, aber ebenso vergeblich: das Haus in Osimo, in dessen Keller sich die Familie so gut versteckt hat, daß die SS sie nicht bemerkt, und den Palazzo an der Piazza von Iesi.
In diesem Haus jedoch, unter der Sala grande, in einem winzigen Küchenkeller, in einer mit Zinn ausgeschlagenen Holztruhe, lag auch nach dem Abzug des Kommandos unversehrt das gesuchte Manuskript mit den Anfangsworten „Germania omnis ...".
Auf der Piazza von Iesi war achthundertfünfzig Jahre zuvor in einer öffentlichen Geburt unter freiem Himmel Friedrich II. zur Welt gekommen, der spätere deutsche Kaiser, der an seinem Hof in Sizilien mit afrikanischen und jüdischen Gelehrten Umgang pflegte. Es liegt eine ironische Gerechtigkeit darin: Genau am Geburtsort des weltoffenen Friedrich war die „Germania" vor dem Raub durch die Rassenfanatiker in Sicherheit geblieben.
 
 
 
 
 

Text der Abbildung:
... DE ORIGINE ET MORIBUS GERMANORUM
GErmania omnis a gallis Rhaetisque et Pannonis Rheno et Danubio fluminibus, a Sarmatis Dacisque muto metu aut montibus separatur. Caetera Oceanus ambit, latos sinus et insularum ... ("Germanien in seiner gesamten Ausdehnung wird von den Galliern und den Rätern und Pannoniern durch die Flüsse Rhein und Donau, von den Sarmatern und Dakern durch die beiderseitige Furcht oder durch Gebirgszüge abgegrenzt. Die übrigen Teile umspült der Ozean, der weite Halbinseln und Inseln in unermeßlicher Größe umschließt ...")

Anmerkung:
Diese Episode ist m. W. erstmals erzählt in  „Landscape and Memory" von Simon Schama (London 1996).