Nr. 33, Februar 2001
 

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 Leseproben
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 Robert Menasse

 Günther Schiwy
 Die Hitler-Debatte

 

 

Das Rätsel und die Lösung

Wenn man etwas erklärt bekommt, wird alles nur noch komplizierter. Man hatte sich mit einem schlichten Ungefähr abgefunden, und jetzt soll man plötzlich hundert lästige Details mitbedenken.
Speziell mit Österreich konnte man es sich leicht machen, zumindest in Deutschland. Dieser südöstliche Nachbar - das war der Wolfgangsee, der Opernball, Gemütlichkeit (schon dieser köstliche bairische Neben-Dialekt!) und - spätestens hinter dem Wiener Naschmarkt - schon ziemlich orientalisch.
Aber nun kommt Robert Menasse und läßt sich auf die halsbrecherische Bitte "Erklär mir Österreich!" zu Essays herbei, die dieses einfache Bild hintergehen. Ein aufregendes Unternehmen, denn diese Essays sind so ungewöhnlich knusprig geschrieben, so enthüllend und augenöffnend, daß dem Leser jenes seltene Erlebnis widerfährt, das jedem Schreibenden als hohes Ziel voranschwebt: Er weiß nach der Lektüre nicht nur mehr als vorher, sondern er hat auch was davon. Und das mit einem schier ununterbrochenen Lesevergnügen.
Im Titel-Essay zum Beispiel wird die Diskussion durch ein überraschendes Setting in Szene gesetzt. Wir sollen uns, regt der Autor an, doch mal vorstellen, daß es Österreich gar nicht wirklich gebe; es sei nur das fiktive Fallbeispiel eines Politologie-Kurses an einer amerikanischen Universität ("Imagine a small country in Europe and let's call it Austria", sagt der Professor). Bald müßte ein "auch nur ein bißchen aufgeweckter" Student die Frage stellen: "Sind Sie sicher, daß es einen Sinn hat, so ein Beispiel zu diskutieren?"
Denn jetzt kommen zur Geschichte Österreichs nach 1945 unangenehme Wahrheiten ans Licht (Erkenntnisse, die, wenn man etwa die bundesdeutsche Konsenspolitik im Kopf hat, nicht bloß auf Österreich zutreffen):

Es gab zwar ein Parlament, aber keine Opposition. Im Parlament wurde die Regierung von den Abgeordneten der Regierungsparteien, also nur von sich selbst, kontrolliert. Zugleich installierten die beiden Regierungsparteien eine Nebenregierung, die "Sozialpartnerschaft", deren Repräsentanten in keinen allgemeinen Wahlen legitimiert wurden und daher auch nicht abgewählt werden konnten. Diese Nebenregierung nahm der Regierung und dem Parlament die mühsame Arbeit der Gesetzgebung ab, indem sie die Gesetze außerparlamentarisch aushandelte und dann im Parlament nur noch absegnen ließ - wiederum von sich selbst, denn die Vertreter der Sozialpartnerschaft wurden von den Regierungsparteien als Abgeordnete ins Parlament gesetzt. Diese Nebenregierung gewährleistete eine Stabilität, die groteskerweise als deutlicher, nein, als einziger Beweis dafür gefeiert wurde, daß dieses Land Demokratie gelernt hatte. Als wäre eine funktionierende Demokratie durch versteinerte Verhältnisse definiert und nicht durch Stabilität auch im politischen Wechsel und gesellschaftlichen Wandel.

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